{"id":345,"date":"2015-03-19T19:07:46","date_gmt":"2015-03-19T18:07:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=345"},"modified":"2025-08-28T21:08:09","modified_gmt":"2025-08-28T19:08:09","slug":"utopie-kreativ-heft-207-januar-2008","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/utopie-kreativ-heft-207-januar-2008\/","title":{"rendered":"&#8220;UTOPIE Kreativ&#8221; Heft 207, Januar 2008"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Bleibt zu hoffen, dass das unterbreitete Diskussionsangebot rege genutzt wird&#8221;<\/strong><br \/>\n&#8220;Nur auf den ersten Blick scheint das Thema des Sammelbandes &#8220;Selbstorganisation&#8230;&#8221; enger gefasst zu sein (als das Buch &#8220;Kontroversen \u00fcber den Zustand der Welt&#8221;;). Der sogenannte Neoliberalismus hat auch die Arbeit ver\u00e4ndert, und zwar h\u00e4ufig insofern, dass den Besch\u00e4ftigten Verantwortung f\u00fcr bestimmte Bereiche \u00fcbertragen werden: das Kommando des Vorgesetzten wird tendenziell ersetzt durch das Kommando des Marktes. Die Herausgeber fragen nun, welche Auswirkungen diese &#8220;Selbstorganisation&#8221; der Lohnarbeit auf die Identit\u00e4t der Besch\u00e4ftigten hat, und was dass f\u00fcr die M\u00f6glichkeit von sozialen Bewegungen bedeutet.<!--more--><br \/>\nLeider hinterfragen manche der Autoren nicht, wie weit die Unabh\u00e4ngigkeit im &#8220;Postfordismus&#8221; tats\u00e4chlich geht. Besonders im ersten Teil des Buches gehen sie sozialphilosophisch statt empirisch an das Problem heran und unterscheiden kaum nach den verschiedenen Sektoren. Der Unterschied, den es macht, ob eine Altenpflegerin oder ein gut bezahlter Softwareentwickler ein bestimmtes Arbeitskontingent &#8220;selbstbestimmt abarbeitet&#8221;, wird dadurch verwischt. Lars Meyers &#8220;\u00dcberlegungen&#8221; \u00fcber die &#8220;Organisierte Selbstorganisation&#8221; ragen heraus: ein \u00dcberblick \u00fcber die verschiedenen betrieblichen Strategien samt ihrer soziologischen Beschreibungen, denen Meyer einen marxistischen Erkl\u00e4rungsversuch gegen\u00fcber stellt. Im zweiten Teil werden dann beispielhaft Arbeitsk\u00e4mpfe und soziale Bewegungen dargestellt, im dritten der Begriff der Prekarisierung kritisiert. Allerdings bleibt der Zusammenhang zwischen der Selbstorganisation im Betrieb und Selbstorganisation des Widerstands vage. Dennoch sind viele der Analysen lesenswert. Denn es wird erstens deutlich, wie missverst\u00e4ndlich es mittlerweile ist, Formen wie Scheinselbst\u00e4ndigkeit oder Projektarbeit als &#8220;atypisch&#8221; zu nennen, weil die sogenannten &#8220;Normalarbeitsverh\u00e4ltnisse&#8221; l\u00e4ngst die Ausnahme sind, auch unter den m\u00e4nnlichen Facharbeitern. Und zweitens, dass kein Weg zur\u00fcck in die Zeit vor der &#8220;b\u00fcrgerlichen Revolution&#8221; des Postfordismus (Meyer) f\u00fchrt.<br \/>\nZweifelsohne befindet sich der Neoliberalismus in einer Krise. Die Zeiten, in denen er hegemonial das Denken gro\u00dfer Teile der Gesellschaft, keineswegs blo\u00df der &#8220;Eliten&#8221;, bestimmte, scheinen vorbei. Die Entstehung und Etablierung der LINKEN ist nur der sinnf\u00e4lligste Ausdruck hierf\u00fcr.