{"id":3120,"date":"2020-10-19T18:20:27","date_gmt":"2020-10-19T16:20:27","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3120"},"modified":"2025-08-28T18:56:48","modified_gmt":"2025-08-28T16:56:48","slug":"rls-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/rls-online\/","title":{"rendered":"&#8220;RLS-online&#8221; v. 30.9. 2020"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ein \u00abdoppeltes\u00bb Buch \u00fcber einen zweifach verfolgten Schriftsteller<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Buchmacherei hat mit ihrem <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/diebuchmacherei.de\/produkt\/hugo-sonnenschein\/\" target=\"_blank\"><u>Buch<\/u><\/a> \u00fcber und von <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hugo_Sonnenschein\" target=\"_blank\"><u>Hugo Sonnenschein<\/u><\/a> eine sehr gute Publikation vorgelegt. Sie beinhaltet eine von Peter Haumer verfasste Biographie \u00abJudenjunge, Slowakenkind und Kulturbastard. Versuch \u00fcber das Leben von Hugo Sonnenschein\u00bb und den Gedichtband \u00abDer Bruder Sonka und die allgemeine Sache oder das Wort gegen die Ordnung\u00bb von Hugo Sonnenschein. Es handelt sich dabei um einen Wiederabdruck des 1930 erschienenen und heute schwer erh\u00e4ltlichen Buches, das auch als \u00abDokument eines Dichterschicksals\u00bb gelesen werden kann.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Mit der sch\u00f6n gestalteten Ausgabe, ein Sonnenschein-Portr\u00e4t von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Egon_Schiele\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Egon Schiele<\/u><\/a>pr\u00e4gt das Cover, ist dem Verlag ein ansprechendes Buch gelungen, das hoffentlich zu einer zweiten Wiederentdeckung dieses Schriftstellers f\u00fchrt. Die erste erfolgte durch die Arbeiten von Karl-Markus Gau\u00df und J\u00fcrgen Serke in den 1980er Jahren. Hugo Sonnenschein ist es wert, nochmals in Erinnerung gerufen zu werden, denn eine Rehabilitierung dieses Autors steht immer noch aus. Im biographischen Teil schafft es Peter Haumer das politische Leben von Hugo Sonnenschein gut aufzuarbeiten und zu kontextualisieren. Der im m\u00e4hrischen Dorf Gaya 1889 Geborene befand sich oft im Widerspruch zu seiner Zeit. Bereits in jungen Jahren ging er nach Wien und lebte dort mit Unterbrechungen bis zu seiner Ausweisung 1934. In den 1910er Jahren wirkt er in den Kreisen der Anarchist_innen und der expressionistischen Avantgarde, vagabundiert durch halb Europa und ver\u00f6ffentlicht seine ersten Gedichtb\u00e4nde. In der revolution\u00e4ren Nachkriegssituation in Wien schloss er sich der Roten Garde und der kommunistischen Bewegung an. Er ist Mitbegr\u00fcnder der Kommunistischen Partei Tschechiens und auch in der KP\u00d6 aktiv. In dieser Zeit nahm er sein Pseudonym Sonka an, engagierte sich im Genossenschaftsverlag und bei der Zeitschrift \u00abDaimon\u00bb. In den 20er Jahren widmet sich Sonnenschein fast vollst\u00e4ndig der politischen Arbeit und wird 1927, auf Grund seiner Kritik und Ablehnung gegen\u00fcber Stalin, aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Er gilt als Trotzkist, bezog sich selbst aber auf Lenin und trat f\u00fcr eine \u00abKommunistische Demokratie\u00bb ein. Diese Position sollte ihm sp\u00e4ter noch zum Verh\u00e4ngnis werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Haumer arbeitet diese schwierige Situation sehr anschaulich heraus, vor allem was sie f\u00fcr einen kommunistischen, von der Partei verfemten Schriftsteller bedeutet. In dieser Phase folgt auch Sonnenscheins Hinwendung zur Vagabundenbewegung, die mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gregor_Gog\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Gregor Gog<\/u><\/a> und der Bruderschaft der Vagabunden eine politische Bedeutung erlangte. Sonnenschein, der sich nun als Vagabund des Wortes verstand, kritisiert sowohl die Kommerzialisierung der Vagabundenbewegung als auch die von Gog angestrebte Hinwendung zur KPD. In den 1930er Jahren setzt wieder eine rege Publikationst\u00e4tigkeit ein, u.a. erschien der nun hier wieder aufgelegte Gedichtband, der auch als Testament eines (damals) 40j\u00e4hrigen gelesen werden kann. Der in vier Teile gegliederte Band besteht aus \u00fcberarbeiteten Gedichten aus den 1910er Jahren und aus neuen. Manche Gedichte sind spitz und scharf, manche mit Pathos versehen, andere klagend. Insgesamt bilden sie einen R\u00fcckblick, der von Nachdenklichkeit und Ern\u00fcchterung gekennzeichnet ist. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Der ab Mitte der 1930er Jahre in Prag lebende Sonka wird 1940 von den Nazis verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Er \u00fcberlebt. 1947 wird er von der CSSR-Justiz unter dem Vorwand der Kollaboration mit der Gestapo zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er stirbt 1953 im Gef\u00e4ngnis. \u00abHugo \u00b4Sonka` Sonnenschein, nach eigener Definition \u00b4Judenjunge, Slowakenkind und Kulturbastard`, wartet immer noch auf seine Rehabilitation. Das Schandurteil von 1947 ist nie aufgehoben worden!\u00bb (Haumer, S. 113). Mit dieser Publikation ist ein kleiner Anfang gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Andreas Pavlic ist Schriftsteller und Kulturarbeiter. Er lebt in Wien.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Quelle: https:\/\/www.rosalux.de\/stiftung\/gespraechskreise\/geschichte\/rezensionen?pk_campaign=HistorischesZentrum&amp;pk_medium=06%2f2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein \u00abdoppeltes\u00bb Buch \u00fcber einen zweifach verfolgten Schriftsteller Die Buchmacherei hat mit ihrem Buch \u00fcber und von Hugo Sonnenschein eine sehr gute Publikation vorgelegt. 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