{"id":389,"date":"2015-03-19T20:25:16","date_gmt":"2015-03-19T19:25:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=389"},"modified":"2015-03-19T20:25:16","modified_gmt":"2015-03-19T19:25:16","slug":"taz-vom-16-oktober-2010","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/taz-vom-16-oktober-2010\/","title":{"rendered":"&#8220;TAZ&#8221; vom 16. Oktober 2010"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Statik des Augenblicks<\/strong><\/p>\n<p>BOLSCHEWISMUS<\/p>\n<p>Vom Kader zum Zwangsarbeiter: Ante Ciligas gro\u00dfartiger Erfahrungsbericht \u00fcber das stalinistische Russland<\/p>\n<p>Vergessene Klassiker der linken Bolschewismuskritik neu aufzulegen, ist nicht nur angesichts des Neobolschewismus von Intellektuellen wie Slavoj Zizek, Alain Badiou oder Dietmar Dath eine gute Sache. Im Fall des Erfahrungsberichts des jugoslawischen Kommunisten Ante Ciliga \u00fcber das stalinistische Russland ist die Neuauflage zudem fast eine deutsche Erstver\u00f6ffentlichung. W\u00e4hrend Ciligas Buch, zuerst 1938 in Paris erschienen und 1940 ins Englische \u00fcbersetzt, in beiden Sprachr\u00e4umen ein linksradikales Standardwerk wurde, dessen pr\u00e4zise Beobachtungen in Hannah Arendts &#8220;Elemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft&#8221; (1951) ebenso Eingang fanden wie sp\u00e4ter in Guy Debords &#8220;Gesellschaft des Spektakels&#8221; (1967), blieb die 1953 in einer obskuren antikommunistischen Buchreihe erschienene, stark gek\u00fcrzte deutsche \u00dcbersetzung unbeachtet. Der Berliner Kleinstverlag Die Buchmacherei hat sie jetzt neu aufgelegt. <!--more--><\/p>\n<p><strong>Gef\u00e4ngnis als Universit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Ciliga kam 1926 als hoher Funktion\u00e4r der jugoslawischen KP nach Russland, und nur mit viel Gl\u00fcck konnte er es 1935 lebendig wieder verlassen. In diesen zehn Jahren hatte er zun\u00e4chst Gelegenheit, das stalinistische Russland aus der Perspektive des privilegierten Kaders zu studieren, bevor er als dissidenter Kommunist seine Gef\u00e4ngnisse und Arbeitslager kennen lernte. Sein Bericht bietet ebenso Einblicke in die inneren Kreise der Macht und die Mentalit\u00e4t der nachwachsenden Eliten an den Kaderschulen, an denen er anfangs unterrichtete, wie in die Auseinandersetzungen unter den inhaftierten linken Oppositionellen. Das Gef\u00e4ngnis von Werchni-Uralsk, in dem Hunderte Oppositionelle aller Schattierungen zusammengepfercht sind, erlebt er als &#8220;eine wahre Universit\u00e4t der sozialen und politischen Wissenschaften &#8211; die einzige unabh\u00e4ngige Universit\u00e4t in der UdSSR&#8221;.<br \/>\nWeit mehr als auf die staatlichen Kommandoh\u00f6hen und die Diskussionen der geschlagenen Linken blickt Ciligas auf das Alltagsleben der Bev\u00f6lkerung. Anhand der Figuren, denen er auf seiner Odyssee begegnet, entfaltet er ein dichtes Bild der russischen Gesellschaft, die unter dem ersten F\u00fcnfjahresplan gerade in den Strudel von Zwangskollektivierungen und brutal forcierter Industrialisierung ger\u00e4t. Die Geschichten resignierter Arbeiter, zaudernder Oppositioneller und opportunistischer Parven\u00fcs, die Charakterstudien \u00fcber GPU-Schergen, Kinder der Parteifunktion\u00e4re oder in Ungnade gefallene Bolschewiki stehen stets exemplarisch f\u00fcr ganze Klassen und Gruppen.