{"id":323,"date":"2015-03-19T18:11:33","date_gmt":"2015-03-19T17:11:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=323"},"modified":"2025-08-28T12:05:03","modified_gmt":"2025-08-28T10:05:03","slug":"portal-sozialistische-positionen-sopos-4-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/portal-sozialistische-positionen-sopos-4-2011\/","title":{"rendered":"Portal &#8220;Sozialistische Positionen&#8221; (SoPos) 4-2011"},"content":{"rendered":"<p><strong>90 Jahre Kommune von Kronstadt \u2013 die endg\u00fcltige Niederlage der Arbeiterdemokratie in der Russischen Revolution<\/strong><br \/>\n&#8230;eine noch offene Wunde&#8221;<\/p>\n<p>Wer erinnert sich noch an die Kommune von Kronstadt? Schon die Begrifflichkeit weist auf die tiefe Verankerung dieser tragischen Ereignisse in der Geschichte der sozialrevolution\u00e4ren Emanzipationsbewegungen hin. Der Titel ist auch ein bewusster Hinweis auf die ebenfalls fast vergessene Kommune von Paris, die im M\u00e4rz 1871 eine Koalition von Sozialisten und Radikaldemokraten bei den Gemeinderatswahlen von Paris in die Stadtregierung brachte. Und diese Koalition machte Ernst mit dem eigenen Programm. Mindestl\u00f6hne, Nachtarbeitsverbot, Gleichstellung der Beamten mit normalen Lohnabh\u00e4ngigen, Frauenwahlrecht, die radikale Demokratisierung der Staatsmacht, all das machte diese Kommune de Paris zum Angriffsziel einer bemerkenswerten Koalition von b\u00fcrgerlichen Franzosen und monarchistischen Deutschen, die sich noch ein paar Monate zuvor in einem blutigen Krieg gegen\u00fcbergestanden hatten.<!--more--><br \/>\nDiese Kommune von Paris war trotz ihrer Fehler ein Vorbild f\u00fcr die Aktivisten der Arbeiterbewegung in der Internationalen Arbeiterassoziation, deren Sekret\u00e4r Karl Marx jener in der Adresse ihres Generalrats \u00fcber den B\u00fcrgerkrieg in Frankreich ein bleibendes Denkmal geschaffen hat: &#8220;Das Paris der Arbeiter, mit seiner Kommune, wird ewig gefeiert werden als der ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft. Seine M\u00e4rtyrer sind eingeschreint in dem gro\u00dfen Herzen der Arbeiterklasse. Seine Vertilger hat die Geschichte schon jetzt an jenen Schandpfahl genagelt, von dem sie zu erl\u00f6sen alle Gebete ihrer Pfaffen ohnm\u00e4chtig sind.&#8221;<br \/>\nF\u00fcr Lenin bildete die Kommune von Paris sogar das Leitbild f\u00fcr seine agitatorische, nie ernst gemeinte Schrift &#8220;Staat und Revolution&#8221;, die er 1917 im finnischen Exil schrieb, um sich bei der seit Februar 1917 anschwellenden basisdemokratischen R\u00e4tebewegung der Arbeiter und Bauern Russlands Gel\u00e4nde f\u00fcr die durch und durch autorit\u00e4r und etatistisch ausgerichteten Bolschewiki gut zu machen. So paradigmatisch die Haltung zur Pariser Kommune sozialistische Arbeiterbewegung von liberalen Arbeiterfreunden schied und gelegentlich noch scheidet, so verh\u00e4lt es sich mit der Kommune von Kronstadt, die alle Spielarten der leninistischen von den libert\u00e4ren Str\u00f6mungen der sozialistischen Bewegung scheidet. Das Buch von Gietinger ist hier eindeutig positioniert, seine Polemik wendet sich vehement gegen alle Spielarten leninistischer, trotzkistischer und stalinistischer Geschichtsverdrehungen.<br \/>\nGietinger macht in seiner Schrift darauf aufmerksam, dass das gesellschaftliche Vorbild der Bolschewiki, aber auch Trotzkis wie auch das der Mehrheitssozialdemokratie das von oben industrialisierte Preu\u00dfendeutschland mit einer straff organisierten Kriegswirtschaft gewesen ist: &#8220;Widerspruchslose Unterordnung unter einen einheitlichen Willen ist f\u00fcr den Erfolg der Prozesse der Arbeit, die nach dem Typus der maschinellen Gro\u00dfindustrie organisiert wird, unbedingt notwendig&#8221; (S. 16). Und schon bald nach der Oktoberrevolution wurde dieses Programm durchgesetzt, ein Programm, das auch bald auf die Mitwirkung der linken Sozialrevolution\u00e4re (LSR) verzichtete, die als Vertreter einer humanistischen Linie vielfach versuchten, das Schlimmste am proklamierten Roten Terror zu verhindern\u2013 wobei nicht