{"id":392,"date":"2015-03-19T20:30:24","date_gmt":"2015-03-19T19:30:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=392"},"modified":"2025-08-28T07:56:12","modified_gmt":"2025-08-28T05:56:12","slug":"interview-mit-gaby-weber-in-der-zeitung-junge-welt-vom-11-10-2008-wochenendbeilage-seite-1-beilage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2015\/03\/19\/interview-mit-gaby-weber-in-der-zeitung-junge-welt-vom-11-10-2008-wochenendbeilage-seite-1-beilage\/","title":{"rendered":"Interview mit Gaby Weber in der Zeitung &#8220;Junge Welt&#8221; vom 11.10.2008 \/ Wochenendbeilage \/ Seite 1 (Beilage)"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Er galt als Amispitzel und mu\u00dfte aus dem Weg ger\u00e4umt werden&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Gespr\u00e4ch mit Gaby Weber. \u00dcber den Massenm\u00f6rder Adolf Eichmann. Und dar\u00fcber, da\u00df er zu viel \u00fcber das Dreiecksgesch\u00e4ft mit der israelischen Atombombe wu\u00dfte<br \/>\nGaby Weber ist Journalistin und Buchautorin, sie lebt und arbeitet in Buenos Aires und Berlin. Sie hat unter anderem B\u00fccher \u00fcber die Rolle deutscher Nazis und \u00fcber Daimler-Benz in Argentinien geschrieben. In Ihrem Buch &#8220;chatting with Sokrates&#8221; zitieren Sie den Satz: &#8220;Der Mossad hat Adolf Eichmann wegen seiner Verbrechen am j\u00fcdischen Volk aus Argentinien entf\u00fchrt.&#8221; Dazu Ihr Kommentar: &#8220;Ein Satz, vier L\u00fcgen&#8221;.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>W\u00fcrden Sie uns das erkl\u00e4ren?<\/em><br \/>\nDer zitierte Satz gibt die Version wieder, die in den Geschichtsb\u00fcchern steht und die vom israelischen Geheimdienst Mossad seit 1975 offiziell verbreitet wird. Nach jahrelangen Recherchen in Archiven und vielen Gespr\u00e4chen mit Zeitzeugen bin ich zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen: Erstens war es nicht der Mossad, der im Mai 1960 in Argentinien das Kommando f\u00fchrte. Es war ein kleiner Geheimdienst Israels, der Atomtechnologie beschaffen sollte. Zweitens war der Ausl\u00f6ser f\u00fcr Eichmanns Abtransport nicht seine Beteiligung am Judenmord, sondern sein Wissen um geheime Dreiecksgesch\u00e4fte. Drittens wurde er nicht entf\u00fchrt und viertens nicht aus Buenos Aires.<br \/>\nFangen wir doch mit Punkt eins an&#8230; Es waren damals in der Tat israelische Agenten in Argentinien &#8211; und zwar vom LAKAM, einem milit\u00e4rischen Dienst, der zum Zweck der Wirtschaftsspionage gegr\u00fcndet worden war. Die Gruppe hatte den Auftrag, das Know-how f\u00fcr den Bau einer Atombombe zu beschaffen. Nach dem Krieg waren Naziwissenschaftler nach Argentinien gefl\u00fcchtet und setzten dort, wie es Pr\u00e4sident Juan Per\u00f3n geplant hat, ihre Forschungen fort. Au\u00dferdem sollten sie Uran f\u00fcr den geheimen Reaktor Dimona beschaffen. Diese LAKAM-Agenten waren v\u00f6llig unprofessionell. Sie traten auf wie die Elefanten im Porzellanladen, so da\u00df schon wenige Tage nach ihrer Ankunft die argentinische Bundespolizei auf sie aufmerksam wurde.<\/p>\n<p>Die einzige M\u00f6glichkeit f\u00fcr Israel, das n\u00f6tige Know-how zu bekommen, waren die deutschen Wissenschaftler. Die USA und Gro\u00dfbritannien wollten damals die atomare Aufr\u00fcstung Israels verhindern; Frankreich lieferte zwar einen Forschungsreaktor, wurde dann aber von den USA gestoppt. Und die Sowjetunion kam nicht in Frage, unter anderem weil sie den \u00c4gyptern im Nuklearbereich half.