{"id":358,"date":"2015-03-19T20:07:01","date_gmt":"2015-03-19T19:07:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=358"},"modified":"2015-03-19T20:07:01","modified_gmt":"2015-03-19T19:07:01","slug":"neue-rheinischen-zeitung-vom-11-1-2006","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/neue-rheinischen-zeitung-vom-11-1-2006\/","title":{"rendered":"&#8220;Neue Rheinischen Zeitung&#8221; vom 11.1.2006"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Buch zum &#8220;wilden Streik&#8221; bei Opel Bochum 2004 &#8211; <\/strong><br \/>\n<strong> Selbstorganisation ist unverzichtbar<\/strong><br \/>\nIm Oktober 2004 kam es zu einem sechst\u00e4gigen Streik der Opelbelegschaft in Bochum. Die Konzernleitung wollte 10.000 Arbeiter und Arbeiterinnen in der Produktion loswerden. Die Produktion sei zu teuer, der Konzern zu wenig gewinntr\u00e4chtig. Das war die Ausgangslage, der Anlass, der die Belegschaft auf die Palme brachte. Sie h\u00f6rte einfach auf zu arbeiten.<!--more--><\/p>\n<p>Opel ist keine Ausnahme. In der gesamten Industrie werden Arbeitspl\u00e4tze wegrationalisiert, auch in der Automobilindustrie stehen Tausende zur Disposition, bei Ford in K\u00f6ln aktuell 1.200, bei Daimler-Chrysler \u00fcber achttausend. Dass die Opelbelegschaft in Bochum mit einem selbst initiierten sechst\u00e4gigen Streik reagierte, hatte eine Vorgeschichte. Das vorliegende Buch \u00f6ffnet nun noch einmal das Drehbuch dieses Streiks.<\/p>\n<p><strong>Tiefe Spuren hinterlassen<\/strong><\/p>\n<p>Die LeserInnen erfahren, dass es in der Bundesrepublik seit ihrer Entstehung immer wieder so genannte wilde Streiks gegeben hat. Von 1949 bis 1980 \u00fcber 2000 au\u00dferhalb der offiziellen Tarifverhandlungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmerverb\u00e4nden. Bis 1968 waren mehr als 80% der Arbeitsniederlegungen nicht durch das offizielle Streikverfahren der Gewerkschaften abgedeckt. Opel war 1973 einer von \u00fcber 300 Metallbetrieben, wo es solche Streiks gab. Der Kampf um den Erhalt des Stahlstandortes in Rheinhausen, Ende der siebziger Jahre, hat viele Menschen im Ruhrgebiet gepr\u00e4gt. Dieser Kampf hinterlie\u00df tiefe Spuren einer &#8220;Autonomie des sozialen Handelns, die eine schnelle Befriedung der w\u00fctenden Stahlarbeiter \u00fcber Wochen hinaus unm\u00f6glich machte.&#8221;<\/p>\n<p>Das Opelwerk wurde in den sechziger Jahre in Bochum in Betrieb genommen. Der einsetzende Strukturwandel im Ruhrgebiet hatte zum Arbeitsplatzabbau im Bergbau und in der Stahlindustrie gef\u00fchrt. Ein Teil der Arbeiter wurde in der Automobilproduktion neu angelernt. Und die ersten &#8220;Gastarbeiter&#8221; kamen, vor allen Dingen Spanier, die politischer waren als ihre deutschen Kollegen. Es gab mehr Widerstand gegen die Zumutungen der Konzernherren, aber auch gegen die Zugest\u00e4ndnisse aus der Betriebsratshierarchie.<\/p>\n<p><strong>Gruppe oppositioneller GewerkschafterInnen<\/strong><\/p>\n<p>Im Bochumer Opelwerk fand sich Anfang der siebziger Jahre eine Gruppe oppositioneller GewerkschafterInnen zusammen. Die GoG (heute nennt sich die Gruppe &#8220;Gegenwehr ohne Grenzen&#8221;) wurde bald zum Markenzeichen einer linksradikalen Kritik, die Gewerkschaften und Betriebsr\u00e4ten zu schaffen machte. Trotz massiver Angriffe von Seiten der Funktion\u00e4re gewannen die Oppositionellen an Ansehen, und immerhin wurden f\u00fcnf von ihnen in den Betriebsrat gew\u00e4hlt. Im Kampf um menschlichere Arbeitsbedingungen, bessere Bezahlung und gegen Entlassungen hatten Betriebsratsmehrheit und IG Metall-Leitung immer daf\u00fcr gesorgt, dass sich keine Fl\u00e4chenbr\u00e4nde entwickelten und Auseinandersetzungen schnell beendet wurden. Mit Hilfe der zentralistischen Organisationsstruktur behielten sie alles im Griff.