{"id":341,"date":"2015-03-19T18:23:29","date_gmt":"2015-03-19T17:23:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=341"},"modified":"2025-08-28T21:27:56","modified_gmt":"2025-08-28T19:27:56","slug":"sozialistische-zeitung-soz-04-2009","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2015\/03\/19\/sozialistische-zeitung-soz-04-2009\/","title":{"rendered":"Sozialistische Zeitung (SoZ) 04-2009"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Laboratorium wichtiger Erfahrungen<\/strong><br \/>\n<em>Der Streik bei AEG\/Electrolux in N\u00fcrnberg 2005-07<\/em><br \/>\nBei der Diskussion um die Herausgabe dieses Buches, an der ich beteiligt war, haben wir uns noch Gedanken gemacht, wie der Arbeitskampf, um den es in diesem Buch geht, einen aktuellen Bezug bekommen kann. Diese Sorge war unbegr\u00fcndet. In den n\u00e4chsten Monaten werden dutzende von Betrieben vor \u00e4hnlichen Problemen stehen wie die AEG-Belegschaft in N\u00fcrnberg, die sich in der Zeit von 2005-07 gegen die Schlie\u00dfung des Werkes durch den Electrolux-Konzern zur Wehr setzte. Die boomenden Jahre sind vorbei und der Verlust eines Arbeitsplatzes bedeutete schon damals f\u00fcr die meisten der Betroffenen den sozialen Absturz. <!--more-->Dies erkl\u00e4rt die Sprengkraft und die Verbissenheit, mit der hier gek\u00e4mpft wurde. Sie \u00fcberwand m\u00fchelos die Betriebsgrenzen und setzte eine ganze Region in Aufruhr. Die \u00fcblichen politischen Abgrenzungen und Denkverbote wurden au\u00dfer Kraft gesetzt. Linksradikale und konservative kleine Gesch\u00e4ftsinhaber fanden sich nebeneinander auf Listen, die zum Boykott der Wei\u00dfen Ware des Konzerns aufriefen. Eine zentrale Rolle spielte \u2013 wie bereits in den vorausgehenden K\u00e4mpfen um Werksschlie\u00dfungen \u2013 die IG Metall, die hier in einem taditionell gut organsierten Betrieb \u00fcber Einfluss und Ressourcen verf\u00fcgte. Doch waren der Vorstand und das von ihm abh\u00e4ngige Personal nicht bereit, dieses Guthaben voll f\u00fcr das \u00dcberleben der Belegschaft in die Waagschale zu werfen. Das verzweifelte Festhalten an einer wirkungslos gewordenen sozialpartnerschaftlichen Orientierung und die Angst vor den unkalkulierbaren Folgen eines nur noch politisch begr\u00fcndbaren Streiks, der sich \u00fcber die Grenzen des Arbeitskampfrechts hinwegsetzt, f\u00fchrten dazu, dass die IG Metall mehr auf den Bremsen stand, als Hebel zu sein, die Kraft der Lohnabh\u00e4ngigen zu entfesseln. Wie dies im Einzelnen funktionierte, zeigt das Buch, das von der Redaktion \u201eDruckw\u00e4chter\u201c herausgegeben wurde. Der Name ist Programm. Die Druckw\u00e4chter, eine Gruppe von AEG-KollegInnen und externen Unterst\u00fctzerInnen, warfen sich m\u00e4chtig ins Zeug, um den Druck auf den Konzern aufrechtzuerhalten und weiter zu erh\u00f6hen. Wie die KollegInnen das gemacht haben, und wie sie es geschafft haben, die Auseinandersetzung \u00fcber die Grenzen des gewerkschaftlich Vorgesehenen zu treiben, ist zentraler Gegenstand des Buchinhalts und sehr lehrreich f\u00fcr alle, die sich diese Aufgabe setzen. Erstes sichtbares Ergebnis war der Beginn einer spontanen Arbeitsniederlegung, die sich so konsolidieren konnte, dass die IG Metall zu einer Urabstimmung \u00fcber einen gewerkschaftlichen Streik f\u00fcr einen Sozialtarifvertrag getrieben wurde.<br \/>\nDas Buch besteht zu mehr als der H\u00e4lfte aus Interviews. Auch dies ist eine Hilfe f\u00fcr die LeserInnen, die sich so ein eigenes Bild von diesem Konflikt und seinen Akteuren machen k\u00f6nnen. Eine zentrale Figur des basisorientierten Widerstands war Hans Patzelt, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender von AEG-Kanis. Hans Patzelt konnte Schl\u00fcsselerfahrungen in einem 11monatigen Streik sammeln, bei dem die AEG-Kanis-Belegschaft in den 80er Jahren erfolgreich die schrittweise Abwicklung des Betriebs verhindern konnte. Der langj\u00e4hrig in der IG Metall aktive Kollege bet\u00e4tigt sich als Grenzg\u00e4nger und Verbinder so unterschiedlicher sozialer und politischer Milieus wie der sozialdemokratisch gepr\u00e4gten deutschen Gewerkschaften und der linksradikalen Szene. Auch nutzte er seine Position wirkungsvoll aus, die Rathausparteien und \u00f6ffentliche Gremien im Sinne der AEG-Belegschaft so zu instrumentalisieren, dass der politische Spielraum des Streiks erweitert wurde. Obwohl Patzelt bewusst die Strategie der IG Metall unterlief, h\u00e4lt er eine Debatte mit den dort Verantwortlichen immer noch f\u00fcr eine lohnende Aufgabe.