{"id":373,"date":"2015-03-19T20:16:19","date_gmt":"2015-03-19T19:16:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=373"},"modified":"2015-03-19T20:16:19","modified_gmt":"2015-03-19T19:16:19","slug":"portal-rote-ruhr-uni","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/portal-rote-ruhr-uni\/","title":{"rendered":"Portal &#8220;Rote-Ruhr-Uni&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das russische R\u00e4tsel gel\u00f6st?<\/strong><br \/>\nWie provinziell und selbstbezogen gro\u00dfe Teile der Linken in Deutschland immer noch sind, zeigt sich meistens dann, wenn man merkt, dass dieses oder jenes Buch, das f\u00fcr die Debatten der internationalen Linken von gro\u00dfer Bedeutung war oder ist, nicht auf deutsch vorliegt. Oder wenn bedeutende B\u00fccher erst mit Jahrzehnten Versp\u00e4tung in deutscher \u00dcbersetzung gedruckt werden. Ein vergleichbarer Fall liegt mit Ant\u00e9 Ciligas \u201eIm Land der verwirrenden L\u00fcge vor\u201c. <!--more-->Zwar wurde es bereits 1953 in der Reihe \u201eRote Weissb\u00fccher\u201c verlegt, aber dieser Verlag der Kalten Krieger druckte alles, was gegen den Ostblock gerichtet war und war daher kaum geeignet, um linke Debatten zum Charakter des \u201ereal existierenden Sozialismus\u201c zu initiieren. Zudem erschien der Text nur in einer gek\u00fcrzten Fassung. In Frankreich dagegen, wo das Buch bereits 1938 erschienen ist und in England, wo 1940 eine \u00dcbersetzung erschien, wurde \u201eAu pays du grand mensonge\u201c bzw. \u201eThe russian enigma\u201c ein Standardwerk der linksradikalen Stalinismuskritik. Georg Scheuer schreibt, Ciligas Buch \u201e[\u2026] wirkte wie ein reinigendes Gewitter in der damals von b\u00fcrgerlicher, faschistischer und stalinistischer Propaganda verwirrten franz\u00f6sischen Linken.\u201c\u00a0 Von der in den siebziger Jahren erschienenen Taschenbuchausgabe sollen in Frankreich \u00fcber 200.000 Exemplare verkauft worden sein. Das Buch erschien au\u00dferdem noch auf Italienisch, Spanisch und Japanisch. Wie stark Ciligas Werk die Debatten \u00fcber den Stalinismus inspirierte, zeigt sich daran, dass sowohl Hannah Arendt als auch Guy Debord in ihren Hauptwerken darauf verweisen. In Deutschland wurde erstmals 1947 auf Ciligas Buch hingewiesen. Damals ver\u00f6ffentlichte der linke Stalinkritiker Arkadij Maslow im Bulletin der \u201eRevolution\u00e4ren Kommunisten Deutschlands\u201c eine ausf\u00fchrliche Rezension. Diese ist zusammen mit der \u00dcbersetzung eines l\u00e4ngeren Nachrufs von Philippe Bourrinet im immer wieder empfehlenswerten \u201eArchiv f\u00fcr die Geschichte des Widerstands und der Arbeit\u201c (No. 13, 1994) erschienen. Und nun hat sich mit dem Berliner Verlag \u201eDie Buchmacherei\u201c endlich auch hierzulande jemand gefunden, der Ciligas Buch wiederver\u00f6ffentlicht hat. Zwar leider nur in der Form eines Nachdrucks der gek\u00fcrzten deutschen Fassung aus den f\u00fcnfziger Jahren, doch immerhin bieten sie den fehlenden Abschnitt \u00fcber die Diskussionen der linken Kommunisten im Lager Werchne-Uralsk als Datei auf ihrer Homepage an.<\/p>\n<p><strong>Vom Zentralkomitee nach Sibirien<\/strong><\/p>\n<p>Ant\u00e9 Ciliga wird 1898 in Istrien geboren, das damals noch zur \u00f6sterreichisch-ungarischen Monarchie geh\u00f6rt, doch die Zugeh\u00f6rigkeit dieses Landstriches wechselt aufgrund der geschichtlichen Ereignisse mehrfach. So hat Ciliga bis 1919 die \u00f6sterreichische Staatsb\u00fcrgerschaft und dann bis 1945 die italienische. Dies sollte sich sp\u00e4ter als seine Rettung erweisen. Er selbst verstand sich als Kroate und war in seiner Jugend in der kroatischen Nationalbewegung