<br \/>\nWenn man von neoliberaler Hegemonie, deren Krise sowie Versuchen, ein gegenhegemoniales Projekt zum Neoliberalismus aufzubauen, spricht, muss man in Rechnung stellen, was mit Hegemonie eigentlich gemeint ist. Es handelt sich hierbei keineswegs um ein reines Zwangs- oder Gewaltverh\u00e4ltnis. Vielmehr handelt es sich um eine Herrschaftsform, die auf der &#8211; passiven oder aktiven &#8211; Zustimmung der Mehrzahl der von ihr Unterworfenen beruht. Eine solche Zustimmung ist nur dann m\u00f6glich, wenn an der realen Lebens- und Arbeitssituation der Menschen angekn\u00fcpft, ihre Erfahrungen thematisiert und ihre Bed\u00fcrfnisse zumindest partiell artikuliert werden.<br \/>\nFasst man nun den Neoliberalismus als eine hegemoniale Herrschaftsform auf, dann stellt sich die Frage, an welche Erfahrungen der Subjekte er ankn\u00fcpfen konnte\/kann, worin seine Attraktivit\u00e4t bestand\/besteht und was dies f\u00fcr eine systemtransformierende Praxis sozialen Widerstands bedeutet.<br \/>\nDem in der Berliner Medienwerkstatt &#8220;Die Buchmacherei&#8221; erschienenen Sammelband &#8220;Selbstorganisation. Transformationsprozesse von Arbeit und sozialem Widerstand im neoliberalen Kapitalismus&#8221; lassen sich wichtige Antworten auf diese Fragen entnehmen. Hervorgegangen ist der Band aus einer Veranstaltungsreihe, die das &#8220;Institut f\u00fcr sozial\u00f6konomische Handlungsforschung (SE-ARI)&#8221; zwischen Herbst 2005 und Fr\u00fchjahr 2006 in Bremen organisierte.<br \/>\nDer Zusammenhang zwischen den Beitr\u00e4gen wird durch die gemeinsame Orientierung an den thematischen Eckpunkten (Wandel der) Arbeitsorganisation, der Entstehungs- und Handlungsbedingungen sozialer Bewegungen, der Subjektkonstitution sowie Selbstorganisation hergestellt. In einem ersten Block von Beitr\u00e4gen geschieht dies in eher theoretischer Form, im zweiten Block mit Hilfe von Beispielen aus der sozialen Praxis. Abschlie\u00dfend wird mit dem Thema Prekarisierung\/prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse eine Diskussion aufgenommen, die mir f\u00fcr die Linke derzeit von zentraler Bedeutung scheint. Damit gelingt es den Autorinnen und Autoren, eine Vielfalt unterschiedlicher Perspektiven mit einer Koh\u00e4renz zu verkn\u00fcpfen, so dass die Beitr\u00e4ge wechselseitig als Erl\u00e4uterungen und Vertiefungen gelesen werden k\u00f6nnen.<br \/>\nGemeinsam ist den Beitr\u00e4gen die Orientierung an einem transformatorischen bzw. &#8220;radikalen&#8221; Reformverst\u00e4ndnis. &#8220;Reformen&#8221;, so die Herausgeber in der Einleitung &#8220;orientieren sich hier nicht an den von den Erfordernissen des Kapitals vorgegeben Grenzen, sondern u.a. an der Frage, inwieweit sie Bedingungen f\u00fcr eine Transformation der kapitalistischen Gesellschaftsformation in sich tragen und somit \u00fcber die im Kapitalismus grunds\u00e4tzlich zur Disposition stehenden Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen hinaus nachhaltige Ver\u00e4nderungen bef\u00f6rdern&#8221; (S. 11).<br \/>\nIn einer aufschlussreichen Rekonstruktion der psychosozialen Folgen der (gewaltf\u00f6rmigen) Durchsetzung des Kapitalismus macht Holger Heide in seinem Beitrag &#8220;Angst und Kapital. Warum Widerstand im Postfordismus so schwierig ist&#8221; einen Vorschlag, wie sich die Entstehung dieser beiden kontr\u00e4ren Vorstellungen von Reform erkl\u00e4ren lassen und was notwendig ist, um ein transformatorisches Reformverst\u00e4ndnis in sozialen Bewegungen verankern zu k\u00f6nnen. Die gewaltf\u00f6rmige