{"id":3923,"date":"2021-12-04T18:07:31","date_gmt":"2021-12-04T17:07:31","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3923"},"modified":"2026-01-26T21:29:29","modified_gmt":"2026-01-26T20:29:29","slug":"menschen-machen-medien-ver-di-v-4-8-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/menschen-machen-medien-ver-di-v-4-8-2021\/","title":{"rendered":"&#8220;Menschen machen Medien&#8221; (ver.di) v. 4.8. 2021"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>von Johannes Schillo<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>D<strong>as  nationalistische (Selbst-)Missverst\u00e4ndnis als Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\" id=\"\"><\/h5>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\" id=\"\"><\/h4>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGemeinsam gegen China!\u201c Das vermeldeten einige deutsche Pressekommentare zum neu belebten transatlantischen Verh\u00e4ltnis unter US-Pr\u00e4sident Joe Biden. In der Gewissheit, dass die USA \u201eAlliierte im Ringen um die globale Vorherrschaft\u201c braucht, ermunterten auch deutsche Jornalist*innen die Politik dazu, sich der neuen Gro\u00dfmachtkonkurrenz zu stellen. Gemeinsam wollen die G-7-Staaten den wachsenden Einfluss Pekings in der Welt bremsen. 4. August 2021 von Johannes Schillo<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem G7- und NATO-Gipfel vom Juni 2021 wird die \u201eheilige Verpflichtung\u201c (Biden), im gr\u00f6\u00dften Milit\u00e4rb\u00fcndnis der Welt zusammenzustehen, in deutschen Medien ungefiltert geteilt. Kritische Nachfragen gelten eher dem mangelnden Mut europ\u00e4ischer Partner. Das von \u201eBiden nach Cornwall mitgebrachte Konkurrenzprojekt der G7 zur chinesischen Seidenstra\u00dfen-Initiative ist zumindest ein Anfang\u201c, hie\u00df es dazu in der \u201eWelt\u201c. Leider h\u00e4tten Berlin und Paris jedoch wieder auf \u201eunverbindlichen Formulierungen im G-7-Kommuniqu\u00e9 f\u00fcr den Umgang mit Peking\u201c bestanden. Bei aller Konkurrenz um globale Vorherrschaft werden nat\u00fcrlich die wohlt\u00e4tigen Aufgaben nicht vergessen. \u201eDer Westen\u201c werde sich \u201ejetzt in erster Linie daran messen lassen m\u00fcssen, ob er der Welt beim Kampf gegen das Virus schneller hilft als China.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Da so viel Gutes auf dem Globus zu tun ist, h\u00e4ufen sich in der \u00d6ffentlichkeit die Berichte \u00fcber unhaltbare Zust\u00e4nde im fern\u00f6stlichen Reich der Mitte, die nach westlicher Einflussnahme verlangen \u2013 bis hin zu deutschen Kriegsschiffen, die im Indopazifik f\u00fcr Ordnung sorgen sollen. Aber auch eine Bestrafung f\u00fcr allerlei \u2013 bereits erfolgte oder drohende \u2013 Schandtaten muss sein, nat\u00fcrlich stets im Namen der Menschenrechte.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\" id=\"jenseits-des-mainstreams\"><br>Jenseits des Mainstreams<\/h5>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin Renate Dillmann hat diese Fixierung auf den <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Der-Feind-in-Asien-6052304.html\">\u201eFeind in Asien\u201c<\/a> einer kritischen Analyse unterzogen. Als Erstes h\u00e4lt sie die Banalit\u00e4t fest, dass \u201eautorit\u00e4res Regieren f\u00fcr die USA per se kein Grund f\u00fcr Feindseligkeiten\u201c sei. So habe Washington ja schon \u201eHerrscher von ganz anderem Kaliber zu Freunden erkl\u00e4rt \u2013 wie den Saudi-Arabischen K\u00f6nig Salman und den \u00e4gyptischen Putsch-General Al Sisi \u2013 oder selbst an die Macht gebracht \u2013 wie den Schah im Iran oder Pinochet in Chile. Letztere \u00fcbrigens jeweils gegen demokratisch gew\u00e4hlte Politiker. Und auch bei Menschenrechtsverletzungen gegen Minderheiten, selbst Genoziden seien US-Pr\u00e4sidenten nicht gerade zimperlich, wenn es ihnen geopolitisch in den Kram passe.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch leider, so Dillmann, werde Feindbildpflege \u2013 nicht nur in der \u201eBildzeitung\u201c und verwandten Medien \u2013 immer mehr zum \u201ejournalistischen Kerngesch\u00e4ft\u201c. In Distanz zu einer solchen Parteinahme, aber auch zur Selbstdarstellung und den \u201eNarrativen\u201c der chinesischen Seite unternahm die Autorin 2009 mit ihrer Publikation \u201eChina \u2013 Ein Lehrst\u00fcck\u201c den Versuch einer sachlichen Aufarbeitung dieses welthistorischen Sonderfalls, n\u00e4mlich des Aufstiegs eines \u201eunterentwickelten\u201c Landes in die Oberliga der Staatenkonkurrenz w\u00e4hrend gerade mal einer Generation.