aktiv, bis die Oktoberrevolution ihn f\u00fcr den Sozialismus begeistert. In der Kroatischen Sozialistischen Partei geh\u00f6rt er zum radikalen Fl\u00fcgel, aus dem 1920 die kroatische Sektion der Kommunistischen Partei Jugoslawiens entsteht. Bereits 1919 beteiligt er sich mit weiteren Freiwilligen aus Jugoslawien an der ungarischen R\u00e4terevolution. Zur\u00fcck in Istrien wird er inhaftiert und bek\u00e4mpft nach seiner Haftentlassung die italienischen Faschisten. Anschlie\u00dfend setzt er seine revolution\u00e4ren T\u00e4tigkeiten neben seinem Studium in Prag, Wien und Zagreb fort, bevor er 1924\/25 Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Jugoslawiens wird. Im Herbst 1926 schlie\u00dflich wird er nach Moskau geschickt, \u201eum an der Schule der jugoslawischen Partei zu unterrichten und an der Arbeit der jugoslawischen Sektion der Komintern mitzuwirken.\u201c Ciliga kommt als begeisterter Anh\u00e4nger des Bolschewismus in die Sowjetunion und hat dort die M\u00f6glichkeit, das Land als privilegierter Kader kennen zu lernen. Doch gerade das macht ihn stutzig. Denn wie kann es sein, dass es hier nach der Revolution noch Privilegien f\u00fcr einzelne Gruppen der Bev\u00f6lkerung gibt, wo es doch der Anspruch der Kommunistischen Partei ist, eine klassenlose Gesellschaft zu errichten? Und so registriert Ciliga sehr genau den Unterschied des Lebensstandards zwischen den einfachen Arbeitern und den Kadern, Ingenieuren und B\u00fcrokraten. Folgerichtig kommt er so auch in Kontakt mit Personen, die die sozialen Verh\u00e4ltnisse in der UdSSR kritisieren und die ihm seine Beobachtungen best\u00e4tigen. Ein jugoslawischer Genosse, der sich schon an der Oktoberrevolution beteiligte hatte, erz\u00e4hlt ihm: \u201eDie Lage ist heute ganz anders als zu meiner Zeit. Der Arbeiter sitzt wieder in der Falle. Die B\u00fcrokraten leben, wie einst die Bourgeois gelebt haben. Ihre Frauen spielen die feinen Damen. Eine neue Revolution muss kommen!\u201c (S. 27) Aufgrund dieser Erfahrungen nimmt Ciliga gemeinsam mit weiteren jugoslawischen Kommunisten Kontakt zur trotzkistischen Opposition auf. Als Reaktion darauf wird Ciliga f\u00fcr ein Jahr aus der KPdSU ausgeschlossen und nach Leningrad versetzt, wo er mit Privilegien wieder f\u00fcr den offiziellen Kurs der Partei gewonnen werden soll. Da er sich aber nicht kaufen l\u00e4sst, wird er schlie\u00dflich verhaftet und ins Lager nach Werchne-Uralsk gebracht. Dort findet er das gesamte Spektrum der linken Opposition versammelt: Anarchisten, Sozialrevolution\u00e4re, die Arbeiteropposition, die demokratischen Zentralisten und nat\u00fcrlich verschiedene Fraktionen der Trotzkisten. Ciliga selbst geh\u00f6rt der linken Str\u00f6mung des \u201eKollektivs der Bolschewisten-Leninisten\u201c an, die eine Reform von unten anstrebte. Im Lager konnten sich die politischen Gefangenen frei bet\u00e4tigen. Sie ver\u00f6ffentlichten eigene Zeitungen, hatten die Chance, die oppositionelle Presse zu lesen und damit die M\u00f6glichkeit, sich ohne Einschr\u00e4nkungen \u00fcber die Entwicklung au\u00dferhalb des Lagers zu informieren und auch uneingeschr\u00e4nkt \u00fcber ihre Einsch\u00e4tzung der Sowjetunion zu diskutieren. Angeregt durch die Informationen \u00fcber die Vorg\u00e4nge im Land und die Einsch\u00e4tzungen Trotzkis dazu, entfernt sich Ciliga immer weiter von seinen bisher vertretenen trotzkistischen Positionen und n\u00e4hert sich einem linkskommunistischen Standpunkt an. Er kommt zu dem Ergebnis: \u201eTrotzki ist im Grunde der Theoretiker eines Regimes, dessen Verwirklicher Stalin ist.