{"id":385,"date":"2015-03-19T20:23:03","date_gmt":"2015-03-19T19:23:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=385"},"modified":"2015-03-19T20:23:03","modified_gmt":"2015-03-19T19:23:03","slug":"portal-sopos-sozialistische-positionen-10-2010","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/portal-sopos-sozialistische-positionen-10-2010\/","title":{"rendered":"Portal &#8220;SOPOS&#8221; (Sozialistische Positionen) 10-2010"},"content":{"rendered":"<p><strong>Licht im &#8220;Land der verwirrenden L\u00fcge&#8221;<\/strong><br \/>\nDas Buch, das as zuerst im Jahre 1938 auf franz\u00f6sisch und dann 1953 als &#8220;Rotes Wei\u00dfbuch&#8221; auf deutsch erschienen ist, hat das Schicksal hinter sich, das so vielen Zeugnissen von ehemaligen Anh\u00e4ngern des russischen Staatskapitalismus in den 50er und noch mehr 60er und 70er Jahren beschieden war. Ver\u00f6ffentlicht in den Zeiten des hei\u00dfen Kalten Krieges und einer im Westen Deutschlands skeptisch bis abwehrend eingestellten Linken wurde ihm nicht die Bedeutung beigemessen, die ihm beikam.<!--more--><\/p>\n<p>amit stand Ciliga aber nicht alleine. Weder die sp\u00e4teren Ver\u00f6ffentlichungen Solschenizyns \u00fcber den Archipel Gulag noch die Gr\u00fcndung einer Massenorganisation polnischer Arbeiter mit antikommunistischer Ausrichtung haben in der deutschen Linken zu jener Entmischung zwischen den Anh\u00e4ngern eines antidemokratischen Staatskapitalismus bzw. Etatismus und einer libert\u00e4ren, radikaldemokratischen Orientierung gef\u00fchrt. Das &#8220;Solidarnosc&#8221; just zerschlagen wurde, als die Gewerkschaft in ihr Programm Forderungen nach Arbeiterkontrolle \u00fcber die Produktion und Selbstverwaltung aufgenommen hatte, daran darf 30 Jahre danach ruhig einmal erinnert werden \u2013 auch im Westen d\u00fcrften da manche b\u00fcrgerlichen Freunde der &#8220;Solidarnosc&#8221; aufgeatmet haben. Mag sein, dass dies mit der Schw\u00e4che der autochthonen Libert\u00e4ren nach 1945 zu tun hatte, so dass sich wenigstens die in Westdeutschland nach 1968 entwickelnde antiautorit\u00e4re Linke vom etatistischen Erbe der Mehrheitsstr\u00f6mungen in der Arbeiter- und sozialistischen Bewegung affiziert war oder minorit\u00e4r blieb.<\/p>\n<p>Auf den Zusammenbruch der staatskapitalistischen Systeme im Osten und die Transformation in privatkapitalistische Gesellschaften waren die Mehrheitsmilieus der deutschen Linken daher denkbar schlecht vorbereitet. Die westdeutsche Linke stand so nach der \u00dcbernahme der DDR in privatkapitalistische Regie vor einem Scherbenhaufen.<\/p>\n<p>Insoweit kommt die Neuherausgabe des Buches von Ciliga nat\u00fcrlich viel zu sp\u00e4t \u2013 obwohl bezweifelt werden darf, dass sie in den 80er Jahren viel bewirkt h\u00e4tte. Dennoch ist es den Herausgebern Jochen Gester und Willi Hajek hoch anzurechnen, dass sie Ciliga erneut auf dem B\u00fcchermarkt pr\u00e4sentieren. Ihre Intention wird im Vorwort deutlich gemacht \u2013 und das Buch l\u00f6st ihr Erkenntnisinteresse auf herausragende Weise ein: &#8220;Es ist recht l\u00e4cherlich, sich an die Vorstellung zu klammern, diese (staatskapitalistischen \u2013 d. Rez.) Systeme k\u00f6nnten in \u00e4hnlicher Verfasstheit wieder auferstehen, es sei denn als Alptraum. All dies macht es heute unumg\u00e4nglich, das untergegangene Vergesellschaftungssystem grunds\u00e4tzlicher in den Blick zu nehmen.