{"id":3337,"date":"2021-01-24T15:55:38","date_gmt":"2021-01-24T14:55:38","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3337"},"modified":"2025-08-28T21:12:24","modified_gmt":"2025-08-28T19:12:24","slug":"initial-berliner-debatte-nr-4-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2021\/01\/24\/initial-berliner-debatte-nr-4-2021\/","title":{"rendered":"&#8220;Initial &#8211; Berliner Debatte&#8221; Nr. 4 \/ 2021"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201e<strong>Publikationen von Wolfgang Ruge &#8230; nicht einmal ansatzweise untersucht\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>30 Jahre nach der Erstver\u00f6ffentlichung legt die Berliner Buchmacherei eine von Renate H\u00fcrtgen eingeleitete Neuausgabe der Studie des im April 1956 aus der Sowjetunion in die DDR zur\u00fcckgekehrten Wolfgang Ruge (1917\u20132006) als ein St\u00fcck \u201ewichtiger Zeitgeschichte\u201c (14) vor. Ruge untersucht im Buch u. a. folgende Themen: Chruschtschows Rede auf dem XX. Parteitag, \u00dcberkommenes aus dem vorherigen Jahrhundert, russische Wurzeln, strukturelle Ans\u00e4tze, Gewalt, Lenins Ohnmacht, den Beginn der Stalin-\u00c4ra, den klassischen Stalinismus, den Platz des Stalinismus in der Geschichte.<br><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wolfgang Ruge floh mit seinem \u00e4lteren Bruder Walter Ende 1933 vor der Verfolgung durch die Nazis in die UdSSR. Ihre Mutter traf einen Monat sp\u00e4ter in Moskau ein. Sie und ihr zweiter Ehemann arbeiteten in der Abteilung f\u00fcr Internationale Verbindungen (OMS), dem Nachrichtendienst der Komintern. Die in der \u201eEinleitung zur Neuausgabe\u201c verwendete Be zeichnung \u201eAuslandsabteilung\u201c (20) ist ebenso irref\u00fchrend wie die hier angegebene Datierung des \u201eGro\u00dfen Terrors\u201c, der nicht von 1936 bis 1938 w\u00e4hrte (18), sondern gem\u00e4\u00df Politb\u00fcrobeschluss im April 1937 begann und im November 1938 endete. Renate H\u00fcrtgen h\u00e4tte gut daran getan, die aus den \u201eSchwarzb\u00fcchern\u201c \u00fcbernommenen Opferzahlen anhand der in Russland publizierten Quellen zu \u00fcberpr\u00fcfen. So fielen den \u201eS\u00e4uberungen\u201c in der Roten Armee nicht 3000 (19), sondern 9597 Offizie\u00adre zum Opfer.1 Auch wenn es berechtigt ist, den Terror gegen die Eliten im Komintern-, im Partei- und Staatsapparat sowie in der Armeef\u00fchrung hervorzuheben, sollte der von Ruge thematisierte Terror gegen die Bev\u00f6lkerung \u2013 praktiziert im Rahmen der sogenannten \u201enationalen Operationen des NKWD\u201c \u2013 nicht aus dem Blick geraten. Der deutsche Historiker Marc Junge hat \u00fcber Jahre im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gef\u00f6rderten Projektes deren Verlauf, darunter in der Ukraine, dokumentiert und analysiert.2<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem \u00dcberfall Nazi-Deutschlands auf die UdSSR erfolgte die Deportation Wolfgang Ruges, inzwischen Sowjetb\u00fcrger deutscher Nationalit\u00e4t, nach Kasachstan. Hier wurde er in die \u201eArbeitsarmee\u201c eingezogen und musste bis 1954 auf verschiedenen Baustellen in Sibi\u00adrien schuften. Im Unterschied zu seinem Bruder Walter war er nie \u2013 wie H\u00fcrtgen irrt\u00fcmlich behauptet (17) \u2013 H\u00e4ftling in einem der Gulag-Lager. Wie sonst h\u00e4tte er im Fern\u00adstudium sein Diplom