{"id":3342,"date":"2021-01-24T21:50:01","date_gmt":"2021-01-24T20:50:01","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3342"},"modified":"2025-08-28T21:12:23","modified_gmt":"2025-08-28T19:12:23","slug":"nd-v-9-10-1-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2021\/01\/24\/nd-v-9-10-1-2021\/","title":{"rendered":"&#8220;nd&#8221; v. 9.\/10. 1. 2021"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Vierzig Jahre Schweigen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Linke Mythen bremsen eine Aufarbeitung der DDR-Geschichte<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Von Renate H\u00fcrtgen<\/p>\n\n\n\n<p>Namentlich zu \u00bbrunden\u00ab Jahrestagen leben im offiziellen Mainstream zahlreiche Mythen der Erinnerung an die DDR und die demokratische Revolution vom Herbst 1989 auf. Es sind die Erz\u00e4hlungen der \u00bbGeschichte vom guten Ende\u00ab, sie berichten von einem Sieg des \u00bbGuten \u00fcber das B\u00f6se\u00ab. Diese b\u00fcrgerlichen Mythen klischieren die Geschichte von einem normativen Endpunkt aus, n\u00e4mlich der Bundesrepublik als vermeintlich bester aller Welten.<\/p>\n\n\n\n<p>Solchen Geschichtserz\u00e4hlungen entgegenzutreten und etwa richtigzustellen, dass die deutsche Einheit nicht als eine zu sich selbst kommende Prophezeiung zu verstehen ist, war und bleibt wichtig f\u00fcr eine linke Geschichts- und Erinnerungsarbeit. Doch darf dar\u00fcber nicht die Notwendigkeit einer eigenen kritischen Auseinandersetzung mit der UdSSR und den innerhalb ihres Imperiums entstandenen osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern aus dem Blick geraten &#8211; eben auch der DDR.<br><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Leider ist eine solche konsequente Aufarbeitung nach 1989 schnell in den Hintergrund geraten. Oft greift in der Linken wieder die Logik des Kalten Krieges mit ihren altbekannten Fronten. Eine eigenst\u00e4ndige, emanzipatorische Kritik an der DDR tritt dabei hinter der Abwehr solcher pauschaler Abwertungen zur\u00fcck. Eine solche Verteidigungshaltung erschwert aber nicht nur die schonungslose linke Aufarbeitung der eigenen Geschichte, sondern verzichtet auch darauf, die DDR-Gesellschaft in ihrer ganzen Widerspr\u00fcchlichkeit zu beschreiben. Am Ende zieht sich auch diese Haltung auf Halbwahrheiten zur\u00fcck und l\u00e4sst Legenden entstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel ist die Situation von Frauen in der DDR. Von der hohen Erwerbsarbeitsquote wird in gerader Linie auf einen selbstbewussteren und emanzipierteren Alltag als im Westen geschlossen. Wie aber w\u00fcrde ein Vergleich der arbeitenden DDR-Frau mit der arbeitenden Westfrau ausfallen? Welche Folgen hatte das Fehlen einer Frauenbewegung in der DDR? Kann ein Verst\u00e4ndnis von Emanzipation, das auf Erwerbst\u00e4tigkeit und \u00bbVater Staat\u00ab baute, uns heute gen\u00fcgen?<\/p>\n\n\n<h3 class=\"has-normal-font-size wp-block-heading\" id=\"die-erzaehlung-vom-guten-beginn\">Die Erz\u00e4hlung vom guten Beginn<\/h3>\n\n\n<p>Nach wie vor verbreitet sind auch zahlreiche Mythen \u00fcber die Lage der arbeitenden Klasse in der DDR, der eine gro\u00dfe Machtf\u00fclle unterstellt und auf deren vergleichsweise stressfreie Arbeit gern verwiesen wird. Im Sinn einer &#8211; berechtigten &#8211; Kritik an heutigen Arbeitsregimes greifen auch Linke diese M\u00e4r auf. Doch bleibt dann unerw\u00e4hnt, dass diese Arbeit acht und eine Dreiviertelstunde dauerte, dass Stillstandszeiten zerm\u00fcrbten und die nicht selten maroden Produktionsmittel die Arbeit unertr\u00e4glich machten, w\u00e4hrend es keine unabh\u00e4ngigen Gewerkschaften gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere Legende, die mit einem besonderen Tabu belegt ist und als wei\u00dfer Fleck linker