{"id":412,"date":"2015-03-19T20:46:33","date_gmt":"2015-03-19T19:46:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=412"},"modified":"2025-08-28T18:44:33","modified_gmt":"2025-08-28T16:44:33","slug":"antwort-von-werner-ruhoff-auf-ulrich-weiss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/antwort-von-werner-ruhoff-auf-ulrich-weiss\/","title":{"rendered":"Antwort von Werner Ruhoff auf Ulrich Wei\u00df"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Die Konsumkultur auf der n\u00f6rdlichen Erdhalbkugel, die sich partiell auch nach S\u00fcden ausdehnt, ist demnach kein zukunftsf\u00e4higes Lebensmodell f\u00fcr die Menschheit.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Lieber Uli,<\/p>\n<p>Mit dem Bild vom Gef\u00e4lle zwischen &#8220;Wahrheit und fixer Idee&#8221; wollte ich keine pers\u00f6nliche Wertung treffen, es bezog sich nur auf mein Anliegen, in der Diskussion fair miteinander umzugehen. Es geht mir um einen Gedankenaustausch, aus dem ich etwas lernen kann, statt um Belehrungen und Herablassungen in die und aus der ein oder anderen Richtung.<!--more--><\/p>\n<p>Mit &#8220;Dreh- und Angelpunkt&#8221;, z.B. die Verstaatlichung der Fabriken, meinte ich eine normative Voraussetzung, von der die L\u00f6sung aller gesellschaftlichen Probleme auf eine zivilisierte Art und Weise abh\u00e4ngig sein soll. Sie l\u00f6ste schon nicht das Problem der Macht im Sinne des Proletariats, ebenso wenig f\u00fchrte sie die \u00dcberlegenheit der Produktivit\u00e4t und die Abschaffung von gesellschaftlichen Klassen herbei. Sie ist aber als Aufhebung des Privateigentums in Anlehnung an Marx und Engels &#8220;Dreh- und Angelpunkt&#8221; des sozialistisch\/kommunistischen Selbstverst\u00e4ndnisses im Sinne der L\u00f6sungsm\u00f6glichkeit gesellschaftlicher Probleme durch die Aufhebung hinderlicher Unvertr\u00e4glichkeiten. Hier zeigt sich, wie sehr &#8220;Grundpositionen&#8221; bei Marx und Engels durch die Erfahrung in einem neuen Licht gesehen werden m\u00fcssen. Zu diesem neuen Licht geh\u00f6rt auch das Aufgreifen und die Aktualisierung ihrer Warenkritik &#8211; da haben wir keinen Dissens. An der Stelle gilt es aber m.E., die unterschiedlichen Ebenen von Sinn und Norm ins Blickfeld zu nehmen. Als Beispiel zitiere ich noch mal die Verstaatlichung: mir ging es mit der Bemerkung, dass es keinen Dreh- und Angelpunkt gibt, um den Sinn der Verstaatlichung, der sich, auch gemessen an den oben zitierten Beispielen, nicht erf\u00fcllt hat. Von den normativen Vorgaben, wie wir sie im Kommunistischen Manifest, in der Programmkritik an der Sozialdemokratie oder von der Utopie zur Wissenschaft finden, wich der Realsozialismus insofern ab, als die Kommunistische Partei die Stellvertreterrolle (die sich zu einer Unterdr\u00fcckung gewandelt hat) f\u00fcr das Proletariat inne hatte. Was die Frage der Warenproduktion im Sozialismus angeht, gibt es meines Wissens weder bei Marx, noch bei Engels oder Lenin die Eindeutigkeit eines normativen Kriteriums als Voraussetzung, allenfalls die aus der Warenkritik abgeleitete Erwartung, dass die Warenproduktion als Folge der kollektiven Besitzergreifung aufgehoben wird. Aber da gibt es bei den &#8220;Klassikern&#8221; fragmentarisch Widerspr\u00fcchliches. Selbst in der kommunistischen Vision ist die Frage der Wertf\u00f6rmigkeit nicht eindeutig beantwortet. Da werden die G\u00fcter zwar nach Bed\u00fcrfnissen und nicht mehr nach der Leistung verteilt. Aber im dritten Band