{"id":3807,"date":"2021-10-06T17:33:57","date_gmt":"2021-10-06T15:33:57","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3807"},"modified":"2025-08-28T18:11:37","modified_gmt":"2025-08-28T16:11:37","slug":"nd-vom-18-19-9-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2021\/10\/06\/nd-vom-18-19-9-2021\/","title":{"rendered":"&#8220;Nd&#8221;  vom 18.\/19.9. 2021"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-normal-font-size\"><strong>Geld weg, Vertrauen verloren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Viele europ\u00e4ische Wanderarbeiter*innen in Deutschland werden von ihren Arbeitgebern am Bau, in Pflege und Gastronomie um ihre Rechte gebracht<\/p>\n\n\n\n<p>von  JOHANNA TREBLIN<\/p>\n\n\n\n<p>Rund 890 000 Menschen arbeiten in der Baubranche. Sie sollen bald mehr Lohn erhalten, fordert die Industriegewerkschaft BAU \u2013 und droht mit Streik. Die Gewerkschaft verlangt unter anderem 5,3 Prozent mehr Lohn und eine Angleichung der Geh\u00e4lter in Ost und West. \u00bbNach insgesamt vier Verhandlungsrunden haben die Arbeitgeber am 22. September die letzte Chance, sich mit uns auf einen neuen Tarifvertrag am Verhandlungstisch zu einigen, sonst wird es mehr als ungem\u00fctlich\u00ab, sagte am Freitag IG-BAU Bundesvorsitzender Robert Feiger. Wenn auch die anschlie\u00dfende Schlichtung scheitere, \u00bbkommt der Arbeitskampf\u00ab. <\/p>\n\n\n\n<p>Schon heute steht fest: Viele Arbeiter auf dem Bau werden nichts von dem Tarifabschluss haben. Denn etliche Baubesch\u00e4ftigte arbeiten ohnehin ohne g\u00fcltigen Arbeitsvertrag, bekommen nur einen Teil ihres Lohns regul\u00e4r ausgezahlt oder gelten als Selbstst\u00e4ndige.<\/p>\n\n\n\n<p>Andere arbeiten bei Subunternehmen, die nur f\u00fcr ein einziges Bauprojekt gegr\u00fcndet werden, keinen richtigen Firmensitz haben \u2013 und Insolvenz anmelden oder verschwinden, bevor sie die L\u00f6hne f\u00fcr ihre Besch\u00e4ftigten auszahlen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Insolvente Subunternehmen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Oft sind es Wanderarbeiter*innen aus Osteuropa, die so \u00fcber den Tisch gezogen werden. Teils fehlen ihnen die Sprachkenntnisse, teils steht in den deutschen Vertr\u00e4gen etwas anderes als in den Papieren, die sie in ihrer Landessprache ausgeh\u00e4ndigt bekommen. Einige kennen ihre Rechte nicht gut genug, andere kennen sie, sind auf die Jobs aber angewiesen. Ein besonders prominenter Betrugsfall waren die rum\u00e4nischen Arbeiter auf der Baustelle der Mall of Berlin im Jahr 2014. Sie wurden bei der Fertigstellung des gigantischen Einkaufszentrums am Potsdamer Platz um ihren Lohn geprellt. Dazu ist nun ein Buch erschienen. Die Herausgeber*innen von \u00bbMall of Shame \u2013 Kampf um W\u00fcrde um Lohn\u00ab, Hendrik Lackus und Olga Schell, haben als Mitglieder der Basisgewerkschaft FAU die Arbeiter bei ihrem Protest und ihren darauffolgenden Gerichtsprozessen begleitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mall of Berlin ist ein Projekt der HGHI Leipziger Platz GmbH und Co. KG, hinter der der Investor Harald Huth steht. Hunderte Menschen waren auf der Baustelle am Potsdamer Platz besch\u00e4ftigt, die das Bauunternehmen Fettchenhauer beaufsichtigte. Nach einigen Monaten bekamen einige von ihnen \u2013 darunter viele M\u00e4nner aus Rum\u00e4nien \u2013 pl\u00f6tzlich keinen Lohn mehr. Sie protestierten, zun\u00e4chst alleine, dann mit Unterst\u00fctzung der FAU. Sieben zogen schlie\u00dflich vor Gericht. Doch