{"id":3231,"date":"2020-12-06T10:21:15","date_gmt":"2020-12-06T09:21:15","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3231"},"modified":"2021-12-10T21:07:27","modified_gmt":"2021-12-10T20:07:27","slug":"kulturrevolution-no-77-78-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2020\/12\/06\/kulturrevolution-no-77-78-2020\/","title":{"rendered":"&#8220;kultuRRevolution&#8221; No 77\/78 &#8211; 2020"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Der \u00bblange Marsch\u00ab eines \u203aaltachtundsechziger\u2039 Intellektuellen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Von J\u00fcrgen Link<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bodo Zeuners 706 Seiten umfassende Sammlung exemplarischer \u00bbpolitischer und politikwissenschaftlicher Texte aus 50 Jahren\u00ab dokumentiert den ebenso exemplarischen \u2013 sowohl theoretischen wie praktischen \u2013 \u00bblangen Marsch\u00ab eines \u203aaltachtundsechziger\u2039 Intellektuellen <sup>1<\/sup>. Exemplarisch, weil der Autor als Assistent und sp\u00e4ter Professor an dem ber\u00fchmten \u00bbOSI\u00ab, dem Otto-Suhr-Institut f\u00fcr Politikwissenschaft der FU Berlin, institutionell in einem Auge des Taifuns \u00bbAchtundsechzig\u00ab wirkte \u2013 aber auch, weil seine Entwicklung vom loyalen Sozialliberalen zum Radikaldemokraten und marxistisch inspirierten unabh\u00e4ngigen Linkssozialisten durch und nach 68 typisch f\u00fcr einen wichtigen Sektor der \u00bbAchtundsechziger\u00ab ist. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es sind die \u00bbKonversionsverweigerer\u00ab, wie man sagen k\u00f6nnte \u2013 die die Konversion zum Kapitalismus (oder sogar zu Bombenkriegen gegen mit \u203aneuen Hitlers\u2039 gleichgesetzte Bev\u00f6lkerungen) verweigerten, sich aber gleichwohl auch nicht resignativ ins \u203aunpolitische\u2039 Privatleben zur\u00fcckzogen. St\u00e4rker als bei den \u00bbKonvertern\u00ab<sup>2<\/sup> handelt es sich bei jeder und jedem von ihnen um unverwechselbare Singularit\u00e4ten, und das gilt auch f\u00fcr Bodo Zeuner. <\/p>\n\n\n\n<p>So war er etwa eine Zeitlang Journalist beim Spiegel und scheiterte dort an den Grenzen zugelassener Kritik. Diese und andere besondere Erfahrungen, die in seine Spielart von Politologie eingingen, schildert er in einer ausf\u00fchrlichen autobiographischen Einleitung, die sp\u00e4ter durch spezifische Einleitungen in die Hauptabschnitte erg\u00e4nzt wird. Die gr\u00f6\u00dften dieser Abschnitte sind \u00bbParteien und Parteiensysteme\u00ab und \u00bbGewerkschaften und Arbeiterbewegung\u00ab. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Bodo Zeuner erst sp\u00e4t pers\u00f6nlich kennengelernt, als wir gemeinsam an der Chinareise einer Gruppe engagierter Gewerkschafter teilnahmen, die sowohl Kontakte zu verschiedenen Richtungen staatlicher Gewerkschaften wie zu unabh\u00e4ngigen Labour Activists hergestellt hatte. Dieses von Bodo Zeuner weiter verfolgte Engagement ist in dem Sammelband ebenfalls dokumentiert. Ich hatte auch nicht bewusst mitbekommen, dass er zu den st\u00e4ndigen Mitarbeitern der Zeitschrift PROKLA und zwar zeitweilig einer besonderen Gewerkschaftsabteilung geh\u00f6rte. Seine dort und im Umkreis publizierten Analysen stellen meines Erachtens den Kern seiner Dokumentation dar. Wir haben PROKLA stets als ein Organ betrachtet, das der kRR (in unserer Wunschvorstellung, vielleicht blo\u00df Illusion) in arbeitsteiliger Kooperation h\u00e4tte verbunden sein sollen. Wir h\u00e4tten uns explizite gegenseitige Anschlussm\u00f6glichkeiten gew\u00fcnscht. <\/p>\n\n\n\n<p>Bodo Zeuners