<\/p>\n<p>Die GoG setzte der gewerkschaftlichen Stellvertreterpolitik das Bem\u00fchen um ein selbst bestimmtes Handeln der Belegschaft entgegen. Damit war der Kampf gegen die Ausbeutungsinteressen des Konzerns auch immer eine Auseinandersetzung um Freir\u00e4ume selbst bestimmten Handelns innerhalb wie au\u00dferhalb der gewerkschaftlichen Organisationsstrukturen. Der Streik der Bochumer Opelbelegschaft im Oktober 2004 war nach Einsch\u00e4tzung der GoG-KollegInnen ein Ergebnis dieser jahrelangen Auseinandersetzung: Die Belegschaft hatte die Arbeit ohne gewerkschaftliche Urabstimmung und ohne das Wohlwollen der Betriebsratsmehrheit einfach niedergelegt.<\/p>\n<p><strong>Interviews mit den &#8220;alten Hasen&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Die Autoren haben Interviews gef\u00fchrt: mit den &#8220;alten Hasen&#8221; der GoG, einer Jugendvertreterin und mit Aktiven, die inzwischen ausgeschieden sind. Vorgeschichte, Streikverlauf, Mut, \u00c4ngste, Wut und Hindernisse, offene Fragen, die die Zukunft stellt, all dies wird in den Berichten und Reflexionen, die teilweise in einen diskursiven Zusammenhang einm\u00fcnden, anschaulich und spannend aufgegriffen. Die Positionen schwanken zwischen Skepsis und Zuversicht, was den Erfolg angeht. Denn die Taktik der Betriebsratsmehrheit und der \u00f6rtlichen IG-Metallf\u00fchrung, das Heft wieder in die Hand zu bekommen, war am Ende doch aufgegangen. Am Ende kamen hohe Abfindungen f\u00fcr diejenigen heraus, die nun freiwillig gingen.<\/p>\n<p>Die Frage, die sich die KollegInnen gegenseitig stellten: &#8220;Rechnest du schon oder arbeitest du noch?&#8221; Aber die prek\u00e4re Situation blieb. Die Leute m\u00fcssen f\u00fcr weniger Geld mehr arbeiten und wissen trotzdem nicht, wie es in Zukunft weiter bestellt ist um das Werk in Bochum. Die Vereinbarung zwischen Betriebsrat und Unternehmensleitung erm\u00f6glicht es, Entlassungen auszusprechen, wenn nicht gen\u00fcgend Freiwillige gehen. Teile der Produktion sind ausgelagert oder werden noch ausgelagert.<\/p>\n<p>Auf internationaler Ebene gab es Solidarit\u00e4tsbekundungen. Der Bericht eines schwedischen Kollegen offenbarte aber auch die Doppelz\u00fcngigkeit der schwedischen Funktion\u00e4re, die sich offiziell solidarisch \u00e4u\u00dferten, in Wirklichkeit aber der Logik des Standortwettbewerbs nachgaben, statt einen Solidarit\u00e4tsstreik zu initiieren. Durch die gewerkschaftliche Zur\u00fcckhaltung auf internationaler wie nationaler Ebene blieb die Solidarit\u00e4t zu schwach, um die Konkurrenzlogik zu durchbrechen.<\/p>\n<p><strong>Kritik an den Gewerkschaften<\/strong><\/p>\n<p>Die Kritik an den Gewerkschaften richtet sich in den Interviews sowohl gegen die Verinnerlichung der kapitalistischen Konkurrenz- und Profitlogik als auch gegen die autorit\u00e4ren Organisationsstrukturen und das Verhalten ma\u00dfgeblicher Funktion\u00e4re. Ein Interviewpartner meint gar, dass Gewerkschaften und Parteien auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte geh\u00f6rten, da sie f\u00fcr gesellschaftliche Bewusstseinsver\u00e4nderungen nicht tauglich seien. Man m\u00fcsse die Menschen selbst entscheiden und machen lassen. Der Streik habe gezeigt, dass dies m\u00f6glich sei. Gewerkschaften verhinderten geradezu die f\u00fcr ein kritisches Selbstbewusstsein notwendige Autonomie der Handelnden. &#8220;F\u00fcr mich ist Selbstorganisation der unverzichtbare Schritt, in dem die Leute Luft zum Atmen bekommen.