{"id":325,"date":"2015-03-19T18:12:48","date_gmt":"2015-03-19T17:12:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=325"},"modified":"2025-08-28T12:05:03","modified_gmt":"2025-08-28T10:05:03","slug":"graswurzelrevolution-nr-358-april-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/graswurzelrevolution-nr-358-april-2011\/","title":{"rendered":"&#8220;Graswurzelrevolution&#8221; Nr. 358, April 2011"},"content":{"rendered":"<p><strong>Erinnerung tut Not: Kronstadt 1921<\/strong><br \/>\n<strong>\u00dcberraschender Antibolschewismus in der jungen Welt<\/strong><br \/>\nWarum ein Buch \u00fcber Kronstadt? Ist hier nicht alles dokumentiert, alles gesagt? Ist es nicht linker Alltagsverstand, dass auf dem Marinest\u00fctzpunkt vor Petrograd 1921 keine Konterrevolution stattfand, sondern ein verzweifelter Kampf gegen die brutale Terrorherrschaft der Bolschewiki \u2013 und zwar mit dem Ziel einer echten R\u00e4tedemokratie?<!--more--><br \/>\nIn Manuel Kellners Einf\u00fchrung in den Trotzkismus (Reihe theorie.org, Schmetterling Verlag, 2004) ist jedenfalls zu lesen: \u201eEin tragischer [!] Tiefpunkt war das Jahr 1921 mit zahlreichen Protesten und Streiks und dem Aufstand von Kronstadt. Trotzki hat bis zum Ende seines Lebens f\u00fcr die Niederschlagung dieses Aufstands [dem es um was ging?] die politische Verantwortung \u00fcbernommen [wie heldenhaft!]. So wie die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Parteimitglieder damals [na dann!] war und blieb er der Meinung, dass die sowjetische Regierung bei Strafe des Untergangs dazu gezwungen war [die arme!]. Eine besondere pers\u00f6nliche Rolle als \u201aSchl\u00e4chter von Kronstadt\u2019 spielte Trotzki aller\u00addings nicht [na dann!]. Das ist eine urspr\u00fcnglich von anarchistischen Kreisen in die Welt gesetzte Legende.\u201c \u201eBlo\u00dfgestellt\u201c wird die anarchistische Legende durch einen pauschalen Verweis auf eine Sammlung von Texten Lenins, Trotzkis u.a. \u00fcber Kronstadt! Noch sch\u00f6ner wird es, wenn Georg F\u00fclberth in seinem Buch \u00fcber den \u201eSozialismus\u201c (Reihe \u201eBasiswissen\u201c, Papy Rossa Verlag, 2010) Kronstadt kein einziges Mal erw\u00e4hnt!<br \/>\nZum \u201eBasiswissen\u201c \u00fcber Sozialismus geh\u00f6rt allem Anschein nach anderes: \u201eEr\u201c, so F\u00fclberth res\u00fcmierend \u00fcber den Realsozialismus, \u201ehatte Leistungen [!] hervorgebracht und wies einige Vorz\u00fcge [gegen\u00fcber wem oder was?] auf, die ihn jedoch letztlich nicht auf Dauer in den Volksmassen verankern konnten.\u201c Dieses bl\u00f6de Volk aber auch!<br \/>\nVor dem Hintergrund solcher Publikationen sind Ver\u00f6ffentlichungen, die die Kronst\u00e4dter Ereignisse in Erinnerung rufen, leider alles andere als \u00fcberfl\u00fcssig. Andererseits: Wird eine Artikelserie aus der jungen Welt \u2013 hier erschien der Text Gietingers 1997 urspr\u00fcnglich \u2013 Aufkl\u00e4rendes bieten? Man halte seine Vorurteile zur\u00fcck und lese erst einmal. Und Gietinger stellt klar: \u201eDie gr\u00f6\u00dfte Revolte, der die bolschewistische Herrschaft je ausgesetzt war, hatte begonnen. Und sie kam von links.\u201c (41)<br \/>\nDas ist doch schon einmal erfrischend, und insgesamt \u00fcberrascht der nicht allzu lange Text durch eine konfrontative Schreibe und einen konsequenten Anti-Bolschewismus.<br \/>\nEinige Beispiele:<br \/>\n1.) \u201eTrotzki organisierte die Rote Armee, baute diese nach klassischem Vorbild auf: Dem preu\u00dfischen Kadavergehorsam. Dies bedeutete die R\u00fccknahme wichtiger \u201aErrungenschaften\u2019 der Revolution (Milizsystem, Wahl der Offiziere, Soldatenr\u00e4te) und war, wie die Zertr\u00fcmmerung der deutschen Novemberrevolution, konterrevolution\u00e4r.