{"id":3875,"date":"2019-01-01T10:16:00","date_gmt":"2019-01-01T09:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3875"},"modified":"2026-01-26T21:29:29","modified_gmt":"2026-01-26T20:29:29","slug":"z-83-september-2010","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/z-83-september-2010\/","title":{"rendered":"&#8220;Z&#8221; 83 &#8211; September 2010"},"content":{"rendered":"\n<h1 id=\"linke-kritik-an-china\" class=\"has-normal-font-size wp-block-heading\">Linke Kritik an China?<\/h1>\n\n\n\n<p><em>Rolf Geffken zu Renate Dillmann<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Renate Dillmann, China \u2013 Ein Lehrst\u00fcck \u00fcber alten und neuen Imperialismus, einen sozialistischen Gegenentwurf und seiner Fehler, die Geburt einer kapitalistischen Gesellschaft, den Aufstieg einer neuen Gro\u00dfmacht, VSA-Verlag, Hamburg 2009, 388 S. mit CD-Rom, 22,80 Euro<\/p>\n\n\n\n<p>Am China seit Deng Xiaopeng scheiden sich die Geister. Auch die Geister der politischen Linken. Die Positionen linker, auch marxistischer, Autoren gegen\u00fcber China sind fast so unterschiedlich und facettenreich wie die \u201eb\u00fcrgerliche\u201c Kritik (oder auch Verteidigung) Chinas. W\u00e4hrend Autoren wie Rolf Berthold, Helmut Peters und Theodor Bergmann die VR China durchaus \u201eauf dem Weg zum Sozialismus\u201c sehen, kritisieren andere aus marxistischer Sicht den chinesischen \u201eTurbokapitalismus\u201c, so z.B. die Politikwissenschaftlerin Cho und der italienische Publizist Arrighi. Renate Dillmann will sich mit ihrem Buch \u201equer\u201c zu allen bisherigen Deutungen der Chinesischen Revolution stellen. Dabei beruft sie sich auf keinen geringeren als Karl Marx selbst. Sie grenzt sich von allen bisherigen marxistischen Kritiken oder auch Apologien ab und beruft sich gewisserma\u00dfen auf das \u201eOriginal\u201c. Ob sie diesem Anspruch gerecht wird oder ob sie nicht gerade Marx bei Ihren Bewertungen chinesischer Geschichte und Politik verkennt, bleibt zu pr\u00fcfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst f\u00e4llt die bisweilen ins umgangssprachliche abgleitende Begriffswelt der Autorin auf: Sie bezeichnet die China-Berichte in den hiesigen Medien als \u201eziemlich <em>\u00fcble<\/em> Mischung von Ignoranz, Feindschaft und Begeisterung\u201c. In der Parole zur Befreiung der unterdr\u00fcckten V\u00f6lker und der Parole von der Befreiung der unterdr\u00fcckten Klassen sieht sie \u201ezwei verschiedene Paar <em>Stiefel<\/em>\u201c und unterstellt den \u201echinesischen Kommunisten\u201c dabei \u201eBeteuerungen und <em>Windungen<\/em>\u201c. Die Reklamierung nationaler Interessen am Fortbestand von Klassenunterschieden bezeichnet sie als \u201enotwendigerweise <em>verlogen<\/em>.\u201c Zum Zeitpunkt der Gr\u00fcndung der Volksrepublik sei China das \u201e\u00e4rmste und <em>verkommenste<\/em> Land der Welt\u201c gewesen. Wiederholt wirft sie der Kommunistischen Partei Chinas eine \u201eUn-Logik\u201c vor und tituliert den Gleichklang von Volkseigentum und geplantem Markt als: \u201c<em>dumme<\/em> Widerspr\u00fcche\u201c. Und schlie\u00dflich als \u201etheoretische <em>Dummheit<\/em>\u201c. Schlie\u00dflich beklagt sie \u201e<em>d\u00fcmmliche<\/em> Propagandaplakate\u201c und behauptet, diese Propaganda habe den Zweck gehabt, darzulegen, dass es in einem Entwicklungsland 10 Jahre nach Ende eines B\u00fcrgerkrieges \u201enichts zu <em>meckern<\/em>\u201c gegeben habe.