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das <a href=\"https:\/\/diebuchmacherei.de\/produkt\/china-ein-lehrstueck\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Buch<\/a> ist zum Sommer 2021 in einer aktualisierten Ausgabe erschienen. Es setzt sich mit den alten und neuen Liebhaber*innen des chinesischen Weges auseinander, mit den Bewunderer*innen der (anti-)imperialistischen Karriere, die als Ausnahmefall einem Land der \u201eDritten Welt\u201c gelang. In der Hauptsache bringt es einen klar strukturierten \u00dcberblick \u00fcber das Projekt des chinesischen Aufbruchs. Der reicht von den Zeiten des europ\u00e4ischen Imperialismus, der, gerade auch unter deutscher Mitwirkung, das Land brutal f\u00fcr die koloniale Ausnutzung erschloss, \u00fcber die nationale Emanzipationsbewegung der Mao-Zeit und ihre r\u00fccksichtslosen Aufbau-Experimente (Teil I) bis zur \u201eWende\u201c der 1970er Jahre und der folgenden \u00dcbernahme marktwirtschaftlicher Erfolgsrezepte, die das das Land zu einem (mit-)entscheidenden Akteur in Sachen Weltmarkt und Weltpolitik machten (Teil II).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Neuausgabe tr\u00e4gt die j\u00fcngsten Entwicklungen nach. Dabei geht es vor allem um die \u00d6konomie (Fortschritte der Produktion, Binnenmarkt, L\u00f6hne), um die Gesellschaftspolitik (Sozialversicherungen, \u00dcberwachungsstaat, samt Exkurs zur chinesischen Corona-Politik) und um die Au\u00dfenpolitik (Neue Seidenstra\u00dfe, Aufr\u00fcstung). Thema ist dabei auch die Repression im Innern, die an den F\u00e4llen <a href=\"https:\/\/mmm.verdi.de\/internationales\/aus-fuer-honkonger-zeitung-apple-daily-74447\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Hongkong<\/a> und Uiguren-Minderheit zur Sprache gebracht wird. Die beiden Punkte sind Teil einer l\u00e4ngeren Auseinandersetzung mit der Darstellung Chinas in den deutschen Medien, die sich auch auf Teile der Fachliteratur erstreckt, in der das Land prinzipiell unter dem Titel \u201eHerausforderung\u201c firmiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dillmanns Analyse ist mit zahlreichen Informationen zu Quellen, Dokumenten und weiteren Materialien angereichert. Das in der Buchmacherei erschienene Buch wird dabei durch eine Materialsammlung erg\u00e4nzt, die auf der <a href=\"https:\/\/www.renatedillmann.de\/\">Website der Autorin<\/a> abrufbar ist. So werden Informationen nicht nur mit Blick auf China, sondern zur kolonialistischen Tradition Europas geboten, die mittlerweile st\u00e4rker in den Fokus der hiesigen Erinnerungskultur ger\u00fcckt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wichtiger wissenschaftlicher Verdienst dieser Landeskunde liegt in der Auseinandersetzung mit dem Verh\u00e4ltnis von Kommunismus und Nation. Ausgehend von Fragen, die die gesamte Geschichte der Arbeiterbewegung betreffen, kommt Dillmanns Analyse zu dem Ergebnis, dass im \u201enationalen Denken\u201c ein, wenn nicht der entscheidende Erkl\u00e4rungsschl\u00fcssel f\u00fcr Maos Politik zu finden sei. Antikapitalismus \u2013 etwa im Sinne von Marx, der nach wie vor die Berufungsinstanz der KP China ist \u2013 war das Programm jedenfalls nicht, so ihr Fazit. Erst wenn man sich dieses nationalistische (Selbst-)Missverst\u00e4ndnis klar mache, komme man den scheinbar r\u00e4tselhaften Wendungen und Entgleisungen der VR China bis hin zur Abkehr vom Sozialismus auf die Spur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Johannes Schillo Das nationalistische (Selbst-)Missverst\u00e4ndnis als Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis \u201eGemeinsam gegen China!\u201c Das vermeldeten einige deutsche Pressekommentare zum neu belebten transatlantischen Verh\u00e4ltnis unter US-Pr\u00e4sident&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[86,219],"tags":[],"class_list":["post-3923","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-china-ein-lehrstueck","category-china-lehrstueck-2"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3923","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3923"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3923\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8006,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3923\/revisions\/8006"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3923"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3923"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3923"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}