{"id":3821,"date":"2021-10-06T18:45:02","date_gmt":"2021-10-06T16:45:02","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3821"},"modified":"2025-08-28T21:06:59","modified_gmt":"2025-08-28T19:06:59","slug":"jungle-world-24-2021-v-17-6-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/jungle-world-24-2021-v-17-6-2021\/","title":{"rendered":"&#8220;Jungle World&#8221; 24-2021 v. 17.6.2021"},"content":{"rendered":"\n<p>17.06.2021 Robin de Greef, Autor, im Gespr\u00e4ch \u00fcber die gewerkschaftliche Organisation von Fahrradkurieren<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\" id=\"die-organisierung-hat-an-schwung-verloren\">\u00bbDie Organisierung hat an Schwung verloren\u00ab<\/h4>\n\n\n\n<p>Interview Von Petzer Nowak<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was hat Sie an dem Thema \u00bbArbeitsk\u00e4mpfe bei Essenslieferdiensten\u00ab so interessiert, dass Sie erst Ihre Bachelorarbeit und dann noch ein Buch zum Thema geschrieben haben?<\/strong><br>Die Lieferdienste, um die sich das Buch dreht, sind Teil der Gig Economy. Das ist ein Bereich des Arbeitsmarkts, in dem prek\u00e4re Dienstleistungsjobs \u00fcber digitale Plattformen vermittelt werden. Dadurch sind die \u00bbRider\u00ab genannten Kurierfahrerinnen und -fahrer im Arbeitsalltag tendenziell vereinzelt. Gleichzeitig gibt es eine hohe Fluktuation in der Belegschaft, weil die meisten entweder befristet oder als Soloselbst\u00e4ndige besch\u00e4ftigt sind und den Job h\u00e4ufig als \u00dcbergangsl\u00f6sung sehen. Mich hat vor allem interessiert, wie gewerkschaftliche Organisierung unter diesen Bedingungen m\u00f6glich ist und welche Rolle dabei Basisgewerkschaften wie die FAU spielen, die in vielen L\u00e4ndern an Arbeitsk\u00e4mpfen in der Gig Economy beteiligt sind. Ich wollte meine Bachelorarbeit nicht in einer Schublade verstauben lassen. Nach R\u00fccksprache mit der Deliverunion und meinen \u00adInterviewpartnerinnen und -partnern habe ich mich deshalb daran gemacht, den Text zug\u00e4nglicher zu gestalten und zu erg\u00e4nzen. Daraus ist das Buch entstanden.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u00bbMeist fangen diese Unternehmen als kleine Start-ups an, dahinter stehen aber Investorinnen und Investoren mit gigantischen Mengen an Risikokapital.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Die Deliverunion war eine Kampagne<\/strong><strong> der anarchosyndikalistisch orien<\/strong><strong>tierten Gewerkschaft FAU. Ziel war, <\/strong><strong>die Arbeitsk\u00e4mpfe der Arbeiterin<\/strong><strong>nen und Arbeiter der Lieferdienste <\/strong><strong>Deliveroo und Foodora zusammen<\/strong><strong>zuf\u00fchren. Die Kampagne fand ein <\/strong><strong>gro\u00dfes Presseecho. Warum ist das <\/strong><strong>f\u00fcr die Medien so interessant, ob<\/strong><strong>wohl doch die Welt der Arbeit sonst keine zentrale Rolle spielt?<\/strong><br>Zun\u00e4chst mal kommt man im Alltag fast automatisch mit den Ridern in Ber\u00fchrung, die mit ihren auff\u00e4lligen Rucks\u00e4cken vielerorts das Stadtbild pr\u00e4gen. Gleichzeitig h\u00e4ngen an der Lieferdienst-App ja nicht nur die Rider, \u00adsondern auch die Restaurants und die Kundschaft. Das Aufkommen der Plattformen ver\u00e4ndert also nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch das Alltagsleben und die Esskultur. Es gibt beispielsweise bereits \u00bbGeisterrestaurants\u00ab ohne eigenen Gastraum, die nur f\u00fcr den Online-Lieferservice kochen. Und man kann sich mittlerweile von Lieferdiensten wie Gorillas sogar den kompletten Wocheneinkauf direkt vor die Haust\u00fcr bringen lassen. Allgemein erscheint das ganze Thema sehr zukunftstr\u00e4chtig, weil Digitalisierung, Technik und auch \u00dcberwachung dabei eine Rolle spielen. Anzeige<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie funktioniert denn das Gesch\u00e4ftsmodell der Gig Economy, zu der die <\/strong><strong>Lieferdienste z\u00e4hlen?