<br><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Bei einem solchen sprachlichen Niveau nimmt es dann nicht Wunder, dass es der Autorin schwer f\u00e4llt ihrem vermeintlichen Ma\u00dfstab, n\u00e4mlich Karl Marx gerecht zu werden: H\u00f6chst unbefriedigend ist, dass sie sich \u2013 was Marx betrifft \u2013 eigentlich nur auf das Kommunistische Manifest beruft. Auf weitere Quellen nimmt sie kaum Bezug. Ihre vermeintliche \u201eAnalyse\u201c wird so quasi zur juristischen Subsumtion unter einige S\u00e4tze, die das Kommunistische Manifest enth\u00e4lt. Dabei ist ihre wichtigste These: Die chinesischen Kommunisten h\u00e4tten von Anfang an den letztlich unl\u00f6sbaren Widerspruch zwischen dem Aufbau des Sozialismus und der Entwicklung der eigenen Nation propagiert. Nationalismus und Sozialismus aber seien unvereinbar. Ihr Fazit: \u201eDer Nationalismus der chinesischen Kommunisten siegt letztendlich \u00fcber ihren staatsidealistischen Sozialismus\u201c. In Wahrheit aber g\u00e4be es eine \u201eUnvertr\u00e4glichkeit von Kommunismus und Nationalismus\u201c. Klassenkampf sei nach Marx seinem Inhalt nach international und \u201enach einer Zwischenetappe\u201c (!?), n\u00e4mlich der Diktatur des Proletariats, w\u00fcrde die Staatsgewalt \u00fcberhaupt beseitigt werden und \u2013 so m\u00fcsste man hinzuf\u00fcgen \u2013: die vermeintliche Nation. Der Geburtsfehler der chinesischen Revolution, sei au\u00dferdem die durch den Nationalismus gedeckte Verharmlosung des Kapitalismus gewesen. Von Anfang an habe sich die chinesische Revolution praktisch nur gegen das \u201eausl\u00e4ndische Kapital\u201c gerichtet, hingegen den kapitalistischen Markt als M\u00f6glichkeit f\u00fcr die \u201eEntfaltung von Produktivkr\u00e4ften\u201c angesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst wenn man die Richtigkeit dieser problematischen These unterstellt, so k\u00f6nnte man ihr durchaus mit einem einfachen \u201eSo what?\u201c begegnen. Vor allem aber mit der Frage: Was w\u00e4re die \u201emarxistische\u201c Alternative von Frau Dillmann gewesen, die sie den chinesischen Revolution\u00e4ren angeraten h\u00e4tte? Um es vorweg zu nehmen: Sie bleibt die Antwort schuldig. Sie stellt lediglich immer nur gewisse \u201eWiderspr\u00fcche\u201c zu den Grundpositionen von Karl Marx fest. Doch sie \u00fcbersieht dabei, dass Marx nirgendwo ein \u201eGesetzbuch der Revolution\u201c geschrieben hat, unter das einfach bestimmte Begriffe zu subsumieren w\u00e4ren, um festzustellen, ob eine Veranstaltung eine Revolution sei oder nicht. Marx definiert sich vielmehr von Hegel her. Und Hegel hei\u00dft: Dialektik. Also das Denken und Analysieren von und in Widerspr\u00fcchen und schlie\u00dflich auch: Das Handeln nach Widerspr\u00fcchen. Der Widerspruch nicht also als \u201eUn-Logik\u201c (dies ist das gro\u00dfe Missverst\u00e4ndnis von Renate Dillmann), sondern als produktives Element des Erkenntnisprozesses und letztlich auch: des Verstehens von historischen Ereignissen und Prozessen. Renate Dillmann h\u00e4tte aus diesem Grunde nicht nur das Kommunistische Manifest zitieren sollen, sondern vor allem auch die Analysen von Marx in Bezug auf die Pariser Kommune. So schreibt er 1871 in \u201e\u00dcber den B\u00fcrgerkrieg in Frankreich\u201c:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn sonach die Kommune die wahre Vertreterin aller gesunden Elemente der franz\u00f6sischen Gesellschaft war und daher die <em>wahrhaft<\/em> <em>nationale Regierung,<\/em> so war sie gleichzeitig, als eine Arbeiterregierung, der k\u00fchne Vork\u00e4mpfer der Befreiung der Arbeit, im vollen Sinne des Wortes international.