{"id":375,"date":"2015-03-19T20:17:17","date_gmt":"2015-03-19T19:17:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=375"},"modified":"2015-03-19T20:17:17","modified_gmt":"2015-03-19T19:17:17","slug":"neues-deutschland-12-2-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/neues-deutschland-12-2-2011\/","title":{"rendered":"&#8220;Neues Deutschland&#8221; 12.2.2011"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das grosse R\u00e4tsel Stalinismus<\/strong><br \/>\nEs ist bezeichnend, dass anl\u00e4sslich des Todes des ehemaligen ZK-Mitglieds der Kommunistischen Partei Jugoslawiens, Verfolgten des Stalinismus und Verfasser eines der ersten gr\u00f6\u00dferen Berichte eines \u00dcberlebenden des Gulag, Ant\u00e9 Ciliga, im Jahr 1992 in Deutschland lediglich ein Nachruf erschien. Bei diesem handelte es sich zudem um eine \u00dcbersetzung eines Artikels des franz\u00f6sischen marxistischen Historikers Philippe Bourrinet. Es ist ebenso bezeichnend, dass Bourrinet hier Ciliga eine \u00fcberragende Bedeutung bei der Analyse des Stalinismus durch die linken Dissidenten der kommunistischen Bewegung und ihres Kampfes gegen diesen zuerkannte. Ciliga sei, so Bourrinet, \u00bbdurch sein 1938 erschienenes Buch \u203aAu pays du grand mensonge\u2039 zum Sinnbild der Opposition gegen den Stalinismus und das unter Lenin, Trotzki und Stalin errichtete bolschewistische System des Staatskapitalismus\u00ab geworden.<!--more--><br \/>\nDass Ciligas Bericht in Deutschland bis heute weitgehend unbekannt geblieben ist, w\u00e4hrend er in Frankreich, den USA und Gro\u00dfbritannien unter Linken zun\u00e4chst nach seinem erstmaligen Erscheinen 1938, dann nach dem Zweiten Weltkrieg und zuletzt in den 70er Jahren (von der bei Champ Libre 1977 herausgegebenen Taschenbuchversion sollen in Frankreich 200 000 Exemplare verkauft worden sein) intensiv in der antistalinistischen Linken diskutiert wurde, verdeutlicht auch den lange Zeit provinziellen Charakter der bundesrepublikanischen Linken. Hinzu kam, dass die einzige \u00dcbersetzung 1953 in der Reihe \u00bbRote Wei\u00dfb\u00fccher\u00ab des im Kalten Krieg streng auf der Linie des Westens agierenden Verlages f\u00fcr Politik und Wirtschaft erschien, die nicht nur wegen ihres stark gek\u00fcrzten Charakters das Buch f\u00fcr Linke wenig attraktiv machte.<br \/>\nDabei hat \u00bbIm Land der verwirrenden L\u00fcge\u00ab, so die deutsche \u00dcbersetzung des Titels, mehr zu bieten als eine autobiografische Skizze des Leidenswegs des 1926 als Lehrer an die jugoslawische Parteischule in der Sowjetunion \u00fcbergesiedelten Kommunisten, seinen Weg in die um Trotzki herum organisierte Linke Opposition und schlie\u00dflich die Geschichte seiner Verbannung in die verschiedenen Lager des sowjetischen Gulag.<br \/>\nZun\u00e4chst stellte Ciligas Bericht erstmalig die Diskussionen innerhalb der verschiedenen verfolgten Fraktionen der bolschewistischen Partei dar, die Ende der 30er Jahre im Westen noch weitgehend unbekannt waren und heute l\u00e4ngst wieder vergessen sind. Die Positionen nicht nur der verschiedenen Gruppen der Linken Opposition, von Ciliga zunehmend als \u00bbOpposition innerhalb der herrschenden B\u00fcrokratie\u00ab klassifiziert, sondern auch kleinerer auf die Selbstt\u00e4tigkeit der entm\u00fcndigten russischen Arbeiterklasse ausgerichteten Gruppen wie der Arbeitergruppe oder der Demokratischen Zentralisten (Dezisten) wurden so einer gr\u00f6\u00dferen \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich gemacht. Dass dies ausgerechnet durch einen H\u00e4ftling geschehen konnte, wirft ein bezeichnendes Bild auf die Sowjetunion der 30er Jahre, denn, so Ciliga, das Gef\u00e4ngnis sei in Sowjetrussland der einzige Ort gewesen, \u00bban dem sich die Leute auf mehr oder weniger ernsthafte Weise ausdr\u00fccken k\u00f6nnen\u00ab.