\u201c (14)<br \/>\n2.) \u201e\u201aArbeit, Disziplin, Ordnung werden die sozialistische Sowjetrepublik retten\u2019 hie\u00df der Titel von Trotzkis Vorschlag zur Militarisierung der ganzen russischen Gesellschaft. \u201aSozialismus ist uns Organisation, Ordnung und Solidarit\u00e4t\u2019, sagte der deutsche \u201aBolschewik\u2019, der \u201aMehrheits-Sozialdemokrat\u2019 Friedrich Ebert im Januar 1919 auf der Er\u00f6ffnung der Nationalversammlung. Hatte er von Trotzki abgeschrieben? Oder klangen beide nur so \u00e4hnlich, weil sie Freunde des deutschen Militarismus waren?\u201c (15)<br \/>\n3.) \u201eDas Land war nun praktisch im permanenten Aufstand gegen die st\u00e4dtische Herrschaft der Bolschewiki.<br \/>\nLenin ordnete am 6. August 1918 an, dass jeder Bauer, der mit der Waffe in der Hand angetroffen wurde, sofort zu erschie\u00dfen sei. Der deutsche \u201aMehrheitler\u2019 Gustav Noske (SPD) hat einen solchen Befehl gegen die deutschen Arbeiter erst im M\u00e4rz 1919 erteilt. Die Bolschewiki waren eben schneller.\u201c (19f.)<br \/>\nGietinger, f\u00fcr den Kronstadt den \u201eentscheidende[n] Wendepunkt der Russischen Revolution\u201c markiert (7), richtet gegen den Bolschewismus \u2013 \u201epreu\u00dfisch-bolschewistische[r] Kriegskommunismus\u201c (38) \u2013 jene analytische Polemik, wie sie im 19. Jahrhundert (nicht nur, aber vor allem) von anarchistischer Seite gegen Marx und den Marxismus insgesamt gerichtet wurde. Beispielsweise von Andr\u00e9 L\u00e9o, die Marx\u2019 Verhalten in den Auseinandersetzungen innerhalb der Ersten Internationale wie folgt analogisierte: \u201eW\u00e4hrend Bismarck allen zwischen Rhein und Oder den Kopf verdrehte und Wilhelm sich zum Kaiser kr\u00f6nte, k\u00fcrte sich Karl Marx zum Hohepriester der Internationale.\u201c<br \/>\nAuf das Verh\u00e4ltnis von Marx zu den Bolschewiki geht Gietinger leider nicht ein, aber wenige Bemerkungen sprechen daf\u00fcr, dass Gietinger Marx tendenziell als Libert\u00e4ren rezipiert.<br \/>\nSo hei\u00dft es \u00fcber die Kronst\u00e4dter: Sie \u201ewollten keinen Kapitalismus, kein Parlament und keinen freien Handel. Sie wollten Sozialismus, Marx\u2019 freie Assoziation der Produzenten\u201c (56f.).<br \/>\nMan k\u00f6nnte hinzuf\u00fcgen, dass jene Idee der \u201efreien Assoziation der Produzenten\u201c von einem Gro\u00dfteil der Internationale gerade gegen Marx\u2019 zentralistisch ausgerichtetes Konzept verteidigt wurde. Hatte Marx doch erkl\u00e4rt: \u201eDie Zukunft wird entscheiden, dass der Boden nur nationales Eigentum sein kann. Das Land an assoziierte Landarbeiter zu \u00fcbergeben, w\u00fcrde hei\u00dfen, die ganze Gesellschaft einer besonderen Klasse von Produzenten auszuliefern.\u201c<br \/>\nUnd sagten die Bolschewiki nicht: \u201eDie Belegschaftsangeh\u00f6rigen zu Besitzern zu machen, k\u00e4me einem Wechsel vom Privatkapitalismus zum Kollektivkapitalismus gleich, die kapitalistische Wirtschaftsordnung aber w\u00fcrde weiter bestehen bleiben. In unseren Putilow-Werken w\u00fcrden beispielsweise wenige Gro\u00dfaktion\u00e4re von einer gr\u00f6\u00dferen Anzahl Privilegierter abgel\u00f6st werden, die Privilegien als solche aber bestehen bleiben. Das w\u00e4re kleinb\u00fcrgerlicher Proudhonismus. Wir marxistischen Kommunisten wollen den Kapitalismus mit der Wurzel ausrotten. Land, Produktionsmittel, Bergwerke, Banken, Handelsunternehmungen, alles muss verstaatlicht werden, und die Z\u00fcgel des Staates m\u00fcssen in den H\u00e4nden der Kommunistischen Partei bleiben. So nur kann die marxistische Lehre von der Diktatur des Proletariats verwirklicht werden, ohne die es keinen Kommunismus gibt.