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Was Dillmann hier als \u201eUn-Logik\u201c bezeichnet h\u00e4tte (den nichts anderes wirft sie den chinesischen Kommunisten beim Kampf um die nationale Befreiung Chinas vor) ist also ein bei Marx durchaus \u201elogischer\u201c Widerspruch im dialektischen Sinne. N\u00e4mlich: Die Einheit der Gegens\u00e4tze vom Kampf um die nationale Befreiung und dem internationalen Kampf der Arbeiterbewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch was den hoch entwickelten Industrienationen Ende des 19. Jahrhunderts recht war, musste der v\u00f6llig unterentwickelten chinesischen Nation, die \u00fcber fast ein Jahrhundert vom ausl\u00e4ndischen Kapital ausgebeutet wurde, \u201ebillig\u201c sein. Auch hier h\u00e4tte eine Lekt\u00fcre der Werke von Karl Marx einigen Aufschluss geben k\u00f6nnen. So schreibt Karl Marx in seinem Aufsatz f\u00fcr die \u201eNew York Daily Tribune\u201c am 10.04.1857 unter dem Titel \u201eEnglische Gr\u00e4ueltaten in China\u201c: \u201eWie still ist doch die englische Presse zu den sch\u00e4ndlichen Vertragsbr\u00fcchen, wie sie t\u00e4glich von Ausl\u00e4ndern begangen werden, die unter britischem Schutz in China leben. [&#8230;] Wir h\u00f6ren nichts \u00fcber die st\u00e4ndigen Bestechungen untergeordneter Beamter, wodurch die chinesische Regierung um ihre rechtm\u00e4\u00dfigen Eink\u00fcnfte aus der Wareneinfuhr und -Ausfuhr betrogen wird [&#8230;] Wir h\u00f6ren nichts \u00fcber die Einsch\u00fcchterungsmethoden, die oft gegen die sch\u00fcchternen Chinesen angewandt oder \u00fcber die Laster, die von Ausl\u00e4ndern \u00fcber die offenen H\u00e4fen eingeschleppt werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Keine Frage: Jeder Leser kann hier erkennen, auf wessen Seite ein gewisser Karl Marx (\u00fcbrigens damals vorwiegend Journalist) stand: Auf der Seite der chinesischen <em>Nation.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Renate Dillmann bezeichnet China zum Zeitpunkt der Ausrufung der Volksrepublik als das \u201everkommenste\u201c Land der Welt. Wenn dieser Begriff \u00fcberhaupt einen Inhalt haben soll, dann doch wohl den der Unterentwicklung. Und zwar Unterentwicklung in jeder Hinsicht. Kaum Industrie, wenig Proletariat, feudale Produktionsverh\u00e4ltnisse, unterentwickelte Landwirtschaft. Dass die sog. Bourgeoisie sich als unf\u00e4hig erwiesen hatte, das Land vom ausl\u00e4ndischen Joch zu befreien und zugleich auch zu entwickeln, ist allgemein bekannt. Dass aber \u2013 auch nicht in China \u2013 eine bestimmte gesellschaftliche Entwicklungsstufe nicht einfach \u201e\u00fcbersprungen\u201c werden konnte, gilt gerade Marxisten als gesichert. Was war also daran \u201eunlogisch\u201c, wenn man das private Kapital nach Ausrufung der Volksrepublik dazu nutzen wollte, um die wirtschaftliche Entwicklung des Landes voranzutreiben? Und was stand davon im Gegensatz zu Marx? Antwort: Nichts. Das gilt auch f\u00fcr das Kommunistische Manifest, in dem es hei\u00dft: \u201eDie Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverh\u00e4ltnisse, also s\u00e4mtliche gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse fortw\u00e4hrend zu revolutionieren. [&#8230;] Die fortw\u00e4hrende Umw\u00e4lzung der Produktion, die ununterbrochene Ersch\u00fctterung aller gesellschaftlichen Zust\u00e4nde [&#8230;] zeichnet die Bourgeoisieepoche vor allen anderen aus.