{"id":339,"date":"2015-03-19T18:22:32","date_gmt":"2015-03-19T17:22:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=339"},"modified":"2025-08-28T21:27:56","modified_gmt":"2025-08-28T19:27:56","slug":"express-ausgabe-609","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2015\/03\/19\/express-ausgabe-609\/","title":{"rendered":"EXPRESS Ausgabe 6\/09"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Gegen diese ganze, globalisierte \u00d6konomie&#8221;<\/strong><br \/>\n<em>Der AEG-Streik in Interviews und Dokumenten<\/em><\/p>\n<p>2003 stellten die KollegInnen des AEG\/Elektrolux-Werkes in N\u00fcrnberg einen Produktionsrekord auf: Sie montierten nicht weniger als 1,8 Millionen Waschmaschinen, Geschirrsp\u00fcler und Trockner. Dabei war bereits zu diesem Zeitpunkt die Zahl der insgesamt in den europ\u00e4ischen Elektrolux-Werken Besch\u00e4ftigten in nur zehn Jahren von etwa 110000 auf 77000 Menschen gesunken. Die \u00bbRestrukturierung\u00ab, die danach kam, hatte in N\u00fcrnberg zur Folge, dass das Werk mit seinen im Jahre 2005 noch 1750 Besch\u00e4ftigten bis zum Ende M\u00e4rz 2007 geschlossen wurde. Dazwischen lag der gro\u00dfe Streik, der in dem vorliegenden Sammelband der Redaktion \u00bbDruckw\u00e4chter\u00ab (1) dokumentiert wird.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Peter Birke setzt mit dieser Rezension unsere Serie \u00bbTeilnehmende Beobachtungen \u2013 Neue Literatur \u00fcber Arbeitsk\u00e4mpfe\u00ab fort.<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Verk\u00fcndigung des Schlie\u00dfungsplans traten die KollegInnen zun\u00e4chst im Dezember 2005 \u2013 auch f\u00fcr die IGM \u00fcberraschend \u2013 in einen wilden Streik. Nach Neujahr folgte dann ein wochenlanger, spektakul\u00e4rer \u00bboffizieller\u00ab Arbeitskampf, den die Gewerkschaft mal mehr, mal weniger im Griff hatte. Viele Menschen bundesweit hatten damals die Hoffnung auf einen Bruch mit der Standortlogik, und der AEG-Streik wurde zu einem von mehren Symbolen dieser Hoffnung. Die Orientierung der Unternehmensf\u00fchrung am Shareholder-Value-Prinzip machte die Kritik an der Schlie\u00dfung durchaus profitabler Betriebe auch au\u00dferhalb der Gewerkschaftslinken damals hoff\u00e4hig. Zu einer breiten Aufmerksamkeit f\u00fcr die Anliegen der AEG\u2019ler trug vor allem die Solidarisierung in der Stadt bei: Sozialforum und N\u00fcrnberger Linke initiierten eine Boykottaktion, die Elektrolux einen Verkaufseinbruch von etwa 25 Prozent bescherte. Die Stimmung war gut, dennoch endete der Streik im M\u00e4rz 2006 mit dem Schlie\u00dfungsbeschluss. Die IG Metall feierte dabei ihren \u00bbSozialtarifvertrag\u00ab, der allerdings nur f\u00fcr eine kleine Minderheit der \u00bbFreigesetzten\u00ab einen realen Ausgleich f\u00fcr jahrelangen Verdienstausfall bedeutete. Bis zur endg\u00fcltigen Schlie\u00dfung wurde das Werk dann f\u00fcr seinen hohen Krankenstand, eine demoralisierte Belegschaft und sogar offene Sabotageaktionen ber\u00fchmt.<br \/>\nDas Buch schildert diese Geschichte sehr kenntnisreich. Es besteht aus 15 Texten, die den Streik gr\u00f6\u00dftenteils in Interviewform aus vielen verschiedenen Perspektiven reflektieren, au\u00dferdem aus zwei Berichten \u00fcber zwei Arbeitsk\u00e4mpfe, die im (weiten) Vorfeld des AEG-Streiks stattfanden, Vorgeschichten sowie einer detaillierten Chronologie. Der Text schlie\u00dft an die ebenfalls sehr guten Dokumentationen einiger lokaler Streiks seit 2005 an.