Durchsetzung des Kapitalverh\u00e4ltnisses habe zu einer &#8220;kollektiven Traumatisierung&#8221; gef\u00fchrt, die sich in einer unbewussten &#8220;Identifikation mit dem Aggressor&#8221;, d.h. dem Kapital, \u00e4u\u00dfere. Konsequenz hieraus sei eine ungerichtete Wut als Reaktion auf die verdr\u00e4ngte Angst auf der einen, der Verlust an den Glauben an Alternativen zum Kapitalismus als System und damit das Sich-Bescheiden auf die Beseitigung von Ungerechtigkeiten innerhalb des Systems auf der anderen Seite. Nur wenn innerhalb der sozialen Bewegungen die in jedem einzelnen sitzende Angst und Wut in einer solidarischen Anstrengung bearbeitet (durchgearbeitet) werde, k\u00f6nne sozialer Widerstand \u00fcber das Bestehende hinausf\u00fchren.<br \/>\nHeide macht deutlich, dass es die Subjekte sind, die den Kapitalismus durch ihr Denken und Handeln mit reproduzieren und eine Abstraktion von diesem, die einer antikapitalistischen Theorie und Praxis nicht gerecht zu werden vermag. Was dies f\u00fcr die Praxis sozialer Bewegungen bedeuten k\u00f6nnte, diskutiert er in einem weiteren Beitrag am Verh\u00e4ltnis von Interesse und Bed\u00fcrfnis exemplarisch am<br \/>\nBeispiel von Genossenschaften und den &#8220;Anonymen Alkoholikern&#8221; als organisierte Selbsthilfegruppe. Er macht zugleich klar, dass ein unvermittelter Appell an die Subjekte &#8220;aufzuh\u00f6ren, den Kapitalismus zu machen&#8221; (John Holloway) wenig Aussicht auf Erfolg haben wird, wenn die Bearbeitung der \u00c4ngste nicht ein wichtiges Moment der politischen Praxis wird.<br \/>\nWird die dialektische Verschr\u00e4nkung von Subjekt und Objekt, von Individuum und Gesellschaft bei Heide, wie auch in Michael Danners sozialphilosophischer Reflexion des sich selbst entfremdenden Selbst prim\u00e4r von der &#8220;subjektiven Seite&#8221; her entwickelt, so r\u00fccken Athanasios Karathanassis und Lars Meyer die &#8220;objektiven&#8221; polit-\u00f6konomischen Wandlungsprozesse des Kapitalismus in den Mittelpunkt und untersuchen von dort aus, was diese f\u00fcr die Formierung und Beschaffenheit sozialer Bewegungen (Karathanassis) und die spezifischen Subjektivierungsformen in der Lebens- und v. a. Arbeitswelt bedeuten.<br \/>\nKarathanassis macht mit dem begrifflichen Instrumentarium der Regulationstheorie klar, dass die St\u00e4rke der klassischen &#8220;alten sozialen Bewegungen&#8221; in ihren b\u00fcrokratisch-gro\u00dforganisatorischen Formen von Gewerkschaften und reformistischen Arbeiterparteien an einen bestimmten Entwicklungsstand des Akkumulationsregimes gebunden war und nur eine besondere Form der Regulation des Kapitalverh\u00e4ltnisses darstellt. Mit dem \u00dcbergang zum Postfordismus werden diese b\u00fcrokratischen Gro\u00dforganisationen in zweifacher Weise in Frage gestellt: Zum einen werden sie als Verhandlungspartner in einem korporatistischen &#8220;Wettbewerbsb\u00fcndnis&#8221; f\u00fcr die Kapitalstrategien immer entbehrlicher. Zum anderen entsprechen sie immer weniger den gewandelten Bed\u00fcrfnissen der Menschen nach Autonomie und Selbstorganisation.