\u201c<br \/>\nDass eine grunds\u00e4tzliche Differenz zwischen Marx und den Bolschewiki bestehe, was Gie\u00adtinger in einem im Anhang des Buches ver\u00f6ffentlichten Text (\u201eDas Missverst\u00e4ndnis\u201c) anhand der unterschiedlichen Positionierungen gegen\u00fcber der russischen Dorfgemeinde zu beweisen versucht, schl\u00e4gt m.E. fehl und Gietinger muss selbst konstatieren, dass Marx \u201e[n]icht unschuldig\u201c an der Politik der Bolschewiki sei (101). Und wenn bei Gietinger einmal vage von dem \u201evon Marx geerbte[n] Kommuneprinzip\u201c die Rede ist (28), welches die Bolschewiki aufgegeben h\u00e4tten, dann darf man ein wenig historische Konkretisierung gegen\u00fcber der Kommuneschrift von Marx erwarten, von der Arthur Rosenberg immerhin meinte: \u201eHier unterdr\u00fcckt er [Marx] vollkommen jede theoretische oder taktische Meinungsverschiedenheit, die er selbst mit den M\u00e4nnern der Kommune gehabt hatte. (\u2026) Theoretisch war dies ein teilweiser R\u00fcckzug des Marxismus vor dem Proudhonismus. (\u2026) Die Schrift von Marx \u00fcber den B\u00fcrgerkrieg von 1871 hat eine au\u00dferordentliche historische Bedeutung. Denn mit diesem k\u00fchnen Schritt annektierte Marx die Kommune f\u00fcr sich. Erst seitdem hat der Marxismus eine revolution\u00e4re Tradition vor den Augen der Menschheit.\u201c<br \/>\nAuch andere Stellen lassen sich kommentieren. So hei\u00dft es z.B.: \u201e\u201aDie Kommunisten haben sich die alte Taktik der Jesuiten \u201aVerleumdet, verleumdet, etwas bleibt ja vielleicht doch h\u00e4ngen\u2019 vorz\u00fcglich angeeignet\u2019, konstatierten die [Kronst\u00e4dter] Rebellen (Rosa Luxemburg, hatte schon 10 Jahre zuvor Trotzki \u00e4hnliches nachgesagt).\u201c (46)<br \/>\nJa, und AnarchistInnen haben dasselbe schon berechtigterweise Marx und Engels vorgeworfen, wie der gerade erschienene Band von Wolfgang Eckhardt \u00fcber den Konflikt zwischen Marx und Bakunin in der Internationale eindrucksvoll nachzeichnet (siehe Wolfgang Eckhardt: Michael Bakunin, Konflikt mit Marx, Teil 2, Karin Kramer Verlag 2011; siehe dazu die Rezension in dieser GWR).<br \/>\nGietingers Ausblenden dieser alten Streitereien f\u00fchrt ihn leider auch zu etwas fragw\u00fcrdigen Schlussfolgerungen, wenn er erkl\u00e4rt: \u201eBeide starken M\u00e4nner Russlands [Lenin\/Trotzki] waren Kinder des 19. Jahrhunderts, Freunde des Preu\u00dfentums, der Disziplin und des Autokratismus.\u201c (78f.)<br \/>\nAber das 19. Jahrhundert war doch nicht nur Disziplin und Autokratismus. Erst recht nicht innerhalb der sozialistischen Bewegung. Man lese die jetzt von Eckhardt zug\u00e4nglich gemachten Stellungnahmen aus den Reihen der anti-autorit\u00e4ren Fraktionen der Internationale \u2013 in denen immer die Freiheit im Mittelpunkt steht \u2013 und es scheint nicht \u00fcbertrieben, vielmehr den Sozialismus des 20. Jahrhundert als autorit\u00e4ren zu kennzeichnen und damit auch als \u2013 zumindest aus meiner Perspektive \u2013 ungeheuren R\u00fcckschritt gegen\u00fcber dem hoffnungsfrohen Treiben des 19. Jahrhunderts.