{"id":365,"date":"2015-03-19T20:10:10","date_gmt":"2015-03-19T19:10:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=365"},"modified":"2015-03-19T20:10:10","modified_gmt":"2015-03-19T19:10:10","slug":"ak-zeitung-fuer-linke-debatte-und-praxis-nr-501-16-12-2005","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/ak-zeitung-fuer-linke-debatte-und-praxis-nr-501-16-12-2005\/","title":{"rendered":"ak &#8211; zeitung f\u00fcr linke debatte und praxis \/ Nr. 501 \/ 16.12.2005"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die R\u00fcckkehr der Wildkatze<\/strong><br \/>\n<em>Ein Buch zum wilden Streik bei Opel Bochum im Oktober 2004<\/em><\/p>\n<p>Eine gute Woche lang hatten sie allen einen geh\u00f6rigen Schrecken eingejagt: der Konzernleitung von GM\/Opel, genauso wie den Vorstandsetagen von IG Metall und den Co-Managern der Betriebsratsmehrheit: Mit ihrem wilden Streik im Oktober letzten Jahres hatten die Opel-ArbeiterInnen in Bochum f\u00fcr kurze Zeit die Machtfrage im Betrieb gestellt. Ein Jahr ist das jetzt her; nicht der schlechteste Zeitpunkt f\u00fcr einen R\u00fcckblick.<!--more--><br \/>\nAnfang Dezember 2005 hie\u00df es in der K\u00f6lner Lokalpresse, bei Ford kursierten Aufrufe zu wilden Streiks. Eine interne Streichliste war bekannt geworden, die nicht nur den Abbau von 1.200 Jobs, sondern l\u00e4ngere Arbeitszeiten, Streichung von Zulagen und einen Lohnstopp vorsieht. F\u00fcr die Produktion von derzeit knapp 2.000 Autos pro Tag will Ford verst\u00e4rkt LeiharbeiterInnen einsetzen &#8211; bis zu zehn Prozent der Belegschaft. \u00c4hnliche Bilder bei Opel in Bochum: Auch hier l\u00e4uft die Produktion auf Hochtouren, obwohl sich bereits 2.000 ArbeiterInnen abfinden lie\u00dfen. Bis Fr\u00fchjahr 2006 sollen weitere 900 gehen, sonst drohen betriebsbedingte K\u00fcndigungen. Die verbliebenen ArbeiterInnen machen \u00dcberstunden ohne Ende, und Opel stellt massenhaft LeiharbeiterInnen an die B\u00e4nder.<br \/>\nEin Gesp\u00fcr von Macht und eigener St\u00e4rke<br \/>\nIn beiden F\u00e4llen steht aktuell nicht der verlagerungsbedingte Abbau von Arbeitspl\u00e4tzen im Vordergrund. In diesen Autofabriken steckt zu viel fixes Kapital, als dass die globalen Konzerne auf dessen Verwertung verzichten k\u00f6nnten. Die Angriffe zielen auf eine neue Durchmischung der Belegschaften, um deren allt\u00e4gliche Widerstandskraft gegen zunehmende Arbeitsverdichtung zu brechen. In der offiziellen Statistik taucht dies als \u00dcbergang in die omin\u00f6se &#8220;Dienstleistungsgesellschaft&#8221; auf, denn Leiharbeit wird als Dienstleistung gez\u00e4hlt. Es nimmt daher auch kein Wunder, dass der eigentliche Dienstleistungsboom ausschlie\u00dflich in den &#8220;unternehmensnahen Dienstleistungen&#8221; stattfindet, hinter denen sich zu einem gro\u00dfen Teil die blo\u00dfe Umetikettierung industrieller T\u00e4tigkeiten verbirgt. &#8220;Konsumnahe Dienstleistungen&#8221; wie Handel, Gastgewerbe oder Verkehr sind hingegen seit Jahren r\u00fcckl\u00e4ufig, bef\u00f6rdern aber das Bild einer zersplitterten und kampfunf\u00e4higen ArbeiterInnenklasse. Die Klassenk\u00e4mpfe von heute werden immer mit dem strategischen Blick darauf gef\u00fchrt, den ArbeiterInnen ihre Ohnmacht vorzuf\u00fchren. Nur so l\u00e4sst sich die Paradoxie verstehen, dass die ArbeiterInnen in Bochum die gute Produktionsauslastung nicht schnurstracks f\u00fcr eine Wiederaufnahme ihres Kampfes vom Oktober 2004 ausnutzen.<\/p>\n<p><strong>Durchmischung statt Arbeitsplatzabbau<\/strong><br \/>\nAls am 14. Oktober 2004 die Opel-ArbeiterInnen die Arbeit hinschmissen, schauten Millionen gequ\u00e4lter Arbeitskr\u00e4fte nach Bochum: endlich! Nicht das Maul halten, nicht den Betriebsrat \u00fcber weitere Zumutungen, Verschlechterungen, Lohnk\u00fcrzungen unter dem salbungsvollen Titel &#8220;Standortsicherungsvertrag&#8221; verhandeln lassen. P\u00fcnktlich zum Jahrestag dieses Streiks ist dazu ein Buch erschienen: &#8220;Sechs Tage der Selbsterm\u00e4chtigung&#8221;. Die Herausgeber schreiben darin: &#8220;F\u00fcr wenige Tage konnte man den Eindruck gewinnen, als sei der Korken aus der Flasche geflogen. Der deprimierende Mehltau erzwungener Anpassung war f\u00fcr einen Moment wie weggeblasen, und Menschen wurden sichtbar, die Widerstand leisten anstatt sich anzupassen. Und sie haben dabei auch noch ein gutes Gef\u00fchl.