{"id":321,"date":"2015-03-19T18:10:33","date_gmt":"2015-03-19T17:10:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=321"},"modified":"2025-08-28T12:05:03","modified_gmt":"2025-08-28T10:05:03","slug":"portal-trend-online-nr-06-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/portal-trend-online-nr-06-2011\/","title":{"rendered":"Portal Trend Online Nr 06-2011"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Es geht um die Glaubw\u00fcrdigkeit der Linken, wollen sie wirklich eine menschenw\u00fcrdigere Gesellschaft aufbauen&#8221;<\/strong><br \/>\nVor neunzig Jahren, im M\u00e4rz 1921, wurde die widerst\u00e4ndige Bev\u00f6lkerung in Kronstadt von den Bolschewiki besiegt. Klaus Gietinger, Regisseur und Autor zahlreicher Filme und B\u00fccher, beschreibt in seinem Buch \u201cDie Kommune von Kronstadt\u201d sehr eindr\u00fccklich, wie es zu diesem Aufstand kam und wie dieser schlie\u00dflich von den Bolschewiki niedergeschlagen wurde.<!--more--><\/p>\n<p>Noch im Oktober 1917 hatten sich viele Kronst\u00e4dter Matrosen am Sturm auf das Winterpalais beteiligt. Trotzki bezeichnete sie als \u201cdie Sch\u00f6nheit und den Stolz der Revolution\u201d. Von 1918 bis Herbst 1920 k\u00e4mpfte die Mehrheit der Kronst\u00e4dter in einem B\u00fcrgerkrieg gegen die Wei\u00dfen. Sie k\u00e4mpften in einer Armee, in der Trotzki die R\u00e4tedemokratie abgeschafft hatte. Die Rote Armee wurde nach dem westlich- kapitalistisch- milit\u00e4rischen Prinzip aufgebaut. Als die Matrosen nach dem B\u00fcrgerkrieg in ihre Heimatd\u00f6rfer kamen, erlebten sie den Krieg der Bolschewiki gegen die Bauern. Ihre Eltern fragten sie, warum sie f\u00fcr die Unterdr\u00fccker k\u00e4mpfen, denn Eintreibungskommisionen und Erschie\u00dfungen verbreiteten Angst und Schrecken unter den Bauern. Die \u201cDiktatur des Proletariats\u201d bestand zu 80 Prozent aus Bauern. Die Bolschewiki hatten die Inflation angeheizt und die Bauern verkauften und tauschten nichts, weil sie f\u00fcr ihre Lebensmittel nur wertloses Papier oder nichts erhielten.<\/p>\n<p>Die verfehlte Landwirtschaftspolitik f\u00fchrte wiederum zu einer schwierigen Versorgungslage in den St\u00e4dten. Als nach dem B\u00fcrgerkrieg der \u201cHandel unter der Hand\u201d verboten wurde, nahm der Hunger noch zu. Die Lebensmittelrationen f\u00fcr die Gro\u00dfst\u00e4dte wurden gek\u00fcrzt, die Tagesration lag unter 700 Kalorien am Tag.<\/p>\n<p>Aufgrund dieser Situation kam es in Petrograd zu Demonstrationen und Streiks. Aus der Hungerrevolte in Petrograd wurde schlie\u00dflich eine politische, denn die Arbeiterr\u00e4te waren schon 1918 entmachtet worden. \u201cStatt Sozialismus mit Arbeiterkontrolle und Betriebsr\u00e4teherrschaft entstand so ein starres, von der Partei kontrolliertes, nicht funktionierendes Leitungssystem.\u201d (1) Zudem wollten die Bolschewiki von Deutschland lernen. \u201cArbeit, Disziplin, Ordnung werden die sozialistische Sowjetrepublik retten.\u201d, so Trotzki (2)<\/p>\n<p>Die Ereignisse in Petrograd wirkten sich auf das 20 Kilometer entfernte Kronstadt aus.<\/p>\n<p>Die Kronst\u00e4dter Matrosen lehnten das Antreibersystem- das Taylor-System- und die Militarisierung der Arbeit ab. Sie wollten: \u201cEine Sowjetrepublik der Arbeiter, in der der Produzent selbst uneingeschr\u00e4nkt Herr und Verwalter \u00fcber die Produkte seiner Arbeit sein wird.\u201d(3) Die Kronst\u00e4dter verabschiedeten die \u201cPetropowlowsk-Resolution\u201d, in der sie u.a. die Neuwahl der Sowjets, Versammlungsfreiheit und die Abschaffung der kommunistischen Parteizellen forderten. \u201cMan kann das Programm der Matrosen, Arbeiter und Bauern Kronstadts daher als eine Mischung aus Maximalismus, Anarcho-Syndikalismus und R\u00e4tekommunismus bezeichnen, als letzten Versuch die Ideale des Oktober 1917 zu verwirklichen.\u201d(4) Die Kronst\u00e4dter wollten \u201calle Macht den Sowjets und nicht den Parteien\u201d. Daf\u00fcr wurden sie von den Bolschewiki als Konterrevolution\u00e4re beschimpft, Lenin bezeichnete sie als kleinb\u00fcrgerlich. 50 000 Bolschewiki k\u00e4mpften gegen Kronstadt. Die Kronst\u00e4dter wurden isoliert, in dem die Bolschewiki f\u00fcr die Petrograder Lebensmittel aus dem Ausland einkauften und die Neue \u00d6konomische Politik eingef\u00fchrt wurde. \u201cDie Bolschewiki feierten den 50. Jahrestag der Pariser Kommune just an dem Tag, an dem sie die Kommune von Kronstadt endg\u00fcltig liquidiert hatten\u201d(5) Neben Tausenden Toten auf beiden Seiten wurden 2500 Matrosen in Gef\u00e4ngnisse und Lager gesteckt, wo die meisten vermutlich zugrunde gingen. Opposition wurde im M\u00e4rz 1921 zum Verbrechen. Am Ende des Aufstandes war der Mythos vom Arbeiter- und Bauernstaat zerst\u00f6rt. Bald trat Stalin ans Ruder und es erf\u00fcllte sich folgender Satz der rebellischen Matrosen: \u201cDas Blut der Unschuldigen wird auf die H\u00e4upter machttrunkener und grausamer kommunistischer Fanatiker kommen.