(2)<\/p>\n<p><strong>Ein politischer Streik<\/strong><\/p>\n<p>Das Buch ist zugleich mehr als eine Dokumentation eines lokalen Streiks; es ist (leider) sehr aktuell. Hier wird diskutiert, wie die IG Metall das Ziel des Werkserhaltes nach einigen \u00bbeuphorischen\u00ab Streikwochen nach und nach beiseite schob und einen \u00bbSozialtarifvertrag\u00ab akzeptierte. Das Resultat der Urabstimmung \u2013 eine klare Zustimmung zum Abschluss und damit zur Werksschlie\u00dfung \u2013 war einer Mischung aus Vertrauen in die lokale Streikleitung, Intransparenz und Resignation geschuldet. Gleichwohl wurde die IG Metall nach diesem und einigen anderen Arbeitsk\u00e4mpfen gegen Massenentlassungen und Firmenschlie\u00dfungen z\u00f6gerlich; selbst das reduzierte Ziel, \u00bbSozialtarife\u00ab zu erk\u00e4mpfen, bedeutet aus Sicht der B\u00fcrokratie immer auch das Risiko der Verselbstst\u00e4ndigung der Streikenden. Trotz aller Rede \u00fcber das \u00bbOrganizing\u00ab hat der Apparat an einer solchen Verselbst\u00e4ndigung kein Interesse. Kein Zufall, dass der Krise derzeit vor allem durch Appelle an Staat und Unternehmer begegnet wird. Auch andere Facetten des AEG-Kampfes erscheinen aktuell, so etwa, wenn man daran denkt, dass die IG Metall w\u00e4hrend eines \u00bbAktionstages wei\u00dfe Ware\u00ab Tausende von Schildern mit der Aufschrift \u00bbAEG ist Deutschland\u00ab verteilte. Man denkt an Opel und Arcandor und w\u00fcnscht sich jene organisierten Erwerbslosen, AktivistInnen des Sozialforums und betrieblichen Vertrauensleuten herbei, die den Slogan bei AEG im Jahre 2006 \u00f6ffentlich angriffen. Denn \u00bbAEG ist Deutschland\u00ab war ein Schlag gegen den Versuch, Solidarit\u00e4t zwischen Arbeitenden in einem transnationalen Konzern, der in 60 L\u00e4ndern produziert, zu schaffen. Auch substanziell stellte die Boykottkampagne gegen Elektrolux eine andere Antwort dar als die damalige und derzeitige Deutscht\u00fcmelei bei der Rettung von Gro\u00dfbetrieben. Im Buch wird dies durch ein Interview mit italienischen AEG-Kollegen illustriert, das zugleich etwas \u00fcber die Mittel im Kampf sagt: \u00bbMich erinnert das hier eher an eine Betriebsbesetzung.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Ein Kapitel in der Geschichte der Betriebsbesetzungen<\/strong><\/p>\n<p>Betriebsbesetzungen, Blockaden der Werkstore, ein Arbeitskampf, der die ganze Stadt in Atem h\u00e4lt, das alles ist in der bundesdeutschen Streikgeschichte nichts Neues: Von den migrantisch gepr\u00e4gten K\u00e4mpfen um 1970 \u00fcber die K\u00e4mpfe gegen Firmenschlie\u00dfungen von Erwitte bis zur Hamburger HDW \u2013 immer wieder griffen Belegschaften zu diesem Mittel, immer wieder erschienen die K\u00e4mpfe zugleich als ungeheuer spektakul\u00e4r und neuartig. Das Anliegen der AutorInnen des Buches ist insofern, dieses Mal aus Erfahrungen zu lernen. In diesem Kontext werden die Streikerfahrungen des Hans Patzelt dokumentiert, der bei AEG-Kanis in elf Monaten 24 mal gestreikt hat, ebenso wird von der Zerschlagung des M\u00fcnchner Infinion-Streiks im Jahre 2005 durch einen polizeilichen Angriff auf die Streikposten berichtet. W\u00e4hrend der Bericht zu AEG-Kanis zeigen soll, dass es bei entsprechender Kampfbereitschaft durchaus m\u00f6glich war, eine Firmenschlie\u00dfung ganz zu verhindern, wird die Erfahrung bei Infineon zur Vorgeschichte gez\u00e4hlt, da insbesondere die IG Metall hier nach Auffassung der AutorInnen gelernt habe, wie das \u00bbDrehbuch des AEG-Streiks\u00ab auszusehen habe. Dieser Teil des Buches bleibt allerdings sehr anekdotisch und unsystematisch, eine \u00bbeigene Geschichte\u00ab wird daraus nicht.