\u201c (S. 119) F\u00fcr ihn ist die Sowjetunion auch kein degenerierter Arbeiterstaat mehr, sondern ein Staatskapitalismus, in dem eine Doppelherrschaft aus \u201ekommunistischer\u201c Parteib\u00fcrokratie und der B\u00fcrokratie der Spezialisten die Macht aus\u00fcbt. Die Partei und die zur Produktion und Verwaltung notwendigen Intellektuellen haben die Machtpositionen in der Sowjetunion unter sich aufgeteilt. Mit dieser Kritik n\u00e4hert sich Ciliga, darauf verweist Stephen Schwartz in seinem Nachwort, der Position von R\u00e4te- und Linkskommunisten, die die Entwicklung in der Sowjetunion mit dem allgemeinen Trend zur staatlichen Kontrolle der \u00d6konomie, etwa im Faschismus oder sp\u00e4ter im New-Deal, verbinden. 1940 wird Max Horkheimer in seinem Text \u00fcber den \u201eAutorit\u00e4ren Staat\u201c zu \u00e4hnlichen Auffassungen gelangen. Die Gr\u00fcndung der F\u00f6deration der Linkskommunisten im Lager erlebt Ciliga nicht mehr mit, da er bereits vorher nach Sibirien verbannt wird. Nach knapp drei Jahren in der Verbannung gelingt es ihm schlie\u00dflich Ende 1935 aufgrund seiner italienischen Staatsb\u00fcrgerschaft aus der Sowjetunion ausgewiesen zu werden. Bereits w\u00e4hrend der Fahrt aus der UdSSR nimmt er Kontakt zu Trotzki und trotzkistischen Kreisen im Westen auf und versucht eine Kampagne f\u00fcr die politischen Gefangenen in der Sowjetunion zu organisieren. Doch Trotzki will die Kampagne allein auf trotzkistische Gefangene reduzieren und den anderen politischen Str\u00f6mungen keinerlei Hilfe zukommen lassen. Ciliga n\u00e4hert sich in der Folgezeit immer mehr sozialdemokratischen Positionen an und versucht eine Einheitsfront gegen den Stalinismus zu schmieden. Bei der Suche nach B\u00fcndnispartnern ist er dabei alles andere als w\u00e4hlerisch und scheint dabei nicht mal vor den kroatischen Faschisten halt gemacht zu haben. Bis zu seinem Tod 1992 engagiert er sich fortan wieder f\u00fcr den kroatischen Nationalismus. Sein Lebensweg, der seinen Ausgang in der kroatischen Nationalbewegung hatte, endete schlie\u00dflich wieder dort.<\/p>\n<p><strong>Linke Opposition gegen Trotzki und Stalin<\/strong><\/p>\n<p>Aus emanzipatorischer Perspektive ist allein die Zeit in Ant\u00e8 Ciligas Leben von Interesse, die er \u201eIm Land der verwirrenden L\u00fcge\u201c beschreibt, n\u00e4mlich seine Erfahrungen in der Sowjetunion von 1926 bis Ende 1935. Das Buch entfaltet keine theoretisch fundierte Analyse der Herrschaftsverh\u00e4ltnisse in der UdSSR, darauf hat Felix Baum in seiner Rezension in der taz zu Recht hingewiesen, aber es beschreibt doch sehr anschaulich die realen Lebensverh\u00e4ltnisse im stalinistischen Herrschaftsbereich. Besonders hervorzuheben ist, dass das Buch die linke Opposition gegen den Stalinismus in der Sowjetunion zur\u00fcck in das Ged\u00e4chtnis ruft, die bereits weitgehend vergessen war. Ebenso bedeutend ist m. E. Ciligas Kritik am Trotzkismus, die \u00e4hnlich wie die der R\u00e4tekommunisten \u2013\u201eTrotzki, der gescheiterte Stalin\u201c \u2013auf die Gemeinsamkeiten der bolschewistischen Str\u00f6mungen verweist. Ant\u00e9 Ciliga hat damit, entgegen der Meinung von Peter Nowak,\u00a0 zur r\u00e4te- oder linkskommunistischen Kritik des Bolschewismus sehr wohl etwas beizutragen. Denn sein sp\u00e4teres nationalistisches Engagement entwertet nat\u00fcrlich nicht seinen aufschlussreichen Erfahrungsbericht aus dem \u201eLand der verwirrenden L\u00fcge\u201c.<br \/>\n<strong>Jens Benicke<\/strong><br \/>\nMit Fu\u00dfnoten unter: http:\/\/www.rote-ruhr-uni.com\/cms\/Ante-Ciliga-Im-Land-der.html<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das russische R\u00e4tsel gel\u00f6st? 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