{"id":327,"date":"2015-03-19T18:13:40","date_gmt":"2015-03-19T17:13:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=327"},"modified":"2025-08-28T12:05:02","modified_gmt":"2025-08-28T10:05:02","slug":"sozialistische-zeitung-soz-april-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/sozialistische-zeitung-soz-april-2011\/","title":{"rendered":"Sozialistische Zeitung (SoZ) April 2011"},"content":{"rendered":"<p><strong>90 Jahre Aufstand von Kronstadt\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/strong><br \/>\nVor 90 Jahren, am 16. M\u00e4rz 1921, attackierten 50 000 Rotarmisten unter General Tuchatschewski die Festung Kronstadt in der 14 000 Matrosen zusammen mit der Zivilbev\u00f6lkerung der Stadt, die &#8220;Dritte Revolution&#8221; gelebt hatten.<br \/>\nKronstadt gab einem Aufstand den Namen, der den Niedergang der Oktoberrevolution symbolisiert, wie kein anderer. Danach war die Sache gelaufen.<!--more--><\/p>\n<p>Ende 1920: Sieg der Roten Armee gegen die Wei\u00dfen Truppen. Doch das Land litt nicht nur unter den Folgen des Weltkrieges, des Diktates von Brest-Litowsk und des B\u00fcrgerkrieges. Das Land litt auch unter den chaotischen Verh\u00e4ltnissen des Kriegskommunismus. W\u00e4hrend die Abschaffung des Geldes nicht funktionierte, f\u00fchrte die Abschaffung der Wahl der Offiziere und der kollektiven Leitung, ja der R\u00e4te \u00fcberhaupt, von der Diktatur des Proletariats, zur Diktatur einer Partei. Der Oberste Volkswirtschaftsrat brachte keinen Plan zustande. Das Kommissariat f\u00fcr Versorgungsfragen konnte die Bev\u00f6lkerung weder kostenlos mit den G\u00fctern, noch mit Wohnungen versorgen. Die Industrieproduktion brach zusammen. Der Hunger stieg. Die Bauern sollten ihre \u00dcbersch\u00fcsse per Zwang abgeben.<br \/>\nUm das Getreide einzutreiben erkl\u00e4rten die Bolschewiki den D\u00f6rfern den Krieg, und belegten die Dorfgemeinschaften, meist Mittel- und Kleinbauern mit r\u00fccksichtslosem Terror. Eintreibungskommissionen verbreiteten Angst und Schrecken. Die Abgaben waren so hoch, dass den Bauern nichts blieb als zu verhungern.<\/p>\n<p>Kronstadt, die Petrograd vorgelagerte Festung, war voller Matrosen. Revolution\u00e4rer Matrosen. Schon 1901 g\u00e4rte es dort und im Revolutionsjahr 1905 waren sie mit dabei. Die b\u00e4uerlich-anarchistisch gepr\u00e4gten Matrosen mussten jedoch kapitulieren.<br \/>\nIm Februar 1917 fackelten die Kronst\u00e4dter nicht lange. Der Admiral der Flotte und zahlreiche Offiziere wurden hingerichtet. Der Ankerplatz entwickelte sich zu einer Art Freier Universit\u00e4t. Agrarkommunen wurden gegr\u00fcndet und \u201eAlle Macht den R\u00e4ten\u201c zum Grundsatz erhoben. Auch die Linken Sozialrevolution\u00e4re (LSR), die aus der Volkst\u00fcmlerbewe\u00adgung stammten, hatten viele Sympathien bei den Matrosen. Die wiederum Anweisungen der provisorischen Regierung unter dem rechten Sozialrevolution\u00e4r Kerenski einfach missachteten.<br \/>\nAls im Oktober 1917 die Bolschewiki zusammen mit den LSR die Macht eroberten, waren die Kronst\u00e4dter Matrosen ganz vorn mit dabei. Leo Trotzki titulierte sie als &#8220;Sch\u00f6nheit und Stolz der Revolution&#8221;.<br \/>\nDie Kronst\u00e4dter Matrosen k\u00e4mpften tapfer im nun folgenden B\u00fcrgerkrieg gegen die Wei\u00dfen, obwohl sie den autorit\u00e4ren F\u00fchrungsstil in Trotzkis Roter Armee nicht guthie\u00dfen.<br \/>\nDoch als dieser Krieg gewonnen war, \u00f6ffnete ihnen der Urlaub in die D\u00f6rfer ihrer Heimat die Augen. Die Unterdr\u00fcckung der Bauern machte sie w\u00fctend.<br \/>\nSie verlangten nun, da die Gefahr der Invasionen vor\u00fcber war, die R\u00fcckkehr zu den demokratischen Leitungsprinzipien in der Flotte.