<\/p>\n<p><em>Und was spricht gegen die Version von der &#8220;Entf\u00fchrung&#8221;?<\/em><br \/>\nIsraels Staatspr\u00e4sident David Ben Gurion gab am 23. Mai 1960 in der Knesset bekannt, da\u00df Eichmann in Haft war. Aus Israel selbst gab es damals keine offizielle Erkl\u00e4rung, wie er dorthin gelangt war &#8211; den Begriff &#8220;Entf\u00fchrung&#8221; setzten Journalisten in die Welt. Als die argentinische Regierung sich angesichts der Presseberichterstattung \u00fcber die Verletzung ihrer Souver\u00e4nit\u00e4t beschwerte, schrieb Ben Gurion seinem Amtskollegen in Buenos Aires einen Brief mit der Entschuldigung, es seien &#8220;Freiwillige&#8221; auf eigene Faust am Werk gewesen. Erst ab 1975 verbreitete der Mossad B\u00fccher, die die angebliche Entf\u00fchrung detailliert beschrieben. In den wesentlichen Punkten ist die Mossad-Version nachweislich falsch.<br \/>\nNach der Lekt\u00fcre Ihres Buches fragt man sich, ob nach Eichmann jemals ernsthaft gefahndet wurde. Er lebte doch bis 1950 unbehelligt in Westdeutschland, bevor er mit Hilfe des Vatikans nach Argentinien gelangte. Es gab viele, die davon wu\u00dften.<br \/>\nEr war mit einem falschen Pa\u00df auf den Namen Ricardo Klement eingereist. Seine Kinder gingen unter ihrem richtigen Namen in die deutsche Schule, sie waren auch in der deutschen Botschaft registriert &#8211; das geht eindeutig aus Akten des Ausw\u00e4rtigen Amtes hervor, die ich einsehen konnte. Eichmann f\u00fchlte sich in Argentinien so sicher, da\u00df er &#8211; wie viele andere Nazis auch &#8211; jahrelang offen unter seinem Namen aufgetreten ist. Der Gr\u00fcnder und langj\u00e4hrige Chef von Mercedes-Benz-Argentinien, Jorge Antonio, hatte ihn eingestellt &#8211; er wu\u00dfte genau, mit wem er es zu tun hatte. Das hat mir Antonio in einem l\u00e4ngeren Interview best\u00e4tigt. Man mu\u00df dabei im Hinterkopf behalten, da\u00df Mord nach deutschen Gesetzen damals nach 20 Jahren verj\u00e4hrte. Eichmann ging also davon aus, da\u00df er sp\u00e4testens ab Mai 1965 unbehelligt in die Bundesrepublik einreisen konnte. Antonio vermutete, da\u00df Eichmann ab Ende der 50er Jahre f\u00fcr einen US-Geheimdienst arbeitete. Daf\u00fcr habe ich allerdings noch keine Best\u00e4tigung in den USA gefunden &#8211; ein Antrag auf Akteneinsicht l\u00e4uft noch.<\/p>\n<p>Seit 1956 gab es in Deutschland einen Haftbefehl, ausgestellt vom hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Der hatte auch die israelische Justiz um Hilfe gebeten. Mittlerweile ist mit Hilfe von Archivquellen erwiesen, da\u00df die israelische Regierung schon 1957 von einem deutschen, in Argentinien lebenden Antifaschisten informiert worden war, wo Eichmann steckte. Der Bundesnachrichtendienst (BND) wu\u00dfte ebenfalls Bescheid. Er informierte 1958 die CIA, wie aus heute zug\u00e4nglichen Akten hervorgeht.<\/p>\n<p>Es ist auff\u00e4llig, da\u00df Israel keine \u00f6ffentliche Kritik daran \u00fcbte, da\u00df damals Naziverbrecher hohe Funktionen in der Bonner Regierung bekleideten. Israel hat z. B. offiziell nie etwas dazu gesagt, da\u00df Hans Globke, der Inititiator der N\u00fcrnberger Rassegesetze, von Adenauer zu seinem Staatssekret\u00e4r gemacht worden war. Oder zu dem damaligen Vertriebenenminister Theodor Oberl\u00e4nder, der 1960 in der DDR wegen Ermordung von mehreren tausend Juden und Polen in Lemberg in Abwesenheit zu lebensl\u00e4nglichem Zuchthaus verurteilt wurde. Da k\u00f6nnte man doch fragen, ob sich die israelische Regierung ihr Schweigen irgendwie hat bezahlen lassen.