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dass dies in China allerdings zu einer Versch\u00e4rfung der gesellschaftlichen Widerspr\u00fcche \u00fcber kurz oder lang f\u00fchren w\u00fcrde, war auch den chinesischen Kommunisten klar.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei aller berechtigten Kritik am chinesischen \u201eModell\u201c gilt: Analyse und Kritik m\u00fcssen ihrem Gegenstand angemessen sein. Oberfl\u00e4chliche Einsch\u00e4tzungen werden China nicht gerecht. Das von Dillmann selbst so bezeichnete \u201eZwischenfazit in polemischer Absicht\u201c, wonach die Mobilisierung marktwirtschaftlicher Kr\u00e4fte ein \u201e\u00e4rgerlicher Fehler mit \u00e4rgerlichen praktischen Folgen\u201c in China gewesen sei, und dieser zu einer \u201eungemeinen grunds\u00e4tzlichen Legitimation des realen Kapitalismus\u201c gef\u00fchrt habe, ist v\u00f6llig inakzeptabel. Dabei geht es nicht darum, die in der sp\u00e4teren Modernisierungsphase eingetretene Entfesselung des Kapitalismus mit all seinen Begleiterscheinungen zu leugnen. Im Gegenteil: Es geht aber sehr wohl um die Frage der Alternative. Und zwar sowohl in wissenschaftlicher wie in emotionaler Hinsicht: Renate Dillmann scheint v\u00f6llig \u00fcbersehen zu haben, dass die Haupterfahrung der Chinesen in der Kulturrevolution vor allem eins gewesen ist: Armut. Und zwar Armut in all ihren Erscheinungsformen. Gegen <em>diese<\/em> Armut war und ist selbst die Armut der chinesischen Wanderarbeiter ein gewaltiger gesellschaftlicher Fortschritt. Um Wege aus dem aktuellen Dilemma zwischen \u00f6konomischer Entwicklung und den gleichzeitigen sozialen Folgen aufzuzeigen, w\u00e4re es Sache der Autorin gewesen, sich vor allem mit den sozialen Konflikten und der darin enthaltenen Dynamik zu befassen. Doch hier versagt schon ihr Begriffsinstrumentarium: Sie konstatiert zwar ein Reihe von Konflikten, ist aber gar nicht in der Lage die unterschiedlich Subjekte in diesen Konflikten aufzuzeigen. Sie konstatiert zwar den Prozess einer \u201eurspr\u00fcnglichen Akkumulation\u201c, erw\u00e4hnt betriebliche Konflikte allerdings nur im Zusammenhang mit defensiven Streiks der durch Privatisierung betroffenen Arbeiter von Staatsbetrieben. <em>Diese<\/em> Konflikte geh\u00f6ren jedoch \u00fcberwiegend bereits der Vergangenheit an. <em>Neben<\/em> die traditionelle Arbeiterschaft der Staatsbetriebe sind l\u00e4ngst das gro\u00dfe Heer der Wanderarbeiter in der lohnintensiven Produktion und die st\u00e4ndig wachsende qualifizierte Industriearbeiterschaft in der kapitalintensiven Industrie getreten. Beide zeichnen sich durch ein hohes Ma\u00df an offensiver Konfliktbereitschaft aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die chinesische Statistik spricht offiziell bereits von etwa 100.000 Konflikten pro Jahr und zwar mit zunehmender Tendenz. Betroffen sind davon keineswegs nur chinesische