&#8221;(S. 10).<\/p>\n<p>Was Ciligas Buch unter diesem Aspekt besonders interessant macht, ist seine Verkn\u00fcpfung von Erfahrung, genauer Beobachtung und theoretischer Reflexion. Dazu kommt eine Unvoreingenommenheit und Offenheit, die den Entwicklungsgang Ciligas deutlich macht ohne aufdringlich die eigene Person in den Vordergrund zu schieben.<\/p>\n<p>Als Ciliga im Herbst 1926 in die Sowjetunion reiste, hatte er schon ein reiches Leben als Militanter der sozialistischen und kommunistischen Bewegung im S\u00fcdosten Europas hinter sich. Schon als Gymnasiast hatte er \u2013 zun\u00e4chst unter nationalistischen Auspizien \u2013 gegen die morsche Habsburgermonarchie gek\u00e4mpft und sich unter dem Eindruck des 1. Weltkrieges sozialistischen und dann kommunistischen \u00dcberzeugungen zugewandt. Dazu kam sein Einsatz in der Ungarischen R\u00e4terepublik 1919 und ein Jahr sp\u00e4ter die Teilnahme an Fabrikbesetzungen in Italien. Sein Aktivismus f\u00fchrte zu seiner Aufnahme in die Leitung der jugoslawischen KP, deren Haltung in der Nationalit\u00e4tenfrage umk\u00e4mpft war. Zwischen 1926 und 1935 lebte er in Russland. Nach seiner Ausreise f\u00fchrte er ein recht abenteuerliches Leben, das von der Angst vor stalinistischer Verfolgung gepr\u00e4gt war und unter anderem zur Zusammenarbeit mit Zeitungen im Ustascha-Kroatien f\u00fchrte und nicht immer klare Linien erkennen l\u00e4sst. Seine sp\u00e4ten Arbeiten werden zum Teil als antisemitisch kritisiert. 1992 starb Ciliga mit 94 Jahren in Zagreb, in einem Landstrich des blutigen B\u00fcrgerkrieges und ethnischer S\u00e4uberungen, in denen nationalistische Eliten mit dem Mittel der rassistischen Mobilisierung und der Gewalt ihre Clanherrschaft absicherten. Das alles wird in einem biographischen Artikel von Stephen Schwartz im Anhang des Buches spannend dargestellt (S.279\u2013302).<\/p>\n<p>Ciliga blieb bis zum 21. Mai 1930 auf freiem Fu\u00df und durchlebte danach das sowjetische Gef\u00e4ngnis- und Lagersystem. Bis zu seiner Verhaftung durch die GPU lernte er die Differenz zwischen sozialistischer Propaganda und sowjetischer Realit\u00e4t kennen.: &#8220;Der frische Rhythmus des sowjetischen Lebens war von einer tiefen sozialen Immoralit\u00e4t durchdrungen. Ganze Gruppen von Arbeitern und Bauern erklommen die sozialen H\u00f6hen und behaupteten alle Arten leitender Stellungen in Wirtschaft, Politik und Verwaltung&#8230; Die aufsteigenden Schichten machten sich einen bestimmten bourgeoisen Geist, einen Geist kaltherzigen Egoismus\u2019 und niedriger Berechnung zu eigen. Sie waren fest entschlossen, ohne R\u00fccksicht auf den N\u00e4chsten sich ein gutes St\u00fcck aus dem gro\u00dfen Kuchen herauszuschneiden und mit skrupellosem Zynismus Karriere zu machen. Um zum Ziele zu kommen, scheuten sie nicht vor einem schamlosen Umbuhlen der M\u00e4chtigen zur\u00fcck. An jeder ihrer Bewegungen, jeden ihrer Gesichtsz\u00fcge war die mit Skrupellosigkeit gepaarte Kriecherei abzulesen. In all ihren Handlungen und all ihren Reden, die gew\u00f6hnlich von revolution\u00e4ren Phrasen strotzten, war genau zu erkennen, wes Geistes Kind sie waren.