<\/p>\n<p>Als sich die Versorgungslage Ende Februar 1921 weiter verschlechterte, die Rationen radikal gek\u00fcrzt wurden, rebellierten zuerst die Arbeiter in Petrograd. Die Bolschewiki antworteten mit Aussperrung und Verhaftungen.<br \/>\nNun sprang der Funke auf Kronstadt \u00fcber. Die Mannschaften versammelten sich auf den Schlachtschiffen und verabschiedeten eine Resolution, deren Sprengkraft die der Panzerkreuzer bei weitem \u00fcberstieg.<br \/>\nInhalt: Neuwahlen der Sowjets, Pressefreiheit, Freiheit f\u00fcr die politischen Gefangenen aus den sozialistischen Parteien. Befreiung der Bauern aus der Abgabenpflicht, freies Handwerk ohne Ausbeutung. Doch sie forderten kein b\u00fcrgerliches Parlament, sondern sahen dies als \u00fcberholt an.<br \/>\nEine Versammlung am n\u00e4chsten Tag empfing die Abgesandten der Bolschewiki Kusmin und Kalinin mit milit\u00e4rischen Ehren, als diese aber von Konterrevolution sprachen und Unterwerfung verlangten, wurden sie festgenommen.<br \/>\nW\u00e4hrend die Kr\u00f6nst\u00e4dter einen neuen Sowjet w\u00e4hlten, eine Zeitung herausgaben, brach die Rebellion der Arbeiter in Petrograd zusammen. Mit importierten Lebensmitteln war es gelungen sie zu beruhigen.<br \/>\nTrotzki entschloss sich nun sofort die Rebellen anzugreifen.<br \/>\nDie forderten \u201eAlle Macht den Sowjets und nicht den Parteien\u201c, was immer wieder falsch wiedergegeben wird mit: \u201enicht den Bolschewiki\u201c.<br \/>\nMit solchen Feinheiten hielt sich Gregori Sinowjew, u. a. Vorsitzender des Petrograder Sowjets, nicht auf. Er drohte die Kronst\u00e4dter abzuknallen wie die Rebh\u00fchner. Doch das gelang f\u00fcrs erste nicht. Tuchatschewskis Truppen wurden auf dem Eis zur\u00fcckgeschlagen.<br \/>\nDie Kronst\u00e4dter glaubten nun, die Proletarier aller L\u00e4nder w\u00fcrden sich mit ihnen verb\u00fcnden, doch die bekamen nichts mit von deren Radiobotschaften. Es sei eine konterrevolution\u00e4rer Aufstand, von wei\u00dfen Generalen gef\u00fchrt, behauptete auch Lenin, widersprach sich aber in derselben Rede, indem er wusste, die Kronst\u00e4dter seien \u201evielleicht sogar auch `linker&#8217;,&#8221; als die Bolschewiki.<br \/>\nWas denn nun? Wei\u00dfgardisten oder Linksradikale? Und er unterstellte ihnen \u2013 wider besseres Wissen &#8211; sie wollten die Freiheit des Handels. Eben genau das, was er kurz darauf mit seiner Neuen \u00d6konomischen Politik einf\u00fchrte.<br \/>\nLenin nutzte die K\u00e4mpfe auch um auf dem 10. Parteitag die innerparteiliche Opposition zu zerschlagen. Er f\u00fchrte das Fraktionsverbot ein. Die damit belegten Bolschewiki dankten es ihm, indem sie sich freiwillig zum Kampf gegen Kronstadt meldeten.<br \/>\nAm 16.3. hatte Tuchatschewki schlie\u00dflich genug Truppen, meist Ahnungslose aus Asien, zusammen. Er lie\u00df die Festung angreifen. Nach schweren K\u00e4mpfen waren die Kronst\u00e4dter besiegt, einem Teil gelang die Flucht nach Finnland. Die anderen wurden exekutiert oder in die n\u00f6rdlichen Lager deportiert, wo die meisten elend umkamen. Die Revolutionierung der Revolution war erstickt. Einer der letzten Aufrufe der Kronst\u00e4dter lautete:<br \/>\n&#8220;Das Blut der Unschuldigen wird auf die H\u00e4upter machttrunkener und grausamer kommunistischer Fanatiker kommen. Es lebe die Macht der Sowjets!&#8221; Zumindest der erst Satz erf\u00fcllte sich. Alle leitenden Bolschewiki inklusive Trotzki, Sinowjew und Tuchatschewski wurden Opfer Stalins.<\/p>\n<p><strong>Klaus Gietinger<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>90 Jahre Aufstand von Kronstadt\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Vor 90 Jahren, am 16. 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