{"id":311,"date":"2015-03-19T18:04:09","date_gmt":"2015-03-19T17:04:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=311"},"modified":"2025-08-28T18:43:31","modified_gmt":"2025-08-28T16:43:31","slug":"barrikade-dezember-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2015\/03\/19\/barrikade-dezember-2011\/","title":{"rendered":"&#8220;Barrikade&#8221; Dezember 2011"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8221; &#8230; in einer Reihe mit Erhard Lucas &#8220;M\u00e4rzrevolution&#8221; 1920&#8243;<\/strong><br \/>\nI.<br \/>\nRichard M\u00fcller, der Mann mit dem Allerweltsnamen, war Metallarbeiter (Dreher) und eine der wichtigen Personen der Revolution von 1918. Als Vorsitzender der Revolution\u00e4ren Obleute der Berliner Metallbetriebe \u2013 einer bemerkenswerten Organisation der Metallarbeiterschaft der Berliner Gro\u00dfbetriebe, die die Notwendigkeiten der illegalen Arbeit unter dem Ausnahmezustand des 1. Weltkrieges mit einer strikten basisdemokratischen Entscheidungsstruktur erfolgreich kombinierte \u2013 sa\u00df er an der zentralen Schaltstelle der gro\u00dfen Streiks w\u00e4hrend des 1. Weltkrieges (1916, 1917, 1918). Die Revolution\u00e4ren Obleute, und mit ihnen ihr Sprecher Richard M\u00fcller, spielten in der Vorbereitung und Durchf\u00fchrung der Revolution von 1918 ein weitaus wichtigere Rolle als etwa der (sowohl von parteikommunistischer wie konterrevolution\u00e4rer Seite) ziemlich \u00fcberbewertete Spartakusbund um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, wobei sich beide Gruppierungen politisch durchaus nahe standen und der Spartakusbund inhaltlich einiges zur Radikalisierung der Obleute beitrug. Trotzdem lehnten die Obleute den Beitritt zur Silvester 1918 gegr\u00fcndeten KPD wegen der mangelnden Verankerung der neuen Partei in den Betrieben ab und verblieben in der USPD.<!--more--><br \/>\nDa\u00df die Revolution\u00e4re in Berlin im November 1918 von der Matrosenrevolte in Kiel bei ihrer Planung des bewaffneten Aufstandes \u00fcberrascht und \u00fcberrollt wurden, zeigt allerdings, da\u00df Revolutionen doch eher spontan ausbrechen. Trotzdem hatte die Planung etwas f\u00fcr sich, denn sie verlieh der Revolte zumindest in Berlin zeitweise eine Richtung.<br \/>\nAls Vorsitzender des Vollzugsrates der deutschen Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te in den ersten Wochen der Revolution war Richard M\u00fcller sogar Oberhaupt des Deutschen Reiches, das sich f\u00fcr kurze Zeit eine \u00bbSozialistische Republik\u00ab nannte (womit er der Nachfolger von Kaiser Wilhelm II. und Vorg\u00e4nger des Reichspr\u00e4sidenten Friedrich Ebert war) \u2013 der einzige revolution\u00e4re Sozialist, der jemals in Deutschland solch eine Position innehatte.<br \/>\nAls wichtiger R\u00e4tetheoretiker ist M\u00fcller in der zweiten Phase der Revolution in Erscheinung getreten, mit der von ihm und Ernst D\u00e4umig herausgegebenen Zeitschrift \u00bbDer Arbeiterrat\u00ab. Kurzfristig geh\u00f6rte er der Zentrale der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands (VKPD) an, zu der er Ende 1920 mit der USPD-Linken kam. 1921 war Richard M\u00fcller Delegierter auf dem III. Kongre\u00df der Kommunistischen Internationale (KI) und der parallel dazu stattfindenden Gr\u00fcndung der Roten Gewerkschafts-Internationale (RGI). Er wurde aber schon Anfang 1922 aus der Partei ausgeschlossen, da er sich mit Paul Levi und dessen Kritik am Mitteldeutschen Aufstand (der sogenannten M\u00e4rzaktion 1921) solidarisiert hatte. Allerdings schlo\u00df er sich nicht Levis Kommunistischer Arbeitsgemeinschaft (KAG) an.<br \/>\nM\u00fcller zog sich einige Jahre aus der aktiven Politik zur\u00fcck. Ende der 20er Jahre war er dann noch einmal k\u00fcrzere Zeit im Deutschen Industrie-Verband (DIV) aktiv (zusammen mit Karl Korsch), bis er 1929 offenbar endg\u00fcltig ins Privatleben entschwand. Er hatte als Bauunternehmer einigen Erfolg und war schon 1930 Million\u00e4r geworden. \u00bbSeine politischen Ideen blieben dabei irgendwann auf der Strecke. Auch ein Richard M\u00fcller war nicht gefeit gegen die korrumpierende Wirkung guter Gesch\u00e4fte.\u00ab schreibt sein Biograph Hofrogge. W\u00e4hrend der Nazi-Zeit lebte M\u00fcller mit seiner Familie anscheinend unbehelligt in Berlin, aktiven Widerstand hat er offenbar nicht geleistet. Richard M\u00fcller starb 1943 in Berlin.<br \/>\nII.