{"id":3938,"date":"2018-12-04T18:57:00","date_gmt":"2018-12-04T17:57:00","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3938"},"modified":"2026-01-26T21:29:29","modified_gmt":"2026-01-26T20:29:29","slug":"schattenblick-14-5-2010","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/schattenblick-14-5-2010\/","title":{"rendered":"&#8220;Schattenblick&#8221; 14.5. 2010"},"content":{"rendered":"\n<p>Seit zehn Jahren werden wir Zeuge eines dramatischen, weltver\u00e4ndernden Prozesses, n\u00e4mlich des Wiederaufstiegs Chinas zur wirtschaftlichen und politischen Supermacht. Wie es die Chinesen seit der Ausrufung der Volksrepublik im Jahre 1949 geschafft haben, die katastrophalen Folgen der rund einhundert von kolonialer Einmischung, Teilbesetzung durch die Japaner und einem B\u00fcrgerkrieg gepr\u00e4gten Jahre zu beseitigen und ihr damals v\u00f6llig am Boden liegendes Land wieder zu einer der bestimmenden Kr\u00e4fte auf dem Globus zu machen, und was dies f\u00fcr die Zukunft bedeuten k\u00f6nnte, sind Gegenstand des Buchs &#8220;China: Ein Lehrst\u00fcck&#8221; von Renate Dillmann. F\u00fcr die marxistische Politikwissenschaftlerin, die in Staatstheorie promoviert und mehrere Forschungsaufenhalte in China absolviert hat, ist die Volksrepublik schon l\u00e4nger vom kommunistischen Weg abgekommen und hat sich zu einer imperialistischen Gro\u00dfmacht entwickelt, die genau wie Deutschland, Japan oder die USA die eigene Bev\u00f6lkerung ausbeutet, w\u00e4hrend sie gleichzeitig in \u00dcbersee die notwendigen Ressourcen f\u00fcr den Fortgang des eigenen kapitalistischen Verwertungsprozesses zu sichern versucht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ohne die ehrlichen Absichten und redlichen Bem\u00fchungen der kommunistischen Parteif\u00fchrung bis heute in Abrede zu stellen, bei gleichzeitiger W\u00fcrdigung der gigantischen Leistungen des chinesischen Volkes in den letzten rund 60 Jahren, siedelt Dillmann die Fehlentwicklung Chinas hin bzw. zur\u00fcck zum Kapitalismus fr\u00fch an, vor allem und zuerst in der \u00dcbernahme &#8211; zwecks Gesellschafts- und Wirtschaftplanung &#8211; von Begriffen und Konzepten wie Geld, Preis, Lohn und Gewinn, die jenen kapitalistischen Konkurrenzverh\u00e4ltnissen entstammen, welche die Revolution\u00e4re von einst eigentlich \u00fcberwinden wollten. Von dort war der Weg zu dem in den f\u00fcnfziger Jahren unter der Leitung des damaligen KP-Vorsitzenden Mao Tsetung angestrebten, dem Modell Sowjetunion folgenden, &#8220;gro\u00dfen Sprung nach vorne&#8221; oder zu dem von Deng Xiaoping Anfang der achtziger Jahre unter Verweis auf die Erfolge der &#8220;Tigerstaaten&#8221; S\u00fcdkorea, Hongkong, Taiwan und Singapur herausgegebenen Ziel einer Vervierfachung des chinesischen Bruttosozialprodukts bis zum Jahr 2000 nicht mehr weit.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwar hatte die KP, als sie die Macht in China eroberte, kaum eine Alternative, als die ihr einzig zur Verf\u00fcgung stehende Ressource, die menschliche, so effektiv wie m\u00f6glich einzusetzen, um das Land wieder aufzubauen und es vor Angriffen seitens der USA und ihrer Marionette Tschiang Kaischek, der sich nach der Niederlage im B\u00fcrgerkrieg mit seiner nationalistischen Armee nach Taiwan abgesetzt hatte, zu sch\u00fctzen. Gleichwohl fragt Dillmann, wozu die Opfer der chinesischen Massen gut gewesen sein sollen, wenn ab 1978 das ganze Volkverm\u00f6gen zwecks Ankurbelung der &#8220;Produktivkr\u00e4fte&#8221; allm\u00e4hlich privatisiert wurde und man zu einem System \u00fcberging, in dem jeder Mensch k\u00fcnftig wieder allein tagein, tagaus um die Sicherung des eigenen \u00dcberlebens und dessen seiner Familie k\u00e4mpfen mu\u00df. Von der dem Kommunismus zugrundeliegenden Idee der Befreiung des Menschen vom Zwang jedweder Art hat man sich wahrlich sehr weit entfernt, wenn man, wie die chinesische Regierung es vor einigen Jahren tat, sein Volk mit modernen Managementmethoden \u00e0 la Harvard Business School traktieren l\u00e4\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne ihre grunds\u00e4tzliche Kritik abzumildern, bringt Dillmann nicht wenig Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Lage der chinesischen Staatsf\u00fchrung auf, die ihr zufolge fast notgedrungen den Kommunismus gegen den Nationalismus eingetauscht hat. Recht genau schildert sie die internationale Konkurrenzsituation, in der sich das aufstrebende China gegen\u00fcber den wirtschaftlich schw\u00e4chelnden, daf\u00fcr um so gef\u00e4hrlicheren, weil enorm hochger\u00fcsteten Vereinigten Staaten von Amerika befindet. In diesem Zusammenhang erl\u00e4utert sie die aktuellen Spannungen zwischen Peking und Washington recht pr\u00e4zise unter Verweis auf Problemfelder wie Nordkorea, Iran, Taiwan, W\u00e4hrungen und Handel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die heftigste Kritik spart Dillmann f\u00fcr westliche Scheinmoralisten auf, welche die unbestreitbaren Mi\u00dfst\u00e4nde in der Volksrepublik wie beh\u00f6rdliche Willk\u00fcr, unzureichende Arbeitsschutzgesetzgebung, das Fehlen einer freien Presse und des Rechts auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung sowie schwerwiegende Umweltzerst\u00f6rungen der KP anlasten. Hinter den st\u00e4ndigen Rufen nach &#8220;mehr Demokratie&#8221; sowie hinter der vermeintlichen Sorge um das Schicksal von chinesischen Wanderarbeitern, von Minderheitenv\u00f6lkern wie den Tibetern oder den Uiguren oder von Menschenrechtlern kann die Autorin nichts anderes als das Streben bestimmter Kr\u00e4fte im Westen erkennen, dem unliebsamen Konkurrenten im Osten Kn\u00fcppel zwischen die Beine zu werfen.<\/p>\n\n\n\n<p>China ist nicht nur bev\u00f6lkerungsm\u00e4\u00dfig ein Land der Superlative und das nicht immer im positiven Sinne. Seit 2006 ist es der weltweit gr\u00f6\u00dfte Produzent von Treibhausgasen. In der Volksrepublik verkauft der US-Konzern General Motors inzwischen mehr Autos als im Stammland. Allein f\u00fcr den Ausbau des Schienennetzes hat China 2009 200 Millionen Tonnen Beton produziert; die Gesamtproduktion der USA an Beton im selbem Zeitraum betrug dagegen nur 93 Millionen Tonnen. Die Volksrepublik, die 2003 als drittes Land nach den USA und Ru\u00dfland die bemannte Raumfahrt gemeistert hat, ist auch der Staat, dessen Neureiche inzwischen 27,5 Prozent der weltweit produzierten Luxusg\u00fcter verkonsumieren. Das geht aus dem j\u00fcngsten Jahresbericht der World Luxury Association hervor. Es d\u00fcrfte nicht lange dauern, bis die Japaner den ersten Platz auf dieser Rangliste an den Nachbarn am westlichen Ufer des Gelben Meeres abgetreten haben.<\/p>\n\n\n\n<p>China scheint das fr\u00fchere Ziel einer egalit\u00e4ren Gesellschaft l\u00e4ngst hinter sich gelassen zu haben. In der nominell sozialistischen Volksrepublik vergr\u00f6\u00dfert sich die Kluft zwischen Arm und Reich best\u00e4ndig. In den letzten Jahren kommt es deshalb auf dem Land sowie in den Betrieben immer wieder zu spontanen Massenprotesten. Diese d\u00fcrften zunehmen, wenn, wie bef\u00fcrchtet, sich die Folgen der aktuellen internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise in der Volksrepublik erst richtig bemerkbar machen. Das k\u00f6nnte bald der Fall sein. Am 11. Mai meldete die US-Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg aus China einen bedrohlichen Anstieg der Inflation, der Menge an verliehenem Geld und der Grundst\u00fcckspreise. Nicht umsonst sagen einige \u00d6konomen China eine Immobilienkrise voraus, welche die Japans Ende der achtziger Jahre und die aktuelle in den USA \u00fcbertreffen k\u00f6nnte. Was auch immer in n\u00e4chster Zeit in der Volksrepublik geschieht, nach der Lekt\u00fcre von Renate Dillmanns hochinformativem und flott geschriebenem &#8220;China: Lehrst\u00fcck&#8221; wird man es auf jeden Fall besser begreifen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit zehn Jahren werden wir Zeuge eines dramatischen, weltver\u00e4ndernden Prozesses, n\u00e4mlich des Wiederaufstiegs Chinas zur wirtschaftlichen und politischen Supermacht. 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