{"id":3981,"date":"2021-12-23T11:01:28","date_gmt":"2021-12-23T10:01:28","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3981"},"modified":"2025-09-24T07:04:30","modified_gmt":"2025-09-24T05:04:30","slug":"express-12-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2021\/12\/23\/express-12-2021\/","title":{"rendered":"&#8220;express&#8221; 12\/2021"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>\u00dcber die Leerstelle von &#8220;Anger&#8221; und &#8220;Action&#8221;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>von Jonas Berhe<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Schon der Titel l\u00e4sst es erahnen: Der Frankfurter Gewerkschafts-Organizer, Theoretiker und Autor Slave Cubela l\u00e4sst in seinem Buch \u00bbAnger, Hope \u2013 Action? Organizing und soziale K\u00e4mpfe im Zeitalter des Zorns\u00ab viel Platz f\u00fcr Emotionen und auch (Selbst-)Zweifel. Be\u00admerkenswert, wenn man bedenkt, dass die hiesige Organizer-Szene sich in der vergan\u00adgenen Dekade eher f\u00fcr Antworten denn f\u00fcr noch mehr Fragen zu gewerkschaftlichen Heraus\u00adforderungen interessierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Einleitend fragt sich Cubela anhand verschiedener zeithistorischer Momente, beispiels\u00adweise von kollektiven Ausgrenzungserfahrungen in den franz\u00f6sischen Vorst\u00e4dten schon vor 30 Jahren, warum solche Erfahrungen zwar immer wieder zu Riots, aber nicht zu konsequenten gr\u00f6\u00dferen gesellschaftlichen Konfrontationen gef\u00fchrt haben. Mit anderen Worten also, warum Anger nicht konsequenterweise zu Action f\u00fchrt (daher das kritisch aufdringliche Fragezeichen im Titel), w\u00e4hrend die reine Organizing-Schule aber genau mit diesem politischen Dreisatz zur Mobilisierung der betrieblichen Massen r\u00e4t: Also Anger ausmachen, Hope vermitteln und Action umsetzen. Cubela, selbst erfahrener und immens talentierter Organizer, verweist an diesem Punkt auf eine \u00bbwiederkehrende Leerstelle\u00ab, die er beobachtet. Zu dieser \u00bbLeerstelle\u00ab zwischen Anger und Action findet er in der gesamten, mittlerweile selbst im deutschsprachigen Raum recht vielf\u00e4ltigen Publikationswelt keine passende Antwort.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Lesenswert ist auch seine kritische Analyse von Jane McAleveys Organizing-Werk \u00bbKeine halben Sachen\u00ab. Seine sehr kritische Auseinandersetzung mit ihrem Verst\u00e4ndnis vom Finden und Aufbauen von \u00bbSchl\u00fcsselpersonen\u00ab, ihrer fast schon apodiktischen Strategiegl\u00e4ubigkeit und ihrem Machtbegriff verweisen auf seine eigenen Organizing-Erkenntnisse, die deutlich weniger euphorisch ausfallen. Zudem kommentiert er wiederholt die bisweilen bleierne Kultur der Gewerkschaften hierzulande, die nur wenig Hoffnung mache. Cubelas Ausweg aus einer scheinbar verk\u00fcrzten Organizing-Logik und zu viel importiertem missionarischen Eifer: eine grundlegende und vertiefte Debatte \u00fcber die Erfolge und Misserfolge der gesamten Organizing-Erfahrungen der letzten Jahre. Eine solche Analyse, idealerweise nicht zu nah ausgerichtet an Gewerkschaftsstrukturen, k\u00f6nnte helfen, eher \u00fcber politische Kontextua\u00adlisierungen hierzulande nachzudenken und die Ergebnisse auch st\u00e4rker mit linker Politik zu verkn\u00fcpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend sich der erste Teil in die verschiedenen Diskurse rund um\u2018s Organizing vertieft, widmet sich der zweite Teil des Buches dem im Untertitel pr\u00e4gnant beschrie\u00adbenen \u00bbZeitalter des Zorns\u00ab und dessen Rahmenbedingungen, die aktuell unsere Gesellschaften pr\u00e4gen. Diskursiv verweist der Titel auf das gleichnamige Buch des indischen Autors und Essayisten Pankaj Mishra. Die folgenden Analysen Cubelas schlagen einen weiten Bogen von Parallelen im Aufstieg rechter Gruppierungen im ehemaligen Jugoslawien und jenen in Th\u00fcringen bis hin zur Analyse einer sich immer