&#8221; Doch dieses Drehbuch, so f\u00fcgen sie gleich hinzu, wurde &#8220;so schnell wieder geschlossen&#8221;.<br \/>\nDen Hauptteil des Buchs machen zahlreiche Interviews mit aktiv beteiligten Arbeitern aus. Darin werden die politische Vorgeschichte in dieser Fabrik, die besondere Bedeutung der au\u00dfergewerkschaftlichen Gruppe GoG (Gegenwehr ohne Grenzen) und die euphorische Stimmung der Selbstt\u00e4tigkeit w\u00e4hrend des Streiks lebendig sichtbar. Hier wird klar, wie der von den ArbeiterInnen selbst organisierte Massenstreik nicht nur ein Angriff gegen die sie beherrschenden M\u00e4chte ist, sondern selbst schon die Herstellung einer anderen Gesellschaftlichkeit bedeutet, wenn auch nur f\u00fcr wenige Tage. Beides h\u00e4ngt zusammen: Gegenmacht und die Produktion von Kollektivit\u00e4t. &#8220;Es herrschte eigentlich damals in den sechs Tagen die Vorstellung: Man kann Europa lahm legen, weil ja in Bochum auch f\u00fcr andere Werke Komponenten gefertigt werden&#8221;, erkl\u00e4rt einer der Interviewten. Kollektive Subjektivit\u00e4t stellt sich dar\u00fcber her, durch das gemeinsame Handeln den &#8220;h\u00f6heren M\u00e4chten&#8221; den eigenen Willen aufzuzwingen und sie damit als solche in Frage stellen zu k\u00f6nnen. Dies zu verhindern, war dem vereinten Lager aus Management, Staat, Kirche und Gewerkschaft an diesem Punkt so wichtig, dass IG Metall und Betriebsrat sogar den Legitimationsverlust in Kauf nahmen, den ihre groteske Abstimmungsinszenierung hervorrufen musste. Denn es fehlten nur noch wenige Tage, und die Produktion bei GM h\u00e4tte tats\u00e4chlich in ganz Europa stillgestanden. Die damit verbundene Wiederentdeckung der eigenen Macht, weit \u00fcber die beteiligten Opel-ArbeiterInnen hinaus, musste unter allen Umst\u00e4nden verhindert werden.<br \/>\nTrotzdem hat dieser Streik die Debatte unter betrieblichen AktivistInnen in einer Weise vorangetrieben, wie es jahrelange theoretische Er\u00f6rterungen nicht vermocht h\u00e4tten. Auch davon zeugt das Buch. In einem einleitenden Beitrag zur Geschichte der wilden Streiks wird das schiefe Bild korrigiert, Arbeiterk\u00e4mpfe w\u00fcrden sich vorrangig in der gewerkschaftlich organisierten Form abspielen. Und ein Aktivist der GoG stellt das hundertj\u00e4hrige vergebliche Abarbeiten der linken Kr\u00e4fte an den Gewerkschaften mal ganz radikal in Frage und h\u00e4lt es f\u00fcr eine gute Idee, die Gewerkschaften sich selbst zu \u00fcberlassen. F\u00fcr die Bef\u00f6rderung von Selbstorganisation sei es &#8220;ein befreiender Schritt, das ,Prinzip Hoffnung Gewerkschaft` zu zerst\u00f6ren&#8221;. Noch vor ein paar Jahren w\u00e4re so etwas in linksgewerkschaftlichen Publikationen nicht ernsthaft diskutiert worden.<br \/>\nSchon der olle Marx wusste, dass es die Klassenk\u00e4mpfe sind, die der theoretischen Kritik auf die Spr\u00fcnge helfen &#8211; und nicht umgekehrt.<\/p>\n<p><strong>Christian Frings<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die R\u00fcckkehr der Wildkatze Ein Buch zum wilden Streik bei Opel Bochum im Oktober 2004 Eine gute Woche lang hatten sie allen einen geh\u00f6rigen Schrecken&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[28],"tags":[],"class_list":["post-365","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sechs-tage-der-selbstermaechtigung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/365","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=365"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/365\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=365"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=365"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=365"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}