<br \/>\n<em>W\u00e4re nicht der BND als Regierungsbeh\u00f6rde verpflichtet gewesen, seine Erkenntnisse an die Staatsanwaltschaft weiterzugeben?<\/em><br \/>\nDiese Frage m\u00fc\u00dfte das Bundeskanzleramt beantworten, ich war mit meiner Anw\u00e4ltin dort. Es wurde mir in der Tat eine Akte gezeigt &#8211; die begann aber erst nach 1960. Ich habe dann beim BND die Freigabe der Akte beantragt, ich meine die Dokumente zum Zeitraum vor Eichmanns Verhaftung in Israel. Zu meiner \u00dcberraschung wurde mir mitgeteilt, da\u00df sie diese Akte gefunden haben, sie wollten sie aber bis mindestens 2017 geheimhalten. Ich habe jetzt gegen den BND Klage erhoben, weil es nicht angeht, da\u00df dort Erkenntnisse \u00fcber einen Massenm\u00f6rder mit dem Argument unter Verschlu\u00df gehalten werden, der Geheimdienst m\u00fcsse seine Methoden und Quellen sch\u00fctzen.<br \/>\nEichmann arbeitete in Argentinien f\u00fcr Mercedes-Benz. Zum Unternehmensvorstand in Stuttgart geh\u00f6rte damals auch ein ehemaliger SS-Offizier, Hans-Martin Schleyer. Wu\u00dfte der davon?<br \/>\nIch will erst kurz auf die Geschichte von Mercedes-Benz Argentina eingehen: Die Firma wurde 1951 mit Geldern gegr\u00fcndet, die aus dem im Ausland geparkten Naziverm\u00f6gen stammen. Sie wurde \u00fcber Nacht praktisch gr\u00f6\u00dfter Investor in Argentinien &#8211; ihr geh\u00f6rten L\u00e4ndereien, Banken, Investmentfirmen. 1955 wurde sie nach dem Milit\u00e4rputsch gegen Per\u00f3n f\u00fcr einige Jahre beschlagnahmt. Die damals sichergestellten Akten konnte ich einsehen. Schleyer war in jenen Jahren in Argentinien, um die beschlagnahmte Firma zu legalisieren. Und als Eichmann in Buenos Aires vermi\u00dft wurde, wandte sich die Familie an Mercedes-Benz, und der Vorgang landete in Stuttgart bei Schleyer. Aus dem Daimler-Archiv wei\u00df ich, da\u00df Schleyer \u00f6fter von &#8220;alten Kameraden&#8221; um Gefallen und Spenden gebeten wurde. Auch in der Schweiz habe ich Dokumente \u00fcber Strohm\u00e4nner gefunden, die da mitgemischt haben. Mercedes-Benz Argentina hat nicht nur Eichmann, sondern auch andere gefl\u00fcchtete Nazis eingestellt.<br \/>\n<em>Wie gro\u00df war denn die Nazigemeinde in Argentinien?<\/em><br \/>\nEs sind etwa 50000 Nazis ins Land gekommen, zum gro\u00dfen Teil mit Hilfe der katholischen Kirche. Die haben sich dann \u00fcber ganz Lateinamerika verteilt &#8211; es d\u00fcrften maximal 10000 gewesen sein, die l\u00e4ngere Zeit in Argentinien blieben. Das waren nat\u00fcrlich nicht alle gesuchte Kriegsverbrecher. Eichmann war jedenfalls der zweith\u00f6chste SS-Mann dort, er f\u00fchlte sich nach meinen Recherchen offenbar wie der Anf\u00fchrer des Exils. Er hat seine Rolle aber sehr \u00fcbersch\u00e4tzt, zu sagen hatte er eigentlich nichts mehr. Er wu\u00dfte jedoch eine Menge \u00fcber viele Leute, mit denen er zu tun hatte &#8211; und h\u00e4tte mit seinem Wissen den einen oder anderen fertigmachen k\u00f6nnen. Man hatte Angst vor ihm.<br \/>\n<em>Eichmann hatte in Argentinien wohl auch Kontakt zu deutschen Atomwissenschaftlern, die dort ihre Forschungen fortsetzten.<\/em><br \/>\nKernforschung wurde in Argentinien an zwei Orten betrieben: zum einen in Tucum\u00e1n, wo Eichmann anfangs wohnte. Dort arbeiteten viele Atomwissenschaftler aus dem Umfeld von Otto Hahn. Nach dem Putsch gegen Per\u00f3n konzentrierte sich die Forschung auf Bariloche, dort wurde an der Herstellung von Plutonium gearbeitet. Die argentinische Atomkommission wurde von deutschen Wissenschaftlern mit aufgebaut, die schon an Hitlers-Uranprojekt gearbeitet hatten.