<br \/>\nDie Personengalerie ist sehr holzschnittartig zusammengesetzt: \u00bbdie IG Metall\u00ab, \u00bbder k\u00e4mpferische Betriebsrat\u00ab, \u00bbdie Kollegen\u00ab, allesamt \u00bbAkteure\u00ab, aber allesamt zugleich ohne Widerspr\u00fcche und Schatten gezeichnet. Das Beispiel Infineon soll wohl vor allem zeigen, wie die IGM von Anfang an zum \u00bbVerrat\u00ab tendierte, gelernt werden kann daraus jedoch lediglich, was man schon immer \u00fcber \u00bbdie Gewerkschaften\u00ab vermutet hat. Im Vergleich etwa zu der bei Assoziation A ver\u00f6ffentlichten Arbeit \u00fcber den Streik bei Gate Gourmet sind die \u00bbDruckw\u00e4chter\u00ab an dieser Stelle zu wenig an Br\u00fcchen und Widerspr\u00fcchen interessiert; damit werden Handlungs- und Lernm\u00f6glichkeiten aus meiner Sicht eher verdeckt als er\u00f6ffnet. Am Ende wird auf dieses Problem zur\u00fcckzukommen sein.<\/p>\n<p>Mehr Aufschluss geben da die Berichte aus sozialen Bewegungen, die ihre Solidarit\u00e4tsarbeit als Strategie der Ausdehnung des Streiks \u00fcber die Fabrik mauern hinaus schildern. So wird nicht nur dargestellt, wie die \u00bbAEG ist Deutschland\u00ab-Kampagne durch eine Performance, die die Bosse als Urheber der Probleme zeigte, gest\u00f6rt werden konnte. Es wird zudem \u00fcber Stadtteil-demonstrationen und vieles mehr berichtet. Insgesamt ging es der buntscheckigen beteiligten Linken, neben der heute unvermindert aktuellen Forderung nach einem \u00bbStreikrecht f\u00fcr Arbeitspl\u00e4tze\u00ab, um nicht weniger als darum, \u00bbdie \u00f6konomische Frage mit all ihren Verwerfungen\u00ab sowie den Protest gegen \u00bbdie ganze globalisierte \u00d6konomie\u00ab in den Blick zu nehmen, wie es ein Aktivist des Sozialforums formuliert. Das Buch zeigt, wie K\u00e4mpfe in der Krise politisiert werden, wobei vorschnelle linke Euphorie hier fehl am Platz ist, denn von \u00bbPolitisierung\u00ab sprach zu dieser Zeit ja auch Stoiber, \u00bbpolitisch\u00ab ist auch die Standortlogik, und sogar der dieser Standortlogik immanente Nationalismus ist eine \u00bbpolitische\u00ab Setzung. Der AEG-Streik war kein Konflikt um die Frage, ob es um Politik ging, sondern ein Kampf darum, Politik als Klassen- statt als Standortkampf zu verstehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Frage schlie\u00dflich, wie aus defensiven Aktionen ein Bruch mit der kapitalistischen Wirklichkeit werden kann, sind nicht zuletzt Erfahrungen entscheidend, die nur im Inneren der Fabrik gemacht werden k\u00f6nnen. Sehr interessant ist, wie die betriebliche Gruppe \u00bbDruckw\u00e4chter\u00ab Informationen aus dem Betrieb sammelte und \u00fcber das Netzwerk IT, eine lokal und zum Teil sogar \u00fcberregional wirksame Internet-Plattform, verbreitete; Informationen \u00fcber Arbeitsbedingungen und Unruhen, die sonst \u00bbdiskret\u00ab bleiben. Ein Highlight des Buches ist die Darstellung der Vorgeschichte des wilden Streiks im Dezember 2005. Deutlich wird, wie wichtig betriebliche Kollektive sind, die in der entscheidenden Situation eine Alternative zum Zur\u00fcckweichen der Betriebsr\u00e4te und der offiziellen Gewerkschaft formulieren k\u00f6nnen. Der erste, wilde Streik f\u00fchrte der IG Metall das Ausma\u00df eines m\u00f6glichen Kontrollverlust vor Augen und zwang sie zum Handeln, das hei\u00dft zu einer Mischung aus Integration und Marginalisierung der innerbetrieblichen und \u00fcberbetrieblichen Bewegung. Erst am Ende des Kampfes, nach der Verabschiedung des \u00bbSozialtarifvertrages\u00ab, gelang es der gr\u00f6\u00dften deutschen Einzelgewerkschaft schlie\u00dflich, die linke und migrantische Kritik ganz zu marginalisieren.