{"id":3244,"date":"2020-12-10T16:40:35","date_gmt":"2020-12-10T15:40:35","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3244"},"modified":"2025-08-28T21:03:09","modified_gmt":"2025-08-28T19:03:09","slug":"nd-10-12-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/nd-10-12-2020\/","title":{"rendered":"&#8220;nd&#8221; 10.12. 2020"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>\u00bbDieses f\u00fcrchterliche Fabrikm\u00e4\u00dfige abschaffen\u00ab<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie arbeitet ihr? &#8211; Das ist die verbindende Frage, die der Politologe (und fr\u00fchere Werkzeugbauer) Klaus Dallmer 14 Besch\u00e4ftigten aus dem Gesundheitswesen stellt. Unter ihnen sind Krankenschwestern, Medizinisch-Technische Radiologieassistenten, Fachkrankenpflegekr\u00e4fte verschiedener Richtungen, zwei \u00c4rzte und drei Verdi-Mitarbeiter, au\u00dferdem Nadja Rakowitz f\u00fcr den Verein demokratischer \u00c4rztinnen und \u00c4rzte. Mit gewerkschaftlicher Arbeit haben alle zu tun, deshalb ist ihre Wahrnehmung f\u00fcr das, was in den Kliniken oder Pflegeheimen geschieht, noch einmal besonders gesch\u00e4rft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie arbeitet ihr? Wie war das zu Beginn der Berufst\u00e4tigkeit? Wie hat es sich mit den Jahren ver\u00e4ndert? Mit Fragen in diese Richtung beginnen einige der Interviews. Alle Gespr\u00e4che geben den Befragten Raum, ihre Arbeitssituation ausf\u00fchrlich darzustellen. Dar\u00fcber hinaus werden Entwicklungen aus der Sicht der Besch\u00e4ftigten an Krankenbett und OP-Tisch nacherz\u00e4hlt, konkret und plastisch genug, um die sich ergebenden Forderungen an Klinikleitungen und Politik zu verstehen. F\u00fcr viele der angeschnittenen Themen erweist sich das Format der Interviewsammlung als Vorteil: Wiederholungen sind zwar unvermeidbar, aber die verschiedenen Erfahrungen ergeben am Ende einen umfassenden Einblick in die Praxis der Krankenh\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Erkl\u00e4rt wird zum Beispiel die Personaluntergrenzenregelung, die bis in die Situation der aktuellen Pandemie ung\u00fcnstige Auswirkungen auf die Arbeitsbelastung hat. Denn de facto wird hier eine Notuntergrenze zum Ma\u00dfstab genommen f\u00fcr die Besetzung der Klinikabteilungen. Das f\u00fchrte zu Versetzungen, also zu einer Angleichung nach unten. Ausgenommen sind davon jene Krankenh\u00e4user, in denen h\u00f6here Sollzahlen tarifvertraglich erk\u00e4mpft wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Untergrenzenvorgabe, die seit Anfang 2020 f\u00fcr insgesamt acht Fachbereiche gilt, wurde aktuell aufgehoben &#8211; damit ist der Weg frei f\u00fcr noch weniger Pflegekr\u00e4fte an bestimmten Arbeitspl\u00e4tzen. Je nach den Priorit\u00e4ten der Pandemie im jeweiligen Krankenhaus k\u00f6nnen die Besch\u00e4ftigten umgesetzt werden. Weil Kolleginnen teils wegen eigener Ansteckung oder Quarant\u00e4ne ausfallen, zus\u00e4tzlich zum \u00fcblichen Krankenstand, w\u00e4chst der Stress weiter. Auch 12-Stunden-Dienste sind gesetzlich wieder m\u00f6glich, wenn sie auch nicht in jedem Haus genutzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Gespr\u00e4chen mit den Pflegekr\u00e4ften ging es auch darum, wie ehemalige Kolleginnen und Kollegen in den Beruf zur\u00fcckgeholt werden k\u00f6nnen. \u00bbDieses f\u00fcrchterlich Fabrikm\u00e4\u00dfige abschaffen als allererstes\u00ab, antwortet darauf Lilian Kilian, Krankenschwester in der Psychiatrie und Personalr\u00e4tin des Klinikums am Weissenhof in Baden-W\u00fcrttemberg. Kilian m\u00f6chte sich Patienten zuwenden k\u00f6nnen und ihre Arbeit schaffen. Das Gef\u00fchl, nach Hause zu gehen und zu wissen, dass man nicht alles getan habe, sei noch belastender als die ungen\u00fcgende Bezahlung. F\u00fcr die Personalr\u00e4tin hat sich in der Corona-Zeit gezeigt, dass es m\u00f6glich ist, planbare OPs zu verschieben. Zuvor h\u00e4tte es immer gehei\u00dfen \u00bbDas Bett darf nicht kalt werden\u00ab als Ausdruck f\u00fcr eine Taktung wie in der Fabrik. Als Beispiel nennt Kilian die vielen Linksherzkathetermesspl\u00e4tze in Deutschland, die in dieser H\u00e4ufung in keinem anderen europ\u00e4ischen Land zu finden seien. \u00bbDer Anreiz f\u00fcr die \u00fcberfl\u00fcssigen Eingriffe m\u00fcsste vermieden werden\u00ab. Dieser Anreiz wurde durch Fallpauschalen geschaffen, wie auch andere Beitr\u00e4ge in dem Band verdeutlichen. Mit dem aus Australien stammenden Abrechnungssystem wurden in der hiesigen Variante die Kliniken gezwungen, sich auf die profitabelsten Krankheiten auszurichten. Im Zuge dieser Entwicklung wurden massiv Pflegekr\u00e4fte eingespart, mit dem Resultat einer Arbeitsverdichtung f\u00fcr die verbliebenen Kollegen. Seit 2019 werden nun aber die Kosten f\u00fcr das Pflegepersonal nicht mehr im Rahmen der Fallpauschalen verg\u00fctet. Die Krankenkassen erstatten sie im Rahmen eines Pflegebudgets entsprechend dem individuellen Bedarf. Damit ist das System bereits angeschlagen, auch die \u00c4rzte streben an, dass ihre Verg\u00fctung aus den Pauschalen herausgenommen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Deutlich wird am Ende, dass nicht nur die Privatisierung der Krankenh\u00e4user und ihre Ausrichtung auf Profite eine l\u00e4ngere Vorgeschichte haben. Zugleich gab es Widerstand gegen das Vordringen von Marktlogiken in die Gesundheitsf\u00fcrsorge. Auch dieser Widerstand hat seine Geschichte, die aus Protestaktionen, Streiks und Organisierungsversuchen erwachsen ist. In den Interviews ist auch zu erfahren, wie schwierig es ist, Streiks in den Krankenh\u00e4usern zu organisieren, wenn Patienten nicht darunter leiden sollen, aber dennoch Druck auf das Management aufgebaut werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ulrike Henning<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbDieses f\u00fcrchterliche Fabrikm\u00e4\u00dfige abschaffen\u00ab Wie arbeitet ihr? &#8211; Das ist die verbindende Frage, die der Politologe (und fr\u00fchere Werkzeugbauer) Klaus Dallmer 14 Besch\u00e4ftigten aus dem&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[75],"tags":[],"class_list":["post-3244","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-markt-zerfrisst-gesundheitswesen-stimmen-aus-einem-zornigen-bereich"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3244","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3244"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3244\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8168,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3244\/revisions\/8168"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3244"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3244"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3244"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}