als Historiker verteidigen k\u00f6nnen? Darauf geht er in seiner 2003 publizierten Autobiographie, die sein Sohn Eugen Ruge 2012 unter Hinzuziehung neuer Texte erneut herausgab, ausf\u00fchrlich ein. Leider bricht Wolfgang Ruge seine Erinnerungen mit der Ankunft in der DDR und der Arbeit am Insti\u00adtut f\u00fcr Geschichte (IfG) der Deutschen Aka\u00addemie der Wissenschaften in Ostberlin ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Rezensenten haben hierauf zu Recht mit Bedauern hingewiesen. \u201eWie und um welchen Preis der Selbstverleugnung sich ein Mensch mit diesen Erfahrungen in die Gesellschaft und das wissenschaftliche Milieu der DDR integrieren konnte, wie etwa auch die sp\u00e4teren wissenschaftlichen Interessen mit der Lebens\u00adgeschichte zusammenh\u00e4ngen, dies w\u00fcrde der Leser doch gern erfahren\u201c, merkte z. B. der \u00d6sterreicher Peter Stachel an. \u201eHier, am Ende des Buches, erweist sich auch die konsequent eingehaltene Erz\u00e4hlperspektive im Pr\u00e4sens, die f\u00fcr dramatische Unmittelbarkeit sorgt, als Engf\u00fchrung. Mehr oder weniger ausf\u00fchrlich schildert Ruge seine damaligen Gedanken, doch im Hinblick auf seine sp\u00e4tere intellek\u00adtuelle Verarbeitung der gemachten Erfahrungen bel\u00e4sst er es bei allgemeinen Anmerkun\u00adgen.\u201c3<\/p>\n\n\n\n<p>Diese f\u00fcr die Entstehungsgeschichte des Buches relevante Leerstelle zu f\u00fcllen, h\u00e4tte gr\u00fcndlicher Recherchen bedurft. \u201eAlles deutet darauf hin\u201c, notiert H\u00fcrtgen, \u201edass Wolfgang Ruge Notizen und Textpassagen in der Schublade zu liegen gehabt haben muss, die es ihm erlaubten, in derart kurzer Zeit \u2013 es waren erst wenige Wochen nach dem Sturz von Erich Honecker vergangen \u2013 eine solche grunds\u00e4tz\u00adliche Kritik am Stalinismus zu verfassen\u201c (10). Leider bel\u00e4sst sie es nur bei einigen wenigen Andeutungen \u00fcber Ruges Jahre am IfG, die sie als Jahre der \u201einneren Verbannung\u201c umschreibt (14). Die knappen Bemerkungen sind nicht fehlerfrei. So ist u. a. von einem Historiker die Rede, der, bevor er die Leitung des Instituts \u00fcbernahm, Dozent an der Parteihochschule der SED gewesen war. \u201eEr l\u00f6ste damit jenes Personal ab, das sich als von der Partei nur \u201abegrenzt steuerbar\u2018 erwiesen hatte.\u201c (12) Diese Ausf\u00fchrungen sind mit einem Verweis auf einen Aufsatz des Historikers Martin Sabrow \u00fcber die DDR-Geschichte und ihre Zeithisto\u00adrie versehen. Nur trifft das oben Genannte weder auf Karl Obermann noch seinen Nachfolger Ernst Engelberg zu, der das IfG von 1960 bis 1969 leitete. Wenn einer der stellvertretenden Direktoren gemeint ist, k\u00e4me eigentlich nur G\u00fcnter Hortzschansky in Frage, doch dieser war zuvor nicht an der Parteihochschule, sondern am Institut f\u00fcr Gesellschaftswissen\u00ad schaften beim ZK der SED t\u00e4tig.