des Kapital ist die Rede, dass die &#8220;Wertbestimmung&#8221; im Hinblick auf die Arbeitsverteilung &#8220;nach Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise&#8230;&#8230;.wesentlicher denn je wird&#8221; (MEW Bd. 25\/S. 859). Warum? Und an dieser Stelle wird nicht ausgef\u00fchrt, ob es sich dabei nur um die &#8220;niedere Phase&#8221; des Sozialismus handelt oder ob die &#8220;h\u00f6here&#8221; des Kommunismus inbegriffen ist. Es bleibt die Frage offen, ob die Kategorie des Wertes weiterbesteht, auch wenn es keine Warenproduktion mehr gibt. Ich kenne mich in den MEW-Schriften nicht als Wissenschaftler aus. Und mir ist aus der Sekund\u00e4rliteratur nicht bekannt, wo es diesbez\u00fcglich von Marx und Engels eine Kl\u00e4rung dieses Sachverhaltes gibt. Vielleicht kannst Du mir einen Hinweis geben (siehe meine Bermerkung in der Antwort vom 14.2. bezgl. der Grundrisse). Was den Realsozialismus in der DDR angeht, so bin ich allerdings auch der Meinung, dass mit dem Neuen \u00d6konomischen System der Planung und Leitung die in staatlicher Hand zentralisierten Produktionsmittel den Charakter von Staatskapital annahmen. Das l\u00e4sst sich z.B. am Kreditwesen und an den zins\u00e4hnlichen &#8220;Produktionsfondsabgaben&#8221; festmachen, welche die so genannten volkseigenen Betriebe auf der Basis ihrer Gewinnerwirtschaftung an den Staatshaushalt abzuf\u00fchren hatten.<br \/>\nMan kann die normativen Kriterien von ME nat\u00fcrlich auch falsch finden &#8211; ich habe mich bei der Definition dessen, was ich unter Sozialismus verstehe, in Bezug auf den Realsozialismus an ihren Kriterien orientiert. Doch der Sinn dieser Kriterien ist nicht erf\u00fcllt worden. Der Realsozialismus hat das anvisierte Ziel der Befreiung des Menschen von Ausbeutung, Entfremdung und Unterdr\u00fcckung nicht erreicht. Das habe ich gemeint. Du meinst, das war gar kein Sozialismus, weil die Wirtschaft auf der Produktion von Waren basierte.(?) Wenn es wichtig ist, was Sozialismus sein soll, enth\u00e4lt die polarisierende Fragestellung Sozialismus oder Warenproduktion vor dem Hintergrund der heutigen Entwicklung f\u00fcr mich ein wichtiges Erkenntnispotenzial. Aber die theoretische M\u00f6glichkeit der gesellschaftlichen \u00dcberwindung der Warenproduktion und obendrein jeder Wertform ist bei meinem Kenntnisstand mit vielen offenen Fragen verbunden, die mir eher Zweifel als Zustimmung signalisieren, was die Funktionst\u00fcchtigkeit f\u00fcr die allgemeine Bed\u00fcrfnisbefriedigung und die Beendigung von Unterdr\u00fcckung angeht.<\/p>\n<p>Dass in die sp\u00e4teren Schriften der Klassiker ganz pragmatische Gesichtspunkte einflossen, war sicherlich dem damaligen technologisch-\u00f6konomischen Entwicklungsstadium, dem stimme ich zu, und der rein praktisch-programmatischen Ebene der neuen Parteigr\u00fcndungen geschuldet. Heute ist das gesellschaftliche Potenzial selbstredend viel weiter und insofern erlangt die Weiterforschung und -entwicklung der marxistischen Warenkritik auch eine wieder entdeckte Aktualit\u00e4t, die an Brisanz gewinnt. Im kommunikativen und im Wissensbereicht gibt es nicht die relative physische Knappheit, der konkret feste Gebrauchsgegenst\u00e4nde trotz eines sichtbaren und teilweise unsinnigen \u00dcberflusses unterliegen. Von daher wirkt auch die Anwendung der Warenform im kommunikativen Bereich tendenziell anachronistisch. Die Warenbarrieren k\u00f6nnen relativ einfach au\u00dfer Kraft gesetzt