\u201d(6)<\/p>\n<p>Der Weg des Realsozialismus war mit der Niederschlagung des Kronst\u00e4dter Aufstandes vorgezeichnet. Nach dem roten gegen den wei\u00dfen Terror unter Lenin kam der \u201cGro\u00dfe Terror\u201d unter Stalin, der Hitler-Stalin-Pakt und der Kampf gegen den Faschismus, der Kalte Krieg, die Stagnation und das Ende.<\/p>\n<p>F\u00fcr Klaus Gietinger war Kronstadt der entscheidende Wendepunkt in der russischen Revolution. Er schreibt engagiert gegen leninistische, trotzkistische, stalinistische und verharmlosende Geschichtsschreibung an. Denn besch\u00e4ftigt man sich mit Kronstadt, kann man leicht zwischen die Fronten geraten. Die Trotzkisten, die ihren Trotzki hochhalten und f\u00fcr die Kronstadt eine Konterrevolution war. Die Marxisten- Leninisten, die ihre Ikone Lenin und ihr Bruderland verteidigen wollen. Die Anarchisten, f\u00fcr die Kronstadt die \u201cDritte Revolution\u201d war. Dieser Ismen- Streit hilft zwar so nicht weiter, aber er besagt etwas, n\u00e4mlich ob \u201cLinken\u201d Tote, Inhaftierte, Deportierte, Zwangsarbeitende und Hungernde egal sind und sie diese ihrer Ideologie opfern. Das ist entscheidend. Hier geht es nicht um Erbsenz\u00e4hlerei oder Buchzitate, hier geht es um vernichtete Leben und zerst\u00f6rte Biographien. Das Buch macht w\u00fctend, auf die Bolschewiki, aber auch auf Menschen, die sich heute als \u201clinks\u201d bezeichnen und das alles nicht wahrhaben wollen.<\/p>\n<p>Klaus Gietinger hatte im Jahre 1997 eine mehrteilige Serie in der Jungen Welt ver\u00f6ffentlicht, die jetzt zum Jahrestag in diesem Buch erscheint. Darin sind auch Leserbriefe abgedruckt. So: \u201cBitte erspart uns diesen M\u00fcll&#8230;\u201d oder \u201cWieder fordert mir ein Artikel, der von Antibolschewismus\/ Antikommunismus und Geschichtsf\u00e4lschungen strotzt und in einer Zeitung ver\u00f6ffentlicht wurde, die sich doch wohl radikal sozialistisch versteht, eine Geduldsprobe ab.\u201d (7)<\/p>\n<p>Das Buch von Klaus Gietinger ist allerdings kein Antikommunismus, sondern notwendig, um wieder nicht- kapitalistische Alternativen denken zu k\u00f6nnen. Das Bild von der Vergangenheit zeigt das Bild, das man von der Zukunft hat. Es geht um die Glaubw\u00fcrdigkeit der Linken, wollen sie wirklich eine menschenw\u00fcrdigere Gesellschaft aufbauen. Den Herrschenden kommt ein unkritischer Umgang von Linken mit der eigenen Geschichte gerade recht.<\/p>\n<p>So w\u00e4re der kritische Text Klaus Gietingers zum \u201cSchwarzbuch des Kommunismus\u201d und seine Abgrenzung von rechter Kritik am Ende des Buches nicht notwendig gewesen. Die Revolte von Kronstadt kam von links und auch Gietingers Kritik an der Niederschlagung.<\/p>\n<p>Die entscheidende Frage, die nach der Lekt\u00fcre bleibt, ist- wie stehen Linke zur Parteidiktatur oder R\u00e4tedemokratie, erstere lehnten die Kronst\u00e4dter ab, letztere ersehnten sie. Klaus Gietinger, der mit den Kronst\u00e4dtern symphatisiert, ist eine breite Leserschaft zu w\u00fcnschen. Erinnerung tut not, auch in einem entfesselten Kapitalismus in den post\u201dkommunistischen\u201d L\u00e4ndern. Dieser Kapitalismus ist eben nicht alternativlos, wagen wir neue Wege.<\/p>\n<p><strong>Anne Seeck<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Es geht um die Glaubw\u00fcrdigkeit der Linken, wollen sie wirklich eine menschenw\u00fcrdigere Gesellschaft aufbauen&#8221; Vor neunzig Jahren, im M\u00e4rz 1921, wurde die widerst\u00e4ndige Bev\u00f6lkerung in&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[25],"tags":[],"class_list":["post-321","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-kommune-von-kronstadt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/321","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=321"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/321\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8052,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/321\/revisions\/8052"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=321"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=321"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=321"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}