<\/p>\n\n\n\n<p>Mario Ke\u00dfler, der mit zahlreichen Publi\u00adkationen \u00fcber die Geschichtswissenschaft in der DDR hervorgetreten ist, hatte die Frage aufgeworfen, ob bei den Historiker-Remigran\u00adten von einem gemeinsamen Fundus an Exilerfahrung gesprochen werden kann. Seine Antwort m\u00fcndete in eine von Pauschalisierungen freie Untersuchung \u201everschiedener kultu\u00adreller Exilerfahrungen\u201c, denn eine allen gemeinsame Erfahrung des Exils gab es nach Meinung des Historikers nicht.4 Symptomatisch war, so Ke\u00dfler, dass sich keiner von ihnen der Geschichte der sozialistischen Staatengemein\u00adschaft zuwandte. Bei Wolfgang Ruge ging dies sogar so weit, dass er seinem Sohn empfahl, sich von den Gesellschaftswissenschaften und der SED fernzuhalten und Mathematik zu studieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl die in der DDR erschienenen Publikationen von Wolfgang Ruge \u00fcber die Geschichte und die Akteure der Weimarer Republik, \u00fcber die Wechselbeziehungen zwischen Massen und historischen Pers\u00f6nlichkeiten, als auch der zwischen 1995 und 1996 entstande\u00adne Vorlesungszyklus \u00fcber Lenin5 werden von Renate H\u00fcrtgen nicht einmal ansatzweise untersucht. Ruge und seine Kollegen, schreibt sie unter Berufung auf Mario Ke\u00dfler, waren \u201eim Gro\u00dfen und Ganzen eins mit der Linie der SED und stellten deren Herrschaft \u00fcber Politik und Wissenschaft nie prinzipiell in Frage\u201c (13).<\/p>\n\n\n\n<p>Hinweise auf die seit 1985 in der UdSSR unter \u00d6konomen, Philosophen und Historikern gef\u00fchrten Debatten \u00fcber die politische und wirtschaftliche Entwicklung der UdSSR und die von Wolfgang Ruge \u201edank seiner quasi muttersprachlichen Russischkenntnisse\u201c6 (31) systematisch ausgewertete russischsprachige Literatur sucht man in der \u201eEinleitung zur Neuausgabe\u201c vergeblich. Die von Walter Ruge zitierten Passagen aus den Schriften des aus\u00adgeb\u00fcrgerten Philosophen Nikolaj Berdjajew, der Menschewiki Fjodor Dan und Julij Martow, des in den Moskauer Schauprozessen ver\u00adurteilten Nikolai Bucharin, Grigori Sinowjew und Lew Kamenew (er wurde nicht 1938, sondern bereits 1936 erschossen), um nur einige herauszugreifen, finden sich auch in den von Wolfgang Ruge verfassten Vorlesungen \u00fcber Lenin. Ruge arbeitete mit der f\u00fcnften Ausgabe der Werke Lenins und hatte die in der DDR nicht auf die Postzeitungsliste gesetz\u00adte Zeitschrift \u201eIswestija ZK KPSS\u201c (Nachrich\u00adten des ZK der KPdSU) zur Hand, in der von Januar 1989 bis zur Einstellung der Zeitschrift im August 1991 regelm\u00e4\u00dfig neue Archivdoku\u00admente und Materialien der vom Politb\u00fcro des ZK der KPdSU eingesetzten Rehabilitierungs\u00adkommission ver\u00f6ffentlicht wurden. Hier w\u00e4ren Anmerkungen der Herausgeber, f\u00fcr die sich der Verlag entschieden hat, sinnvoll. Unl\u00e4ngst wurde bekannt, dass Andrej Wyschinski, der Ankl\u00e4ger in den Moskauer Schauprozessen, 1954 als Botschafter der UdSSR bei der UNO Selbstmord beging. Die Erg\u00e4nzung h\u00e4tte gut auf Seite 88, wo von Wyschinski die Rede ist, gepasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den ersten Reaktionen des zentralen Parteiapparates der SED auf diese in der sow\u00adjetischen Tagespresse, in Literatur- und Fach\u00adzeitschriften gef\u00fchrten Debatten geh\u00f6rte die im November 1987 vorgelegte Brosch\u00fcre \u201eDie Geschichte der KPdSU \u2013 ein nie versiegender Quell revolution\u00e4rer Erfahrungen im Kampf f\u00fcr Frieden und Sozialismus. Handreichung f\u00fcr den Lehrgang \u201aGeschichte der KPdSU\u2018\u201c. F\u00fcr die an der Sprachbarriere scheiternden SED-Genossen wurden \u201eInformationen \u00fcber den bisherigen Verlauf der Diskussionen in der UdSSR zur Entwicklung der Geschichtswissen\u00adschaft und zur Bewertung einzelner historischer Ereignisse, Prozesse und Pers\u00f6nlichkeiten\u201c erarbeitet.7 (In diesem Zusammenhang ist auf das Fehlen eines Verzeichnisses der von Ruge ausgewerteten Literatur in russischer Sprache hinzuweisen. Es h\u00e4tte sowohl zur Handhab\u00adbarkeit des B\u00e4ndchens als auch zum Verst\u00e4nd\u00adnis des theoretischen R\u00fcstzeugs bei der Ana\u00adlyse des Herangehens an das Thema Stalinismus beigetragen.)