<br \/>\nWelches Interesse hatte Argentinien an der Atomforschung?<br \/>\nGeneral Per\u00f3n sah Argentinien auf dem Weg zu einer Gro\u00dfmacht, was man sich heute kaum noch vorstellen kann. Er wollte eine eigene Industrie aufbauen, auch auf dem R\u00fcstungssektor &#8211; daf\u00fcr wollte er die deutschen Wissenschaftler haben. Da\u00df es sich um Nazis handelte, war ihm egal. F\u00fcr dieses Know-how interessierte sich dann auch die israelische Regierung.<br \/>\n<em>Warum sollten ausgerechnet Nazis dem j\u00fcdischen Staat zur Atombombe verhelfen?<\/em><\/p>\n<p>Ich vermute, die Israelis haben die Deutschen erpre\u00dft. Wahrscheinlich auch die Frankfurter Firma Degussa, die in den 50ern die Wiedergeburt der deutschen Atomindustrie eingeleitet hat. Eine Degussa-Tochter hatte bekanntlich das Giftgas Zyklon B produziert, mit dem Millionen Juden in den Konzentrationslagern ermordet wurden. Die 1960 gegr\u00fcndete Tochterfirma NUKEM hat jedenfalls f\u00fcr Israel einen Teil des n\u00f6tigen Urans aus Argentinien beschafft. Ich habe versucht, bei Degussa zu recherchieren &#8211; aber leider l\u00e4\u00dft man mich nicht ins Archiv.<br \/>\nEs gab damals noch ein anderes Land, das die Kernwaffe wollte: der junge Bonner Staat. Der Beschlu\u00df des Bundestages, da\u00df die Bundeswehr atomar aufger\u00fcstet werden soll, wurde bis heute nicht zur\u00fcckgenommen.<br \/>\n1955 hat Degussa ihre Nukleargruppe gegr\u00fcndet &#8211; es waren auch Leute aus dem Atomministerium dabei, dem damals der CSU-Politiker Franz Josef Strau\u00df vorstand. Das Bundeskabinett stellte im M\u00e4rz 1960 drei Millionen DM f\u00fcr nukleare Zusammenarbeit zwischen dem Otto-Hahn-Institut der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen und dem Weizmann-Institut in Israel zur Verf\u00fcgung.<br \/>\n<em>Warum hat Israel nicht interveniert, um zu verhindern, da\u00df der deutschen Bundesregierung das Know-how f\u00fcr die Atombombe in die H\u00e4nde f\u00e4llt?<\/em><br \/>\nF\u00fcr Juden m\u00fc\u00dfte das eigentlich ein Alptraum sein &#8211; Judentum und israelische Regierung sind aber nicht identisch. Verantwortlicher Verteidigungsminister in Tel Aviv war damals Schimon Peres, der als der &#8220;Vater des israelischen Atomprogramms&#8221; gilt. Dabei lie\u00df er sich offensichtlich kaum von moralischen Kriterien leiten. Israels Verhandlungspartner auf westdeutscher Seite hatten fast alle im faschistischen Deutschland wichtige Positionen gehabt. Trotzdem lieferte Israel schon ab 1957 Waffen an die Bundeswehr. Und wie kann man erkl\u00e4ren, da\u00df der Mossad den Erfinder der fahrbaren Gaskammern, Walter Rauff, auf seiner Agentenliste f\u00fchrte?<br \/>\n<em>\u00dcber diese Verflechtungen wu\u00dfte Eichmann Bescheid?<\/em><br \/>\n\u00dcber viele vermutlich. Er hatte zahlreiche Kontakte. Sein Fehler war, da\u00df er anfing zu plaudern. Es begann mit einem langen Interview, das er dem niederl\u00e4ndischen Kriegsverbrecher Willem Sassen gegeben hatte, Eichmann wollte sich rechtfertigen. Und er wurde immer mehr zu einer Gefahr, weil er von dem Atomdeal und der Zusammenarbeit mit Israel wu\u00dfte. Er wurde als Amispitzel verd\u00e4chtigt, deswegen mu\u00dfte er aus dem Weg ger\u00e4umt werden.<br \/>\n<em>Okay &#8211; aber warum hat man ihn dann nicht einfach umgelegt?