verschwiegen werden soll, dass die LSR aus Emp\u00f6rung \u00fcber die Friedensverhandlungen Trotzkis mit dem deutschen Kaiserreich selbst zu terroristischen Mitteln griffen und daf\u00fcr den Bolschewiki eine Steilvorlage f\u00fcr ihre Ausschaltung gaben. Der im Sommer 1918 einsetzende B\u00fcrgerkrieg wurde weitgehend auf Kosten der Bauernschaft, die \u00fcber 80% der Bev\u00f6lkerung stellte, von der bolschewistisch kommandierten Roten Armee durchgek\u00e4mpft. In diesem Zusammenhang sind Gietingers Hinweise auf Marx\u2019 ber\u00fchmten Brief an die russische Sozialistin Vera Sassulitsch 1881 zu lesen, dass ihm exakt die russische Dorfgemeinschaft, denen die Kommunisten nach 1918 den Garaus machten, als Ausgangspunkt f\u00fcr die sozialistische Umgestaltung Russlands geeignet erschien (S.88).<br \/>\n5o Jahre nach der Kommune von Paris bildete sich die Kommune von Kronstadt im Februar 1921, Monate nach dem Ende des B\u00fcrgerkrieges und parallel zum 10. Parteitag der Kommunistischen Partei Russlands, in Petrograd. Kronstadt war eine stark armierte Festung vor der nordrussischen Metropole Petersburg, die Matrosen der Baltischen Flotte wurden in den revolution\u00e4ren Bewegungen Russlands zur Avantgarde gez\u00e4hlt. Ihrer Bewegung 1921 vorangegangen waren Streiks in den gro\u00dfen Fabriken der Stadt, die als Reaktion auf Hunger, Inflation und zunehmende politische Unterdr\u00fcckung durch die Bolschewiki ausbrachen. Die Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te hatten im Oktober 1917 die milit\u00e4rische Macht\u00fcbernahme durch die Bolschewiki gegen die letzte linksb\u00fcrgerliche Regierung praktisch gest\u00fctzt und politisch begr\u00fc\u00dft. Sie waren zu diesem Zeitpunkt l\u00e4ngst entmachtet und zur praktischen Vertretung der Interessen der Arbeiterschaft gar nicht mehr in der Lage. In den Betrieben herrschte wieder das Prinzip der &#8220;Ein-Mann-Leitung&#8221;. In der Armee waren die freiheitlichen und demokratischen Ideen der russischen Soldatenr\u00e4te aus dem Fr\u00fchjahr 1917, wie etwa der W\u00e4hlbarkeit der Kommandanten nach der Einwerbung und Einsetzung ehemals zaristischer Offiziere durch Trotzki nur noch H\u00f6rensagen aus ferner Zeit. Die Bolschewiki hatten einen Krieg gegen die Bauernschaft entfacht, der sich sachlich um die Kontrolle der Lebensmittelproduktion drehte, milit\u00e4risch aber mit gr\u00f6\u00dfter Brutalit\u00e4t durch Tscheka und Parteieinheiten unter gro\u00dfen Opfern gef\u00fchrt wurde. Politisch f\u00fchrten diese Feldz\u00fcge zur langfristig wirkenden Entfremdung der Bauernschaft von der neuen staatlichen Herrschaft.<br \/>\nDie verwandtschaftlichen Verbindungen zwischen Bauernschaft und Matrosen f\u00fchrten zusammen mit dem Widerstand des Petrograder Proletariats gegen seine andauernde Entm\u00fcndigung zur Forderung nach Sowjets ohne Kommunisten, zur Einrichtung einer basisdemokratisch agierenden Selbstverwaltung auf den Festungsinseln im Finnischen Meerbusen. Die Versuche der Bolschewiki, in den Fabriken ein an Taylor und deutschen Disziplinarvorstellungen ausgerichtetes Fabrikregime zu errichten, stie\u00df auf manigfaltigen Widerstand. Dem unbedingten Machtanspruch der Bolschewiki waren die Matrosen und Bewohner Kronstadts aber auf Dauer nicht gewachsen. Am 18. M\u00e4rz 1921 waren die erbittert gef\u00fchrten, blutigen K\u00e4mpfe in Kronstadt vorbei, die \u00dcberlebenden wurden, soweit sie nicht fliehen konnten, auf Wunsch Lenins auf die ber\u00fcchtigten Solowezki-Inseln deportiert. Der 18. M\u00e4rz war zugleich der 50. Jahrestag der Proklamation der Kommune von Paris und wurde in Petrograd von den Bolschewiki mit einer Milit\u00e4rparade gefeiert. Die \u00f6konomischen Forderungen der Matrosen wurden \u00fcbrigens vom parallel stattfinden Parteitag der KPR(B) mehr oder minder als legitim anerkannt, und unter Zulassung kapitalistischer Elemente im Wirtschaftsleben zum Programm als &#8220;Neue \u00d6konomische Politik&#8221; erhoben. Lenin selbst soll gesagt haben, dies sei der Thermidor, aber es sei &#8220;unser Thermidor&#8221;. Auch so kann man Geschichte interpretieren.