<\/strong><br>Plattformunternehmen wie Lieferando oder Uber stellen prim\u00e4r die Software bereit. Die Arbeitskraft und auch die meisten Produktionsmittel steuern dann die Besch\u00e4ftigten und&nbsp;\u2013 im Fall der Lieferdienste&nbsp;\u2013 die Restaurants bei. Koordiniert wird das \u00adalles durch App-basiertes Management. Lieferando beispielsweise hat in vielen St\u00e4dten gar keine eigenen B\u00fcros, es wird stattdessen alles aus der Zentrale gesteuert. Das macht es f\u00fcr solche Unternehmen sehr einfach, an neue Standorte zu expandieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Meist fangen sie als kleine Start-ups an, dahinter stehen aber Investorinnen und Investoren mit gigantischen Mengen an Risikokapital, die hoffen, dass ihre jeweilige Plattform in k\u00fcrzester Zeit den Markt \u00fcbernimmt. Die Plattformunternehmen verbrennen darum zun\u00e4chst jede Menge Geld, um zu wachsen, ihre Preise niedrig zu halten und mit verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig guten Arbeitsbedingungen gen\u00fcgend Besch\u00e4ftigte zu gewinnen. Wenn sie sich etabliert haben, erh\u00f6hen sie dann fast immer die Preise und verschlechtern die Arbeitsbedingungen, um profitabel zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie kam es unter diesen schwierigen Bedingungen trotzdem zur \u00adgewerkschaftlichen Organisation <\/strong><strong>bei den Ridern?<\/strong><br>Die Rider sind zwar tendenziell vereinzelt, aber auf der Stra\u00dfe f\u00fcreinander gut sichtbar. Weil alles nur \u00fcber die App gesteuert wird, entzieht es sich dem Management, wenn sie sich unterei\u00adnander vernetzen. Die von Ridern oft \u00aderlebte Intransparenz wirkt also auch in umgekehrter Richtung. Ein Schl\u00fcssel\u00adereignis f\u00fcr die Organisierung bei den Lieferdiensten war auf jeden Fall ein siebent\u00e4giger wilder Streik von 200 Deliveroo-Ridern in London im August 2016. Ankn\u00fcpfend daran gab es in weiteren britischen St\u00e4dten Proteste und im Oktober 2016 haben auch Rider bei Foodora in der norditalienischen Stadt Turin gestreikt. Im folgenden Jahr gab es dann Arbeitsk\u00e4mpfe in ganz Europa und dar\u00fcber hinaus. Ausl\u00f6ser war oft, dass die Lieferdienste versucht haben, unternehmerische Risiken st\u00e4rker auf die Rider abzuw\u00e4lzen, zum Beispiel durch die Bezahlung pro Lieferung anstelle eines festen Stundenlohns. Auch die meisten Berliner Rider, mit denen ich gesprochen habe, hatten erlebt, wie die Arbeitsbedingungen schrittweise immer weiter verschlechtert wurden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Heute h\u00f6rt man von der Deliverunion kaum noch etwas. Ist die ge<\/strong><strong>werkschaftliche Organisation dort <\/strong><strong>gescheitert? Wo sehen Sie Grenzen <\/strong><strong>f\u00fcr die gewerkschaftlichen Orga\u00adnisation bei den Lieferdiensten?<\/strong><br>Auf Dauer stellt vor allem die hohe Fluktuation in der Belegschaft ein gro\u00dfes Problem dar, weil sie die Mobili\u00adsierung neuer Kolleginnen und Kollegen zu einer Daueraufgabe macht. \u00adDarum hat die Organisierung in Berlin an Schwung verloren, noch bevor sich Deliveroo 2019 vom deutschen Markt zur\u00fcckgezogen hat und Foodora von Lieferando geschluckt wurde. Ein \u00adweiteres Problem war, dass Verbesserungen der Arbeitsbedingungen nicht der Deliverunion zugerechnet wurden, weil sich die Lieferdienste weitgehend geweigert hatten, die FAU als Verhandlungspartnerin anzuer\u00adkennen. Einige der zentralen Forderungen an Deliveroo und Foodora wurden aber offenbar dann von Lieferando erf\u00fcllt. Es&nbsp;gibt jetzt zum Beispiel eine \u00ad\u00adgeringe Kilometerpauschale f\u00fcr die Instandhaltung der Fahrr\u00e4der und in einigen St\u00e4dten werden auch Leihr\u00e4der gestellt. In der FAU Berlin hat sich mittlerweile eine Lieferando-Betriebsgruppe gegr\u00fcndet und Rider haben auch schon mit Protestaktionen auf sich aufmerksam gemacht, etwa w\u00e4hrend des Schneechaos im Februar \u00addieses Jahres. Auch bei den neuen Lieferdiensten Gorillas und Wolt gibt es Betriebsgruppen. Bisher haben die sich aber noch nicht wieder unternehmens\u00fcbergreifend als Deliverunion orga\u00adnisiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie sind in einem Kapitel auch auf die Initiative \u00bbLiefern am Limit\u00ab ein<\/strong><strong>gegangen, die in der DGB-Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gastst\u00e4tten (NGG) organisiert ist und bei Food\u00ad<\/strong><strong>ora und Lieferando zahlreiche Betriebsr\u00e4te gegr\u00fcndet hat. Gab es <\/strong><strong>Kontakte zur Deliverunion?