<\/em><br \/>\nDar\u00fcber kann man nur spekulieren. Das w\u00e4re m\u00f6glicherweise zu einem Riesenskandal geworden, der Argentinien schwer ver\u00e4rgert h\u00e4tte. Denkbar ist auch, da\u00df die Argentinier dem einfach zuvorgekommen sind, indem sie ihn auswiesen. Jorge Antonio hat, auch \u00f6ffentlich, best\u00e4tigt, da\u00df Eichmann, der Ausl\u00e4nder mit falschen Papieren, von den Argentiniern nach Brasilien ausgeflogen und an die Israelis \u00fcbergeben worden ist.<\/p>\n<p>Der damalige Generaldirektor von Mercedes-Benz Argentina, William Mossetti, mu\u00df ebenfalls davon gewu\u00dft haben. Er meldete bereits am 12. Mai 1960 Eichmann von der argentinischen Sozialversicherung ab. Er wu\u00dfte also elf Tage vor der Bekanntgabe in der Knesset, da\u00df Eichmann nicht mehr in seinem Unternehmen auftauchen w\u00fcrde. Mossetti \u00fcbrigens war laut der OSS-Dokumente, die ich im US-Bundesarchiv einsehen konnte, w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges &#8220;G2-officer&#8221;, also Geheimagent, vermutlich f\u00fcr die Army.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall kann die Version des Mossad, Eichmann sei entf\u00fchrt und mit einer El-Al-Maschine von Buenos Aires mit einer Zwischenlandung in Dakar nach Israel geflogen worden, schon rein technisch nicht stimmen. Das Flugzeug war eine Bristol Britannia, die nach Herstellerangaben eine Reichweite von 6869 Kilometern hat. Die Entfernung zwischen Buenos Aires und Dakar betr\u00e4gt aber 6992 Kilometer &#8211; die Maschine mu\u00df also eine andere Route geflogen sein. Laut Jorge Antonio wartete das Flugzeug in Natal im Nordosten Brasiliens, was mir im \u00fcbrigen auch die brasilianischen Beh\u00f6rden best\u00e4tigt haben. Dort wurde die El-Al-Maschine aufgetankt und Eichmann an Bord gebracht. Und von Natal ging es weiter bis Dakar und dann nach Israel. Sowohl die Argentinier als auch die Brasilianer haben sich nach meinem Eindruck v\u00f6llig legal verhalten. Eichmann hatte einen falschen Pa\u00df, konnte also ohne Probleme aus Argentinien in das Land, wo er hergekommen war, ausgewiesen werden. Und Brasilien braucht keinen Ausl\u00e4nder mit falschen Papieren ins Land zu lassen &#8211; sie haben ihn also ins n\u00e4chste Flugzeug gesetzt. Das war nun diese El-Al-Maschine.<br \/>\n<em>Hat Brasilien bewu\u00dft mitgespielt?<\/em><br \/>\nDavon gehe ich aus. Die brasilianische Regierung hat ja damals ebenfalls mit Degussa \u00fcber den Kauf einer Atomzentrifuge verhandelt. Hinzu kommt, da\u00df der gesamte Flugverkehr Brasiliens bis heute vom Milit\u00e4r \u00fcberwacht wird &#8211; die wu\u00dften genau, welche Flugzeuge im Luftraum unterwegs waren.<br \/>\n<em>Die Ergebnisse Ihrer Recherche widersprechen all dem, was man aus der Geschichtsschreibung wei\u00df. Gibt es Historiker, die sich ernsthaft mit Ihren Argumenten auseinandersetzen?<\/em><br \/>\nDas ist je nach Land verschieden. In den USA arbeite ich mit Leuten der Interagency Working Group on Nazi Crimes zusammen, Historikern, die im Bundesarchiv in Washington sitzen. In Deutschland hingegen sieht das anders aus &#8211; dort ist ein kritischer Umgang mit israelischer Zeitgeschichte sehr schwierig. Bisher wurde ich nicht direkt angefeindet, \u00fcbrigens auch nicht von der israelischen Regierung. Der vor kurzem abgel\u00f6ste Ministerpr\u00e4sident Ehud Olmert hat mir geschrieben, man habe mein Bitten um Informationen zur Kenntnis genommen. Das war&#8217;s dann aber auch.