<br \/>\nEtwas irritierend ist auch, wenn es bei Gietinger hei\u00dft: \u201eAlle wichtigen Revolutionen dieses Jahrhunderts wurden von meuternden Matrosen ausgel\u00f6st oder begleitet\u201c (22) Spanien 1936? Diese kritischen Anmerkungen sollen aber nicht davon ablenken, dass Gietingers Text durchaus gelungen ist und dies nicht nur, weil er keineswegs einer marxzentrierten Perspektive unterliegt. Wie selbstverst\u00e4ndlich wird da von \u201eder im Oktober 1917 weitgef\u00e4cherten Linken Russlands\u201c (55) gesprochen und Narodniki, AnarchistInnen und R\u00e4tekommunistInnen als Stichwortgeber der Ideen der Kronst\u00e4dter genannt (57).<br \/>\nDass, obwohl sich Gietinger auf vielerlei anarchistische Texte zu Kronstadt bezieht, er nirgendwo auf Volins Die unbekannte Revolution zu sprechen kommt, \u00fcberrascht. Volins Schrift, von der ein Teil unter dem Titel Der Aufstand von Kronstadt 2009 in zweiter Auflage im Unrast Verlag ver\u00f6ffentlicht wurde, sei allen Interessierten ausdr\u00fccklich ans Herz gelegt.<br \/>\nSo erstaunt man jedenfalls \u00fcber den k\u00e4mpferischen Text sein kann, so sehr stellt sich Ern\u00fcchterung ein, wenn man die teilweise \u2013 je nach Geschmack und Stimmung \u2013 l\u00e4cherlichen oder besch\u00e4menden LeserInnenbriefe liest, die auf Gietingers Ausf\u00fchrungen seinerzeit antworteten. \u201eWieder fordert mir ein Artikel\u201c, hei\u00dft es da z.B., \u201eder von Antibolschewismus\/Antikommunismus und Geschichtsf\u00e4lschungen strotzt und in einer Zeitung ver\u00f6ffentlicht wurde, die sich doch wohl radikal sozialistisch versteht, eine Geduldsprobe ab.<br \/>\nNichts steht dagegen, dass sich auch ein relativ junger Mensch mit Geschichte befasst. Nur dann sollte er wirklich einschl\u00e4gige Literatur bzw. Dokumente zu Rate ziehen. Zum Beispiel W. I. Lenins Darstellung der Kronst\u00e4dter Ereignisse. Oder ist Lenin nicht der kompetenteste [!] in dieser Frage? Lenin hat jedenfalls die Kronst\u00e4dter \u201adritte Revolution\u2019 klar als von wei\u00dfgardistischen Gener\u00e4len unter Ausnutzung von Unzufriedenheiten, auch Fehlern der Bolschewiki, beeinflusste kleinb\u00fcrgerliche Konterrevolution bezeichnet.\u201c (82)<br \/>\nDass auch der zust\u00e4ndige Chefredakteur Holger Becker allem Anschein nach durch die Ver\u00f6ffentlichung Probleme bekommen hat, macht die Sache nur noch bitterer. Dass dieser sich f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung aussprach, obwohl selbst anderer Meinung (7), verdient vielmehr Respekt und ist vorbildlich.<br \/>\nEtwas \u00e4rgerlich ist meines Erachtens nur Gietingers im Anhang ver\u00f6ffentlichte Rezension des Schwarzbuch des Kommunismus, wo \u00fcber Noltes \u201eselten d\u00e4mliche Herleitung\u201c der \u201eNazis als Folge des Kommunismus\u201c hergezogen (115) und der Herausgeber Courtois zum ehemaligen \u201eunangenehmen linksintellektuellen Dummschw\u00e4tzer\u201c erkl\u00e4rt wird, der \u201esich seit 1989 (\u2026) unter Beibehaltung\u201c einer \u201eborniert-dogmatischen Denkweise zu[m] unangenehmen rechtsintellektuellen Dummschw\u00e4tzer gewandelt\u201c h\u00e4tte (114). Mag alles sein, aber Rudolf Rocker war weder rechts noch dumm, als er Anfang der 1930er Jahre erkl\u00e4rte: \u201eEs muss \u00fcberhaupt hier klar ausgesprochen werden, dass der Sieg des Bolschewismus \u00fcber die russische Revolution der erste Auftakt der faschistischen Gegenrevolution in Europa gewesen ist.\u201c<\/p>\n<p><strong>Philippe Kellermann<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnerung tut Not: Kronstadt 1921 \u00dcberraschender Antibolschewismus in der jungen Welt Warum ein Buch \u00fcber Kronstadt? Ist hier nicht alles dokumentiert, alles gesagt? 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