{"id":383,"date":"2015-03-19T20:22:13","date_gmt":"2015-03-19T19:22:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=383"},"modified":"2015-03-19T20:22:13","modified_gmt":"2015-03-19T19:22:13","slug":"neue-rheinische-zeitung-online-flyer-273-v-27-10-2010","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/neue-rheinische-zeitung-online-flyer-273-v-27-10-2010\/","title":{"rendered":"&#8220;Neue Rheinische Zeitung&#8221; online-Flyer 273, v. 27.10.2010"},"content":{"rendered":"<p><strong>Erfahrungen in der Sowjetunion<\/strong><br \/>\nAnt\u00e9 Ciliga wurde 1898 in Istrien, damals zu \u00d6sterreich-Ungarn geh\u00f6rig, geboren und starb 1992 in Zagreb. Ein Jahr lang war er Auslandsvertreter der Komintern in Wien, als er sich 1925 entschied, in die Sowjetunion zu gehen. Begeistert f\u00fcr die Sache des Proletariats, wollte er an Ort und Stelle die Ergebnisse und Erfahrungen der Oktoberrevolution studieren. Aber bald war er zutiefst entt\u00e4uscht, schloss sich der trotzkistischen Opposition an und musste f\u00fcnf Jahre in Gef\u00e4ngnissen und Lagern durchleben.<!--more--><\/p>\n<p>Seine Emp\u00f6rung \u00fcber die soziale Spaltung und die unmenschlichen Verh\u00e4ltnisse f\u00fchrte dazu, dass er auch von Lenin Abstand nahm, weil der Revolutionsf\u00fchrer die Marschrichtung zu diesem \u201eStaatskapitalismus\u201c einge-schlagen habe, indem die Fabrikkomitees der ArbeiterInnen mit dem Sieg der Bolschewiken durch die Staatsb\u00fcrokratie wieder enteignet und die Belegschaften zu unterdr\u00fcckten Lohnarbeiter- Innen dagradiert wurden. 1935 durfte Ant\u00e9 Ciliga als italienischer Staatsb\u00fcrger endlich ausreisen, nachdem das zun\u00e4chst mit allerlei Tricks verhindert werden sollte, um der sowjetischen Reputation im Ausland nicht zu schaden. 1941 landete er im Todeslager von Jasenovac, nachdem er von der jugoslawischen KP an die Polizei der Ustascha verraten worden war.<\/p>\n<p>Ant\u00e9 Ciliga beschrieb ausf\u00fchrlich seine Erlebnisse und Eindr\u00fccke in der Sowjetunion. In Frankreich erschienen sie 1938 als Buch, das heftige Diskussionen ausl\u00f6ste. Auch Camus und Sartre, so die Herausgeber, waren gegens\u00e4tzlicher Meinung \u00fcber die Ver\u00f6ffentlichung, welche die Illusionen \u00fcber die \u201eHeimat aller Arbeiter\u201c zerst\u00f6rte. 1953 erschien die deutsche \u00dcbersetzung in der BRD, aber im Vergleich zu Frankreich und Spanien fand sie kaum Resonanz. In Frankreich wurde das Buch mit dem Titel \u201eAu Pays du Grand Mensonge\u201c (Im Land der gro\u00dfen L\u00fcge) 1977 noch einmal vollst\u00e4ndig verlegt. Nach Ciligas Tod erschien der Bericht 1995 auf Kroatisch und gleichzeitig in New York im Jahresband des Journal of Croatian Studies.<\/p>\n<p>Die Erlebnisberichte und Schlussfolgerungen des einmal zutiefst \u00fcberzeugten kroatischen Kommunisten Ant\u00e9 Ciliga hat der linke Berliner Verlag \u201eDie Buchmacherei\u201c nun erneut ver\u00f6ffentlicht. Der Text basiert unter dem Titel \u201eIm Land der verwirrenden L\u00fcge\u201c auf der deutschen Originalfassung von 1953. Um ihn in den Kontext der Biografie des Autors zu stellen, wurde am Schluss eine biografische Skizze mit einer W\u00fcrdigung des Menschen Ant\u00e9 Ciliga von dem Autor Stephan Schwartz \u00fcbernommen.(1)<\/p>\n<p>Der Bericht umfasst etwa 260 Seiten und ist aufgeteilt in zwei B\u00fccher. Das erste Buch beginnt mit schockierenden Entt\u00e4uschungen und enth\u00e4lt zahlreiche Beobachtungen, die der Autor eindringlich beschreibt. Als Historiker und Philosoph unterrichtete Ciliga eine Zeitlang an der Leningrader Hochschule und Akademie. Die unz\u00e4hligen ArbeiterInnen Leningrads h\u00e4tten den Stolz der Revolution noch an sich, aber gleichzeitig ist von der \u201eroten Bourgeoisie\u201c die Rede, mit der die neuen MachthaberInnen gekennzeichnet werden. Die Ermordung des Leningrader Gouverneurs Kirow l\u00f6ste eine Verfolgungswelle aus, durch die Tausende von ArbeiterInnen nach Sibirien verbannt wurden. Im Milieu der neuen KarrieristInnen passten sich die Leute an. Die Wissenschaft wurde nach den W\u00fcnschen der Parteif\u00fchrung manipuliert, der Lebensstandard einer neu entstehenden F\u00fchrungselite lag mit seinen