{"id":343,"date":"2015-03-19T19:06:35","date_gmt":"2015-03-19T18:06:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=343"},"modified":"2025-08-28T21:08:09","modified_gmt":"2025-08-28T19:08:09","slug":"neue-rheinische-zeitung-online-vom-07-02-08","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/neue-rheinische-zeitung-online-vom-07-02-08\/","title":{"rendered":"Neue Rheinische Zeitung &#8211; online vom 07.02.08"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8230; authentisch und leicht lesbar<\/strong><br \/>\nDer im neoliberalen Gewand auftretende Kapitalismus f\u00fchrt zu einer st\u00e4rkeren Verinnerlichung seiner Regeln. Mit &#8220;der Ausfransung der R\u00e4nder&#8221; der &#8220;gro\u00dfen Aggregate der industriellen Arbeit&#8221; (so der Autor Martin Dieckmann) setzte das ein, was seit Anfang der achtziger Jahre mit dem Begriff Prekarisierung gekennzeichnet ist. <!--more--><br \/>\nNach Ansicht von Dieckmann sind die inhaltlichen Bedeutungen der Begriffe Proletariat und Prekariat im Marxschen Sinne des freien Arbeiters zwei Seiten einer Medaille. Dabei kennzeichnet Prekariat aber die Entwicklung, die immer st\u00e4rker an Bedeutung zunimmt: die Teilung der warenf\u00f6rmigen Arbeit als flie\u00dfende \u00dcberg\u00e4nge von Kern- und Randbelegschaften, in neue Selbstst\u00e4ndige, Scheinselbstst\u00e4ndige und Niedriglohnbereiche.<br \/>\nDie Folge: &#8220;die Macht&#8221; der zentralistischen, b\u00fcrokratischen Gewerkschaften als Interessensorganisationen der Arbeit implodiert. Die innerbetriebliche Aufteilung der Betriebe als aufeinander bezogene M\u00e4rkte und die zunehmende Auslagerung von Produktions- und Dienstleistungsarbeiten in neue Selbstst\u00e4ndigkeiten f\u00fchrt zur unmittelbaren Konfrontation mit der Konkurrenz. Gleichzeitig entstehen aber Freir\u00e4ume, die Arbeit innerhalb der Regeln des Profits und der Konkurrenz selbstst\u00e4ndiger zu gestalten.<\/p>\n<p><strong>Soziale Widerst\u00e4ndigkeit<\/strong><br \/>\nAn den Widerspr\u00fcchen dieser Entwicklung setzen die AutorInnen an. Die zehn Beitr\u00e4ge des Buches stammen aus Workshops und Vortragsreihen des Instituts f\u00fcr sozial\u00f6konomische Handlungsforschung (SEARI). Inhalte und Formen sozialer und widerst\u00e4ndiger Selbstorganisation stehen im Mittelpunkt der Betrachtungen und \u00dcberlegungen. Im Zusammenhang mit der neoliberalen Entwicklung und den darin eingebetteten Formen und Inhalten von Selbstorganisation beleuchten die AutorInnen die &#8220;gegenw\u00e4rtig sich zeigende soziale Widerst\u00e4ndigkeit&#8221; mit ihren Erfolgen und Problemen und versuchen, daraus Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr weitere theoretische \u00dcberlegungen und praktische Schritte abzuleiten.<br \/>\nW\u00e4hrend in den ersten vier Beitr\u00e4gen die theoretische Abhandlung im Vordergrund steht, enthalten die 3 Beitr\u00e4ge des zweiten Teils praktische Beispiele aus historischer und aktueller Sicht. Der dritte Teil des Bandes umfasst Beitr\u00e4ge, die sich mit Problemen der als typisch prek\u00e4r gekennzeichneten Arbeitsverh\u00e4ltnisse besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p><strong>Gegenseitige Angst<\/strong><br \/>\nSelbstorganisierter Hartz IV-Gegner Foto: HD Hey, arbeiterfotografie.comDer Frage, warum der Widerstand unter den neuen Bedingungen des so genannten Postfordismus so schwierig ist, geht Holger Heide im ersten Beitrag mit drei Thesen nach. Das Verh\u00e4ltnis von lebendiger Arbeit und totem, vampiristischem Kapital beruhe psychologisch auf gegenseitiger Angst. Das Kapital (durch wen personalisiert?) habe Angst vor der Selbstbestimmung der lebendigen Arbeit. Uns binde die Angst aus dem kollektiven Trauma der gewaltsamen, historischen Durchsetzung der Arbeitsgesellschaft an das Kapital. Ohne dieses kollektive Trauma ist der \u00e4u\u00dfere Zwang als innerer Arbeitsantrieb nicht denkbar. Viele Menschen zerbrechen aber in der harten Konkurrenz um die Fr\u00fcchte des Marktes &#8220;an der Grenzenlosigkeit der selbst gesetzten Anspr\u00fcche an sich selbst&#8221;. Dem m\u00fcsse ein weiterentwickelter Begriff von Solidarit\u00e4t entgegengesetzt werden, der von der abstrakten Ebene des Interesses auf die gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfige Ebene des Bed\u00fcrfnisses herunterkommt. In der Angst liege das Autonomiedefizit, und damit sei das Durchbrechen der Angstspirale der erste entscheidende Schritt, den die neuen sozialen Bewegungen bewusst angehen m\u00fcssten.