<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade die (von H\u00fcrtgen nicht aufgegrif\u00adfenen) \u00dcberlegungen, so Mario Ke\u00dfler mit Blick auf die von Ruge w\u00e4hrend seiner T\u00e4tigkeit am IfG verfassten Biographien, \u201ebezogen sich auch auf die zweite Gro\u00dfdiktatur, deren Aus\u00adwirkungen er am eigenen Leibe versp\u00fcren musste\u201c.8 Auch in diesem Punkt bleibt H\u00fcrtgen weit hinter der 2001 von Ke\u00dfler publizierten Skizze \u00fcber Ruge9 in dessen Studie \u00fcber re\u00admigrierte Historiker in der fr\u00fchen DDR zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass H\u00fcrtgen das wichtige und in den letzten Jahren diskutierte Thema \u201eVerordnetes Schweigen\u201c \u00fcber das Exil in der UdSSR auf\u00adgreift, ist mit Blick auf die Arbeit des Histori\u00adkers Wolfgang Ruge eher irre- als zielf\u00fchrend. Eugen Ruge, der 1954 in der Sowjetunion ge\u00adborene Sohn des Historikers, und Mario Ke\u00dfler, der Wolfgang Ruge im Juli 1997 inter\u00adviewte, haben darauf hingewiesen, dass er im Familienkreis und unter Kollegen sehr wohl \u00fcber das in der Sowjetunion Erlebte gesprochen hatte. Anders als viele seiner Leidensgef\u00e4hrten im sowjetischen Exil hat er das Schweigege\u00adl\u00fcbde nicht akzeptiert. Auflagen, so betonte Wolfgang Ruge immer wieder, sind ihm durch SED-Funktion\u00e4re nicht erteilt worden. Er selbst entschied, wor\u00fcber er \u201e\u00f6ffentlich\u201c sprechen wollte und wor\u00fcber nicht. In mancher Bezie\u00adhung, notierte sein Sohn Eugen, muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, ein \u201eBlatt vor den Mund\u201c10 genommen zu haben. \u00dcber die Zeit als Gefangener sprach er weniger, daf\u00fcr mehr \u00fcber die hieraus abgeleiteten Schlussfolgerungen. Die Wandlung des Akademikers Wolfgang Ruge vom Zeitzeugen zum Analysten des Stalinismus ist das eigentliche interessante, von H\u00fcrtgen leider ausgeblendete Thema.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits 1955 brachte Wolfgang Ruge in einem Gespr\u00e4ch mit seiner Mutter die \u201eLager\u00aderfahrung\u201c auf den Punkt: Stalin sei der gr\u00f6\u00df\u00adte Kommunistenm\u00f6rder aller Zeiten. Auf dieses Gespr\u00e4ch weisen H\u00fcrtgen (20) und Eugen Ruge11 hin. Nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 trat Wolfgang Ruge f\u00fcr den ent\u00adschiedenen Bruch mit dem Stalinismus ein. In den ersten Jahren nach seiner R\u00fcckkehr verglich er die DDR immer mit der UdSSR unter Stalin, schreibt Mario Ke\u00dfler.12 In den achtziger Jah\u00adren, berichtet Eugen Ruge, begann er \u201einsgeheim seine Erinnerungen aufzuschreiben\u201c.13 Den 1980 von Spitzeln des MfS verfassten Berich\u00adten ist zu entnehmen, was der Vater \u2013 direkt oder in Anspielungen \u2013 in der Parteiorganisa\u00adtion ansprach.