{"id":381,"date":"2015-03-19T20:21:18","date_gmt":"2015-03-19T19:21:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=381"},"modified":"2015-03-19T20:21:18","modified_gmt":"2015-03-19T19:21:18","slug":"direkte-aktion-nr-262","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/direkte-aktion-nr-262\/","title":{"rendered":"&#8220;Direkte Aktion&#8221; Nr. 262"},"content":{"rendered":"<p><strong>Marxistischer Dreisatz<\/strong><\/p>\n<p><em>AntE Ciligas Odyssee durch die Sowjetunion. Eine Buchbesprechung.<\/em><br \/>\nWenn ich alte marxistische Traktate \u00fcber die Sowjetunion lese, \u00fcberkommt mich meist ein mentaler Brechreiz. Das mag dem Privileg geschuldet sein, heute Geschichte aus einer anderen Warte beurteilen zu k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich h\u00e4tte man ja selbst, wie ein Gro\u00dfteil der internationalen Arbeiterbewegung, dem Mythos vom &#8220;Heimatland aller Werkt\u00e4tigen&#8221; auf den Leim gehen k\u00f6nnen. Auch manch Anarchistin war davor nicht gefeit. Doch sp\u00e4testens seit dem 1921 niedergeschlagenen Aufstand von Kronstadt war die Positionierung in der anarchistischen Bewegung eindeutig, wurde genug Wissen \u00fcber den &#8220;Arbeiter- und Bauernstaat&#8221; gestreut. Und nicht zuletzt gab es in den Jahren, ja Jahrzehnten vor der Oktoberrevolution eine Debatte in der Arbeiterbewegung, unter welcher revolution\u00e4ren Strategie sich diese formieren muss, um eine freie Gesellschaft hervorbringen zu k\u00f6nnen. Nein, mangelnde Informationen \u00fcber das Wesen des Bolschewismus k\u00f6nnen es nicht gewesen sein.<!--more--><br \/>\nSo ist es immer wieder ersch\u00fctternd festzustellen, zu welchem Luftschloss sich noch Jahre sp\u00e4ter viele Linke die Sowjetunion ausmalten. Dies gilt auch f\u00fcr den jugoslawischen Kommunisten Ant\u00e9 Ciliga, der 1926 in die Sowjetunion auszog, um fast zehn Jahre sp\u00e4ter, nach einer leidvollen Odyssee, als Gegner des Leninismus hinauszukommen. Seine Erfahrungen schrieb er 1936 bzw. 1941 in zwei B\u00e4nden nieder, die bis in die 1960er zu Diskussionen in der europ\u00e4ischen Linken beitrugen. Noch in den 1970ern ver\u00f6ffentlichten auch spanische Anarchisten Ciligas Abrechnung mit der Sowjetunion. In Deutschland wiederum erschien lediglich 1953 eine stark gek\u00fcrzte \u00dcbersetzung des franz\u00f6sischen Originals, die von der Linken weitestgehend ignoriert wurde, sicherlich auch, weil sie im Rahmen einer dezidiert antikommunistischen Buchreihe erschien. Nun haben Jochen Gester und Willi Hajek Ciligas Aufzeichnungen aus dem &#8220;Land der verwirrenden L\u00fcge&#8221; wieder herausgegeben und der deutschsprachigen Leserschaft zug\u00e4nglich gemacht.<\/p>\n<p><strong>Schattenriss einer Gesellschaft<\/strong><\/p>\n<p>Die Lekt\u00fcre des Buches lohnt sich allemal, allein schon wegen der pers\u00f6nlichen Impressionen vom Innenleben der Sowjetunion. Was dabei Ciligas &#8220;Feldforschungen&#8221; so besonders macht, ist, dass er die Sowjetunion in ihren verschiedensten Facetten kennen lernen konnte: Er kam sowohl mit einfachen ArbeiterInnen in Ber\u00fchrung wie auch Studenten und der Intelligenzija; er hatte Einblicke in die B\u00fcrokratie und war selbst als politischer Kader aktiv. Als Oppositioneller lernt er letztlich die Verbannungsorte, Lager und Gef\u00e4ngnisse von innen kennen mit ihren Insassen aller Couleur. Auf diese Weise zeichnet Ciliga anhand verschiedener &#8220;sozialer und psychologischer Typen&#8221; das Bild einer Klassengesellschaft, die er als &#8220;staatskapitalistisch&#8221; bezeichnet. Ein &#8220;neue Aristokratie&#8221; aus B\u00fcrokraten und Parteifunktion\u00e4ren habe die Privilegien der alten Eliten geerbt, nur um die Arbeitermassen mit den Methoden Machiavellis und Napoleons brutaler zu knechten, als es je im Kapitalismus der Fall gewesen. Immer wieder l\u00e4sst Ciliga die Hoffnung durchblicken, dass sich die &#8220;historische Mission&#8221; der gerade darbenden ArbeiterInnen doch noch erf\u00fcllen k\u00f6nnte. Denn: &#8220;Eine Klasse ergibt sich nicht, sie k\u00e4mpft&#8221;. Das ist f\u00fcr Ciliga die notwendige Implikation einer Klassengesellschaft.