werden. Und das geschieht in der Praxis ja auch. Herstellung und Austausch von Informationen folgen aufgrund ihrer &#8220;fl\u00fcssigen&#8221; und direkten Beziehungsvernetzung leichter den Anforderungen der Bed\u00fcrfnisbefriedigung als dies bei &#8220;festen&#8221; Gegenst\u00e4nden der Fall ist. Wenn die Herstellungskette bei Lebensmitteln und technischen Gebrauchsg\u00fctern sehr vielgliedrig ist, wird es richtig kompliziert. Wie sieht das aus, wenn der Bauer oder die Busfahrerin eine Stereoanlage m\u00f6chten? Wie werden die vielfach verketteten Produktions- und Verteilungsebenen aufeinander eingestellt, ohne dass gro\u00dfe Verz\u00f6gerungen und Reibungsverluste entstehen, oder der Verbraucher\/die Verbraucherin darauf verzichten muss, sein\/ihr Bed\u00fcrfnis zu befriedigen? Ab welchem Punkt der Produktivit\u00e4t l\u00e4sst sich das ohne Warenform (und Wertform &#8211; siehe oben) realisieren? Wie und wann kann ein Vergesellschaftungsniveau erreicht werden, auf dem die Vermittlung der G\u00fcter weder der Warenform noch der Gewalt des Staates bedarf? Wie m\u00fcssen Produktion und Austausch organisiert werden, damit das \u00fcberhaupt funktionieren kann? M\u00fcsste nicht die ganze Gesellschaft ein extrem komprimierter Produktionsort sein, der in sich vollkommen transparent ist? Mir schaudert bei dem Gedanken, wenn es so sein m\u00fcsste, k\u00f6nnte, sollte. Ich f\u00fcrchte, das ungel\u00f6ste Problem bleibt in allen Sozialismusvarianten bestehen, die es gab und die bisher ausgedacht wurden: der Widerspruch zwischen VerbraucherInnen und ProduzentInnen hinsichtlich der Abh\u00e4ngigkeit von der Laune der ProduzentInnen (es fehlt der Konkurrenzdruck) und hinsichtlich der leidlichen Funktionsf\u00e4higkeit des Wirtschaftskreislaufs (meine Fantasien haben keine wissenschaftliche Qualit\u00e4t und sie beruhen lediglich auf der Wunschvorstellung, dass solcher Widerspruch in abgemilderter Form ertr\u00e4glich ist). Nicht zuletzt aus dem Grund hat es revisionistische Anschauungen gegeben, die im gemischten Wirtschaftsmodell der Sozialdemokratie einmal zu Hause waren, das heute, Ironie der Geschichte, unter &#8220;kommunistischer&#8221; Herrschaft in China existiert. Die komplette Aufhebung der Warenform birgt m.E. die Wahrscheinlichkeit (vorsichtig ausgedr\u00fcckt), dass Produktion und Bedr\u00fcfnisse sich chronisch verfehlen. Wie k\u00f6nnten ProduzentInnen in einer Fabrik die Produktion Bed\u00fcrfnissen gerecht werdend planen und umsetzen, wenn sie von tausenderlei unberechenbaren, weil &#8220;entwerteten&#8221; Gr\u00f6\u00dfen abh\u00e4ngig sind? Wie w\u00fcrde sichergestellt, dass die Produktion nicht in heilloser Verschwendung ausartet? Es m\u00fcsste wirklich ein \u00dcberfluss von allem vorhanden sein, damit die VerbraucherInnen zu ihrem Recht kommen. Dann w\u00e4re Geld als Rationierungs- und Allokationsinstrument \u00fcberfl\u00fcssig. Oder mache ich einen Denkfehler?<br \/>\nAber noch ein anderer Einwand, der im Gegensatz zum \u00dcberfluss steht, ist mir wichtig. Wenn auch die moderne Technik heute Voraussetzungen schafft, Planung und Produktion weitgehend zu rationalisieren, komplizierte Planungen im Bruchteil der fr\u00fcheren Zeit zu erledigen, so gibt es das Problem der zunehmenden Ressourcenknappheit und Entropie. Die Vision eines b\u00fcrgerlichen Wohlstandes f\u00fcr alle l\u00e4sst sich in Zukunft aus \u00f6kologischen Gr\u00fcnden jedenfalls nicht einl\u00f6sen, zumindest behaupten