{"id":3813,"date":"2021-10-01T18:09:00","date_gmt":"2021-10-01T16:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3813"},"modified":"2025-08-28T18:11:37","modified_gmt":"2025-08-28T16:11:37","slug":"kritisch-lesen-de-v-13-7-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2021\/10\/01\/kritisch-lesen-de-v-13-7-2021\/","title":{"rendered":"&#8220;kritisch-lesen.de&#8221; v. 13.7.2021"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Her mit dem sch\u00f6nen Leben!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>v<em>on Matthias Fiedler<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Arbeit bedeutet f\u00fcr viele Kampf um ein besseres Leben. Arbeit und Migration bedeuten meist doppelten Kampf. Dass dieser sich lohnen kann, hat vor kurzem das Ergebnis des Streiks in Bornheim beim Unternehmen Spargel Ritter gezeigt. \u00dcber hundert Saisonarbeitende hatten im April 2021, p\u00fcnktlich zum Start der neuen Erntesaison, eine au\u00dfergerichtliche Einigung erzielt und Nachzahlungen f\u00fcr die Ernte 2020 erhalten. Ausgangspunkt dieses Kampfes waren 100.000 Euro nicht gezahlter Lohn. Unterst\u00fctzt wurde der hartn\u00e4ckige, ein Jahr andauernde Kampf durch die FAU (Freie Arbeiter*innen Union) Bonn.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das von Hendrik Lackus und Olga Schell herausgegebene Buch \u201eMall of Shame &#8211; Kampf um W\u00fcrde und Lohn\u201c verweist nun im Einstieg auf den oben genannten aktuellen Kampf und dessen Gemeinsamkeiten und Kontinuit\u00e4ten mit dem mehrere Jahre andauernden Arbeitskampf rum\u00e4nischer Bauarbeiter, die im Auftrag von Subunternehmen auf der Baustelle der <em>Mall of Berlin<\/em> gearbeitet hatten. Mehrere dieser Subunternehmen gingen bankrott und einige der Bauarbeiter wurden sogar mehrfach um ihren Lohn betrogen. Der Investor Harald Huth sah keinen Grund bei den Arbeitern finanziell f\u00fcr eine Entsch\u00e4digung zu sorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil ihnen kein Lohn gezahlt wurde, starteten die Arbeiter zun\u00e4chst einen Protest und begannen, nahezu t\u00e4glich \u00fcber ihre Lage direkt vor der Baustelle der Mall zu informieren. Einige Zeit schliefen sie sogar in einem Container auf der Baustelle. Auch hier war es die FAU (Berlin), die den Protest der Arbeiter und die folgenden mehrj\u00e4hrigen gerichtlichen Verhandlungen \u00fcber Lohnzahlung tatkr\u00e4ftig unterst\u00fctzte:<\/p>\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\" id=\"bruecken-der-solidaritaet\">Br\u00fccken der Solidarit\u00e4t<\/h5>\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eIhre Hilfe war sehr wichtig, sie haben uns mit Geld unterst\u00fctzt und mit andere Sachen. Wir haben angefangen Proteste zu machen. Sie sind mit Fahnen gekommen und mit Flyern, die wir an die Leute verteilt haben und so etwas.\u201c (S. 63)<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Autor*innen hatten selbst den Kampf der protestierenden Arbeiter*innen begleitet und bezeichnen sich als solidarische Unterst\u00fctzer*innen. Ihre eigene Rolle kommt im Buch ebenso zur Sprache wie die ungleiche soziale Herkunft einiger Gewerkschaftsmitglieder und der protestierenden Arbeiter*innen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eNicht wenige der aktiven Mitglieder sind in einem akademischen bzw. universit\u00e4ren Arbeitsumfeld unterwegs. [&#8230;] Es ist eine gro\u00dfe Herausforderung trotz unterschiedlicher Ausgangslagen, Gemeinsamkeiten zu entwickeln. Unserer Meinung nach kann es diese Gemeinsamkeit in K\u00e4mpfen jedoch nur geben, wenn bestehende Unterschiede wahrgenommen werden und die jeweils spezifischen Ausgangsbedingungen und Lebensrealit\u00e4ten der Beteiligten ber\u00fccksichtigt und im wechselseitigen Aushandlungsprozess verstanden werden.