<\/p>\n<p>Israel ist in einer schwierigen Situation. Nachdem das M\u00e4rchen von der Eichmann-Entf\u00fchrung jahrelang aufrechterhalten wurde, ist es schwierig, davon wieder wegzukommen. Und dem stehen immer noch milit\u00e4rische Interessen entgegen. Israel spielt ja ein doppeltes Spiel: Offiziell hei\u00dft es, der Staat habe keine Atombomben. Andererseits sind eben diese Bomben Teil des Abschreckungspotentials.<\/p>\n<p>Seit einem Jahr versuche ich, von der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA) in Wien Informationen zu bekommen. Dort ist Israel Mitglied. Ich habe denen Dokumente \u00fcber die erw\u00e4hnten Uranlieferungen geschickt und warte auf eine Stellungnahme.<br \/>\n<em>Sie haben sich aber auch an den Mossad selbst gewandt &#8230;<\/em><br \/>\nDer Geheimdienst hatte auf seiner Homepage als eine seiner gro\u00dfen Heldentaten die Geschichte von der Eichmann-Entf\u00fchrung dokumentiert. Ich habe dann per Mail nachgefragt, warum sie eine solche L\u00fcgengeschichte ins Netz stellen. Sie sollten mir bitte Kopien der einschl\u00e4gigen Akten schicken. Eine Antwort habe ich zwar nie bekommen &#8211; aber ein paar Tage sp\u00e4ter war das Heldenepos von der Internetseite verschwunden.<br \/>\n<em>Sie haben die Eichmann-Story in Form eines Theaterst\u00fccks dargestellt. Warum nicht klassisch, als Sachbuch mit ordentlichen Fu\u00dfnoten?<\/em><br \/>\nIch wollte anf\u00e4nglich einen Dokumentarfilm drehen, also erst einmal ein Drehbuch schreiben. Das w\u00e4re aber zu teuer geworden &#8211; f\u00fcr solche Projekte gibt es kein Geld. Da ich mich schon gedanklich auf dieses Drehbuch fixiert hatte, habe ich dieses Theaterst\u00fcck verfa\u00dft, das von Basisgruppen, Schultheatern und anderen kleinen B\u00fchnen ohne gro\u00dfen technischen Aufwand gespielt werden kann. Man braucht nur St\u00fchle, Tisch, eine wei\u00dfe Wand sowie einen Beamer, mit dem Archivdokumente eingespielt werden.<\/p>\n<p>Ein Theaterst\u00fcck gibt mir die M\u00f6glichkeit, Eichmann in seiner Subjektivit\u00e4t zu beschreiben. Also etwa so: Was ist in seinem Kopf vorgegangen? Es ist fast unertr\u00e4glich, das zu Papier zu bringen, was dieser Verbrecher von sich gegeben hat. Ich habe den Dialog zwischen einer Journalistin und einer Historikerin dazwischengeschaltet &#8211; die Leser oder Zuschauer haben damit etwas mehr Distanz dazu, k\u00f6nnen es also auch eher rational verarbeiten.<\/p>\n<p>Sicher, ein Sachbuch w\u00e4re auch eine M\u00f6glichkeit gewesen. So eins habe ich z. B. \u00fcber die Geldw\u00e4sche der Nazis geschrieben, jede zweite Zeile war mit einer Fu\u00dfnote mit Hinweis auf Archivdokumente versehen. Das Buch ist in Deutschland totgeschwiegen worden. Vielleicht ist das Theater der einzige Ort, an dem man noch frei reden und Argumente austauschen kann.<br \/>\n<em>Das Buch hei\u00dft &#8220;chatting with Sokrates&#8221; &#8211; wie kamen Sie zu diesem Titel?<\/em><br \/>\nDer altgriechische Philosoph hatte schon vor zweieinhalbtausend Jahren eine sehr kluge Fragetechnik entwickelt. Direkte, fast naiv wirkende Fragen, die geeignet sind, Herrschaftsversionen zu entlarven. Daran sollte sich der Journalismus erinnern. Unser Beruf ist heute ziemlich verkommen, man wiederholt, was man wiederholen soll, statt Vorgegebenes in Frage zu stellen. Man kann gar nicht dumm genug fragen &#8211; die naivsten Fragen sind meistens die besten.<\/p>\n<p><strong>Das Interview f\u00fchrte Peter Wolter<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Er galt als Amispitzel und mu\u00dfte aus dem Weg ger\u00e4umt werden&#8221; Gespr\u00e4ch mit Gaby Weber. \u00dcber den Massenm\u00f6rder Adolf Eichmann. 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