das aus meiner Sicht ernst zu nehmende KritikerInnen des &#8220;westlichen&#8221; Wohlstandsmodells. Die Konsumkultur auf der n\u00f6rdlichen Erdhalbkugel, die sich partiell auch nach S\u00fcden ausdehnt, ist demnach kein zukunftsf\u00e4higes Lebensmodell f\u00fcr die Menschheit. Bei einer (hoffentlich nicht mehr lange) wachsenden Weltbev\u00f6lkerung d\u00fcrfte eine sozialistische Weltgesellschaft denn auch gr\u00f6\u00dfte Achtsamkeit darauf verwenden m\u00fcssen, Mittel und Ressourcen einzusparen. Die moderne Solartechnologie bietet keinen K\u00f6nigsweg, weil auch ihre Ressourcen nur in einem begrenzten Umfang zur Verf\u00fcgung stehen. Die Einsparung wird nicht (allein) durch moderne Technologien zu bewerkstelligen sein. Die H\u00f6he des Verbrauchs an Ressourcen und Konsumg\u00fctern muss (auch) durch einen &#8220;Wertewandel&#8221;, durch nachhaltige Verhaltens\u00e4nderungen und Produktionsstrukturen sp\u00fcrbar abgesenkt werden, eine kulturrevolution\u00e4re Aufgabe. Eine damit einhergehende Verk\u00fcrzung und Vereinfachung der Produktionsstrukturen k\u00f6nnte vielleicht obendrein geeignet sein, die Komplexit\u00e4t der Anforderungen an einen funktionierenden Wirtschaftskreislauf auf einfachere Stufen herunterzufahren.<\/p>\n<p>Klar ist mir, dass Kapital nicht ohne Wareneigenschaft funktioniert. Aber Ware ist noch nicht Kapital, so habe ich Marx verstanden. Sie ist zwar eine notwendige Vorstufe des Kapitals, aber solange sie auf den Kreislauf Ware-Geld-Ware beschr\u00e4nkt bleibt, fehlt ihr die Eigenschaft der scheinbaren Selbstvermehrung. Es geht lediglich um den Austausch von \u00c4quivalenten. Und das hat es nat\u00fcrlich in den Vorepochen der gesellschaftlichen Kapitalverh\u00e4ltnisse bereits gegeben. Wie war es im sowjetischen Block bis zu den Wirtschaftsreformen der sechziger Jahre? Durch die Wirtschaftsreformen wurden die staatlichen Produktionsmittel kapitalisiert. Das hatte, so entnehme ich es dem damaligen Diskurs, mit der zunehmenden Differenzierung\/ Intensivierung des Produktionsprozesses zu tun, was schier unl\u00f6sbare Probleme f\u00fcr die PlanerInnen mit sich brachte. In der staatlich regulierten und verpuppten Kapitalisierung (wobei als feindlich ausgemacht wurde, das Kapital zu nennen) sah man in technokratischer Manier einen Ausweg, Planung und Produktion flexibler zu gestalten, bis sich die Larve unter den Konkurrenzbedingungen des Weltmarktes (als) g\u00e4nzlich kapitalistisch entpuppte.<\/p>\n<p>In meinen Fantasien arbeitet die Traktorenfabrik Sonnenaufgang nach dem Prinzip, das Marx in seiner Kritik an Lassalles &#8220;ehernem Lohngesetz&#8221; in der Gothaer Programmkritik skizziert hat &#8211; Lohn als Wert\u00e4quivalent abz\u00fcglich der Kosten f\u00fcr den Ersatz der Maschinerie und die allgemeine Wohlfahrt &#8211; Punkt. Das hat Marx in seiner Programmkritik als den wirtschaftlichen Boden des Sozialismus gegen Lassalle (und fr\u00fcher schon Proudhon) hervorgehoben und ich habe mich daran angelehnt. Es handelt sich bei der Traktorenfabrik meiner Meinung nicht um (genossenschaftliches oder kommunales) Kapital, weil das produzierte Mehrprodukt in Form von Maschinen nur als gesellschaftliches Wert\u00e4quivalent auf der Ebene Ware-Geld-Ware (W-G-W) fungiert und nicht als Bestandteil eines betrieblichen Kapitalvorschusses (&#8220;konstantes Kapital&#8221;), der als Druckpotenzial auf die Lohnarbeit wirkt und sich im Prozess Geld-Ware-Mehrgeld (G-W-G&#8217;) als