<br \/>\n\u00bbEr inspirierte viele Fu\u00dfnoten, jedoch kaum Debatten\u00ab, schrieb Richard M\u00fcllers Biograph Ralf Hofrogge \u00fcber dessen dreib\u00e4ndige Geschichte der deutschen Novemberrevolution, die in den Jahren 1924 und 1925 herauskam und jetzt in einem Band neu erschienen ist. M\u00fcller hatte die Zeit nach dem Rauswurf aus der KPD genutzt, um die erste umfassende Geschichte der Novemberrevolution vom revolution\u00e4ren Standpunkt zu schreiben. Er konnte sich dabei auf ein umfangreiches Dokumenten-Archiv st\u00fctzen, das er seit dem \u2018Gro\u00dfen Krieg\u2019 und w\u00e4hrend der Revolutionszeit angelegt hatte (darunter das einzige noch existierende Exemplar der Protokolle des Vollzugsrates, dessen Akten auf Befehl Gustav Noskes bei der gewaltsamen Aufl\u00f6sung des Vollzugsrates vernichtet worden waren).<br \/>\nViele dieser Dokumente sind in Richard M\u00fcllers Geschichte der Novemberrevolution abgedruckt, z.T. als Faksimile. Allein das macht die Arbeit zu einer unverzichtbaren Quelle f\u00fcr alle, die sich mit der Geschichte der Novemberrevolution befassen. Allerdings sind seine politischen Schlu\u00dffolgerungen den b\u00fcrgerlichen und sozialdemokratischen Republikanern in der Weimarer Republik zu revolution\u00e4r und auf jeden Fall zu unangenehm gewesen, zeigten sie doch sch\u00e4bige Rolle, die die sozialdemokratische F\u00fchrung mehrheitlich in Kriegs- und Revolutionszeit gespielt hatte. Die stalinistische KPD strickte hingegen an ihrer eigenen Legende und negierte die hervorragende Rolle der Revolution\u00e4ren Obleute in der Revolution; au\u00dferdem hatte man mittlerweile beim Genossen Stalin gelernt, da\u00df ein gescha\u00dfter \u2018Abweichler\u2019 eine Unperson ist. Dies setzte sich nach dem 2. Weltkrieg in dem verdoppelten deutschen Staat fort. Ralf Hofrogge bringt das auf den Punkt: \u00bbIn der Regel wurde M\u00fcller f\u00fcr seine Faktendarstellung in beiden deutschen Staaten gerne zitiert, seine Interpretationen jedoch ignoriert.\u00ab F\u00fcr die \u2018herrschende Meinung\u2019 in der BRD (selbstverst\u00e4ndlich auch in der Geschichtswissenschaft) stand Deutschland 1918\/19 \u00bbzwischen R\u00e4tediktatur und sozialer Demokratie\u00ab (Walter Tormin), w\u00e4hrend in der DDR die Novemberrevolution sowieso nur eine b\u00fcrgerlichen Revolution war (wie Walter Ulbricht h\u00f6chstselbst im Juni 1958 dekretierte und damit eine Historikerdebatte um den Charakter und die Akteure der Revolution \u2018abschlo\u00df\u2019). Dabei blieb es im wesentlichen bis zum Ende des SED-Staates in der 2. Novemberrevolution \u2013 1989. In der BRD gab es indes abweichende Interpretationen von der \u2018herrschenden Meinung\u2019, die dort nicht mit Knast bestraft wurden \u2013 ich nenne nur Fritz Opel und Peter v. Oertzen, die schon in den 1950er und fr\u00fchen 1960er Jahren die Rolle der Revolution\u00e4ren Obleute w\u00fcrdigten \u2013 aber es waren Einzelk\u00e4mpfer.<br \/>\nIII.<br \/>\nErst mit der Au\u00dferparlamentarischen Opposition (APO) der 1960er Jahre wurde der herrschende Konsens der BRD ersch\u00fcttert und vermehrt auch eine andere Betrachtung der Novemberrevolution 1918 und der Weimarer Republik \u2018salonf\u00e4hig\u2019. Das f\u00fchrte zur Wiederentdeckung des R\u00e4tetheoretikers und des Historikers Richard M\u00fcller. Seine Geschichte der Novemberrevolution wurde 1974 vom Westberliner Verlag Olle &amp; Wolter nachgedruckt, eine 2. Auflage erschien 1979 \u2013 beide Ausgaben mittlerweile durchaus gesuchte antiquarische Rarit\u00e4ten.<br \/>\nM\u00fcllers Geschichte geh\u00f6rt zu den grundlegenden historischen Schriften \u00fcber die Novemberrevolution 1918 und ihr Scheitern. Sie steht in einer Reihe mit dem Werk von Erhard Lucas zur \u00bbM\u00e4rzrevolution 1920\u00ab im Ruhrgebiet. Man kann also dem Verlag garnicht hoch genug anrechnen, dieses wichtige Werk beinahe 90 Jahre nach seinem ersten Erscheinen (und \u00fcber 30 Jahre nach dem letzten Erscheinen des Reprints) wieder zug\u00e4nglich gemacht zu haben, noch dazu in einer recht wohlfeilen Ausgabe. Ralf Hofrogges Einleitung zu Neuausgabe, eine gelungene kurze Einf\u00fchrung in Leben und Werk Richard M\u00fcllers und die Rezeption seiner Revolutionsgeschichte, rundet die Edition ab.<br \/>\nIV.<br \/>\nAbschlie\u00dfend sei auch noch auf Ralf Hofrogge, Richard M\u00fcller. <strong>Der Mann hinter der Novemberrevolution<\/strong>, Berlin 2008, 233 Seiten mit Abb. (Hardcover), Karl Dietz Verlag (\u20ac 19,90)<br \/>\nhingewiesen. Auf dieser Pionierarbeit basiert sein Vorwort, und das Buch, eine politische Biographie M\u00fcllers, ist (nicht nur) eine lohnende erg\u00e4nzende Lekt\u00fcre zur Revolutionsgeschichte.<br \/>\nV. Es ist Jahresendkonsumrauschfest \u2026<\/p>\n<p><strong>Jonnie Schlichting<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8221; &#8230; in einer Reihe mit Erhard Lucas &#8220;M\u00e4rzrevolution&#8221; 1920&#8243; I. 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