st\u00e4rker in Rassismus, Klassenhass und Verbreitung von Ressentiments gerierenden, neuen \u00bbrohen B\u00fcrgerlichkeit\u00ab. Angelehnt an den Bielefelder Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer formuliert Cubela im Artikel \u00bbReich und asozial\u00ab die ausgrenzende Brutalit\u00e4t und den Angriff auf die b\u00fcrgerliche Demokratie, der in vielen L\u00e4ndern bewiesenerma\u00dfen von den einkommensst\u00e4rksten Schichten ausgeht. Trump ist hier nur ein Beispiel unter vielen. Der zurecht dringlichen Analyse von Cubela l\u00e4sst sich folgen, auch wenn sie hier und da etwas brachial ausf\u00e4llt und die auf wenige L\u00e4nder reduzierten Gegenbewegungen \u00fcberraschend \u00fcberschaubar zu sein scheinen. Hier irrt der Autor, auch wenn seine Zuspitzung dazu dient, sein Publikum aufzur\u00fctteln. Die von ihm als probates Gegenmittel gegen die \u00bbb\u00fcrgerliche Herrschaft der Asozialit\u00e4t\u00ab f\u00fcr Deutschland ausgerufene Notwendigkeit einer neuen, klassenk\u00e4mpferischen Linken wiederum ist, zumindest im gr\u00f6\u00dfe\u00adren Ma\u00dfstab, trotz entsprechender Debatten, leider noch nicht aufgetaucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Artikel wurden in Summe gr\u00f6\u00dftenteils in den vergangenen Jahren publiziert und sind daher zumeist vor dem Hintergrund einer teils dramatisch ver\u00e4nderten und in vielen F\u00e4llen zugespitzten politischen Kulisse \u00bbneu\u00ab zu lesen. Besser ist es tats\u00e4chlich selten geworden. Die Krankenversorgung kollabiert in vielen L\u00e4ndern vor den pandemischen Herausforderungen und der Un\u00adf\u00e4higkeit politischer Eliten. Verschwenderischer Konsum, katastrophale Klimaver\u00adh\u00e4ltnisse, weiterhin an politischem Raum zugewinnende Rechte und eine schw\u00e4chelnde Gewerkschaftsbewegung. Ja, wenig ist besser geworden. Der sich durch viele Passagen dieser lesenswerten Artikel schleichende Pessimismus, der wohltuend ohne linken Zynismus aus\u00adkommt, ist in der Tat angebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichwohl ist Slave Cubela nicht ohne jede Hoffnung. Deutlich wird dies, wenn er f\u00fcr eine \u00bbklassenbasierte linke Gegen-\u00d6ffentlichkeit\u00ab wirbt, um einen ad\u00e4quaten Umgang mit dem international grassierenden Populismus zu finden. Diesen sieht er in einer Medien- und somit auch Gesellschaftsanalyse und -kritik, die sich nicht permanent um die eigene, oftmals b\u00fcrgerliche Selbstpositionierung dreht und damit Minderheiten ausgrenzt, sondern deren Perspektiven aufnimmt. Eine andere Welt ist also m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>* Jonas Berhe ist Aktivist und Organizer bei der IG Metall und hat u.a. als Leiter des Funktions\u00adbereichs Gewerkschaftliche Bildung die Podcastreihe \u00bbBildung in Bewegung\u00ab gestaltet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Leerstelle von &#8220;Anger&#8221; und &#8220;Action&#8221; von Jonas Berhe Schon der Titel l\u00e4sst es erahnen: Der Frankfurter Gewerkschafts-Organizer, Theoretiker und Autor Slave Cubela l\u00e4sst&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[1,91,109],"tags":[],"class_list":["post-3981","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-anger-hope-action-organizing-und-soziale-kaempfe-im-zeitalter-des-zorns","category-das-haben-wir-nicht-gewollt-die-nationalsozialistische-machtergreifung-in-einer-kleinstadt-1930-1935"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3981","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3981"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3981\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8722,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3981\/revisions\/8722"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3981"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3981"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3981"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}