<br \/>\nWeiter zu Wort kommen organisierte Erwerbslose, die gewerkschaftliche Verwurzelung mit dem Geist der sozialen Bewegung kombinieren und Mitglieder des N\u00fcrnberger Sozialforums, die vor allem eine erfolgreiche Boykottkampagne ins Leben riefen, die das au\u00dferbetriebliche Unterst\u00fctzerpotenzial nutzte und Electrolux einen Einbruch der Bestellungen um 25% brachte. Sehr interessant ist auch das Interview mit AktivistInnen der Organisierten Autonomie, die in N\u00fcrnberg eine mobilisierungsf\u00e4hige Kraft ist. Ihre Reflexionen zur politischen Praxis linksradikaler Organisationen verdienen diskutiert zu werden. Das trifft auch auf ihre Position zu den Gewerkschaften, die sich wohltuend von der doch oft sehr schlichten Verrats-Diskussion abheben. Dass aber die Praxis des IGM-Apparates in diesem Konflikt durchaus mit diesem Etikett belegt werden kann, wird an den Interviews mehrerer Kollegen deutlich. Obwohl erkennbar politisch und sozial unterschiedlich berichten sie \u00fcbereinstimmend \u00fcber ihre Beobachtungen dar\u00fcber, wie die Belegschaft get\u00e4uscht und instrumentalisiert wurde. Ob nun allerdings ohne Tricks und T\u00e4uschungen die Zustimmung von 81% f\u00fcr das Ergebnis, das von 46 von 50 Mitgliedern der Tarifkommission best\u00e4tigt wurde, andersherum h\u00e4tte ausfallen k\u00f6nnen, ist aller-dings fraglich. Den verantwortlichen IG Metall-Funktion\u00e4ren reichte das. Eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Politik, die auch nicht vor einer chauvinistischen Aufladung des Konflikts mit Slogans wie \u201eAEG ist Deutschland\u201c zur\u00fcckschreckte, sucht man hier vergeblich. Eine vom IG Metall- Bezirk Bayern hergestellte Brosch\u00fcre \u201eDer AEG-Streik in N\u00fcrnberg\u201c feiert im Stil schlechten Marketings den eigenen Erfolg und l\u00e4sst Bertold Huber im Vorwort erkl\u00e4ren, der Streik f\u00fcr einen Sozialtarifvertrag sei kein Zukunftsmodell. Doch nicht an den \u00dcbergang zu einer offenen politischen Auseinandersetzung mit dem repressiven deutschen Arbeitsrecht\u00a0 ist dabei gedacht, sondern daran, zuk\u00fcnftig das Risiko solcher Arbeitsk\u00e4mpfe \u00fcberhaupt zu vermeiden. Eine Hilfe f\u00fcr die LeserInnen ist eine umfangreiche Chronologie und der Abdruck des abgeschlossenen Sozialtarifvertrages mit erkl\u00e4render Kommentierung.<br \/>\nBreiten Raum nimmt am Schluss des Buches ein Workshop ein, bei dem auf den Pfaden von Clausewitz versucht wird, eine alternative Strategie zu entwickeln, mit der es in Zukunft vielleicht m\u00f6glich sein k\u00f6nnte, den Gegner in die Knie zu zwingen. Neben der zweifellos richtigen Beobachtung, dass eine erfolgreiche betriebliche Arbeit einen Vorlauf von Jahren hat und einen weiten Blick auch auf die au\u00dferbetrieblichen Kampfressourcen haben muss, landen die teilnehmenden Akteure jedoch auch bei sehr zweifelhaften Konzepten. So sieht sich die Mehrheit in der Rolle des Generalstabs, der aus der Bef\u00fcrchtung heraus, \u201eAgenten des Feindes\u201c k\u00f6nnten in eine eigenst\u00e4ndige Streikleitung gew\u00e4hlt werden, dagegen ist, diese offen durch die Belegschaft w\u00e4hlen zu lassen. Hier vollzieht sich dann unter der Hand der \u00dcbergang zu neo-leninistischen Konzepten, die so ziemlich auf das Gegenteil von dem hinauslaufen, das dem ganzen Buch seinen sympathischen Stempel aufdr\u00fcckt: die Vorstellung, dass die Menschen selber \u00fcber ihr Schicksal entscheiden und sich selber in Bewegung setzen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Jochen Gester<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Laboratorium wichtiger Erfahrungen Der Streik bei AEG\/Electrolux in N\u00fcrnberg 2005-07 Bei der Diskussion um die Herausgabe dieses Buches, an der ich beteiligt war, haben&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[26],"tags":[],"class_list":["post-341","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wir-bleiben-hier-dafuer-kaempfen-wir"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/341","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=341"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/341\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8226,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/341\/revisions\/8226"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=341"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=341"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=341"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}