{"id":3819,"date":"2021-10-06T18:38:04","date_gmt":"2021-10-06T16:38:04","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3819"},"modified":"2025-08-28T21:06:59","modified_gmt":"2025-08-28T19:06:59","slug":"graswurzelrevolution-450-sommer-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/graswurzelrevolution-450-sommer-2021\/","title":{"rendered":"&#8220;Graswurzelrevolution&#8221; 450, Sommer 2021"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Proletarier*innen auf zwei R\u00e4dern<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>vo<em>n Peter Nowak<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wer mit offenen Augen durch die St\u00e4dte geht, wird schnell erkennen, dass die Lieferdienste zu den Gewinner*innen der Corona- Pandemie geh\u00f6ren. Doch wie immer im Kapitalismus profitieren die Besitzer*innen und nicht die Besch\u00e4ftigten der Firmen. Ganz im Gegenteil! Der Gewinn beruht auf vielen schlecht bezahlten Jobs. Dagegen wehren sich seit mehreren Jahren die Besch\u00e4ftigten verschiedener europ\u00e4ischer L\u00e4nder und der USA auch gewerkschaftlich. In Berlin wurde 2016 mit Unterst\u00fctzung der Basisbewegung Freie Arbeiter*innen Union (FAU) die Deliver- union gegr\u00fcndet, die schnell ein mediales Echo fand<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>\u201eDen Forderungen der Riders wurde Legitimit\u00e4t einger\u00e4umt und die FAU-Berlin \u00fcberwiegend positiv dargestellt, w\u00e4hrend die Lieferdienste eher skeptisch betrachtet wurden\u201c, schreibt der G\u00f6ttinger Soziologe Robin De Greef in seinen Buch \u201eRiders Unite!\u201c. Es liefert einen knappen aber informativen Blick auf einen Organisationsprozess, der auch f\u00fcr viele der Betroffenen \u00fcberraschend kam. \u201eManche sagen, dass wir die Unorganisierbaren organisieren. Also das sind Leute, die keinen Treffpunkt haben, sie haben kaum M\u00f6glichkeiten miteinander zu kommunizieren; ihre Schichten sind unregelm\u00e4\u00dfig und es gibt Fluktuation\u201c, erkl\u00e4rte 2018 ein Mitglied der Deliverunion- Kampagne. Das Label war zum Motto dieses Organisationsprozess der Proletarier*innen auf zwei R\u00e4dern geworden. De Greef geht auf die Besonderheiten der Gig-Economy ein, zu der auch die Kurierdienste geh\u00f6ren. Gig-Economy bezeichnet einen Teil des Arbeitsmarktes, bei dem \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>kleine Auftr\u00e4ge kurzfristig an unabh\u00e4ngige Selbstst\u00e4ndige,&nbsp;Freiberufler oder geringf\u00fcgig Besch\u00e4ftigte vergeben werden. Kennzeichnend sind prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse. Zudem werden die Lohnarbeitenden nur teilweise in betriebliche Zusammenh\u00e4nge eingebunden. Einerseits werden die Besch\u00e4ftigten als Selbstst\u00e4ndige betrachtet, die die Plattformen nur nutzen, um Auftr\u00e4ge zu generieren. Andererseits gibt es bei der Arbeit oft eine umfassende \u00dcberwachung, beispielsweise \u00fcber die Route der Kurierfahrer*innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Bild der autorit\u00e4ren Vorarbeiter*innen mit Chef- All\u00fcren, das in den fordistischen Fabriken kennzeichnend war, wird bei den Kurierdiensten durch Vorgesetzte ersetzt, die scheinbar von nichts eine Ahnung haben. Das wird f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten zum Problem, wenn bei ihrer Arbeit Kompli- kationen auftreten. \u201eSie antworten normalerweise schnell. Aber nach ungef\u00e4hr zwei Minuten wird der Chat blockiert und man muss einen neuen Chat starten, und nat\u00fcrlich wei\u00df die neue Person nie was los ist\u201c, zitiert De Greef eine Kurierfahrerin. Die zahlreichen Ausschnitte aus Gespr\u00e4chen mit Besch\u00e4ftigen in dem Buch geben einen guten Einblick in die Probleme, auf die sie im Arbeitsalltag sto\u00dfen. Hier wird auch deutlich, dass ein algorithmusgesteuertes System von Abmahnungen und Sanktionen an Repression den autorit\u00e4ren Strukturen in einer fordistischen Fabrik in nichts nachsteht. Hier sieht De Greef auch Widerstandspotentiale bei den Besch\u00e4ftigten. Ob diese in gewerkschaftliche Organisierungsprozesse m\u00fcnden, h\u00e4ngt&nbsp;von vielen spezifischen Faktoren&nbsp;ab, auch von der Jahreszeit. Im Sommer, wo die Zahl der Riders gr\u00f6\u00dfer ist, sind die Bedingungen g\u00fcnstiger als im Winter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Berliner Deliverunion-Kampagne war durch eine Facebook- Gruppe entstanden, in der sich ca. 100 Besch\u00e4ftigte kritisch mit ihren Arbeitsbedingungen auseinandersetzten. In den folgenden Jahren gab es zahlreiche Kundgebungen und Demonstrationen. Besonders positiv hebt de Greef hervor, dass sich die Taxi-AG bei ver.di, ein Zusammenschluss gewerkschaftlich organisierter Taxifahrer*innen, mit den bei der FAU organisierten Riders solidarisch erkl\u00e4rte. De Greef spricht von einem \u201ebeson- deren Beispiel unternehmens- und gleichzeitig gewerkschafts\u00fcbergreifender Solidarit\u00e4t\u201c, die auch bei den Proletarier*innen auf zwei R\u00e4dern der Schl\u00fcssel zum Erfolg ist. In London koordinierten sich im August 2016 im Rahmen eines Aktionstages Rider von Deliveroo, Uber- Taxifahrer*innen und Besch\u00e4ftigte von Fast-Food-Ketten wie Mc Donalds gemeinsam. Es ist eine dringend notwendige Suchbewegung der Arbeitsk\u00e4mpfe im digitalen Kapitalismus. Kurierfahrer*innen bilden einen wichtigen Teil der Lohnabh\u00e4ngigen im digitalen Kapitalismus. Sie haben in den letzten Jahren deutlich gemacht, dass sie f\u00fcr Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen k\u00e4mpfen und dabei auch Erfolge haben k\u00f6nnen, wie der sponante wilde Streik von \u00fcber 100 Riders des Essenslieferanten Gorillas Mitte Juni in Berlin zeigte, nachdem ein Kollege entlassen worden war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Proletarier*innen auf zwei R\u00e4dern von Peter Nowak Wer mit offenen Augen durch die St\u00e4dte geht, wird schnell erkennen, dass die Lieferdienste zu den Gewinner*innen der&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[89],"tags":[],"class_list":["post-3819","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-riders-unite-arbeitskaempfe-bei-essenslieferdiensten-in-der-gig-economy-das-beispiel-berlin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3819","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3819"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3819\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8173,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3819\/revisions\/8173"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3819"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3819"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3819"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}