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits w\u00e4hrend einer 1991 stattgefundenen Buchvorstellung von \u201eStalinismus \u2013 eine Sack\u00adgasse im Labyrinth der Geschichte\u201c in der Berliner Stadtbibliothek und in den von Heinz Niemann 1989\/90 an der Humboldt-Univer\u00adsit\u00e4t gehaltenen \u201eVorlesungen \u00fcber den Stali\u00adnismus\u201c14 wurde Kritik an einigen Ausf\u00fchrun\u00adgen von Ruge laut. Vor allem seine Versuche, den Stalinismus auf Stalins Lebenszeit zu be\u00adgrenzen und die DDR als Beispiel f\u00fcr einen besseren Sozialismus zu verteidigen, wurden in der auf die Vorstellung folgenden Diskussion zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ruge argumentierte als Historiker, er trat im Unterschied zu Wirtschaftswissenschaftlern und Politologen, die Heinz Niemann in seinen Vorlesungen zu Wort kommen lie\u00df, mit dem Anspruch auf, die Frage, \u201ewer Stalin die Knu\u00adte in die Hand gab\u201c, zu beantworten. Der Ver\u00adsuch, Lenin aus der Stalinismus-Diskussion herauszuhalten, war damals unter der Partei\u00adlinken in der PDS (Partei des <em>demokratischen <\/em>Sozialismus) (14) verbreitet. Gegen diese Blockade schrieb Ruge an. Sein Anliegen, formulierte er, \u201ebesteht vielmehr darin, den Anf\u00e4ngen des zur Wirklichkeit Gewordenen im Gestr\u00fcpp der Vergangenheit nachzusp\u00fcren\u201c (51). \u201eErstaunlicherweise schenkt Ruge den \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnissen keine Beachtung;\u201c, notiert H\u00fcrtgen, \u201edie gro\u00dfen Industrialisierung-und Urbanisierungsoffensiven in der \u00c4ra Stalins werden nicht zur Charakterisierung dieser Zeit herangezogen\u201c (34). Dies trifft zu, nur hatten sich andere Kritiker zu diesem Thema ausf\u00fchrlich ge\u00e4u\u00dfert. Hier sei lediglich auf Michael Bries Ende 1989 entwickeltes und im Januar 1990 publiziertes Konzept, den Niedergang des stalinistischen Systems aus reproduktionstheoretischer Sicht zu erkl\u00e4ren, hingewiesen.15 Im ersten Kapitels erl\u00e4utert Ruge seinen Zugang, der nicht die \u201e\u00f6konomi\u00adsche Dominanz allen Geschehens\u201c zum Aus\u00adgangspunkt hat (48).<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re erhellend, Ruges Platz in der \u201earbeitsteiligen Kritik\u201c am Stalinismus in den 1980er Jahren herauszuarbeiten. Damals kur\u00adsierten die Texte der in der Humboldt-Uni\u00adversit\u00e4t am \u201eSozialismus-Projekt\u201c beteiligten Intellektuellen, sie wurden seit 1989 in der vom Dietz-Verlag herausgegebenen Reihe \u201eSozialis\u00admus in der Diskussion\u201c publiziert.16 Wie Eber\u00adhard Fromm, der in seiner ebenfalls 1991 ver\u00f6ffentlichten Brosch\u00fcre \u201eDer Kult der gro\u00dfen M\u00e4nner\u201c17 mit Fragen an Marx hervor\u00adtrat, interessierte sich Ruge f\u00fcr die Rolle des Partei-Apparates, der Stalin hervorgebracht hatte. Damit ging ein Tabubruch einher, den Ruge in die bereits erw\u00e4hnte Frage \u201eWer gab Stalin die Knute in die Hand?\u201c kleidete. Eine fundierte Kritik am Stalinismus war ohne Kritik an Lenin und dessen auf dem II. Partei\u00adtag durchgesetzten Konzept der \u201ePartei neuen Typus\u201c nicht m\u00f6glich. Diesen Nachweis legte Ruge mit \u201eStalinismus \u2013 eine Sackgasse im Labyrinth der Geschichte\u201c vor. Das zeichnet ihn gegen\u00fcber den anderen Ende der 1980er Jahre in der DDR unternommenen Versuchen aus, sich der Kl\u00e4rung des damals inflation\u00e4r verwendeten Begriffs zu n\u00e4hern. \u00ad<\/p>\n\n\n\n<p>Anmerkungen<\/p>\n\n\n\n<p>1 Oleg Fedotovi\u010d Suvenirov: Tragedija RKKA 1937\u20131938. Moskva: Terra 1998, S. 137.