<\/p>\n<p><strong>Selbstbefreiend organisieren<\/strong><br \/>\nIn seinem Beitrag \u00fcber die &#8220;organisierte Selbstorganisation&#8221; weist Lars Meyer in Anlehnung an Hardt und Negri auf das &#8220;revolution\u00e4re Potenzial&#8221; der selbstregulierenden Organisationsformen. Dies lie\u00dfe sich daran festmachen, dass die neuen Kooperationsbeziehungen der modernen Arbeitsorganisation mit einer moralischen Entwicklung einhergingen, die mit der Erfahrung von Gleichheit im Kontrast zur Unterordnung verbunden w\u00e4re. Die Grenzen und Paradoxien der eigenen Subjektivit\u00e4t unter den Bedingungen des Privateigentums durchsichtig machen und sich dabei selbstbefreiend zu organisieren, m\u00fcsste dadurch geschehen, dass die Individuen lernen aus einer &#8220;inneren Autonomie&#8221; zu handeln und dass auf allen gesellschaftlichen Ebenen Prozesse des Erfahrungsaustausches, der Wissensaneignung und der kritischen Selbstreflexion in Gang kommen, die den Anspruch der Gleichheit gegen alle Herrschaftsverh\u00e4ltnisse zur Geltung bringen.<br \/>\n<strong>Deutsch-franz\u00f6sische Einblicke<\/strong><br \/>\n&#8220;Selbstorganisation&#8221; wird n\u00f6tiger denn je | Titel Die Buchmacherei Mit den deutsch-franz\u00f6sischen Einblicken in den selbsterm\u00e4chtigten Widerstand gegen die Zumutungen von Beh\u00f6rden und Kapital schildert der Autor Willi Hajek eine Reihe interessanter Beispiele von Widerst\u00e4ndigkeit aus beiden L\u00e4ndern. Die seit den neunziger Jahren in Frankreich erfolgte Herausbildung der dezentralen SUD-Gewerkschaften deutet auf eine Radikalisierung des Widerstandes. Die SUDs gewinnen an Boden, wie die Beispiele bei Post und Telekom zeigen. Sie verstehen sich nicht als Stellvertreterorganisationen f\u00fcr Lohnund Arbeitsfragen. Durch ganzheitliche Konzepte im Gesundheits- oder im Verkehrsbereich, in dem eine F\u00f6deration vom Taxi- und LKW-Fahrer \u00fcber den Lokf\u00fchrer bis zum Piloten angestrebt wird, wird die Frage nach dem konkreten Nutzen f\u00fcr die Menschen zum Gegenstand der \u00f6ffentlichen Auseinandersetzung gemacht, in den auch die VerbraucherInnen einbezogen werden.<br \/>\n<strong>Siemenskonzern 2002<\/strong><br \/>\nInken Wanzek schildert, wie im Siemenskonzern 2002 aufgrund einer angek\u00fcndigten Massenentlassung ein basisdemokratisches Netzwerk von KollegInnen entsteht, die spontan bereit sind, sich zu wehren. Dieses firmeninterne Netzwerk NCI ist autonom vom Konzern und von den Gewerkschaften. Die Verst\u00e4ndigung erfolgt \u00fcber E-mails und Treffen. Es gibt keine Hierarchie. Der Einfluss eines Mitglieds bestimmt sich nach dem Grad seiner Aktivit\u00e4t. Dieses Netzwerk lebt einen kontinuierlichen Prozess der Selbstverst\u00e4ndigung sowie der Koordination von Handlungen und Zielen. Das NCI hat sich mit der Befriedungspolitik der IG Metall nicht einverstanden erkl\u00e4rt und verf\u00fcgt inzwischen \u00fcber einen Sitz im Betriebsrat.<br \/>\nSergio Bologna beschreibt die Situation der prek\u00e4ren Selbstst\u00e4ndigen in Italien, wo Kleinstbetriebe seit den achtziger Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen. Im Bem\u00fchen seinerseits um die gewerkschaftliche und parteipolitische Aufmerksamkeit f\u00fcr deren Probleme innerhalb der Linken schildert er die Hindernisse, auf die er stie\u00df. Die Regionen, in denen sich die selbst- und schein-selbstst\u00e4ndigen Arbeitsverh\u00e4ltnisse entwickelt und massenhaft verbreitet hatten, wurden von der Propaganda der Lega Nord und der Berlusconipartei erobert.<\/p>\n<p><strong>Denkanst\u00f6\u00dfe<\/strong><br \/>\nIch h\u00e4tte mir bei den theoretischen Texten eine verst\u00e4ndlichere Lesbarkeit f\u00fcr NichtakademikerInnen gew\u00fcnscht. Die praxisorientierten Beitr\u00e4ge sind am ehesten geeignet, die Diskussion, ankn\u00fcpfend an eigene Erfahrungen und Bed\u00fcrfnisse, zu verbreitern. Begriffe wie Postfordismus sollten vielleicht auch im Anhang kurz erl\u00e4utert werden. Hilfreich finde ich die Literaturangaben hinter den Aufs\u00e4tzen der AutorInnen. Zu dem Kreis der AutorInnen z\u00e4hlt leider niemand, die\/der die Frage der Selbstorganisation im Zusammenhang der wertkritischen Diskussion, die seit Jahren in Gang ist, beleuchtet. Dort werden die Probleme der Selbstorganisation im theoretischen wie praktischen Versuch durch die \u00dcberwindung der Warenf\u00f6rmigkeit (freie Software, Umsonstl\u00e4den, Selbstversorgung) untersucht. F\u00fcr Menschen, die sich in selbstorganisierten Projekten, aber auch in den traditionellen Gewerkschaften engagieren, bietet das Buch Denkanst\u00f6\u00dfe und kontroverse Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr die n\u00f6tige, zeitgem\u00e4\u00dfe Solidarit\u00e4t von Widerstand und Selbstbefreiung. (PK)<\/p>\n<p><strong>Werner Ruhoff<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230; authentisch und leicht lesbar Der im neoliberalen Gewand auftretende Kapitalismus f\u00fchrt zu einer st\u00e4rkeren Verinnerlichung seiner Regeln. 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