ihr Geld erhielten sie nie: Ein Subunternehmen, bei dem sie besch\u00e4ftigt waren, ging pleite. Die Chefs des anderen waren nicht mehr auffindbar. Auch der Generalunternehmer Fettchenhauer meldete Insolvenz an. Und so klagten zwei der Arbeiter schlie\u00dflich gegen den Investor. Das Bundesarbeitsgericht wies im Oktober 2019 ihre Klage ab. Die Begr\u00fcndung ist etwas kompliziert: Ein Generalunternehmer k\u00f6nne f\u00fcr ausbleibende L\u00f6hne von Subunternehmen haftbar gemacht werden, ein Investor nicht. Denn der Investor sei in der Regel \u00bbbranchenfremd\u00ab, m\u00fcsse also nicht einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen, ob die Subunternehmen ihre Arbeit tats\u00e4chlich ordentlich machen k\u00f6nnen. Daf\u00fcr sei der Generalunternehmer zust\u00e4ndig. Dass Huth eine Shoppingmall nach der anderen bauen l\u00e4sst und damit eine gewisse Erfahrung haben sollte, tat f\u00fcr die Richter nichts zur Sache.<\/p>\n\n\n\n<p>Lackus und Schell fahren im Fr\u00fchjahr vor dem Urteil des Bundesarbeitsgerichts nach England. Dort treffen sie Elvis Iancu und Bogdan Droma, die 2014 die Proteste gegen die Firma von Harald Huth angef\u00fchrt hatten. Au\u00dferdem sprechen sie mit Gioni Droma, Bogdans Bruder, und Cubylyass Dumitru, ihrem Cousin.<\/p>\n\n\n\n<p>Elvis Iancu lebt zum Zeitpunkt des Interviews in Coventry und arbeitet bei Amazon. Er legt Geld zur\u00fcck, wie er Lackus und Schell erz\u00e4hlt, in ein paar Jahren will er zur\u00fcck nach Rum\u00e4nien zu seiner Familie gehen und sich dort selbstst\u00e4ndig machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bogdan und Giona Droma leben \u2013 wie auch ihr Cousin Cubylyass \u00bbBilly\u00ab Dumitru \u2013 zur Zeit des Interviews in der englischen Industriestadt Luton. Sie hatten seit ihrem Umzug nach England wechselnde Jobs. Bogdan will BWL studieren, um sp\u00e4ter mal ein eigenes Unternehmen gr\u00fcnden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf ihre Zeit in Deutschland schauen sie ganz unterschiedlich zur\u00fcck. F\u00fcr Iancu war es eine \u00bbverlorene Zeit\u00ab, hei\u00dft es im Buch, er denkt kaum noch dar\u00fcber nach. Bogdan Droma \u00e4rgert sich noch heute, dass er auf der Mall gearbeitet hat, aber auch, dass er nach Deutschland gegangen ist, ohne sich vorher richtig zu informieren. Beim Protest sei es ihm nicht nur darum gegangen, den ausstehenden Lohn zu bekommen: \u00bbIch habe f\u00fcr meine Identit\u00e4t gek\u00e4mpft!\u00ab, hei\u00dft es im Interview. <\/p>\n\n\n\n<p>Und er erg\u00e4nzt: \u00bbDie Rechte von Arbeitern sind sehr wichtig!\u00ab Billy Dumitru zeigt vor allem Entt\u00e4uschung \u00fcber Deutschland, weshalb er dort auch nicht bleiben wollte: \u00bbIch h\u00e4tte wohl Arbeit gefunden, aber ich war nicht sicher, ob ich Geld bekommen w\u00fcrde.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Verbesserungen vor allem auf dem Papier<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Interviews mit den geprellten Arbeitern sind detailreich und pers\u00f6nlich. Man merkt ihnen die langj\u00e4hrige Verbindung der Herausgeber*innen mit ihren Gespr\u00e4chspartnern an. Gleichzeitig stehen sie f\u00fcr die Geschichten der vielen Wanderarbeiter*innen, die in Deutschland auf dem Bau, in der Fleischindustrie oder in der Pflege unter prek\u00e4ren Bedingungen arbeiten. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das Buch interviewt wurden auch zwei weiteren FAU-Unterst\u00fctzer*innen der Arbeiter, die erz\u00e4hlen, wie sie die Gruppe kennengelernt haben und welche Herausforderung der Kampf f\u00fcr die eher kleine Gewerkschaft bedeutete. \u00dcberdies reflektieren zwei Sprachmittler*innen, darunter Hendrik Lackus selbst, \u00fcber ihre Rolle zwischen Dolmetscher*innen und Sprecher*innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehrere Beitr\u00e4ge widmen sich dem Zusammenhang von Migration, Asyl und Arbeit(-srecht). Sie zeichnen unter anderem die Entwicklung hin zu mehr Rechten f\u00fcr prek\u00e4re Wanderarbeiter*innen nach. So wurde 1997 das Arbeitnehmerentsendegesetz verabschiedet, nach dem ausl\u00e4ndische Bauarbeiter einen Anspruch auf den deutschen Mindestlohn haben. Das bedeutet \u2013 zumindest laut Gesetz \u2013 mehr Geld f\u00fcr ausl\u00e4ndische Besch\u00e4ftigte. In den Jahren 2004 und 2007 wurden osteurop\u00e4ische Staaten Mitglieder der EU. Doch die  Arbeitnehmerfreiz\u00fcgigkeit, also das Recht, sich innerhalb der EU den Arbeitsplatz frei zu w\u00e4hlen, gew\u00e4hrte Deutschland erst 2011 und 2014.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach kamen mehr Arbeitsmigrant*innen nach Deutschland: Die Leute versuchen, der Armut in ihren L\u00e4ndern zu entfliehen, f\u00fcr sie sind auch deutsche Mindestl\u00f6hne noch mehr als das, was sie beispielsweise in Rum\u00e4nien verdienen k\u00f6nnen. Das kommt deutschen Unternehmen zupass, sie rekrutieren Arbeitskr\u00e4fte, f\u00fcr die sie wenig Geld zahlen m\u00fcssen. Nachdem die IG BAU anfangs noch Stimmung gegen ausl\u00e4ndische Besch\u00e4ftigte gemacht hatte, gr\u00fcndete sie 2004 den Europ\u00e4ischen Verband f\u00fcr Wanderarbeiterfragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch heute noch unterst\u00fctzt der Verein zusammen mit der DGB-Beratungsstelle Faire Mobilit\u00e4t Arbeitsmigrant*innen bei Schwierigkeiten im Job. Bereichen, wo viele Arbeitsmigrant*innen arbeiten \u2013 Landwirtschaft, Pflege, Gastronomie \u2013 unzureichend.<\/p>\n\n\n\n<p>Anhand von Daten der Berliner Soka Bau, der Sozialkasse der Bauwirtschaft, die \u00bbnd\u00ab 2019 einsehen konnte, l\u00e4sst sich erkennen, dass rund ein Viertel der Arbeiter auf Baustellen als Teilzeitkr\u00e4fte gemeldet sind. Aber sowohl die Soka als auch die Gewerkschaft IG BAU sind sich einig, dass in dieser Branche kaum jemand tats\u00e4chlich in Teilzeit arbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verdacht: Mit der Teilzeitmeldung werden Sozialkassenbeitr\u00e4ge hinterzogen. Knapp zwei Jahre sp\u00e4ter zeigen aktualisierte Daten:<\/p>\n\n\n\n<p>Daran hat sich praktisch nichts ge\u00e4ndert. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geld weg, Vertrauen verloren Viele europ\u00e4ische Wanderarbeiter*innen in Deutschland werden von ihren Arbeitgebern am Bau, in Pflege und Gastronomie um ihre Rechte gebracht von JOHANNA&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[82],"tags":[],"class_list":["post-3807","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-mall-of-shame"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3807","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3807"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3807\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8076,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3807\/revisions\/8076"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3807"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3807"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3807"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}