<br \/>\nAber auch in der von Bourrinet angedeuteten analytischen Hinsicht hatte und hat im \u00bbLand der verwirrenden L\u00fcge\u00ab Interessantes zu bieten. Denn entgegen den in den 30er Jahren noch pr\u00e4senten Analysen des Stalinismus als Bonapartismus oder eines \u00bbb\u00fcrokratisch entarteten Arbeiterstaates\u00ab (Trotzki), die den sozialistischen Charakter der Sowjetunion nicht grunds\u00e4tzlich in Frage stellten, beschreibt Ciliga die Entwicklung des Landes als einen Sieg des \u00bbStaatskapitalismus \u00fcber den Privatkapitalismus\u00ab und \u00bbstaatliche Diktatur \u00fcber das Proletariat\u00ab, wie er sie auch im Westen durch Faschismus und New Deal zu beobachten glaubte. Belegt wird dies durch die zahlreichen Darstellungen der Lebensrealit\u00e4t der sowjetischen Arbeiter und Bauern und ihrer spezifischen staatlich organisierten Ausbeutungsbedingungen, f\u00fcr die der Funktion\u00e4r Ciliga sich einen pr\u00e4zisen Blick erhalten hatte. So kommt er zu einem deprimierenden Fazit bez\u00fcglich der auch im Westen bewunderten Aufbauleistungen des jungen Sowjetstaates: \u00bbDie gigantischen Verwirklichungen des F\u00fcnfjahresplans waren das Werk von Sklavenarbeit. Die gesellschaftliche Lage der theoretisch freien Arbeiter unterschied sich \u00fcbrigens nicht wesentlich von der der Arbeiter, die nicht frei waren. Das was den Unterschied ausmachte, war der Grad der Versklavung.\u00ab<br \/>\nDass der kleine Verlag \u00bbDie Buchmacherei\u00ab und die beiden Herausgeber Jochen Gester und Willi Hajek sich an eine Neuausgabe von Ciligas Bericht gewagt haben, dem sie noch einen biografischen Essay zum Autoren von Stephen Schwartz angef\u00fcgt haben, k\u00f6nnte sich auf die weitere Besch\u00e4ftigung mit dem Stalinismus als des nach wie vor existenten \u00bbgro\u00dfen R\u00e4tsels\u00ab (so der Titel der englischen Ausgabe) f\u00fcr die Linke des 20. und auch noch 21. Jahrhunderts als gro\u00dfes Gl\u00fcck erweisen, auch wenn sich Ciliga selbst seit den 40er Jahren von dieser bereits verabschiedet hatte.<br \/>\nLeider haben die Herausgeber nur die gek\u00fcrzte Version auf den Markt gebracht, ins Internet aber immerhin die englische Langfassung gestellt. Ob Ant\u00e9 Ciligas Buch in Deutschland einen \u00e4hnlichen Stellenwert wie etwa in Frankreich erhalten wird, bleibt abzuwarten.<\/p>\n<p><strong>AXEL BERGER<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das grosse R\u00e4tsel Stalinismus Es ist bezeichnend, dass anl\u00e4sslich des Todes des ehemaligen ZK-Mitglieds der Kommunistischen Partei Jugoslawiens, Verfolgten des Stalinismus und Verfasser eines der&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[29],"tags":[],"class_list":["post-375","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-land-der-verwirrenden-luege"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/375","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=375"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/375\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=375"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=375"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=375"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}