Unternehmen, sondern inzwischen auch viele ausl\u00e4ndische Konzerne, so unter anderem auch Siemens. Die Website des Publizisten Zhong Dajun berichtet ausf\u00fchrlich \u00fcber solche Streiks. Immer h\u00e4ufiger werden die Ergebnisse dieser Streiks durch die offiziellen Gewerkschaften \u00fcbernommen, so dass sie auch zu einer allm\u00e4hlichen Ver\u00e4nderung des fragilen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses zwischen Arbeit und Kapital in China beitragen. Absolut falsch ist daher die Behauptung, von solchen Konflikten sei \u201ebisher wenig zu sehen\u201c und die Proteste der Arbeiter richteten sich \u201evor allem auf ihre rechtliche Lage\u201c. Dabei ist schon der Begriff \u201erechtliche Lage\u201c mehr als diffus. Falls die Wahrnehmung individueller Rechte nach dem Arbeitsvertragsgesetz gemeint sein sollte: Diese haben in den letzten Jahren, vor allem aber seit Anfang 2008, erheblich zugenommen. Dies hat der Rezensent bei der 1. Deutsch-Chinesischen Konferenz zum Arbeitsrecht ebenso feststellen k\u00f6nnen wie in zahlreichen Gespr\u00e4chen mit Vertretern der Arbeitsverwaltung, die davon unmittelbar betroffen ist. Doch die oberfl\u00e4chliche Analyse der Autorin setzt sich an anderen Stellen fort: So wird behauptet, es g\u00e4be seit 1992 in China ein neues Gewerkschaftsgesetz. Tats\u00e4chlich datiert die zurzeit g\u00fcltige Fassung aus dem Jahre 2001. Auch die Behauptung, Beh\u00f6rden, kommunale Verwaltungen u.s.w. seien keine \u201eAdresse f\u00fcr die Unzufriedenheit der Arbeiter\u201c und St\u00f6renfriede w\u00fcrden \u201eim Normalfall brutal zur R\u00e4son gebracht\u201c, ist in dieser Allgemeinheit unzutreffend. Richtig ist, dass wiederholt Organisatoren von Streiks und Demonstrationen verhaftet wurden. Ebenso richtig ist aber auch, dass die blo\u00dfen Teilnehmer solcher Aktionen meist unbehelligt bleiben und vor allem \u2013 und das ist das wesentliche \u2013 diese in die Tausende gehenden Konflikte keineswegs einheitlich \u201eniedergewalzt\u201c werden, sondern sogar deren Ergebnisse in die Rechtsform von Kollektivvertr\u00e4gen \u00fcberf\u00fchrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlicht unzutreffend sind die Ausf\u00fchrungen der Autorin zu den Arbeitsbedingungen. Sie unterscheidet nicht zwischen faktischen und normativen Arbeitsbedingungen. Sie behauptet, es bek\u00e4me \u00fcberhaupt nur einen Arbeitsplatz, wer sich verpflichte, die \u00fcblichen Stunden und \u00dcberstunden zu leisten und das seien 10 bis 14 Stunden am Tag. Hier verwechselt sie das vor allem in einigen Unternehmen S\u00fcdchinas bestehende faktische Fabrikregime mit den Rechten nach dem \u201elao dong he tong fa\u201c, dem neuen Arbeitsvertragsgesetz. Umso \u00e4rgerlicher aber ist dann die r\u00fcde Polemik gegen Errungenschaften dieses Gesetzes. Immerhin scheint ihr entgangen zu sein, dass viele der neu geschaffenen Rechte in dem Gesetz noch nicht einmal in der so hoch entwickelten Industrienation Deutschland bestehen: Dazu geh\u00f6rt auch der gesetzliche Zwang f\u00fcr Unternehmen (der auch relativ leicht individualrechtlich zu vollziehen ist), die Arbeitsbedingungen in einem schriftlichen Arbeitsvertrag festzuhalten. Doch nach Frau Dillmann soll dies angeblich nur darauf zielen \u201eden Unternehmen zuk\u00fcnftig eine geregelte Ausbeutung ihrer Arbeitskr\u00e4fte vorzuschreiben.