<\/strong><br>Leider kaum. Die einzige sichtbare Kooperation hat vermittelt \u00fcber einen von dem Verein \u00bbAktion gegen Arbeitsunrecht\u00ab organisierten bundesweiten Aktionstag stattgefunden, nachdem \u00bbLiefern am Limit\u00ab in K\u00f6ln einen Betriebsrat gegr\u00fcndet und Deliveroo daraufhin bundesweit Rider nur noch als Soloselbst\u00e4ndige eingestellt hat&nbsp;\u2013 die ja bekanntlich keine Betriebsr\u00e4te gr\u00fcnden k\u00f6nnen. Ansonsten wurde aber die M\u00f6glichkeit weiterer st\u00e4dte\u00fcbergreifender Aktionen verschenkt. Besonders schade ist das, da bei beiden Initiativen die Selbstorganisation der Rider an der Basis zentral war. Anscheinend hat der Umstand, dass die NGG und die FAU beide nur bedingt zur Zusammenarbeit bereit waren, die Rider gewisserma\u00dfen voneinander ferngehalten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum haben Sie in Ihrem Buch eine Solidarit\u00e4tsaktion von bei Ver<\/strong><strong>di gewerkschaftlich organisierten <\/strong><strong>Taxifahrern mit den Ridern in Ber<\/strong><strong>lin hervorgehoben?<\/strong><br>Die Taxifahrer haben bei einer Demonstration von Deliveroo-Ridern auf \u00e4hnliche Probleme in ihren eigenen \u00adArbeitsverh\u00e4ltnissen aufmerksam gemacht. Ich fand das ein sch\u00f6nes Beispiel branchen\u00fcbergreifender Solidarit\u00e4t. In Gro\u00dfbritannien ging das noch weiter, da haben sich Rider im Oktober 2018 zusammen mit Fahrerinnen und Fahrern von Uber zu einem landesweiten Streik- und Aktionstag koordiniert. In Deutschland ist das Gesch\u00e4ftsmodell von Uber noch verboten, aber es gibt Plattformen, die recht \u00e4hnlich funktionieren. Auch in der Taxibranche werden oft Verantwortung und Kosten auf die Besch\u00e4ftigten abgew\u00e4lzt, zum Beispiel indem Wartezeiten zwischen einzelnen Auftr\u00e4gen oder die Reinigung und Wartung der Taxis nicht bezahlt werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In der Covid-19-Pandemie expandieren die Lieferdienste. Sehen Sie hier M\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine gewerkschaftliche Organisierung?<\/strong><br>Lieferando hat im Winter und w\u00e4hrend des sogenannten Lockdowns Rekordums\u00e4tze erzielt. Gleichzeitig arbeiten die Rider weiterhin knapp \u00fcber dem Mindestlohn. Dabei ist ihre Arbeit in der Pandemie eher noch fordernder und auch gef\u00e4hrlicher geworden. Ganz \u00e4hnlich sieht es bei anderen Unternehmen aus, die von der Krise profitieren, etwa bei Lebensmittel-Discountern oder im Versandhandel. Als Gewerkschaften diese Ungerechtigkeiten zu skandalisieren und sich f\u00fcr branchen\u00fcbergreifende Organisierung einzusetzen, ist aus meiner Sicht derzeit besonders wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>K\u00fcrzlich sorgte ein wilder Streik <\/strong><strong>beim Lebensmittel-Lieferdienst Go<\/strong><strong>rillas in Berlin f\u00fcr Schlagzeilen. K\u00f6nnte das die Organisationspro<\/strong><strong>zesse in der Branche wieder beschleunigen?<\/strong><br>Das ist gut m\u00f6glich. Zum einen haben die Streikenden ein Problem thematisiert, dass auch andere Rider betrifft, n\u00e4mlich ihre Verwundbarkeit durch lange Probezeiten und befristete Arbeitsvertr\u00e4ge. Zum anderen haben sie mit der Blockade von Warenlagern eine direkte Aktionsform ins Spiel gebracht, die in Deutschland bisher nicht pr\u00e4sent war. Und in der Vergangenheit hat sich immer wieder gezeigt, dass sich Forderungen und Aktionsformen unter den Ridern \u00fcber St\u00e4dte und Unternehmen hinweg verbreiten.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17.06.2021 Robin de Greef, Autor, im Gespr\u00e4ch \u00fcber die gewerkschaftliche Organisation von Fahrradkurieren \u00bbDie Organisierung hat an Schwung verloren\u00ab Interview Von Petzer Nowak Was hat&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[89],"tags":[],"class_list":["post-3821","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-riders-unite-arbeitskaempfe-bei-essenslieferdiensten-in-der-gig-economy-das-beispiel-berlin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3821","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3821"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3821\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8172,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3821\/revisions\/8172"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3821"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3821"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3821"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}