&#8221;<\/p>\n<p>Aber was ist ohne Gewerkschaften? Sind die Besch\u00e4ftigten dann nicht g\u00e4nzlich schutzlos gegen\u00fcber der Willk\u00fcr der UnternehmerInnen? Eine andere Option w\u00e4re die Nutzung und Umfunktionierung betrieblicher Gewerkschaftsstrukturen. Eine Lehre aus dem Streik sei das Vers\u00e4umnis, mit Hilfe der Vertrauensleute ein Streikkomitee aus der Belegschaft zu w\u00e4hlen und die Verhandlungen mit dem Vorstand nicht wieder dem Betriebsrat zu \u00fcberlassen, meinen die damals Aktiven. Dadurch habe sich die Mehrheit der Leute wieder an den alten Interessensstrukturen orientiert und gehofft, dass die Mitbestimmer, die das Sagen haben, schon was Vern\u00fcnftiges machen w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>Frage nach einer gesellschaftlichen Alternative<\/strong><\/p>\n<p>Die Interviewtexte erzeugen eine Spannung, die die Frage nach einer gesellschaftlichen Alternative aufwirft. Es entsteht ein Anreiz, in Gedanken mitzudiskutieren. Die &#8220;Naturgesetzlichkeiten&#8221; der kapitalistischen Produktion m\u00fcssten in Frage gestellt werden, weil die ArbeiterInnen im Endeffekt sonst immer die VerliererInnen bleiben w\u00fcrden. Auch in den siebziger Jahren sei das System von &#8220;unw\u00fcrdiger Arbeit und kapitalistischer Unterdr\u00fcckung gezeichnet&#8221; gewesen. Dass die ArbeiterInnenschaft trotz fl\u00e4chendeckender Vernichtung industrieller Arbeitspl\u00e4tze nach wie vor eine wichtige Rolle spielt, formuliert die Jugendvertreterin aus ihrem Streikerlebnis heraus: &#8220;Es ist ein unbeschreibliches Gef\u00fchl, welche Kraft doch in diesen &#8216;unwichtigen und machtlosen&#8217; Arbeitern steckt.&#8221; Dem steht an anderer Stelle allerdings die Aussage gegen\u00fcber, dass eine andere Denke bei den meisten kein Bed\u00fcrfnis sei.<\/p>\n<p>Wie eine andere Welt aussehen k\u00f6nnte, ist nicht das Thema des Buches. Um aber in eine Offensive zu gelangen, sei eine Perspektivdebatte notwendig, die das Bed\u00fcrfnis f\u00fcr ein positives Ziel gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung wecke. Ein Interviewpartner kritisiert, dass Vorstellungen von einem besseren Leben jenseits der Fabriken zu sehr von Nischen-Tr\u00e4umen gepr\u00e4gt seien. Aber mit den &#8220;Quantenspr\u00fcngen in der Arbeitsproduktivit\u00e4t&#8221; kommt die Frage zum Vorschein: und was kommt nach der Fabrik? Hier bleibt die Sicht auf selbst verwaltete, alternative Projekte noch verschlossen. Und: als Leser frage ich mich: warum nicht mehr Frauen in die Diskussion einbezogen wurden und Menschen, die au\u00dferhalb des Betriebes den Streik tatkr\u00e4ftig unterst\u00fctzt hatten.<\/p>\n<p>Trotzdem: Ich habe das Buch mit Spannung gelesen. Es aktualisiert die alte Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Organisation und ArbeiterInnen, aber nicht auf einer hoch theoretischen Ebene, sondern durch konkret handelnde Menschen mit ihren Biographien, Sorgen, Freuden und Ansichten.<\/p>\n<p><strong>Werner Ruhoff<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Buch zum &#8220;wilden Streik&#8221; bei Opel Bochum 2004 &#8211; Selbstorganisation ist unverzichtbar Im Oktober 2004 kam es zu einem sechst\u00e4gigen Streik der Opelbelegschaft in&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[28],"tags":[],"class_list":["post-358","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sechs-tage-der-selbstermaechtigung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/358","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=358"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/358\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=358"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=358"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=358"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}