materiellen Privilegien deutlich \u00fcber dem der gehorchenden ArbeiterInnen, die unter schwierigsten Bedingungen arbeiten mussten und kaum das N\u00f6tigste zum Leben hatten. Diese Einteilung galt sogar in den Gef\u00e4ngnissen. Haft- und Todesstrafen wurden h\u00e4ufig wegen Vergehen verh\u00e4ngt, die aus blanker Not begangen wurden. Die neu entstehende Klassengesellschaft stie\u00df ihn ab. Ciliga sympathisierte mit dem einfachen Volk und schloss sich der trotzkistischen Opposition an, die mit der rigiden Durchsetzung des Ersten F\u00fcnfjahrplanes in die F\u00e4nge des allgegenw\u00e4rtigen Geheimdienstes GPU geriet. Er kam ins Gef\u00e4ngnis, wo die Verh\u00f6re nur nachts stattfanden und Mitgefangene von Folterungen berichteten. Damit begann sein f\u00fcnfj\u00e4hriger Leidensweg durch das Labyrinth der sowjetischen Gefangenenlager bis nach Sibirien, von dem das zweite Buch handelt.<\/p>\n<p>Die Berichte fallen unter die \u201edesillusionierende Literatur\u201c, die vor dem zweiten Weltkrieg und w\u00e4hrend des Kalten Krieges wegen ihrer m\u00f6glichen Demotivierung im Kampf gegen den Faschismus und gegen Restauration und Imperialismus zum ideologischen Arsenal der Konterrevolution gerechnet wurde. Selbst unter den TrotzkistInnen gab es eine massive Ablehnung, als Ciliga die Politik Lenins kritisierte. Der Text beinhaltet durchaus eine neue Aktualit\u00e4t nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Machtbereichs, weil er retrospektiv gelesen einen Grundstein des Scheiterns sichtbar werden l\u00e4sst. Gef\u00e4ngnisse und Lager waren keine Randerscheinungen in dieser Gesellschaft. Die gesellschaftliche Polarisierung in Henker und Opfer mit ihren verzweigten Grauzonen richtete das Handeln vieler Menschen aus. Die Gesellschaft lebte allt\u00e4glich mit dieser Gewalt, sie wurde traumatisiert, verrohte und verleitete zum Opportunismus. Wie sich diese Stimmung und die Vorteilnahme in der sowjetischen Gesellschaft von oben aus breit machten, veranschaulichen die Berichte an einigen Stellen.<\/p>\n<p>Der spanische Anarchist Abel Paz, Mitstreiter und Biograf des legend\u00e4ren Anarchisten Durruti, gab w\u00e4hrend einer Veranstaltung im K\u00f6lner Allerweltshaus auf die Frage aus dem Publikum nach der Aussicht auf eine neue Revolution in Europa die Antwort, diese habe sich mit dem Verrat an der Spanischen Revolution und den zahllosen negativen Erfahrungen der Menschen mit der stalinistischen Herrschaft in Mittelosteuropa auf unabsehbare Zeit erledigt.<\/p>\n<p>Meiner Meinung nach m\u00fcssen die inzwischen sehr verschwommenen und diskreditierten Begriffe Sozialismus und Kommunismus im Lichte der Erfahrung von Unmenschlichkeit und Scheitern ganz neu hinterfragt und diskutiert werden. Eine Aufarbeitung der Verbrechen ist bisher nur unzureichend geschehen, sei es aus Scham oder aus Angst vor dem Verlust von Illusionen oder um das Lehrgeb\u00e4ude des dogmatischen Marxismus nicht allzu sehr zu besch\u00e4digen. Mit der Neuauflage dieser ersch\u00fctternden Berichte des jugoslawischen Kommunisten Ant\u00e9 Ciliga haben die Herausgeber einen mutigen Beitrag geleistet, der bei AntikapistalistInnen nicht auf ungeteilte Zustimmung st\u00f6\u00dft und bei Einigen sogar wieder den alten Tonfall \u00fcber den vermeintlichen Klassenverrat herauszulocken vermag. Aber ohne sich der Tatsache der sozialen Spaltung und Gewaltexzesse im sowjetischen Machtbereich zu stellen, wird es einen Weg in eine humanere, nachkapitalistische Gesellschaft nicht geben. Auch die Herausgeber schreiben im Vorwort, es sei l\u00e4cherlich, sich an die Vorstellung zu klammern, dass sich dieses System in \u00e4hnlicher Weise noch einmal wiederholen k\u00f6nnte, es sei denn als Alptraum. Und damit lassen sie Rosa Luxemburg zu den Problemen der Russischen Revolution auch noch einmal zu Wort kommen. (PK)<\/p>\n<p>(1) Revolutionary History (http:\/\/revolutionaryhistory.co.uk\/euro\/ciliga.html.)<br \/>\n<strong>WERNER RUHOFF<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erfahrungen in der Sowjetunion Ant\u00e9 Ciliga wurde 1898 in Istrien, damals zu \u00d6sterreich-Ungarn geh\u00f6rig, geboren und starb 1992 in Zagreb. 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