Profit mitrealisiert. Um dar\u00fcber hinaus das pekuni\u00e4r sanktionierte, ungerecht gleichmachende Leistungsprinzip (das Marx in der &#8220;niederen Phase&#8221; des Sozialismus noch als notwendiges \u00dcbel ansieht) im betrieblichen Rahmen abzuschaffen, diskutiert das Kollektiv &#8220;unserer&#8221; Traktorenfabrik, die starre Lohnzahlung nach Leistung abzuschaffen und durch individuelle Entnahmen entsprechend pers\u00f6nlicher Bed\u00fcrfnisse im Rahmen des betrieblichen Budgets zu ersetzen (Prinzip Lebensgemeinschaftskommune Niederkaufungen). Das Geld ist nicht abgeschafft, aber es vermindert seine Bedeutung auf der praktisch-psychologischen wie auf der gesellschaftlich-funktionalen Ebene. Im \u00dcbrigen entbrennt in meinen Fantasien ein Streit um das Geld und es gibt gegenteilige Positionen zu der Frage, ob Geld g\u00e4nzlich \u00fcberfl\u00fcssig ist oder ob es wieder eine st\u00e4rkere Bedeutung erlangen soll. In diesem fiktiven Streitkontext gibt es aus Gr\u00fcnden gravierender M\u00e4ngel den umstrittenen Vorschlag, Genossenschaften mit selbst zu verwaltendem Kapital auszustatten, was aber kein Anrecht auf eine Gewinnaussch\u00fcttung bedeuten soll. Es soll, \u00e4hnlich wie bei den Reformen in der DDR, eine rationellere, effizientere Produktion beg\u00fcnstigen, indem es einerseits als Erfolgsindikator f\u00fcr einen sparsamen Umgang mit Ressourcen und Maschinen anreizt und andererseits durch eine innerbetriebliche Gewinnthesaurierung eine schnellere und kontinuierlichere Modernisierung der technischen Produktionsausstattung anregt. Dieser Vorschlag f\u00e4llt nicht auf ungeteilte Zustimmung, z.B. ob die Produktionsausstattung aus verschiedenerlei Gr\u00fcnden st\u00e4ndig modernisiert werden m\u00fcsse. Andere sind nicht nur aus \u00f6kologischen Gr\u00fcnden f\u00fcr die Ausdehnung der Selbstversorgung, sondern weil Geld hier durch das Kurzschlie\u00dfen von Produktion und Verbrauch f\u00fcr jedeN sichtbar \u00fcberfl\u00fcssig ist und das Leben sich ohne Geld leichter anf\u00fchlt. Die geldlose Selbstversorgung in der fiktiven Stadt ist im \u00dcbrigen eben nicht nur auf Transfers aus dem Geldsektor angewiesen. Im Baubereich, in der Lebensmittelversorgung und der nachbarschaftlichen Hilfe hat sie eine teilweise eigenst\u00e4ndige Grundlage, weil die Menschen unmittelbar bzw. \u00fcber unmittelbare Kooperation verbrauchen\/ gebrauchen k\u00f6nnen, was sie produzieren, ohne dass sie auf eine Geldzufuhr von au\u00dfen angewiesen sind (deswegen kann in meiner Fantasie niemand mangels Geld verhungern und obdachlos werden!). Es werden Anstrengungen unternommen und Anregungen gegeben, den Bereich der Selbstversorgung auszudehnen und mehr gegenseitige Kooperationen zu organisieren, die losgel\u00f6st vom Geld stattfinden.<\/p>\n<p>Die Aufl\u00f6sung der b\u00fcrgerlichen Arbeitsteilung ist bei M\/E \u00e4hnlich wie die der Warenform (sie standen nicht auf der revolution\u00e4r-pragmatischen Tagesordnung), so sehe ich es, eine notwendige, aber scheinbar selbstverst\u00e4ndliche Konsequenz aus der proletarischen Staatsmacht, Verstaatlichung, Planm\u00e4\u00dfigkeit, wiewohl sie historisch, kulturell und inhaltlich viel tiefer reicht als die Verstaatlichung usw. Schlie\u00dflich ist das Produkt der Teilung in geistige und k\u00f6rperliche Arbeit nach ME, wie Du zitierst; das fremde Eigentum und die Teilung in &#8220;weibliche&#8221; und &#8220;m\u00e4nnliche&#8221; Arbeit der Zustand des Patriarchats. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass, wo die Teilung beibehalten wird, das Eigentum (eigentlich) kein sozialistisches sein kann, obwohl es formal der Allgemeinheit in Form des Staates geh\u00f6rt. Aber auch hier ist die Schlussfolgerung bei ME nicht &#8220;undialektisch&#8221;, meint, sie sprechen dem unfertigen Zustand nach der Revolution den Sozialismus nicht ab. In der Frage der Arbeitsteilung hat die Mao Tse-Tung F\u00fchrung im Unterschied zur scheinbaren Selbstverst\u00e4ndlichkeit die Notwendigkeit weiterer Revolutionen gesehen, um die Herrschaft der Geistesarbeiter \u00fcber das Arbeitsvolk in den Fabriken zu brechen, allerdings in einem sehr mechanistisch-stalinistischen, brutalen Gewaltakt, der meines Erachtens ganz wesentlich zum Misserfolg mit traumatischen Folgen in der chinesischen Gesellschaft beitrug.<br \/>\nDasselbe l\u00e4sst sich auch auf die Staatsfrage anwenden. Auch in Bezug auf die Staatsfrage scheint der kommunistische Fortschritt bei Marx\/Engels in einer gewissen Eigendynamik den normativen Eingangsvoraussetzungen zu folgen. Es ging darum, dass in ihren Augen ein (vermutlich historisch kurzes) Zwischenstadium n\u00f6tig war, bevor Staat, Arbeitsteilung und Warenform sich aufl\u00f6sen konnten. Was den Staat angeht, gibt es ja hier den tiefen Bruch mit den anarchistischen SozialistInnen, die meinen, man m\u00fcsse den Staat direkt umbringen, statt ihn sterben zu lassen. Wenn mensch den Staat direkt &#8220;umbringt&#8221;, gibt es auch keine Verstaatlichung! Hier er\u00f6ffnet sich in meinen Augen eine interessante Schnittmenge der aktuellen Besch\u00e4ftigung mit der \u00dcberwindung der Warenform und dem anarchistischen Ziel, den Staat direkt, d.h. durch die soziale Revolution abzuschaffen und durch eine zivilgesellschaftliche Organisierung &#8220;von unten&#8221; zu ersetzen. Die anarcho-syndikalistische Studienkommission der Berliner Arbeiterb\u00f6rsen (anarchistische Gewerkschaften) hatte bereits 1923 eine Schrift herausgegeben, wie die gesellschaftliche Produktion und Verteilung ohne Warenproduktion (aber in der Wertform) organisiert werden soll (&#8220;Das ist Syndikalismus&#8221; Verlag Edition AV). Interessant w\u00e4re zu wissen, wie der Anarchismus in den drei\u00dfiger Jahren in Spanien \u00f6konomisch funktionierte.<\/p>\n<p>In meinen Fantasien schildere ich Begebenheiten, Prozesse und Konflikte, in denen sich meine (Wunsch-)bilder einer sozialistischen Gesellschaft in einem Spannungsfeld ungel\u00f6ster praktischer und theoretischer Probleme bewegen: meine Wunschbilder zeigen sich darin,<\/p>\n<ul>\n<li>dass ich mir den Sozialismus als libert\u00e4re\/r\u00e4tesozialistische Organisation der Gesellschaft vorstelle (w\u00fcnsche)<\/li>\n<li>dass sich die sozialistische Gesellschaft an \u00f6kologischen Erfordernissen orientiert, z. B. Nachhaltigkeit in der Produktion, Ver\u00e4nderung des Konsumverhaltens und Verringerung des Konsumverbrauchs<\/li>\n<li>und dementsprechend die Selbstversorgung u. \u00f6kologische. Landwirtschaft eine starke Bedeutung haben<\/li>\n<li>dass Handwerk und landwirtschaftsnahe Produktion aus \u00f6kologischen und arbeitspsychologischen Gr\u00fcnden durch die M\u00f6glichkeiten einer modernen kleinteiligen Produktion &#8211; zu vorherrschenden Produktionssektoren werden<\/li>\n<li>dass sich der &#8220;Charakter&#8221; der Technologie ver\u00e4ndert &#8211; weg von umweltsch\u00e4dlicher (motorisierter