Historiografie gelten muss, ist nun die Erz\u00e4hlung vom \u00bbguten Anfang\u00ab der DDR-Geschichte. Der Schwung der \u00bbAufbaugeneration\u00ab wird beschrieben, die darangegangen sei, ein besseres Deutschland zu schaffen. Tats\u00e4chlich hatte diese Stimmung der Nachkriegszeit, die nicht nur in Deutschland Ausdruck des damaligen Aufschwungs der Arbeiterbewegung gewesen ist, auch die Gr\u00fcnderinnen und Gr\u00fcnder der DDR erfasst. Diese kamen vor allem aus der Sowjetunion, der Westemigration, aus Gef\u00e4ngnissen und Lagern der Nazis sowie aus dem Widerstand. Was aber waren das f\u00fcr Menschen? Was lag hinter ihnen? Mit welchen Ideen und Haltungen traten sie ihre F\u00fchrungspositionen im 1949 gegr\u00fcndeten Staat an?<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Gruppe der \u00bbR\u00fcckkehrer\u00ab aus der UdSSR kam 1945, eine zweite Gruppe zwischen 1947 und 1949 in die SBZ\/DDR. Diese beiden Gruppen besetzten bald die f\u00fchrenden Positionen in Partei, Polizei, im Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit und &#8211; nicht zu vergessen &#8211; in den Medien der jungen DDR. Zugleich betrieben diese rund 500 kommunistischen Remigranten, zu deren Umfeld etwa 250 Frauen und Kinder z\u00e4hlten, von allen aus Exil, Konzentrationslagern oder dem Untergrund Gekommenen am energischsten die Stalinisierung von Partei und Gesellschaft. Ihr Motto formulierte Hermann Matern so: \u00bbWir alle wollen gute und ernste Sch\u00fcler Stalins sein, und wir werden keine Anstrengung scheuen, Stalinisten zu werden.\u00ab Die \u00bbMoskauer\u00ab, unter ihnen vor allem Funktion\u00e4r*innen der KPD, die die Moskauer \u00bbS\u00e4uberungen\u00ab von Stalins Gnaden \u00fcberlebt hatten, sollten kraft Stalins Unterst\u00fctzung den f\u00fcr die Entwicklung in der SBZ\/DDR ausschlaggebenden politischen Raum bald vollst\u00e4ndig besetzt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich als kommunistischer Remigrant von denjenigen \u00bbMoskauern\u00ab absetzen wollte, die bedingungslos den Aufbau einer Partei und einer Gesellschaft nach sowjetischem Vorbild betrieben, dem blieb nichts anderes \u00fcbrig, als sich schnellstens, bevor er verhaftet werden konnte, Richtung Westen abzusetzen. Wer von den \u00bbR\u00fcckkehrern\u00ab seine Kritik an Stalins Verbrechen und sein Wissen um den Verrat an deutschen Genoss*innen zu laut ausposaunte, wurde \u00bbentfernt\u00ab. Es hatte seine Logik, dass die Zweifler am Vorbild Stalin, aber auch diejenigen Antifaschist*innen, die an einen sogenannten eigenst\u00e4ndigen deutschen Weg glaubten, schnellstens verdr\u00e4ngt werden mussten. Galt es doch, die Reihen im Kampf gegen alle Nicht-Stalinisten zu schlie\u00dfen. Die Feinde der \u00bbMoskauer\u00ab waren der \u00bbTitoismus\u00ab, der \u00bbSozialdemokratismus\u00ab, der Trotzkismus, der Anarchismus, der \u00bbObjektivismus\u00ab und so weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Jahre der physischen, politischen und moralischen Vernichtung von Linken aller Couleur in der fr\u00fchen DDR bilden ein bitteres und weitgehend vergessenes Kapitel in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Ebenso bleibt der uns\u00e4gliche Machtkampf, den die kommunistischen Sowjetr\u00fcckkehrer gegen ihre eigenen kommunistischen Genoss*innen aus deutschen Konzentrationslagern und Gef\u00e4ngnissen f\u00fchrten, die sich nach 1945 in Antifaaussch\u00fcssen organisieren wollten, ein immer noch wenig bekanntes Drama.