\u201c (S. 194)<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Den Autor*innen geht es um die Sichtweisen der ehemaligen Protestierenden auf ihren damaligen Kampf. Heute lebt nur noch einer von ihnen in Berlin. F\u00fcr die im Buch abgedruckten Interviews fuhren die beiden Herausgeber*innen dorthin, wo es die \u00fcbrigen Arbeiter*innen bei ihrer Suche nach Lohnarbeit gef\u00fchrt hatte. Die Beurteilungen ihres Kampfes fallen unterschiedlich aus. Allerdings geben viele an, dass der gemeinsame Kampf wichtig war. Auch die Unterst\u00fctzung der FAU (Schlafpl\u00e4tze, juristische Hilfe, Flyerdruck, sonstige finanzielle Unterst\u00fctzung, Pressearbeit, Recherche etc.) wird h\u00e4ufig als sehr positiv bewertet. Negativ wird der verlorene Kampf vor Gericht eingesch\u00e4tzt. Aber auch wenn die Klagen um den geprellten Lohn allesamt zu Ungunsten der Arbeiter*innen ausfielen, liegt mit dem Buch, neben einer gelungenen historischen Bestandsaufnahme und einer Dokumentation der Misere vieler Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund auf dem deutschen Arbeitsmarkt, reichlich Reflexionsmaterial f\u00fcr zuk\u00fcnftige Arbeitsk\u00e4mpfe vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der Rekonstruktion und Bewertung der Ereignisse um die von den Protestierenden sogenannte \u201eMall of Shame\u201c unternehmen die Herausgeber*innen den Versuch, diese Ereignisse in andere K\u00e4mpfe und Formen widerst\u00e4ndigen Handelns von Arbeiter*innen einzuordnen. So ist beispielsweise ein Interview mit dem mittlerweile wieder aus der Haft entlassenen rum\u00e4nischen Arbeiter Daniel Neagu abgedruckt. Weil er keinen Lohn auf einer Baustelle erhalten hatte, setzte er sich in einen Bagger und riss kurzerhand mehrere H\u00e4user, die er zuvor mitgebaut hatte, ein und filmte sich dabei. In zwei Beitr\u00e4gen des Berliner Juristen Klaus St\u00e4hle werden zudem arbeitsrechtliche Fragen erl\u00e4utert. Den Abschluss bildet ein Artikel der Sozialwissenschaftler Peter Birke und Felix Blum, die sich Fleischfabriken und Arbeitsmigration unter anderem im Oldenburger M\u00fcnsterland widmen und dabei versuchen, einen Bogen zwischen Grenz- und Verwertungsregime zu schlagen und m\u00f6glichen Widerstand dagegen auszuloten.<\/p>\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\" id=\"internationale-solidaritaet\">Internationale Solidarit\u00e4t<\/h5>\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDie Migration haben wir nicht in Rum\u00e4nien erfunden. Sie besteht seit Jahrtausenden. Niemand verl\u00e4sst sein Land, weil es ihm dort gut geht.