<br \/>\nZu einer &#8220;radikalen Kritik&#8221; nicht nur der &#8220;stalinistischen Exzesse&#8221;, sondern auch der &#8220;leninistischen Vorstellung von Masse und Avantgarde&#8221; soll die Neuauflage des Klassikers den Herausgebern zufolge beitragen. Das tut sie zwar, doch l\u00e4sst die analytische Tiefe etwas zu w\u00fcnschen \u00fcbrig &#8211; ein Umstand, der auch der Tatsache verschuldet ist, dass in der Neuauflage erneut zentrale Passagen fehlen, die bereits in der deutschen Erst\u00fcbersetzung unterschlagen wurden. Dies gilt vor allem f\u00fcr das Kapitel, in dem Ciliga in einer Art kritischem Dreisatz von Stalin \u00fcber Trotzki zu Lenin gelangt, um endlich auch diesen vom Sockel zu st\u00fcrzen. Seine Reflexionen bleiben aber auch in gek\u00fcrzter Wiedergabe stets plausibel.<\/p>\n<p><strong>&#8220;Lenin auch&#8221; &#8211; wer noch?<\/strong><\/p>\n<p>Wird Ciliga aus der konkreten Erfahrung mit Stalins Regime heraus zun\u00e4chst in der trotzkistischen Opposition aktiv, wendet er sich schon bald auch von Trotzki ab. Diesem wirft er vor, den Systemcharakter der gesellschaftlichen Probleme zu leugnen, wenn er die Sowjetunion lediglich f\u00fcr einen durch die Politik der stalinistischen B\u00fcrokratie &#8220;deformierten Arbeiterstaat&#8221; halte. Wer Trotzkis &#8220;Verratene Revolution&#8221; gelesen hat, wei\u00df wovon Ciliga spricht. Die Grundlagen des Sowjetsystems verteidigte Trotzki, der selbst die &#8220;Militarisierung der Arbeit&#8221; und die sowjettypische Arbeitsfront organisiert hatte, vehement, ebenso wie die Politik der Turboindustrialisierung. In Anbetracht dieser sowjetischen Ausw\u00fcchse, der Millionen Menschen zum Opfer fielen, wirkt Trotzki mit seiner Kritik an wirtschaftspolitischen Details wie ein Korinthenkacker. Nicht umsonst gaben viele trotzkistische Oppositionelle Ruhe, als sie Trotzkis Programm von Stalin verwirklicht sahen. Darauf verweist auch Ciliga, der den Konflikt zwischen Stalin und Trotzki als Fraktionskampf in der herrschenden Elite wertet.<br \/>\nIn Konsequenz schw\u00f6rt Ciliga denn auch der heiligen Ikone Lenins ab, denn &#8220;die russische Revolution war \u2026 ein organisches Ganzes. Und Lenin konnte nicht als daran unbeteiligt angesehen werden.&#8221; Als entscheidende Weichenstellung gilt Ciliga dabei die Phase ab 1919, in der den ArbeiterInnen die in Kollektivproduktion betriebenen Fabriken entrissen und der B\u00fcrokratie untergeordnet wurden. Mit dieser Monopolisierung sowohl der politischen als auch der wirtschaftlichen Macht in den H\u00e4nden des Staats habe Lenin &#8220;ein totalit\u00e4res und b\u00fcrokratisches Regiment auf den Thron gesetzt&#8221;. Infolge dieser Erkenntnis stellt sich Ciliga auf den Standpunkt der bereits 1922 zerschlagenen &#8220;Arbeiteropposition&#8221; (siehe Artikel unten).<br \/>\nSo plausibel die Kritik an Lenin als Politiker klingt, als Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Entwicklung der Revolution ist sie zu sehr subjektbezogen, wenn sie deren Tragik an der &#8220;Entfremdung zwischen ihm [Lenin] und den Massen&#8221; festmacht. Revolutionen haben komplexe Dynamiken, deren Verlauf entscheidend davon abh\u00e4ngt, wie sich die daran beteiligten Bewegungen zuvor formiert haben. Daher der bekannte anarchistische Leitspruch, dass die revolution\u00e4re Organisation der Embryo der neuen Gesellschaft sein muss. Doch die Bewegung um Lenin hatte sich, wie fast die gesamte alte marxistische Bewegung, \u00fcber autorit\u00e4r organisierte Parteien formiert mit dem Ziel, die staatliche Macht zu erobern. In dieser revolution\u00e4ren Strategie spielte ein Sozialismus von unten bzw. der Gewerkschaftssozialismus &#8211; wie ihn auch die Arbeiteropposition z.T. w\u00fcnschte &#8211; von vornherein keine Rolle. Wer die russische Trag\u00f6die verstehen will, muss in die Zeit zur\u00fcckgehen, wo diese strategischen Weichen gestellt wurden &#8211; und den Mut haben, auch den letzten Heiligen zu entehren.<\/p>\n<p><strong>HOLGER MARCKS<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marxistischer Dreisatz AntE Ciligas Odyssee durch die Sowjetunion. Eine Buchbesprechung. 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