<\/p>\n\n\n\n<p>2 Marc Junge: \u201e\u010cerez trupy vraga na blago naroda.\u201c Kulackaja operacija v Ukrainskoj SSR 1937\u20131941 gg. V dvuch tomach. Moskva: Rossp\u0117n 2010.<\/p>\n\n\n\n<p>3 https:\/\/www.hsozkult.de\/publicationreview\/id\/ reb-5232 (Abruf: 27.08.2020).<\/p>\n\n\n\n<p>4 Mario Ke\u00dfler: Exil und Nach-Exil. Vertriebene Intellektuelle im 20. Jahrhundert. Hamburg: VSA 2002, S. 190.<\/p>\n\n\n\n<p>5 Wolfgang Ruge: Lenin. Vorg\u00e4nger Stalins. Berlin: Matthes &amp; Seitz 2010.<\/p>\n\n\n\n<p>6 Wolfgang Ruges Mutter Charlotte Baumgarten war Deutsche, sie musste, wie ihre S\u00f6hne, die russische Sprache im \u201eGastland\u201c erlernen. Siehe hierzu: Eugen Ruge: Metropol. Roman. Hamburg: Rowohlt 2019.<\/p>\n\n\n\n<p>7 Information Teil I und Teil II, erarbeitet vom Institut f\u00fcr Internationale Arbeiterbewegung der Akademie f\u00fcr Gesellschafts-wissenschaften beim ZK der SED im August 1988.<\/p>\n\n\n\n<p>8 Mario Ke\u00dfler: Exilerfahrung in Wissenschaft und Politik. Remigrierte Historiker in der fr\u00fchen DDR. Mit einem Vorwort von Georg G. Igger (Zeithistorische Studien, 18). K\u00f6ln, Weimar, Wien: B\u00f6hlau 2001, S. 308.<\/p>\n\n\n\n<p>9 Ebd., S. 301-310.<\/p>\n\n\n\n<p>10 Eugen Ruge: Sp\u00e4ter Anlauf. In: Wolfgang Ruge: Lenin. Vorg\u00e4nger Stalins. Berlin: Matthes &amp; Seitz 2010, S. 9.<\/p>\n\n\n\n<p>11 Eugen Ruge: Nachwort. In: Wolfgang Ruge: Ge\u00ad lobtes Land. Meine Jahre in Stalins Sowjetunion. Hamburg: Rowohlt 2012, S. 432.<\/p>\n\n\n\n<p>12 Mario Ke\u00dfler, a.a.O., S. 306.<\/p>\n\n\n\n<p>13 Eugen Ruge: Sp\u00e4ter Anlauf, a.a.O., S. 9.<\/p>\n\n\n\n<p>14 Heinz Niemann: Vorlesungen zur Geschichte des Stalinismus. Berlin: Dietz 1991.<\/p>\n\n\n\n<p>15 Michael Brie: Wer ist Eigent\u00fcmer im Sozialismus? Philosophische \u00dcberlegungen. Berlin: Dietz 1990.<\/p>\n\n\n\n<p>16 Studie zur Gesellschaftsstrategie. Sozialismus in der Diskussion. 1. Berlin: Dietz 1989; Texte zu Politik, Staat, Recht. Sozialismus in der Diskus\u00ad sion. 2. Berlin: Dietz 1990.<\/p>\n\n\n\n<p>17 Eberhard Fromm: Der Kult der gro\u00dfen M\u00e4nner. Berlin: Dietz 1991.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00ad \u00ad<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201ePublikationen von Wolfgang Ruge &#8230; nicht einmal ansatzweise untersucht\u201c 30 Jahre nach der Erstver\u00f6ffentlichung legt die Berliner Buchmacherei eine von Renate H\u00fcrtgen eingeleitete Neuausgabe der&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[73],"tags":[],"class_list":["post-3337","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-stalinismus-eine-sackgasse-im-labyrinth-der-geschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3337","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3337"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3337\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8189,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3337\/revisions\/8189"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3337"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3337"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3337"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}