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab wohl keinen und keine unter diesen fr\u00fchen \u00bbR\u00fcckkehrern\u00ab, der oder die die \u00bbS\u00e4uberungen\u00ab, also Inhaftierungen, Verbannungen und Hinrichtungen in der UdSSR nicht miterlebt hatte. Die meisten hatten dabei enge Kolleg*innen und Genoss*innen verloren, viele auch nahe Angeh\u00f6rige. Und nicht selten waren sie in diesem Chaos von Angst, Schweigen und Verrat selbst zu \u00bbT\u00e4tern\u00ab geworden. In den Jahren im \u00bbgelobten Land\u00ab hatten sie gelernt, ihre Treue zur Partei unter Beweis zu stellen und ungeachtet aller \u00bbVorg\u00e4nge\u00ab kein Widerwort fallen zu lassen. Und zu schweigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dieses Schweigen gr\u00fcndete sich die Identit\u00e4t der DDR, und zwar vierzig Jahre lang. Als in den 1950er Jahren weitere kommunistische Antifaschist*innen endlich aus Stalins Lagern dorthin entlassen wurden, war das Schweigegebot \u00fcber erlittenes Leid in der Sowjetunion, das ihnen die Partei verordnete, die Voraussetzung daf\u00fcr, von ihr aufgenommen zu werden und das Privileg einer Funktion im neuen Staat zu bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der im Jahr 2019 erschienene Film \u00bbUnd der Zukunft zugewandt\u00ab des ostdeutschen Regisseurs Bernd B\u00f6hlich beschreibt all das sehr eindrucksvoll: Im Fr\u00fchjahr 1952 kommen drei Frauen, darunter Antonia Berger mit ihrer schwer kranken Tochter, aus der UdSSR in die DDR. Sie hatten 14 Jahre in Workuta gesessen, jenem Bergwerk-Straflager n\u00f6rdlich des Polarkreises, das Alexander Solschenizyn den \u00bbMittelpunkt der H\u00f6lle\u00ab genannt hat. Als Kommunistinnen werden die drei von der Parteileitung von F\u00fcrstenberg begr\u00fc\u00dft &#8211; und sogleich zum Schweigen \u00fcber all diese Erlebnisse verpflichtet. Antonia Berger, die Hauptfigur des Films, hadert zun\u00e4chst damit, doch dann schweigt sie &#8211; bis an ihr Lebensende. Von Swetlana Sch\u00f6nfeld, deren Mutter Betty die reale Person hinter der fiktiven Antonia Berger ist, erfahren wir, dass die Lagerzeit tats\u00e4chlich wie ein Familiengeheimnis geh\u00fctet und nicht nur vor den Kindern verheimlicht wurde. \u00bbDas Schweigen der Mutter\u00ab ist ein Interview mit der Tochter von 2019 \u00fcberschrieben.<\/p>\n\n\n<h3 class=\"has-normal-font-size wp-block-heading\" id=\"von-nichtssagen-bis-leugnen\">Von Nichts-Sagen bis Leugnen<\/h3>\n\n\n<p>Viele Kinder dieser ersten \u00bbR\u00fcckkehrer\u00ab hatten in den eigens f\u00fcr sie gedachten sowjetischen Kaderschulen einen Geist des Gehorsams und eben des Schweigens gelehrt bekommen. Sie, von denen Jahre sp\u00e4ter ebenfalls einige zur F\u00fchrungselite der DDR geh\u00f6rten, hatten die Verhaftungen von V\u00e4tern und M\u00fcttern, Nachbarn und Freunden erlebt, aber nie Gelegenheit gehabt, \u00fcber diese traumatisierenden Kindheitserlebnisse zu erz\u00e4hlen. Wie sind sie mit dieser Last umgegangen? Markus Wolf, der sp\u00e4tere Generaloberst und Leiter der Hauptabteilung Aufkl\u00e4rung des Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit, der als Sohn des Schriftstellers Friedrich Wolf viele Jahre erst in Moskau, dann in Engels mit Lotte Rayss zusammenlebte, hatte offensichtlich verdr\u00e4ngt, was seiner damaligen Kinderfrau und Geliebten des Vaters geschehen war. Als er 1993 die dann 81-J\u00e4hrige bat, ihm zu sagen, was damals tats\u00e4chlich passiert sei, wies diese das Ansinnen emp\u00f6rt zur\u00fcck. Sie kann und will nicht glauben, dass ihr Ziehsohn das alles vergessen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Umgang mit dem Schweigegebot hatte viele Varianten. Diese reichten vom einfachen Nichts-Sagen in Parteiversammlungen oder am Arbeitsplatz bis zur \u00f6ffentlichen Leugnung eigener Hafterfahrungen in Stalins Lagern. Aber am Ende schwiegen sie alle. Es schwiegen \u00bbdie Moskauer\u00ab wie die Sp\u00e4tr\u00fcckkehrer; es schwiegen auch die Spanienk\u00e4mpfer \u00fcber Stalins Verrat, es schwiegen die aus den KZ Befreiten, als nach 1945 in der SBZ\/DDR