Beitr\u00e4ge zu PROKLA (plus thematisch verwandte Beitr\u00e4ge andernorts) markieren sehr gut die polit\u00f6konomische und klassenpolitische Hauptdimension der Zeitschrift. Mit h\u00e4ufigen Anspielungen ironisiert er die sp\u00e4teren vermeidungstaktischen Ausweichman\u00f6 ver von PROKLA gegen\u00fcber ihrem Titel, der anfangs f\u00fcr \u00bbProbleme des Klassenkampfs\u00ab stand. Sollte man (wie alle Konverter, aber dar\u00fcber hinaus die gro\u00dfe Mehrheit der akademischen Sozialwissenschaft) den marxistischen Klassenbegriff aufgeben? Bodo Zeuner verteidigt ihn, und zwar vor allem gewerkschaftstheoretisch. Dabei ist die negative Seite der Verteidigung einleuchtender als die positive. Wenn die Ausw\u00fcchse des \u00bbIndividualisierungsansatzes\u00ab Lohnabh\u00e4ngige und Unternehmer\/Manager zu blo\u00dfen homogenen Spielarten von \u00bbIndividualisierung im Betrieb\u00ab machen m\u00f6chten, dann verdient das Zeuners sarkastische Ironie. Aber kann man den Klassenbegriff \u203apositiv\u2039 verteidigen, ohne von einer Dialektik zwischen \u00bbobjektiver\u00ab (Lohnabh\u00e4ngigkeit, Verkaufszwang der Arbeitskraft und damit der Lebensbasis) und \u00bbsubjektiver\u00ab Klasse auszugehen, die es dann unbedingt \u203aupzudaten\u2039 gilt? Konversionsverweigerung hei\u00dft ja absolut nicht Wissens- und Lernverweigerung. Das Wissen betrifft die \u00bbsubjektive\u00ab Klasse: Sie scheint nicht mehr zu existieren. Aber da kommen eben neue Wissensbereiche ins Spiel, die auch Zeuner unter den Stichworten Beck, Luhmann, Berger-Luckmann und Foucault diskutiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn man die These gleicher Autopoiesis aller Teilsysteme zurecht als \u00fcberzogen ablehnt, sind die bei Marx unter dem pauschalen Begriff der \u00bbIdeologie\u00ab gefassten Reproduktionszyklen wie Wissen\/ Technik (etwa Digitalisierung), Sozialit\u00e4t (etwa Gender und Familie), Politik (etwa Sozialstaat), Kultur, Medien u.a. soweit \u203arelativ autonom\u2039, dass sie innerhalb des gesamten Kombinats der \u00bbModerne\u00ab phasenweise dominant werden und phasenweise den \u00f6konomischen Zyklus \u00bb\u00fcberdeterminieren\u00ab k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier zeigt sich ein Defizit nicht speziell des Autors, sondern des PROKLA-Ansatzes insgesamt, das sich gerade in der Dokumentation verdienstvoll herausprofiliert: Althussers Marxismus und \u00fcberhaupt die \u203aFrench Theory\u2039, besonders auch Foucault mit seiner Diskurs- und Subjektivierungstheorie, ja Kategorien wie \u00bbIdeologie\u00ab bzw. Kultur, Diskurs und Subjektivit\u00e4t, fehlen weitestgehend. Nur durch ein Modell, das Zyklen-Kopplungen bzw. \u00dcberdeterminationen zu denken erlaubt, kann das Ph\u00e4nomen einer \u203afehlenden\u2039 subjektiven Klasse bei Fortbestehen der objektiven Klasse begriffen werden. Anders gesagt: Die subjektive Klasse ist nicht \u00bbableitbar\u00ab aus der objektiven, sondern ihr Auftauchen ist als historisches Ereignis zu fassen, das phasenweise durch interzyklische Kopplungen entsteht, von denen die objektive \u00f6konomische Polarisierungstendenz (Zeuner) nur eine ist \u2013 und eine durch Kopplungen mit anderen Zyklen (z.B. sozialdemokratische Umverteilung, aber vor allem auch Normalismus) zeitweilig kompensierbare. Die \u203asubjektive\u2039 Entwicklung der Gewerkschaften auf ihrer objektiven Strukturbasis ist also tats\u00e4chlich ein entscheidendes empirisches Feld sowohl f\u00fcr die Geschichte der interzyklischen Kopplungen wie f\u00fcr die Unerbittlichkeit der Polarisierungstendenz zwischen Kapital und Arbeit und