<br \/>\nAll das beschreibt Gietinger in seiner fl\u00fcssig geschriebenen und quellenm\u00e4\u00dfig gut belegten Schrift, der eine weite Verbreitung schon deshalb zu w\u00fcnschen ist, weil die Kommune von Kronstadt heute so vergessen zu sein scheint wie die von Paris.<br \/>\nDie Kommune stand nie im Zentrum der politischen und theoretischen Diskussionen in der deutschen Linken seit 1968. Lediglich zum 50. Jahrestag ihrer Zerschlagung durch die Bolschewiki 1971 veranstaltete die libert\u00e4re Linke in Berlin einen &#8220;Kronstadt&#8221;-Kongre\u00df, zu dem Johannes Agnoli Bemerkungen \u00fcber Spontaneit\u00e4t und Organisation beitrug und der niederl\u00e4ndische R\u00e4tekommunist Cajo Brendel in grotesker Weise seine Marxorthodoxie zu retten versuchte, indem er den Oktoberumsturz 1917 als eine b\u00fcrgerliche Revolution interpretierte. Danach ist es um Kronstadt still geworden, von gelegentlichen Versuchen abgesehen, ihre Liquidation zu verteidigen. Bemerkenswert zahlreich sind besonders die Apologien der leninistischen Politik aus trotzkistischer Richtung. Der ISP-Verlag versammelte die \u00c4u\u00dferungen Lenins, Trotzkis und Serges 1981 in einem kleinen Sammelband. Immerhin wird der libert\u00e4re Sozialist und Augenzeuge Serge zitiert: &#8220;Zu Hunderten, wenn nicht zu tausenden wurden die Kronst\u00e4dter Matrosen auf der Stelle erschossen. Drei Monate nachher holte man noch welche aus den Gef\u00e4ngnissen in Petrograd heraus, nachts, in kleinen Gruppen, um sie in den Kellern oder auf dem Schie\u00dfplatz zu exekutieren.&#8221; Auch sp\u00e4ter noch legten kritischere trotzkistische Gruppen wie &#8220;Linksruck&#8221; eine Reihe von Materialien gegen die Kommune von Kronstadt vor und in der Regel war das Ergebnis klar: hier war die Konterrevolution am Werk gewesen, bis hin zu dem Unsinn, dass der reaktion\u00e4re General Wrangel mit 70.000 Mann an der Schwarzmeerk\u00fcste bereit gestanden h\u00e4tte, um im ca. 3000 km weit entfernten Kronstadt zu intervenieren. Soweit zur Wahrheits- und Freiheitsliebe dieser Epigonen. Man mag die Aktualit\u00e4t dieser Auseinandersetzung bezweifeln. Aber man t\u00e4usche sich nicht: die Haltung zu Kronstadt entscheidet auch heute noch wie ein Lackmustest \u00fcber die individuelle Haltung zu jeder Form von Modernisierungs- und Parteidiktatur. &#8220;Die Kommune von Kronstadt&#8221; ist hier eindeutig, sie steht auf der Seite der sp\u00e4testens im M\u00e4rz 1921 untergegangenen Reste von Arbeiterdemokratie in Russland. Sie lebt durch dieses Buch fort im Bewusstsein der libert\u00e4ren Linken, m\u00f6gen leninistische Pfaffen noch so sehr ihre Mantren von der historischen Notwendigkeit ihrer Unterdr\u00fcckung aufsagen.<br \/>\nGietingers Parteinahme f\u00fcr die Kommune von Kronstadt ist ein w\u00fctendes, teils auch sarkastisch geschriebenes Buch. Ihm ist eine breitere Leserschaft zu w\u00fcnschen. Diese Wunde ist und bleibt offen, solange die Usurpation der Russischen Revolution durch die Bolschewiki als Sozialismusversuch kleingeredet wird.<\/p>\n<p><strong>Stefan Janson<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>90 Jahre Kommune von Kronstadt \u2013 die endg\u00fcltige Niederlage der Arbeiterdemokratie in der Russischen Revolution &#8230;eine noch offene Wunde&#8221; Wer erinnert sich noch an die&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[25],"tags":[],"class_list":["post-323","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-kommune-von-kronstadt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/323","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=323"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/323\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8051,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/323\/revisions\/8051"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=323"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=323"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=323"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}