&#8221; (S.21f) Diese neue Herrschaftsschicht, eine B\u00fcrokratie in Wirtschaft, Politik und Verwaltung, setzte sich 1929 bei der Aufgabe der &#8220;Neuen \u00d6konomischen Politik&#8221; gegen das b\u00e4uerliche Russland durch: &#8220;Die Geschichte stellte sie vor die Wahl: entweder ihre beherrschende Stellung zu verlieren oder Russland durch die rasche Entwicklung seiner Produktivkr\u00e4fte radikal umzuwandeln&#8230; Das Gewitter entlud sich \u00fcber Russland und vernichtete die jahrhundertealte patriarchalische Struktur des Landes.&#8221; (S.51ff)<\/p>\n<p>Diese Form der urspr\u00fcngliche Akkumulation erzeugte aber in den neugeschaffenen industriellen Zentren des Landes keine neue soziale Struktur, die den Idealen des Sozialismus entsprochen h\u00e4tte: &#8220;Vielmehr, die kapitalistischen und b\u00fcrokratischen Methoden festigten sich wieder: Leistungsloben, Trennung von Arbeit und Verwaltung, so dass die Arbeiter nur noch einfache Ausf\u00fchrende waren, Konsolidierung des Lohnempf\u00e4ngersystems, wachsende Ungleichheit der Bezahlung zugunsten der B\u00fcrokraten.&#8221; (S. 58) Damit ist im Kern das wesentliche \u00fcber die soziale Struktur der damaligen Sowjetunion gesagt und Ciliga kommt zu folgender Einsch\u00e4tzung: &#8220;Der Sozialismus ist keine Fabrik, sondern ein System der Beziehungen zwischen den Menschen. Diese Beziehungen, so wie sie in Russland sind, haben nichts Sozialistisches. Die Kollektivierung ist kein Kampf zwischen Sozialismus und Kapitalismus, sondern ein Duell zwischen staatlichem Gro\u00dfkapital und kleinem Privatkapital.&#8221; (S. 74) Weiter weist Ciliga sehr klar darauf hin, dass die politische Unterdr\u00fcckung anderer sozialistischer Str\u00f6mungen nicht erst mit Stalin begonnen hat: das erste Konzentrationslager sei in Kholmogory am Wei\u00dfen Meer im Jahre 1922 mit Anarchisten gef\u00fcllt worden (S. 112). Im Verlauf seiner Inhaftierung erkennt Ciliga in den Diskussionen zwischen den Verfolgten und Inhaftierten, dass von den Trotzkisten nichts zu erwarten war: &#8220;So gelangte ich, der ich selber an der russischen Opposition beteiligt gewesen war, zu folgendem Schluss: Trotzki und seine Anh\u00e4nger sind dem b\u00fcrokratischen Regime in der UdSSR zu eng verbunden, um den Kampf gegen dieses Regime bis zur \u00e4u\u00dfersten Konsequenz f\u00fchren zu k\u00f6nnen.&#8221; (S. 118) Durch seine Erfahrungen in den Gef\u00e4ngnissen und den Lagern von Irkutsk, Werchni-Uralsk, und Krasnojarsk gewinnt Ciliga in Sibirien weitere Einblicke in die elende Lage der rechtlosen Bauernschaft und der kujonierten Arbeiterschichten, die nicht zu den Privilegierten geh\u00f6ren. V\u00f6llig desillusioniert nutzt er seine italienische Staatsangeh\u00f6rigkeit aus und erreicht, dass er am 3. Dezember 1935 endlich aus der Sowjetunion ausreisen kann, noch rechtzeitig vor den gro\u00dfen S\u00e4uberungen, die er als Oppositioneller mit Sicherheit nicht \u00fcberlebt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Nicht nur die Frage nach gesellschaftlichen Sicherungen der Meinungs-, Rede-, Versammlungs- und Pressefreiheiten stellt sich im Angesicht dieser ersch\u00fctternden Geschichte einer terroristischen Industrialisierung unter der roten Fahne. Nicht nur die Frage nach einer demokratischen Selbstorganisation und \u2013verwaltung ohne Hierarchien und B\u00fcrokratien hinter dem T\u00fcrschild der &#8220;R\u00e4temacht&#8221; ist durch Ciliga gestellt. Strukturell ist angesichts der Weiterentwicklung von gewaltsam durchgesetzten Transformationsprojekten zu Industriegesellschaften in China, Vietnam und auch Kuba die Frage zu stellen, ob man nicht Abschied nehmen sollte von einer Theorie, die immer wieder und immer noch die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte zum Fortschritt per se erhebt.