<\/p>\n<p><strong>Ein offenes Ende<\/strong><\/p>\n<p>Traurig ist, dass die AutorInnen am Ende den \u00bbStreik als Schlacht\u00ab propagieren und so die Erkenntnisse, die dieses Buch enth\u00e4lt, durch die vergilbte Brille eines Militaristen wie Clausewitz und eines Stalinisten wie Losowski betrachten. Kollektiver Widerstand gegen Betriebsschlie\u00dfungen wird ebenso wie die Kritik an den Inhalten der Arbeit und der Art der Produkte keine Perspektive haben, wenn die Arbeitenden nur als Schachfiguren auf einem imaginierten Schlachtfeld gehandelt werden. Die selbst ernannten Feldherren \u2013 auch in dieser Hinsicht gibt es ja Erfahrungen schon seit den 1960er Jahren \u2013 werden schnell den \u00dcberblick verlieren. In ihrer Ablehnung der Spontaneit\u00e4t und des Experimentellen sind sie den ansonsten arg kritisierten B\u00fcrokraten nicht un\u00e4hnlich. Heute kommt es nicht darauf an, \u00bbOrdnung in die Reihen zu bringen\u00ab, sondern zu untersuchen, welche Formen zuk\u00fcnftige soziale K\u00e4mpfe annehmen k\u00f6nnen, einen Weg aus dem Elend der kapitalistischen Gesellschaft zu finden \u2013 ausgehend davon, dass es ein heute noch unbekannter Weg ist.<\/p>\n<p><strong>Peter Birke<\/strong>*<\/p>\n<p>* Peter Birke ist aktiv in der \u00bbGruppe Blauer Montag\u00ab, arbeitet an der Universit\u00e4t Hamburg und als freier Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung<\/p>\n<p>(1) \u00bbDruckw\u00e4chter\u00ab waren einerseits Kolleginnen und Kollegen bei AEG, die der IG Metall gegen\u00fcber von vornherein skeptisch eingestellt waren, andererseits handelt es sich um ein Ger\u00e4teteil, das in jede Waschmaschine montiert wird.<\/p>\n<p>(2) Jochen Gester \/ Willi Hajek (Hg.): \u00bbSechs Tage der Selbsterm\u00e4ch-tigung. Der Streik bei Opel in Bochum Oktober 2004\u00ab, Berlin 2005; Flying Pickets (Hg.): \u00bbAuf den Geschmack gekommen. Sechs Monate Streik bei Gate Gourmet\u00ab, Berlin\/Hamburg 2007; Jochen Gester et al. (o.J.): \u00bbEs geht nicht nur um unsere Haut. Der Streik beim Bosch-Siemens-Hausger\u00e4tewerk in Berlin-Spandau\u00ab, Berlin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Gegen diese ganze, globalisierte \u00d6konomie&#8221; Der AEG-Streik in Interviews und Dokumenten 2003 stellten die KollegInnen des AEG\/Elektrolux-Werkes in N\u00fcrnberg einen Produktionsrekord auf: Sie montierten nicht&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[26],"tags":[],"class_list":["post-339","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wir-bleiben-hier-dafuer-kaempfen-wir"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/339","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=339"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/339\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8227,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/339\/revisions\/8227"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=339"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=339"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=339"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}