\u201c Eine solche Polemik mag sich erlauben, wer selbst im eigenen Land den schwierigen Prozess der Erringung, Durchsetzung und Verteidigung von Arbeitsrechten weder erlebt noch studiert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier zeigt sich wohin die \u201eAnalyse\u201c der Autorin letztlich f\u00fchrt: Ihre blo\u00dfe begriffliche Subsumtionstechnik, leer jeder Dialektik und wissenschaftlicher Substanz, f\u00fchrt in eine Art von Praxisnihilismus. Man k\u00f6nnte auch sagen: Ins Sektiererische. Und das ist nun nach dem Trauma der \u201eKulturrevolution\u201c das Letzte, was man den Chinesen empfehlen sollte. Es war schon besch\u00e4mend genug, wie naiv viele westliche Intellektuelle der damaligen Propaganda auf den Leim gingen. Umso vorsichtiger sollten sie heute sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei aller Anerkennung f\u00fcr die fleissige Kompilation zahlreicher Einzelfakten bleibt ein nur begrenzter Gebrauchswert dieses Buches. Da sich Dillmann ja nun wiederholt auf Marx bezieht, h\u00e4tte man eigentlich eine offensive Auseinandersetzung mit den zum Teil v\u00f6llig kontroversen Positionen in der Linken zu China erwarten k\u00f6nnen. Die Kritik an manche Glaubenss\u00e4tze von Theodor Bergmann ist durchaus berechtigt. Doch andere Autoren wie Cho, Bischoff und Peters werden leider nur oberfl\u00e4chlich abgehandelt, ohne dass Dillmann eine eigene Prognose \u00fcber die Perspektiven des Landes wagt. Weniger Theorie und etwas mehr Praxis h\u00e4tten ihr vielleicht dabei helfen k\u00f6nnen. Zum Beispiel etwa in der Einsch\u00e4tzung des Ph\u00e4nomens der Korruption. \u00dcbergangserscheinung? Sind die angeblichen und tats\u00e4chlichen Ma\u00dfnahmen gegen dieses Ph\u00e4nomen gar eine Widerlegung von der Basis-\u00dcberbau-Theorie von Karl Marx? Oder belegen sie vielmehr deren Richtigkeit und f\u00fchrt der Turbokapitalismus im Sinne Chos eben nicht unweigerlich zur Zerst\u00f6rung auch des politischen \u00dcberbaus (soweit dieser noch antikapitalistisch sein sollte)? Alles Fragen, die offen bleiben oder gar nicht gestellt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die am Ende des Buches verwendete Polemik gegen deutsche Gewerkschafter (!) erscheint unangebracht: Anstatt etwa das Anliegen von Betriebsr\u00e4ten, sich mit den Arbeitsbedingungen in China zur Verhinderung der weiteren Absenkung von Arbeitsbedingungen in Deutschland zu befassen, ernst zu nehmen, wird den deutschen Gewerkschaftern pauschal \u201ezun\u00e4chst einmal ein dickes Kompliment f\u00fcr den gepflegt-humanen Sp\u00e4tkapitalismus der deutschen Heimat und seiner schwarz-roten-golden Gewerkschaft\u201c unterstellt. Die jetzt f\u00fcr den 27.11.2010 in Oldenburg geplante Konferenz \u201eDie Gewerkschaften und China\u201c wird auch f\u00fcr Marxisten Fragen aufwerfen, f\u00fcr die theoretisch fundierte Untersuchungen aus linker Sicht h\u00e4tten n\u00fctzlich sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn das Buch eine Reihe von historisch interessanten Quellen verarbeitet und darlegt, so liefert es doch nur einen sehr begrenzten Beitrag zur gegenw\u00e4rtigen China-Debatte. Und zwar zur allgemeinen China-Debatte wie zur China-Debatte der Linken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Linke Kritik an China? 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