\u201c (S. 26)<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Auch Deutschland ist seit vielen Jahren ein Einwanderungsland. Die vorliegende Ver\u00f6ffentlichung l\u00e4sst die Verschr\u00e4nkungen von kapitalistischer Ausbeutung und rassistischer Arbeitsmigration, sowie die Lebensrealit\u00e4t der davon Betroffenen deutlich werden. Dabei kommen die K\u00e4mpfenden selbst zu Wort. Und der Band kann als wertvolle Literatur f\u00fcr kommende K\u00e4mpfe gelten, denn Erfahrungen, die Menschen aus ihren Herkunftsl\u00e4ndern mitbringen, sind auch gewerkschaftlich nicht zu untersch\u00e4tzen. Dass im Kapitalismus die Taktik des Gegeneinander-Ausspielens \u2013 sowohl von Belegschaften als auch um L\u00f6hne und Sozialleistungen \u2013 angewendet wird, ist zwar keine neue Erkenntnis. Dennoch zeigt das Buch anschaulich, wie Klassenunterschiede zwar nicht sofort zu \u00fcberwinden sind, aber Solidarit\u00e4t untereinander m\u00f6glich ist. Denn nicht nur Solidarit\u00e4t auf der Stra\u00dfe wird gebraucht, sondern auch ein langer Atem, um die derzeitigen Verh\u00e4ltnisse <em>zum Tanzen<\/em> zu bringen und Netze von Subunternehmen und Briefkastenfirmen zu durchschauen. Es gilt sowohl materielle und sozio-kulturelle Unterschiede als auch Sprachbarrieren zu \u00fcberwinden. Die fragmentierte Situation von Arbeiter*innen und die vielen Wechsel der (Arbeits-)Orte erleichtern die K\u00e4mpfe nicht. Viele Probleme und Proteste geraten daher schnell in Vergessenheit. Denn obwohl die Zeit des Mall-of-Shame-Protests noch nicht lange her ist, k\u00f6nnen (oder wollen) sich viele Arbeiter nicht mehr genau an diese Zeit in Berlin erinnern, die unter anderem von Gewalt und Obdachlosigkeit gepr\u00e4gt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kombination aus Interviews mit Arbeiter*innen und Analysen zu Migration und Arbeit veranschaulicht prek\u00e4re Arbeitsbedingungen von Migrant*innen. Die Herausgeber*innen wollen mit ihrem Buch nicht blo\u00df dokumentieren, sondern sie versuchen, zu kl\u00e4ren, wie eine Zukunftsperspektive aussehen und wie man wilde Streiks unterst\u00fctzen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich handelt es sich hier nicht um Einzelf\u00e4lle, wie am genannten Einstiegsbeispiel der protestierenden Spargelstecher*innen klar wird. Dass hinter der Misere System steckt, macht die darauffolgende Entwicklung klar: W\u00e4hrend der andauernden Corona-Pandemie stimmten inmitten der Spargel Erntesaison (ebenfalls im April 2021), auf Druck der Landwirtschaftsverb\u00e4nde und des Bundesministeriums f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft, die Abgeordneten des Bundestags einer Ausweitung der sozialversicherungsfreien Zeit f\u00fcr Besch\u00e4ftigte in der Saisonarbeit zu. Diese ist nun von 70 auf 102 Tage ausgedehnt worden. Das hei\u00dft auch, dass die unter diesen Voraussetzungen Besch\u00e4ftigten in Zeiten einer lebensbedrohlichen Pandemie keine Krankenversicherung haben. So sind einer weiteren Benachteiligung von migrantischen Arbeiter*innen T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet, denn sie sind diejenigen, die meistens den deutschen Spargel ernten. Ein Umdenken ist zwingend n\u00f6tig, wenn das oft auf Demonstrationen geforderte Motto \u201eHoch die Internationale Solidarit\u00e4t\u201c Wirklichkeit werden soll, zum Beispiel indem gewerkschaftliche, syndikalistische und realpolitische Beratung, Unterst\u00fctzung und Rechtsschutz f\u00fcr alle gleicherma\u00dfen gew\u00e4hrleistet und wilde Streiks sowie Arbeitsniederlegungen unterst\u00fctzt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Her mit dem sch\u00f6nen Leben! von Matthias Fiedler Arbeit bedeutet f\u00fcr viele Kampf um ein besseres Leben. Arbeit und Migration bedeuten meist doppelten Kampf. 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