ein Heldenmythos \u00fcber sie verbreitet wurde, und es schwiegen auch die aus der Westemigration zur\u00fcckgekehrten &#8211; unter ihnen viele j\u00fcdische Intellektuelle &#8211; \u00fcber Stalins Verbrechen. Die ganze kommunistische Geschichte des 20. Jahrhunderts verschwand unter einem Mantel des Schweigens und der L\u00fcgen. Wer diesen l\u00fcften wollte, wurde mundtot gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>1961 verschwand Stalin vielerorts pl\u00f6tzlich &#8211; etwa vom Sockel des Denkmals in der zun\u00e4chst nach ihm benannten Prachtstra\u00dfe im Osten Berlins oder aus dem Namen von Eisenh\u00fcttenstadt. Damit folgte man ebenso Moskauer Vorgaben wie drei Jahre sp\u00e4ter, als in der UdSSR die \u00bbEntstalinisierung\u00ab stillschweigend beendet wurde. Nie gab es in der DDR eine offene und \u00f6ffentliche Diskussion \u00fcber Stalins Politik und Verbrechen &#8211; \u00fcber die Epoche, die der Historiker Hermann Weber einmal die \u00bbgr\u00f6\u00dfte Kommunistenverfolgung\u00ab aller Zeiten genannt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Was zeichnete diese \u00bbAufbaugeneration\u00ab aus, die uns so lebhaft ihre Aufbruchstimmung vermittelt hat, aber niemals ihren Anteil am Aufbau einer diktatorischen DDR erinnerte? Welche Eigenschaften verband diese Gruppe der Funktion\u00e4r*innen, die alle um die Verbrechen Stalins wussten, sie teils sogar am eigenen Leib erfahren hatten &#8211; und dennoch schwiegen? Die meisten von ihnen waren durch die Schule der Partei gegangen und hatten Disziplin und Unterordnung gr\u00fcndlich erlernt. Einige andere mussten das in der DDR rasch nachholen, wenn sie in der SED verbleiben und eine kleine oder gro\u00dfe Karriere machen wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Atomisierung und Unterwerfung waren f\u00fcr die politische Philosophin Hannah Arendt zentrale Elemente des Stalinismus. Und tats\u00e4chlich hatten die \u00bbR\u00fcckkehrer\u00ab und Funktion\u00e4r*innen der ersten Generation Vereinzelung, Misstrauen, Disziplin und Gehorsam wohl tief verinnerlicht. Wie h\u00e4tten sie sonst mit ihrem Wissen um die Verbrechen in der UdSSR in deren ostdeutschen Satellitenstaat einfach weitermachen k\u00f6nnen &#8211; als w\u00e4re gar nichts passiert?<\/p>\n\n\n<h3 class=\"has-normal-font-size wp-block-heading\" id=\"das-erbe-der-rueckkehrer\">Das Erbe der \u00bbR\u00fcckkehrer\u00ab<\/h3>\n\n\n<p>Manche verbargen ihre Verbitterung, als sie irgendwann feststellen mussten, wohl doch nicht am Aufbau der besten aller Welten mitzuwirken. Andere fl\u00fcchteten sich in Zynismus oder Gef\u00fchlsk\u00e4lte. Als nach dem Ende der DDR endlich das Unrecht zur Sprache kommen durfte, das deutschen Kommunist*innen unter Stalin angetan worden war, und die Mutigsten unter ihnen das ausgesprochene oder stumme Verdikt brachen, unter das sie die Partei bei ihrer R\u00fcckkehr gestellt hatte, blieb diese ihre eigene Mitverantwortung f\u00fcr die Politik einer seit 1948 stalinisierten SED weitgehend ausgespart.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele aus dieser Aufbaugeneration sahen sich r\u00fcckblickend lediglich als \u00bbOpfer\u00ab, von den f\u00fchrenden Genoss*innen der Partei verraten. Aber auch jene, die eine solche Opferrolle f\u00fcr sich nicht angenommen hatten, die ohne Druck und Gewissenszweifel, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, geschwiegen hatten, schienen nunmehr ihren eigenen Anteil daran zu ignorieren, dass es in der DDR nie eine offene und \u00f6ffentliche Diskussion \u00fcber Stalins Politik und Stalins Verbrechen gegeben hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bedeutungsvoll ist eigentlich der Umstand, dass dieses Land von Menschen gef\u00fchrt wurde, die \u00bbT\u00e4ter\u00ab oder \u00bbOpfer\u00ab stalinistischer Verfolgung &#8211; zuweilen auch beides zugleich &#8211; gewesen waren? Die von all den Verbrechen gewusst hatten und deren (Partei-)Disziplin sie verpflichtete, zu schweigen, zu vergessen, zu verdr\u00e4ngen oder zu verleugnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Und weiter: Was ist aus den Kindern und Enkelkindern dieser ersten F\u00fchrungsgeneration der DDR geworden? Wie haben sich deren verdr\u00e4ngte Erfahrungen von Terror und Angst, wie haben sich die damit verbundenen Dispositionen von Loyalit\u00e4t und \u00dcberangepasstheit, von einer repressiv-dogmatischen Verteidigung der SED-Politik, von mangelnder Empathie und Unf\u00e4higkeit, Konflikte zu kommunizieren, in einem spezifischen Konfliktpotenzial der Kinder und Kindeskinder niedergeschlagen? Wie viele von diesen haben sich gleichfalls in dieses verordnete Schweigen gef\u00fcgt und erst nach 1989 mit der Arbeit an der Erinnerung begonnen? Und wie oft hat diese Erinnerungsarbeit zu der notwendigen Auseinandersetzung mit einer Elterngeneration beigetragen, die den Stalinismus sowohl erlebt als auch gelebt und getragen hatte?<\/p>\n\n\n<h3 class=\"has-normal-font-size wp-block-heading\" id=\"zukunftsfragen-ohne-legenden\">Zukunftsfragen ohne Legenden<\/h3>\n\n\n<p>M\u00fcssen wir tats\u00e4chlich die h\u00e4sslichen Seiten der Erinnerung an die DDR nach so vielen Jahren ans Licht ziehen? Welchen Sinn soll es haben, die Finger auf die Wunden zu legen und \u00fcber diese stalintreue \u00bbAufbaugeneration\u00ab zu schreiben, \u00fcber die reale Lage der Frauen, deren Emanzipation wir heute h\u00f6chst bedenklich f\u00e4nden, oder \u00fcber eine Arbeiterbewegung, deren Niedergang wir in der DDR erleben mussten?<\/p>\n\n\n\n<p>Der produktive Gehalt einer solchen historischen Aufarbeitung liegt darin, anhand der Widerspr\u00fcchlichkeiten einer Gesellschaft ihren Charakter blo\u00dfzulegen. Denn der Aufbau einer Diktatur nach stalinistischem Vorbild war kein \u00bbGeburtsfehler\u00ab und die Unterdr\u00fcckung einer autonomen Arbeiterbewegung im \u00bbArbeiterstaat\u00ab kein dummer Einfall von Walter Ulbricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind genau diese Widerspr\u00fcche, die die DDR, ihre Strukturen, ihren Charakter ausgemacht haben. Erst wenn wir diesen Charakter erkannt haben, k\u00f6nnen wir eine Antwort auf die Frage finden, ob sich mit diesem Typ von Herrschaftsgesellschaft eine emanzipatorische Alternative verbunden werden kann oder ob wir nicht vielmehr nach einer alternativen Perspektive jenseits von Kapitalismus und \u00bbRealsozialismus\u00ab suchen m\u00fcssen. Solange wir uns von Mythen und Legenden den Blick auf die Realit\u00e4t verstellen lassen, werden wir die entscheidende Zukunftsfrage nicht beantworten k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vierzig Jahre Schweigen Linke Mythen bremsen eine Aufarbeitung der DDR-Geschichte Von Renate H\u00fcrtgen Namentlich zu \u00bbrunden\u00ab Jahrestagen leben im offiziellen Mainstream zahlreiche Mythen der Erinnerung&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[73],"tags":[],"class_list":["post-3342","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-stalinismus-eine-sackgasse-im-labyrinth-der-geschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3342","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3342"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3342\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8188,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3342\/revisions\/8188"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3342"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3342"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3342"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}