<br \/>\nDie Widerspr\u00fcchlichkeit der &#8220;neuen Autonomie&#8221; in der Arbeitswelt ist Gegenstand der arbeitssoziologischen Skizze bei Lars Meyer. Diese ergibt sich seiner Ansicht nach dadurch, dass mit betriebswirtschaftlichen Konzepten der &#8220;indirekten Steuerung&#8221; zwar den Bed\u00fcrfnissen nach Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und Autonomie entgegengekommen wird. Da der Rahmen, in dem diese Prozesse stattfinden, jedoch durch Imperative der Kapitalverwertung diktiert wird, komme es zu einer pathologischen Verkehrung, die sich in Selbstausbeutung, Intensivierung von Arbeit, Stress etc. \u00e4u\u00dfere.<br \/>\nEmpirisch ges\u00e4ttigt werden die oben skizzierten theoretischen Diskussionen durch Beispiele sozialen Widerstands, welche wiederum als Reaktion auf die sich ver\u00e4ndernden Arbeitsorganisationen und betrieblichen Strategien gesehen werden m\u00fcssen. Der Versuch der Selbstorganisation spielt hier eine wesentliche Rolle, am Beispiel der franz\u00f6sischen SUD-Gewerkschaften, des Kampfes gegen die Einf\u00fchrung des CPE sowie der conf\u00e9d\u00e9ration paysanne bei Willi Hajek, ebenso wie in Inken Wanzeks Beitrag \u00fcber das NCI-Netzwerk bei Siemens.<br \/>\nUm den Faden vom Anfang noch einmal aufzunehmen. Aus dem Buch l\u00e4sst sich lernen, dass eine politische Praxis, die auf eine \u00dcberwindung der Kapitaldominanz abzielt, nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie die Wandlungsprozesse, die mit dem Neoliberalismus\/ Postfordismus einher gingen, ernst nimmt, und sich fragt, inwiefern die Bed\u00fcrfnisse (Autonomie, Selbstorganisation etc.), die durch diesen in pervertierter Form artikuliert werden, auf &#8220;h\u00f6herer Stufe&#8221; eingel\u00f6st werden k\u00f6nnen. Dies schlie\u00dft ein Zur\u00fcck zu den scheinbar &#8220;goldenen Zeiten&#8221; des Keynesianismus, dessen \u00f6kologische und globale Kosten sowie rassistische und sexistische Ausschlussmechanismen von so manchen zur Zeit geflissentlich \u00fcbersehen werden, aus. Dass die sozialen Bewegungen in diesem Transformationsprozess eine zentrale Rolle spielen (m\u00fcssen), steht au\u00dfer Frage. Daneben scheint mir aber auch eine Wandlung und Revitalisierung von Parteien und Gewerkschaften als Akteuren sozialen Widerstands notwendig. In welche Richtung eine solche Ver\u00e4nderung gehen m\u00fcsste, auch daf\u00fcr lassen sich dem besprochenen Buch, neben den Herausforderungen, die mit den Wandlungen des Kapitalismus f\u00fcr eine widerst\u00e4ndige Theorie und Praxis einhergehen, wichtige Hinweise entnehmen. Bleibt zu hoffen, dass das unterbreitete Diskussionsangebot rege genutzt wird.&#8221;<\/p>\n<p><strong>Alexander Schlage<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Bleibt zu hoffen, dass das unterbreitete Diskussionsangebot rege genutzt wird&#8221; &#8220;Nur auf den ersten Blick scheint das Thema des Sammelbandes &#8220;Selbstorganisation&#8230;&#8221; enger gefasst zu sein&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-345","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-selbstorganisation"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/345","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=345"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/345\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8179,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/345\/revisions\/8179"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=345"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=345"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=345"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}