{"id":3940,"date":"2017-12-04T20:06:00","date_gmt":"2017-12-04T19:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3940"},"modified":"2026-01-26T21:29:29","modified_gmt":"2026-01-26T20:29:29","slug":"junge-welt-v-14-12-2009","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/junge-welt-v-14-12-2009\/","title":{"rendered":"&#8220;junge Welt&#8221; v. 14.12. 2009"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Kritik von halbherzigem Antikapitalismus, Staatsidealismus und nationalem Ehrgeiz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\" id=\"\"><\/h4>\n\n\n\n<p><em>Von Vinzenz Bosse<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ist das moderne China schon kapitalistisch? Oder \u2013 entgegen dem ersten Anschein \u2013 doch noch sozialistisch? Ist es heute vielleicht sogar der brutalste kapitalistische Staat? Oder doch so etwas wie eine alternative Kraft, die das internationale Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis hin zum Guten beeinflu\u00dft? Ist ein demokratisches China denkbar? Wird dann mehr R\u00fccksicht auf das Volk genommen? Oder kann und mu\u00df man auf einen Aufruhr der chinesischen Arbeiter hoffen? \u2013 Fragen dieser Art bewegen die Linken, wenn sie sich mit der Volksrepublik China besch\u00e4ftigen. Gegen die darauf folgenden Antworten und Mutma\u00dfungen, die sich mit einer gewissen Notwendigkeit auf dem Feld subjektiver Einsch\u00e4tzungen tummeln, setzt Renate Dillmann, Autorin des gerade bei VSA erschienenen Buchs \u00bbChina \u2013 Ein Lehrst\u00fcck\u00ab, eine Analyse, die es in einiger Hinsicht in sich hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Soziale Widerspr\u00fcche<\/p>\n\n\n\n<p>Der Band, der zum China-Rummel der Frankfurter Buchmesse herauskam und jetzt bereits in der zweiten Auflage vorliegt, liefert eine umfassende marxistische Erkl\u00e4rung dessen, was heute \u00f6konomisch und politisch in der Volksrepublik auf der Tagesordnung steht. Er untersucht die Subsumtion einer kompletten, vormals \u00bbrealsozialistischen\u00ab Gesellschaft unter den Imperativ des Geldverdienens und die dazugeh\u00f6rende Scheidung der egalit\u00e4ren maoistischen Gesellschaft in neue soziale Klassen (Bauern, Lohnarbeiter und neue Kapitalisten). Er analysiert den \u00f6konomischen Sonderfall, in dem \u2013 weltpolitisch einmalig \u2013 aus der Zulassung westlichen Kapitaltransfers ein Aufstiegsmittel der chinesischen Nation geworden ist. Er widmet sich den gesellschaftlichen Widerspr\u00fcchen, die aus Deng Xiaopings Devise \u00bbBereichert euch!\u00ab erwachsen sind und die 1989, mit dem staatlichen Zuschlagen am Tiananmen-Platz, zugunsten der neuen kapitalistischen Staatsr\u00e4son \u00bbbereinigt\u00ab wurden. Und er geht den Konsequenzen nach, die das neue \u00f6konomische Programm f\u00fcr die Kommunistische Partei, die politische Willensbildung und das Bewu\u00dftsein des chinesischen Volks hat. Dillmanns Fazit: \u00bbDie Partei \u00e4ndert sich und ihren sozialistischen Staat \u2013 der neuen \u00d6konomie zuliebe\u00ab. Die Analyse des modernen China wird komplettiert durch ein Kapitel zur Au\u00dfenpolitik und eine kurze, nicht auf Vollst\u00e4ndigkeit abhebende Darstellung linker Literatur.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die mit viel Material angereicherte (dem Buch ist eine CD mit Quellen, Grafiken und Zahlenmaterial beigegeben) und trotzdem ausgezeichnet lesbare Abhandlung zur modernen Volksrepublik ist aber nur die eine H\u00e4lfte der Publikation. In einem ersten, fast genauso langen Teil befa\u00dft sich Dillmann mit Maos sozialistischer Volksrepublik. Ein kurzer R\u00fcckblick auf die imperialistische Vorgeschichte des Landes leitet die Auseinandersetzung mit der Kommunistischen Partei und ihrem Programm ein; es folgen Kapitel \u00fcber die Durchsetzung Maos gegen die Guomindang-Partei (mit einer Untersuchung der unr\u00fchmlichen Rolle, die die Sowjetunion und die Komintern dabei gespielt haben), \u00fcber die neudemokratische Etappe und ihre Widerspr\u00fcche bis zum Aufbau der sozialistischen Planwirtschaft. Deren Anliegen \u2013 staatlich geplante Gebrauchswert- und Wertproduktion, die Anwendung des \u00bbWertgesetzes\u00ab in einer Wirtschaft, die die Produktivkr\u00e4fte entfaltet und Arbeitern und Bauern einen gerechten Anteil am produzierten Reichtum einbringt \u2013 wird vorgestellt und als halbherzige \u00dcberwindung der kapitalistischen Produktionsweise ausf\u00fchrlich kritisiert. Am historischen Material (Verh\u00e4ltnis von Schwerindustrie und Landwirtschaft, Maos Massenkampagnen wie der \u00bbGro\u00dfe Sprung nach vorn\u00ab oder die Kulturrevolution) werden die daraus resultierenden Widerspr\u00fcche und Schlu\u00dffolgerungen der chinesischen KP er\u00f6rtert; ein Kapitel zur Au\u00dfenpolitik macht den Leser mit dem Korea-Krieg und der Welt des Kalten Kriegs bekannt und analysiert \u00bbFreundschaft und Bruch mit der Sowjetunion\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Nationale Frage<\/p>\n\n\n\n<p>In einem f\u00fcr ihre Argumentation zentralen Exkurs \u00fcber \u00bbKommunismus und Nation\u00ab setzt sich die Autorin zudem mit einem prinzipiellen Problem auseinander, das die Geschichte der Arbeiterbewegung und gerade auch die antiimperialistischen Emanzipationsprojekte von ihren ersten Tagen an begleitet hat: mit der nationalen Frage. In der ungen\u00fcgenden Kritik von Staat und Nation macht sie die entscheidenden \u00bbSollbruchstellen\u00ab der chinesischen KP dingfest, die letztlich zur \u00bbhistorischen Wende\u00ab von 1978 gef\u00fchrt haben. \u00bbDa\u00df sie mit ihrem Nationalkommunismus in dieser realen Konkurrenz nichts auszurichten vermochten und all ihre sozialen Errungenschaften daf\u00fcr wenig hergegeben haben, hat ihnen dann so zu denken gegeben, da\u00df sie nach nicht einmal drei\u00dfig Jahren lieber ihren Kommunismus f\u00fcr ihren nationalen Erfolg weggeworfen haben, als umgekehrt ihrer sozialistischen Volksf\u00fcrsorge zuliebe das Programm einer weltweit erfolgreichen chinesischen Nation sein zu lassen.\u00ab Die anhand des maoistischen Chinas vorgelegte Kritik von halbherzigem Antikapitalismus, Staatsidealismus und nationalem Ehrgeiz kann tats\u00e4chlich als exemplarisch f\u00fcr eine ganze Reihe anderer sozialistischer Projekte gelten \u2013 entsprechend breit sollte die Auseinandersetzung mit diesem Buch ausfallen!<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"\"><\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"\"><\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"\"><\/h2>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kritik von halbherzigem Antikapitalismus, Staatsidealismus und nationalem Ehrgeiz Von Vinzenz Bosse Ist das moderne China schon kapitalistisch? 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