<br \/>\nDabei entsteht ein Bild des Stalinismus als gigantisches Modernisierungsprojekt, in dem sich rohe Gewalt mit dem Versprechen einer besseren Zukunft verbindet. Ciliga beschreibt sowohl das Schicksal der ungez\u00e4hlten Bauern, die wegen Kartoffeldiebstahls im Konzentrationslager enden, als auch die Revolutionierung der r\u00fcckst\u00e4ndigen D\u00f6rfer durch Kino und Radio, moderne Medizin und Traktoren. Nirgends tritt ihm die Einheit von Fortschritt und Barbarei jedoch drastischer entgegen als w\u00e4hrend seiner Verbannung nach Sibirien, das sich w\u00e4hrend der F\u00fcnfjahrespl\u00e4ne praktisch in ein einziges riesiges Arbeitslager verwandelt. Die atemberaubende Entwicklung der St\u00e4dte, von Holzindustrie, Goldgewinnung, Stra\u00dfen und Kan\u00e4len baut auf den Leichenbergen von Millionen Arbeitssklaven auf. &#8220;Der F\u00fcnfjahresplan&#8221;, h\u00e4lt er allen Bewunderern der Entwicklung Russlands entgegen, &#8221; ist fortschrittlich, aber nicht sozialistisch. Wenn er sich an der Zahl der Fabriken erkennen lie\u00dfe, w\u00e4re der Sozialismus in Amerika l\u00e4ngst verwirklicht.&#8221;<br \/>\nVon einer blo\u00df demokratischen Stalinismuskritik unterscheidet sich Ciligas Bericht durch seine Parteilichkeit f\u00fcr die ausgebeuteten Klassen. Genau dies f\u00fchrt ihn schlie\u00dflich zum Bruch mit der linken Opposition um Trotzki, der noch in der Verbannung das russische Industrialisierungstempo als Beleg f\u00fcr &#8220;die \u00dcberlegenheit der sozialistischen Wirtschaftsmethoden&#8221; feiert.<\/p>\n<p><strong>Trotzkis Fehler<\/strong><\/p>\n<p>Trotzki, notiert Ciliga lakonisch, &#8220;ist im Grunde der Theoretiker eines Regimes, dessen Verwirklicher Stalin ist&#8221;. Anstatt die russischen Arbeiter selbst gegen das Regime zu mobilisieren, habe er nur einen Fraktionskampf innerhalb der herrschenden Elite gef\u00fchrt. Trotzkis \u00dcberzeugung, die im Kern sozialistische Wirtschaft Russlands werde lediglich von einer stalinistischen B\u00fcrokratie \u00fcberformt, stellt sich f\u00fcr Ciliga angesichts der elenden Lage der Arbeiterklasse in den Fabriken und Arbeitslagern als der blanke Hohn dar. Was er in Russland vorfindet, ist kein &#8220;deformierter Arbeiterstaat&#8221; &#8211; so die trotzkistische Formel bis heute &#8211; sondern schlicht &#8220;Staatskapitalismus&#8221;. Sein Versuch, die Entstehung dieses Regimes aus der Oktoberrevolution nachzuvollziehen, treibt ihn schlie\u00dflich sogar dazu, &#8220;das Allerheiligste des Kommunismus und meiner eigenen Ideologie&#8221; vom Sockel zu sto\u00dfen: Lenin, der mit der Macht\u00fcbernahme ein &#8220;Verteidiger der Statik des Augenblicks und nicht mehr der Dynamik der Epoche&#8221; wurde.<\/p>\n<p>Ciligas Buch ist kein theoretisches. Die Fragen, die der Begriff des Staatskapitalismus aufwirft, k\u00fcmmern ihn nicht weiter: F\u00fcr sein Urteil gen\u00fcgen ihm die augenf\u00e4lligen Klassenunterschiede, die vollst\u00e4ndige Entrechtung der Arbeiter und das gigantische Heer der Sklaven im Gulag. Ohne sich dessen bewusst zu sein, bot er damit jedoch eine hervorragende Illustration der theoretischen Analysen, die andere Dissidenten fernab des Geschehens ausarbeiteten &#8211; allen voran die deutsch-holl\u00e4ndischen R\u00e4tekommunisten, die nach anf\u00e4nglicher Begeisterung f\u00fcr den Roten Oktober zu einer vernichtenden Kritik des Bolschewismus \u00fcbergingen.<\/p>\n<p>Ciliga illustriert, was andere Dissidenten fernab des Geschehens theoretisch ausarbeiteten.<\/p>\n<p><strong>VON FELIX BAUM<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Statik des Augenblicks BOLSCHEWISMUS Vom Kader zum Zwangsarbeiter: Ante Ciligas gro\u00dfartiger Erfahrungsbericht \u00fcber das stalinistische Russland Vergessene Klassiker der linken Bolschewismuskritik neu aufzulegen, ist&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[29],"tags":[],"class_list":["post-389","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-land-der-verwirrenden-luege"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/389","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=389"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/389\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=389"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=389"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=389"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}