{"id":369,"date":"2015-03-19T20:12:06","date_gmt":"2015-03-19T19:12:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=369"},"modified":"2015-03-19T20:12:06","modified_gmt":"2015-03-19T19:12:06","slug":"wildcat-ausgabe-nummer-75-winter-200506","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wildcat-ausgabe-nummer-75-winter-200506\/","title":{"rendered":"&#8220;wildcat&#8221;, Ausgabe Nummer 75 (Winter 2005\/06)"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;\u2026 immer noch G\u00e4nsehaut&#8221;<\/strong><br \/>\n&#8221; auch das Buch Sechs Tage der Selbsterm\u00e4chtigung m\u00f6chte die Diskussion um den &#8220;weiteren Weg des sozialen Widerstands&#8221; (Nachwort S. 223) voran bringen.<br \/>\nDer wilde Streik bei Opel in Bochum war der bisherige H\u00f6hepunkt der gesellschaftlichen Mobilisierungen seit 2003\/2004 in der BRD und markierte die un\u00fcbersehbare R\u00fcckkehr des Klassenkampfs. Wir hatten in zwei Artikeln (wildcat 72 und 73) versucht, die innere Dynamik des Kampfs vor dem Hintergrund der \u00dcberakkumulationskrise der Autoindustrie zu diskutieren. Wer hat wie gek\u00e4mpft, welche Diskussions- und Organisierungsstrukturen sind darin entstanden?<!--more--><\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten Auseinandersetzungen werden nicht lange auf sich warten lassen, die Krise der gro\u00dfen Konzerne ist viel zu dramatisch, als dass sie sich Zeit lassen k\u00f6nnten, die ArbeiterInnen materiell zu spalten und ideologisch auszuhungern. Die Insolvenz des General Motor-Zulieferers Delphi ist die gr\u00f6\u00dfte Pleite in der Automobilgeschichte, Lohnk\u00fcrzungen bis 60 Prozent und Werkschlie\u00dfungen (auch in Deutschland sollen zwei Werke dicht gemacht werden) k\u00f6nnten einen Streik provozieren, der wiederum den weltgr\u00f6\u00dften Automobilkonzern GM selbst in den Ruin treiben w\u00fcrde. In Finanzkreisen werden auch Ford und DaimlerChrysler als Wackelkandidaten betrachtet. Trotz &#8220;Besch\u00e4ftigungssicherungsvertr\u00e4gen&#8221; werden also weitere, noch dramatischere Einschnitten kommen.<\/p>\n<p>Und da k\u00f6nnten die Erfahrungen der Opel-ArbeiterInnen wichtig werden. Das Buch liefert eine ausf\u00fchrliche Innenansicht des wilden Streiks und seiner Vorgeschichte. Die Herausgeber betten dies in die Gruppengeschichte der GOG (Gegenwehr ohne Grenzen, urspr\u00fcnglich &#8220;Gruppe oppositioneller Gewerkschafter&#8221;) ein und haben dazu mehrere Gespr\u00e4che mit deren Aktivisten gef\u00fchrt, was einen Gro\u00dfteil des Buches ausmacht.<br \/>\n&#8220;\u2026 wenn man bedenkt, dass die Gruppe sich 1972 gegr\u00fcndet hat und besteht bis zum heutigen Tage! Das ist doch ohne Beispiel, dass die Leute auch noch nach Jahrzehnten in einer Gruppe zusammenhocken und gewisse Dinge diskutieren. Aber man vermisst Jugendliche, die reinkommen, mit neuen Ideen, neuen Schw\u00fcngen\u2026&#8221; (S. 55)<\/p>\n<p>In den Gespr\u00e4chen und Interviews mit GOG-AktivistInnen kommen Lehrlings- und Antivietnambewegung, K-Gruppen und Juso-Politik zur Sprache, und es entsteht ein lebendiges Bild des sozialen Alltags in der Fabrik und der Betriebsarbeit. Die sich kontinuierlich von den aufw\u00fchlenden 70ern, \u00fcber Terrorismushetze, unternehmerische und gewerkschaftliche &#8220;Kalte-Kriegs-Politik&#8221; bis zu den heutigen &#8220;Standortsicherungen&#8221; zieht. Am spannendsten sind die Abschnitte, in denen die Arbeiteraktivisten ihre eigene &#8220;Selbsterm\u00e4chtigung&#8221; als kollektiven Lern- und Selbstschulungsprozess beschreiben:<br \/>\n&#8220;Schon damals haben wir Versammlungen gemacht. Und es wurde viel diskutiert. Aber ich habe nicht den Mumm gehabt da aufzutreten. Ich habe da kein Wort rausgekriegt \u2026 Und dann gab es bei Opel diese Infostunden. Die haben mir eigentlich geholfen. Da sind so 60 Mann, es gibt eine Mikrophonanlage und man muss nach vorne gehen. 