{"id":3559,"date":"2021-05-22T16:05:23","date_gmt":"2021-05-22T14:05:23","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3559"},"modified":"2025-08-28T18:11:37","modified_gmt":"2025-08-28T16:11:37","slug":"direkte-aktion-28-4-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2021\/05\/22\/direkte-aktion-28-4-2021\/","title":{"rendered":"&#8220;Direkte Aktion&#8221; 28.4. 2021"},"content":{"rendered":"<h1 class=\"has-medium-font-size wp-block-heading\" id=\"die-nicht-bezahlten-wanderarbeiterinnen-der-mall-of-shame\">Die nicht bezahlten Wanderarbeiter:innen der Mall of Shame<\/h1>\n\n\n<p><em>Sammelband \u00fcber den Bau eines Berliner Luxuskaufhauses<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Von: <a href=\"https:\/\/direkteaktion.org\/author\/caroline-koenigs\/\">Caroline K\u00f6nigs<\/a> &#8211; 28. April 2021<\/p>\n\n\n\n<p>Im letzten Jahr wurde vermehrt die Frage nach den Arbeitsbedingungen von Wanderarbeiter:innen<sup>[1]<\/sup> gestellt: Wie kann es in Deutschland sein, dass Arbeiter:innen der Fleischindustrie zu dritt in kleinen Zimmern hausen m\u00fcssen? Wieso wird in einem Land mit Bruttoinlandsprodukt in Billionenh\u00f6he rum\u00e4nischen Erntehelfer:innen ihr Lohn vorenthalten? Und wieso wurde im Herbst 2019 vor Gericht entschieden, dass die Bauarbeiter:innen der <em>Mall of Shame<\/em> f\u00fcr ihre Arbeit nicht bezahlt werden? Mit diesen Fragen besch\u00e4ftigt sich der Sammelband <em>Mall of Shame. Kampf um W\u00fcrde und Lohn <\/em>von Hendrik Lackus und Olga Schell.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n<h3 class=\"has-normal-font-size wp-block-heading\" id=\"fuenfjaehriger-kampf-um-lohn\">F\u00fcnfj\u00e4hriger Kampf um Lohn<\/h3>\n\n\n<p>Alles begann im Juli 2014, als rum\u00e4nische Wanderarbeiter:innen mit dem Versprechen von einem Stundenlohn von acht Euro, einem Arbeitsvertrag und Unterk\u00fcnften nach Berlin kamen f\u00fcr den Bau des Luxuseinkaufszentrums der <em>Mall of Berlin<\/em>. Engagiert wurden sie vom Subunternehmen <em>Openmallmaster GmbH<\/em>, welches vom Generalunternehmen <em>Fettchenhauer Controlling &amp; Logistic GmbH<\/em> beauftragt war, welches wiederum den Bauherren <em>High Gain House Investments<\/em> (abgek\u00fcrzt <em>HGHI<\/em>, Firma des Berliner Fast-Million\u00e4rs Harald Huth) als Auftraggeber hatte. Hinzu kam noch das weitere Subunternehmen <em>Metatec Fundus GmbH &amp; Co KG<\/em>, das einige Arbeiter:innen <em>Openmallmaster<\/em> abwarb, als diese keinen Lohn zahlten. Dieser Strudel an Gesellschaften mit beschr\u00e4nkten Haftungen wirkt nicht nur kaum nachvollziehbar, er ist es auch; man k\u00f6nnte munkeln mit Absicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Subunternehmen zuerst nur einen Teil und dann gar keine L\u00f6hne mehr zahlten, wandten sich mehrere der Wanderarbeiter:innen an die FAU Berlin und einer der gr\u00f6\u00dften Arbeitsk\u00e4mpfe des Syndikats begann. Sieben-St\u00fcndige Pickets wurden vor der Baustelle abgehalten sowie Demonstrationen und Kundgebungen mit hunderten Menschen, es wurden Unterschriften gesammelt und in den Medien berichtet, gespendet und bei Amtsg\u00e4ngen geholfen. Nach erfolglosen Gespr\u00e4chen mit den Unternehmen reichten im M\u00e4rz 2015 mehrere der geprellten Arbeiter:innen ihre Lohnklagen gegen die Subunternehmen ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Was nun folgte, ist ein frustrierender Spie\u00dfrutenlauf durch Insolvenzf\u00e4lle und gerichtliches Versagen. Ein Teil der Klagen wird abgelehnt, weil wegen fehlender Arbeitsvertr\u00e4ge nicht nachgewiesen werden kann, dass auf der Baustelle gearbeitet wurde. Andere Klagen kamen durch, doch die Briefkastenfirma <em>Openmallmaster<\/em> ist nach dem Urteil nicht mehr erreichbar und <em>Metatec<\/em> sowie das Generalunternehmen <em>Fettchenhauer Controlling<\/em> melden Insolvenz an. Im November 2016 wird die erste Klage gegen den Bauherrn <em>HGHI<\/em> von einem Arbeiter eingereicht, es folgt eine weitere im Dezember 2018. Beide werden im Oktober 2019 vom Bundesarbeitsgericht abgelehnt. Als Auftraggeber m\u00fcsse der Bauherr nicht \u00fcber die konkreten Bauma\u00dfnahmen der Subunternehmen Bescheid wissen. Au\u00dferdem k\u00f6nnten Bautr\u00e4ger nur dann belangt werden, wenn sie Geb\u00e4ude verkaufen; aber nicht wenn sie wie die Huther Firma sie vermieten oder verpachten.