{"id":3159,"date":"2020-11-14T20:25:34","date_gmt":"2020-11-14T19:25:34","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3159"},"modified":"2025-08-28T21:12:24","modified_gmt":"2025-08-28T19:12:24","slug":"nd-vom-14-11-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2020\/11\/14\/nd-vom-14-11-2020\/","title":{"rendered":"&#8220;nd&#8221; vom 14.11. 2020"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"wp-block-heading\" id=\"behutsame-abrechnung\"><strong>Behutsame Abrechnung<\/strong><\/h4>\n\n\n<p id=\"block-6ea06af5-be08-409e-bb83-81f6cd505935\">Der Mann, der so alt war wie der Kommunismus, brauchte sich in der Wendezeit nicht sagen lassen, wie repressiv der Staat gewordene Sozialismus sein konnte. Das hatte er selbst erlebt. Schon fr\u00fch in der kommunistischen Jugend aktiv, floh er 1933 im Alter von 16 Jahren mit seiner Mutter nach Moskau. Dort bekam er, wenn auch nicht am eigenen Leib, Stalins Gro\u00dfen Terror zu sp\u00fcren. Viele, die im Exil geholfen hatten, verschwanden einfach. Nach Hitlers \u00dcberfall wurde er, obwohl Sowjetb\u00fcrger, aufgrund \u00bbdeutscher Nationalit\u00e4t\u00ab deportiert. \u00dcber die Internierungslager, die Arbeit als Holzf\u00e4ller und Landarbeiter schrieb er sp\u00e4ter &#8211; in seiner Autobiografie \u00bbGelobtes Land\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass er je aus der Verbannung zur\u00fcckkehren sollte, war auch nicht abzusehen. 1948 wurde ihm und anderen Deportierten durch einen Oberst des NKWD das Gegenteil verk\u00fcndet. Dass ihm aber gestattet wurde, sein 1941 begonnenes Geschichtsstudium als Fernstudent in Swerdlowsk zu beenden, erwies sich sp\u00e4ter als R\u00fcckfahrschein. 1956 kam er in die DDR und fand Anstellung im neu gegr\u00fcndeten \u00bbInstitut der Geschichte\u00ab (IfG) an der Akademie der Wissenschaften, wo er 1958 Abteilungsleiter wurde &#8211; spezialisiert auf Biografien der Weimarer Republik, von Hindenburg \u00fcber Erzberger und Stresemann bis hin zu Clara Zetkin.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber auch und gerade in diesem Institut hatte das \u00bbTauwetter\u00ab der 1950er Jahre enge Grenzen: Schon im Gr\u00fcndungsjahr griffen im Institut Kampagnen der SED gegen \u00bbPositivismus\u00ab, \u00bbFaktologie\u00ab und zur \u00bbZur\u00fcckdr\u00e4ngung revisionistischer Ansichten\u00ab. Das Machen und Schreiben von Geschichte war eins f\u00fcr die Partei. Ab 1960, nachdem \u00bbb\u00fcrgerliche Kr\u00e4fte\u00ab herausgedr\u00e4ngt worden waren, \u00fcbernahm ein ehemaliger Dozent der Parteihochschule die Institutsleitung.<\/p>\n\n\n\n<p>All das hat wohl lange in Ruge geg\u00e4rt. Doch als im Sp\u00e4therbst 1989 die Partei verk\u00fcndete, \u00bbunwiderruflich mit dem Stalinismus als System\u00ab gebrochen zu haben, da dr\u00e4ngte es Ruge, seine Schubladen zu leeren. Was das denn gewesen sei, der \u00bbStalinismus als System\u00ab, das umriss er im Januar 1990 zun\u00e4chst in zwei Zeitungsbeitr\u00e4gen in \u00bbDer Sonntag\u00ab und im ND &#8211; \u00bbDie Doppeldroge (Zu den Wurzeln des Stalinismus)\u00ab sowie \u00bbWer gab Stalin die Knute in die Hand?\u00ab. Und im Sommer dieses Jahres zwischen den Systemen schrieb er seine Gedanken binnen weniger Wochen in Buchform nieder. Das Werk \u00bbStalinismus &#8211; eine Sackgasse im Labyrinth der Geschichte\u00ab erschien im Deutschen Verlag der Wissenschaften, der seit 1964 die Ver\u00f6ffentlichungen der Akademie der Wissenschaften der DDR besorgte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den St\u00e4rken dieses Buches, das nun 30 Jahre sp\u00e4ter neu aufgelegt wurde, z\u00e4hlt Ruges erz\u00e4hlerische Kraft. Er liefert eine faszinierende Innenansicht nicht nur des Stalinismus, sondern auch der zaghaften \u00bbEntstalinisierung\u00ab unter Nikita Chruschtschow, als h\u00e4tte er die Sitzungen mitgeh\u00f6rt. In der Sache datierte er den Beginn des \u00bbausgereiften klassischen Stalinismus\u00ab auf den 1. Dezember 1934, um 16.30 Uhr russischer Zeit. Als auf das Politb\u00fcromitglied Sergej Mironowitsch Kirow ein ungekl\u00e4rter Mordanschlag ver\u00fcbt wurde, nahm die F\u00fchrung um Stalin das zum Anlass von \u00bbS\u00e4uberungen\u00ab &#8211; und entfachte, was Ruge im Kern als Stalinismus versteht: permanente Gewalt, Terror, Vernichtung, die Ausmerzung alles Sch\u00f6pferischen: \u00bbSobald der klassische Stalinismus voll ausgereift war, begann in unvorstellbaren Ausma\u00dfen die Ausmerzung der T\u00fcchtigen auf allen Gebieten des wirtschaftlichen, geistigen und politischen Lebens.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber mehrere Seiten skizziert das Buch, nur durch Nennung der Namen und rudiment\u00e4rer Daten zu Leben und Werk prominenter Ermordeter, den ungeheuren Furor Stalins und seiner Getreuen gegen Pers\u00f6nlichkeiten der Natur-, Geistes-, und Sozialwissenschaften sowie auch der Musik und Literatur. Und er zitierte schwere S\u00e4tze Nikolai Bucharins, Stalins langj\u00e4hrigem Weggef\u00e4hrten, den er 1938 ermorden lie\u00df: \u00bbDer Zwang in allen seinen Formen, von Erschie\u00dfungen bis zum Arbeitsdienst (&#8230;), ist die Methode, mittels derer die kommunistische Menschheit aus dem Menschenmaterial der kapitalistischen Epoche erzeugt wird.