1991, 92 war es das erste Mal und ich habe mir gesagt: Wenn du jetzt nicht gehst, dann gehst du nie wieder. So hat sich das entwickelt. Einmal habe ich den Jaszcyk [ehemaliger BR Vorsitzender und DKPist] richtig fertig gemacht. Und heute lassen wir uns nichts mehr sagen. Das hat vielen Leuten Selbstbewusstsein gegeben. Die Infostunden haben wir damals eingetauscht gegen Betriebsversammlungen. Die Infostunden waren schon ein guter N\u00e4hrboden, um SelbstbewusstseAin zu f\u00f6rdern.&#8221; (S. 51)<\/p>\n<p>Aus den Interviews wird auch sichtbar, wie die Gruppe \u00fcber die enge Betriebspolitik und die Frage von politischen Erfolgen und Misserfolgen hinaus das ganze Leben der Aktivisten gepr\u00e4gt hat:<br \/>\n&#8220;Ich habe die Gruppe als unheimliche Bereicherung empfunden. Da sind ja tolle Dinge gelaufen: z. B. Auslandsreisen\u2026 [\u2026] dieses gesch\u00e4rfte Bewusstsein f\u00fcr politische Abl\u00e4ufe, das geht einem nie wieder verloren. [\u2026] das finde ich unheimlich wichtig, egal in welcher Form auch immer, wenn junge Leute bereit w\u00e4ren, sich mal irgendwo zusammenzutun und einfach nur die Zeit und die Kraft aufwenden w\u00fcrden \u00fcber grundlegende Dinge, die alle betreffen, zu diskutieren. Es muss nicht immer die L\u00f6sung herauskommen, die haben wir ja auch nicht gefunden.&#8221; (S. 63)<\/p>\n<p>Die GOG setzte sich kontinuierlich mit ihrer Position zur Gewerkschaft und ihren Institutionen auseinander. Dazu war sie auch gezwungen, denn die IGM konfrontierte sie immer wieder mit Ausschl\u00fcssen und Funktionsverboten. So durchzieht dieses Thema das Buch als roter Faden.Vorangestellt wird ein Artikel zu den wilden Streiks der 50er und 60er Jahre. Die Dissertationsvorarbeit von Peter Birke (Gruppe Blauer Montag Hamburg) enth\u00e4lt interessante Hinweise auf l\u00e4ngst vergessene K\u00e4mpfe und relativiert das Bild einer Klasse in Nachkriegsstarre, die erst durch die 68er Bewegung aufger\u00fcttelt worden w\u00e4re. Doch er bleibt etwas unvermittelt und so wird die Chance vertan, die materielle Sprengkraft der wilden Streiks, ihre Eigendynamik und Qualit\u00e4t der Selbstorganisierung von der blo\u00dfen Verl\u00e4ngerung (radikal-, links-, alternativ-, basis-) gewerkschaftlicher Betriebsarbeit abzugrenzen. Dies h\u00e4tte die Auseinandersetzung um die &#8220;Gewerkschaftsfrage&#8221; erden k\u00f6nnen, die nun etwas erm\u00fcdet daherkommt. Manni Strobels Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Selbstorganisierung der ArbeiterInnen bleibt isoliert und verschroben: &#8220;Ich sage zerst\u00f6ren, weil sonst immer noch die Vorstellung mitschwingt, man k\u00f6nne diesen Apparat [die Gewerkschaft] reformieren, umkrempeln oder sich irgendwie n\u00fctzlich machen.&#8221; (S. 155). Dies widerspricht offensichtlich zu sehr der Intention der Herausgeber: &#8220;Unser Buch versteht sich als Anregung f\u00fcr alle, die diese Schw\u00e4che erkennen und dar\u00fcber nachdenken, wie wir handlungsf\u00e4hige gewerkschaftliche Basisstrukturen schaffen k\u00f6nnen \u2026&#8221; (Nachwort S. 223)<\/p>\n<p>Erfrischend sind dagegen die verstreuten Innenansichten aus dem &#8220;wilden Oktober&#8221; 2004:<br \/>\n&#8220;\u2026 schlafen konnte man sowieso nicht. Da ist man auch schon mal nachts aufgestanden und ist um 3 Uhr da runter gefahren. Auch Samstag und Sonntag. Das war schon Wahnsinn. Was ich da so auf dem E-Wagen gesehen habe in den ersten Tagen, das sah so aus, als ob die Revolution stattfinden w\u00fcrde.