<\/p>\n\n\n<h3 class=\"has-normal-font-size wp-block-heading\" id=\"gelungenes-potpourri-aus-arbeiterinnenstimmen-und-analysen\">Gelungenes Potpourri aus Arbeiter:innenstimmen und Analysen<\/h3>\n\n\n<p>Diese verworrene Geschichte aus Unternehmergeflechten arbeitet der Sammelband \u00fcberschaubar auf. Doch die gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke des Buches liegt in seiner Darstellung der Situation der rum\u00e4nischen Wanderarbeiter:innen. Nach den Vorw\u00f6rtern sind Interviews mit sechs der aufst\u00e4ndischsten Arbeiter:innen der <em>Mall of Shame<\/em> abgedruckt. Geschichten werden erz\u00e4hlt von Chefs, die drohen, dich zu erschie\u00dfen, wenn du deinen Lohn einforderst. Was f\u00fcr ein Gef\u00fchl ist es, alleine in ein fremdes Land zu kommen, weil du deine Familie Zuhause nicht unterst\u00fctzen kannst? Wie sagst du ihnen, dass du ihnen kein Geld senden kannst, weil du betrogen wurdest? Und was machst du selbst? \u201eDu wei\u00dft nicht, wo du diese oder n\u00e4chste Nacht schl\u00e4fst\u2026 oder was du essen sollst!\u201c<sup>[2]<\/sup>, berichtet Gioni Droma. Tats\u00e4chlich mussten mehrere der Arbeiter:innen zeitweise \u201emitten im Winter auf der Stra\u00dfe [\u2026] schlafen, mit Ratten als Nachbarn\u201c<sup>[3]<\/sup>, berichtete Elivs Iancu auf einer Kundgebung vor der <em>Mall of Shame<\/em> im April 2015. Und was in seiner Rede sowie in allen Interviews immer wieder vorkommt, ist die Frage nach menschlicher W\u00fcrde. \u201eWir k\u00e4mpfen bis zum Ende, nicht unbedingt nur f\u00fcr unsere L\u00f6hne, die sehr gering sind, wir k\u00e4mpfen f\u00fcr unsere Rechte und f\u00fcr unsere W\u00fcrde, die mit F\u00fc\u00dfen getreten wurde. Wir bettel nicht um Almosen. Wir wollen, dass unsere Rechte respektiert werden.\u201c<sup>[4]<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Stimmen der Arbeiter:innen werden im Sammelband umrahmt von Analysen der Rechts- und Migrant:innenpolitik und werden somit treffend in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang gebracht. Die beiden Herausgeber:innen und FAUistas erkl\u00e4ren in einem Aufsatz, wie die immer st\u00e4rkere Verkettung von Migration und Arbeit (siehe deutsches Aufenthaltsgesetz und europ\u00e4isches Freiz\u00fcgigkeitsrecht) Migrat:innen zu prekarisierten Arbeitsbedingungen zwingt und somit eine Diskriminierung von Menschen aus weniger reichen EU-Staaten f\u00f6rdert. Lehrreich ist der Sammelband auch f\u00fcr zuk\u00fcnftige Arbeitsk\u00e4mpfe, da immer wieder die Frage gestellt wird, was die FAU und alle Beteiligten h\u00e4tten besser machen k\u00f6nnen. Ist der gerichtliche Weg wirklich eine gute L\u00f6sung? Welche direkten Aktionen haben die Bauunternehmer am meisten ver\u00e4rgert? Und wie kann ein Dialog mit den Wander:arbeiterinnen \u00fcber ihren deutschen Arbeitskampf hinaus gestaltet werden?<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders aufschlussreich sind die beiden Teile \u00fcber das deutsche Rechtssystem von dem Fachanwalt f\u00fcr Arbeitsrecht, Klaus St\u00e4hle. Er analysiert das Urteil des Bundesarbeitsgericht, das aufgrund der vermietenden, bzw. verpachtenden statt einer verkaufenden T\u00e4tigkeit des Bauherrn eine Privilegierung vornimmt. Dies stellt laut St\u00e4hle aufgrund der Gleichheitswidrigkeit ein verfassungswidriges Urteil dar. Weiterhin erkl\u00e4rt er die rechtlichen Grundlagen, durch die durch das Insolvenzrecht und dem Konstrukt der juristischen Person immer wieder Angestellte um ihren Lohn gebracht werden. Somit thematisiert das Buch passend die Frage, in wie weit das deutsche und europ\u00e4ische Recht eine Klassenjustiz darstellen. Oder wie Elvis Iancu es treffend bei einer Kundgebung vor der <em>Mall of Shame<\/em> ausdr\u00fcckte: \u201eWird diesen Dingen ihren Lauf gelassen, weil Deutschland Arbeitskr\u00e4fte braucht, die wenig oder gar nicht bezahlt werden? Und dann frage ich mich, ob das nicht eine maskierte und kontrollierte Sklaverei ist?\u201c<sup>[5]<\/sup><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die nicht bezahlten Wanderarbeiter:innen der Mall of Shame Sammelband \u00fcber den Bau eines Berliner Luxuskaufhauses Von: Caroline K\u00f6nigs &#8211; 28. 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