\u00ab Oder: \u00bbIhr sollt wissen, Genossen, dass sich auf dem Banner, das Ihr auf dem siegreichen Weg zum Kommunismus tragt, auch ein Tr\u00f6pfchen meines Blutes befindet.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Nun hatte nicht erst die SED\/PDS des Herbstes 1989 mit dem \u00bbStalinismus\u00ab gebrochen. Seit Chruschtschows ber\u00fchmter \u00bbGeheimrede\u00ab auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 war die Kritik am \u00bbPersonenkult\u00ab und eine Verurteilung der \u00bbS\u00e4uberungen\u00ab legitim. Die Hauptstadt der DDR hatte 1961 die Stalinallee im Bezirk Friedrichshain umbenannt. Doch war es etwas anderes, so konkret und lebendig vom Ausma\u00df des Terrors zu lesen. So stie\u00df Ruges Werk unter denen, die der Partei nahestanden und solche B\u00fccher lasen, oft auch auf Abwehr. Etliche in den fr\u00fchen 1990er Jahren im ND ver\u00f6ffentlichten Leserbriefe schrieben seinen Texten \u00bbantikommunistische\u00ab Motive zu oder verurteilten Ruge als \u00bbVerr\u00e4ter\u00ab. Privat erhielt er sogar Morddrohungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der Drastik seiner Schilderungen stie\u00dfen dabei vor allem zwei weitere Punkte auf. Mochten diejenigen, die 1989 nur als Konterrevolution verstanden, in ihrer Verbitterung mit Ruges Kritik an der mechanischen Welt- wie Geschichtsauffassung und dem teleologischen Fortschrittsglauben verbreiteter Schrumpfformen des Historischen Materialismus noch einverstanden sein, waren seine Thesen zum Verh\u00e4ltnis zwischen dem Leninismus und dem Stalinismus sowie zum Charakter der westlichen Staaten des RGW offenbar schwerer zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was das erste betrifft, sah Ruge schon im von Lenin propagierten \u00bbMassenterror\u00ab gegen die Kulaken eine Weggabelung hin zum Stalinismus &#8211; wenn auch keine zwangsl\u00e4ufige. Dennoch findet er schon im Stalinimusbuch \u00c4hnlichkeiten zwischen Lenins und Stalins praktischer Politik, die er sp\u00e4ter in der Monografie \u00bbLenin. Vorg\u00e4nger Stalins\u00ab ausarbeitete. Und was das zweite angeht, zeigte er sich skeptisch gegen\u00fcber der Tendenz, den Stalinismus allein in der Sowjetunion finden zu wollen und nicht auch in den Satellitenstaaten. Damit mache man es zu bequem, registriere nur die \u00c4u\u00dferlichkeiten statt das Wesen dieser Herrschaftsformen, das sich nur eben nicht in solch enormer Gewalt ausgedr\u00fcckt habe wie in der UdSSR.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dem Opportunismus, der Ruge aus entsprechender Richtung vorgeworfen wurde, kann keine Rede sein. Er mag es genossen haben, dass seine Nachwendeb\u00fccher auch in den alten Bundesl\u00e4ndern positiv aufgenommen wurden, doch hatte der 1982 Emeritierte nichts zu gewinnen oder verlieren. Und brachial war seine Abrechnung am Ende auch nicht. Er hat nicht etwa aufgrund des Erlebten mit dem Sozialismus gebrochen, obwohl er als Renegat mit offenen Armen empfangen worden w\u00e4re. Doch Ruge gab seinem Buch einen anderen Ausblick: \u00bbNur ein grundlegender Wandel der Gesellschaftsbeschaffenheit in Richtung Harmonisierung von wirtschaftlicher Effizienz, \u00f6kologischer Bewusstheit und sozialer Geborgenheit kann die Spezies Mensch vor der Selbstvernichtung retten.\u00ab Und dabei seien \u00bbsozialistische Ideen unverzichtbar.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Als PDS-Mitglied sorgte Ruge daf\u00fcr, dass in der \u00bbNachfolgepartei\u00ab diese Kritik und Selbstkritik in einem eigenen, quasi sicheren Raum gef\u00fchrt werden konnte. Das war derselben sicher f\u00f6rderlich. Ob die Aufarbeitung ausreichte oder zu fr\u00fch abgebrochen wurde? Dar\u00fcber mag man heute streiten. Doch ist all das f\u00fcr Nachgeborene nat\u00fcrlich auch erheblich leichter.<\/p>\n\n\n\n<p><em>von Andreas Meinzer<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Behutsame Abrechnung Der Mann, der so alt war wie der Kommunismus, brauchte sich in der Wendezeit nicht sagen lassen, wie repressiv der Staat gewordene Sozialismus&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[73],"tags":[],"class_list":["post-3159","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-stalinismus-eine-sackgasse-im-labyrinth-der-geschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3159","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3159"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3159\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8190,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3159\/revisions\/8190"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3159"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3159"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3159"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}