&#8221; (S. 113)<br \/>\n&#8220;Das war wie im Rausch. Die Belegschaft hat bestimmt, so wie es sein sollte. Wir haben da gestanden. Die einen haben Flugbl\u00e4tter auf Leinen gespannt. Es gab Kultur. Jeder konnte Ada reingehen und mitbestimmen, was machen wir jetzt? Die einen haben Flugbl\u00e4tter in der Einlaufzone verteilt, die anderen haben Kaffee gekocht. Das war echt Wahnsinn, was da abgelaufen ist.&#8221; (S. 83)<br \/>\nWar das wirklich der letzte Rausch? Oder wird es Ende M\u00e4rz 2006 noch einmal spannend &#8211; wie Manni Strobel es andeutet -, falls die erzwungenen &#8220;Freiwilligen&#8221; nicht zusammen kommen und betriebsbedingte K\u00fcndigungen anstehen? Besteht die M\u00f6glichkeit, dass zuk\u00fcnftige K\u00e4mpfe \u00fcber Abwehrk\u00e4mpfe hinausgehen und offensiv werden? Wo und wie kann eine solche Macht entstehen? Diese Fragen stehen nicht im Zentrum des Buches. Es ist zwar h\u00e4ufig von &#8220;Perspektive&#8221; die Rede, doch bleibt dies sehr abstrakt. Das mag mit der Auswahl der Gespr\u00e4chspartner und der jetzigen Gruppenstruktur der GOG zu tun haben. Viele haben nach jahrzehntelanger betrieblicher W\u00fchlarbeit das Werk altersbedingt verlassen, einer mit der hohen Abfindung, die nach dem Streik geboten wurde. Doch auch, wenn die eigene politische Arbeit sich verst\u00e4rkt an den Sozialforen orientiert, bleibt die jahrzehntelange Betriebserfahrung, so dass Wolfgang Schaumberg diese abstrakte &#8220;Perspektivsuche&#8221; kritisieren kann: &#8220;Auch sind die Vorstellungen von einem anderen Leben in einer \u203aanderen Welt\u2039sehr gepr\u00e4gt von Nischen-Tr\u00e4umen, die die Hoffnung auf die Erk\u00e4mpfung eines ertr\u00e4glichen und sch\u00f6nen Lebens abseits einer auf Verwertung und Tausch ausgerichteten Produktion n\u00e4hren. Dies ist wom\u00f6glich noch mit der Vorstellung verbunden, es lie\u00dfe sich mit der Organisation des Lebens abseits des Produktionsprozesses (oft \u203aErwerbsarbeit\u2039 genannt) ein solch zersetzender gesellschaftlicher Prozess entwickeln, dass der Kapitalismus damit abgeschafft werden k\u00f6nnte.&#8221; (S. 168)<\/p>\n<p>F\u00fcr die Diskussion innerhalb der GOG ist die Situation im Werk immer noch sehr vom gebrochenen wilden Streik und der Spaltung durch die hohen Abfindungen gepr\u00e4gt, was einen offenen Blick nach vorn schwierig macht. Auch wird bis auf einen kurzen Beitrag nicht auf die laufenden Auseinandersetzungen bei Ford, VW, DaimlerChrysler usw. eingegangen. Die aktuelle politische Diskussion bleibt im Buch also etwas unterbelichtet. Daf\u00fcr gelingt es ihm im Blick zur\u00fcck aber ausgezeichnet, anhand der Geschichte der GOG im Bochumer Opelwerk beispielhaft eine Klassengeschichte der Autoindustrie in der BRD zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Zu erw\u00e4hnen bleibt noch der g\u00fcnstige Preis von 10 Euro, welcher hoffentlich zu einer starken Verbreitung betr\u00e4gt.<\/p>\n<p><strong>gr<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;\u2026 immer noch G\u00e4nsehaut&#8221; &#8221; auch das Buch Sechs Tage der Selbsterm\u00e4chtigung m\u00f6chte die Diskussion um den &#8220;weiteren Weg des sozialen Widerstands&#8221; (Nachwort S. 223)&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[28],"tags":[],"class_list":["post-369","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sechs-tage-der-selbstermaechtigung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/369","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=369"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/369\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=369"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=369"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=369"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}