damit f\u00fcr die Geschichte der modernen Klassen. Diese doppelte Geschichte zeichnet die Dokumentation exemplarisch nach. <\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht die wichtigste Umkopplung des letzten halben Jahrhunderts ist die mit dem Begriff \u00bbNeoliberalismus\u00ab bezeichnete: Sie bedeutet, wie in dem Text \u00bbDas Politische wird immer privater. Zu neoliberaler Privatisierung und linker Hilflosigkeit\u00ab von 1998 (386\u2013403) analysiert wird, die Abkopplung der \u00d6konomie und der gesamten Sozialit\u00e4t vom politischen Zyklus des klassischen sozialdemokratischen \u203aSozialstaats\u2039 und ihre Ankopplung an ein Subjektivit\u00e4tsmodell: das Modell des privaten Entrepreneurs f\u00fcr beide Seiten des Antagonismus (der Polarit\u00e4t). Zeuner beschreibt die verschiedenen Spielarten von Privatisierung und ihre jeweiligen Konsequenzen: die des Staatskapitals (z.B. VW), die der \u00f6ffentlichen Aufgaben (Post, Bahn, Wasser, Bildung), schlie\u00dflich sogar die des staatlichen Gewaltmonopols (Sicherheitsunternehmen, S\u00f6ldnermilit\u00e4rs). <\/p>\n\n\n\n<p>In weiteren Texten wird das jeweils ein wenig phasennachhinkende Einschwenken von SPD und DGB auf dieses umfassende Entpolitisierungsprogramm nachgezeichnet. Am Horizont dieser fatalen Tendenz steht die Gewerkschaft als \u00bbDienstleistungsunternehmen\u00ab (426f.) \u2013 es w\u00e4re zu erg\u00e4nzen: insbesondere als Versicherungsunternehmen gegen kompensationslose Arbeitslosigkeit. Die Unerbittlichkeit des Antagonismus erweist sich jedoch in den Tendenzen zur \u00bbEntgrenzung\u00ab (428\u2013456) der DGB-Gewerkschaften in ihrer Krise multidimensionaler Schrumpfung. <\/p>\n\n\n\n<p>Zeuner behandelt u.a. die Stichworte \u00bbBasis-Internationalismus\u00ab (ein praktisches Beispiel ist das China-Engagement) und \u00bbSocial movement unionism\u00ab, also die Kopplung von Gewerkschaften und neuen sozialen Bewegungen, u. a. mit der Empfehlung von Boykottkampagnen (447). Dabei geht es letztlich um kulturrevolution\u00e4re Interventionen und also um wichtige Anschlusspunkte zum Projekt kRR. Solche Anschl\u00fcsse und Kopplungen behandelt Zeuner in den anderen Abschnitten \u00fcber Politologie und Medien.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><sup>1 Dazu das Kapitel \u00bbDer lange Marsch durch die Institutionen\u00ab, 414\u2013 417.<\/sup><br><sub>2 So ihr Spitzname in meinem Roman <em>Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung, <\/em>der sich als literarische und stark satirische Parallelaktion zu Zeuners Dokumentation lesen l\u00e4sst.<\/sub><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u00bblange Marsch\u00ab eines \u203aaltachtundsechziger\u2039 Intellektuellen Von J\u00fcrgen Link Bodo Zeuners 706 Seiten umfassende Sammlung exemplarischer \u00bbpolitischer und politikwissenschaftlicher Texte aus 50 Jahren\u00ab dokumentiert den&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[72],"tags":[],"class_list":["post-3231","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kritik-und-hoffnung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3231","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3231"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3231\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9667,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3231\/revisions\/9667"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3231"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3231"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3231"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}