<\/p>\n<p>Eine systemkritische Konnotierung der Umwelt- und Klimakrise als Konsequenz des kapitalistischen Akkumulationsregimes ist aus dieser Perspektive nicht zu erwarten. Im Gegenteil, der Linken konnte diese Erkenntnis erst enteignet und dann entsch\u00e4rft werden zu dem, was sich heute als das politischen Projekt eines &#8220;Green New Deal&#8221; pr\u00e4sentiert. Dieser h\u00e4lt bekanntlich kapitalistische Profitwirtschaft und ein Leben mit den Grenzen der Natur und Ressourcen f\u00fcr vereinbar. Diese Trennung, die in den Gr\u00fcndungsjahren der Gr\u00fcnen \u00fcberwunden schien, und die linksb\u00fcrgerliche Vereinnahmung der \u00f6kologischen Problematik war auch deshalb m\u00f6glich, weil Sozialismus mit Fortschrittsmythen identifiziert und die Geschichte der urspr\u00fcnglichen Akkumulation in Russland als Aufbau des Sozialismus verkl\u00e4rt werden konnte, wie Ciliga deutlich aufzeigt. Die Warnungen und die Erfahrungen der Libert\u00e4ren, dass es sich um nichts anderes handele als die Vernichtung eigenst\u00e4ndiger Bauerngesellschaften, die fr\u00fchkapitalistischen Mustern entsprechende Versklavung und Unterdr\u00fcckung der Arbeiterklassen, wurde schlicht nicht bzw. nur von minorit\u00e4ren Gruppierungen der Linken zur Kenntnis genommen.<\/p>\n<p>Wir wissen heute, dass die osteurop\u00e4ischen Gesellschaften sich zudem durch einen Grad an Umweltzerst\u00f6rung und \u2013vernutzung auszeichneten, der bis heute an den gesunkenen Lebenserwartungen der dort lebenden Menschen ablesbar ist. Tschernobyl ist zum Menetekel einer auch insoweit beispiellosen industrialistischen Verw\u00fcstung von Menschenleben und Natur geworden. Der sp\u00e4tstalinistische Klassenkompromiss zwischen Arbeiterschaft und Politb\u00fcrokratie kann all das nicht aufwiegen. Und selbst die Zerschlagung des Hitlerfaschismus wird die aufgekl\u00e4rten Sozialisten nicht vergessen lassen, dass zuvor fast zwei Jahre eine muntere Kooperation Stalins mit dem schon damals massenm\u00f6rderischen Hitlerregime funktionierte. Es wird Zeit, jede etwaige Nostalgie in dieser Hinsicht endg\u00fcltig hinter sich zu lassen. Dazu tr\u00e4gt Ciligas Buch erhebliches bei.<\/p>\n<p><strong>STEFAN JANSON<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Licht im &#8220;Land der verwirrenden L\u00fcge&#8221; Das Buch, das as zuerst im Jahre 1938 auf franz\u00f6sisch und dann 1953 als &#8220;Rotes Wei\u00dfbuch&#8221; auf deutsch erschienen&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[29],"tags":[],"class_list":["post-385","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-land-der-verwirrenden-luege"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/385","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=385"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/385\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=385"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=385"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=385"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}