Individualverkehr, D\u00fcsenjets u.a.), destruktiver (R\u00fcstung), hochgradig risikobehafteter (AKW, Gentechnologie.), hochgradig zentralisierter (\u00f6kologisch extrem \u00fcberdimensionierte Produktionskapazit\u00e4ten), und menschenfeindlicher (Flie\u00dfbandproduktion z.B.) Technologie<\/li>\n<li>dass die Energiebasis weitgehend auf regenerierbaren solaren Ressourcen beruht<\/li>\n<li>dass die BewohnerInnen\/VerbraucherInnen\/ProduzentInnen die Planung des gesellschaftlichen Zusammenhangs &#8220;von unten nach oben&#8221; organisieren, ohne dass die Kollektive in der Wahl ihrer Mittel und ihrer Selbstverwaltung eingeschr\u00e4nkt werden &#8211; die Dichte der gesellschaftlich vorgegebenen Plandaten ist d\u00fcnn<\/li>\n<li>dass die Arbeitsteilung nach Geschlechterrollen und geistig\/k\u00f6rperlichen Anstrengungen (so weit als m\u00f6glich) \u00fcberwunden wird<\/li>\n<li>dass die Kapitaleigenschaft des Geldes (G-W-G&#8217;) und damit auch der Wachstumszwang abgeschafft sind<\/li>\n<li>dass der Boden der Allmende geh\u00f6rt\/Grundst\u00fccke &#8211; Geb\u00e4ude zur unentgeltlichen Nutzung \u00fcberlassen werden &#8211; mit vereinbartem Verwendungszweck<\/li>\n<li>dasselbe gilt f\u00fcr Produktionsmittel, die \u00fcber den st\u00e4dtischen Fonds angeschafft werden<\/li>\n<li>dass die Leute mietfrei wohnen und in selbstverwalteten, nachbarschaftlichen Strukturen leben<\/li>\n<li>die Eigeninitiative unterst\u00fctzt wird &#8211; es besteht Vereinbarungsfreiheit \u00fcber die zu gew\u00e4hrenden und in Anspruch zu nehmenden Leistungen<\/li>\n<li>dass Bildung, Medien, Kultur, Pflege weitgehend unentgeltlich zur Verf\u00fcgung stehen<\/li>\n<li>dass es Meinungsverschiedenheiten und Interessensunterschiede (Berufsgruppen, Selbstversorgung, u.a.) gibt, die offen ausgetragen werden<\/li>\n<li>dass Konflikte solidarisch gel\u00f6st werden m\u00fcssen<br \/>\nDas, was ich in den Fantasien schildere, sind Wunschbilder, die es in der Wirklichkeit als kleine Inseln in mehr oder weniger &#8220;unvollkommener&#8221; Form gibt (Umsonstl\u00e4den, SSM, Niederkaufungen, Longo mai u.v.a.). Ob sich eine Gesellschaft \u00fcberhaupt einmal in der Weise formiert, steht auf einem anderen Blatt. Au\u00dferdem wissen wir \u00fcberhaupt nicht, wie eine sozialistische Gesellschaft \u00f6konomisch reibungslos funktionieren wird. Es kann durchaus zu wirtschaftlichen Krisen kommen. Eine solche Krise habe ich in meinen Fantasien in der Variante einer Geldentwertung geschildert. Au\u00dferdem sind menschliche &#8220;Boshaftigkeiten&#8221;, die \u00fcber die pers\u00f6nliche Ebene hinaus auch gesellschaftlich relevant wirken, nicht aus der Welt geschafft und nach menschlicher Beschr\u00e4nktheit nie zu beseitigen (Stichwort: aber notwendig wachsende Rolle der Ethik innerhalb eines von Kapital- und Staatszw\u00e4ngen befreiten Gemeinwesens). Innerhalb der Normen und Werte m\u00fcssen die Menschen ihren Sinn, mit dem sie menschenw\u00fcrdig leben k\u00f6nnen, finden. Das l\u00e4sst sich weder verordnen, noch vereinheitlichen. Eine Pastorin in der Stadt meiner Fantasien bezieht sich auf Martin Buber, der den Sinn in der j\u00fcdischen Verbundenheit mit Gott und den Mitmenschen findet und daraus die Zuversicht der heilenden Genossenschaftlichkeit sch\u00f6pft.<\/li>\n<\/ul>\n<p>W. Ruhoff, 27.Februar 2006<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Die Konsumkultur auf der n\u00f6rdlichen Erdhalbkugel, die sich partiell auch nach S\u00fcden ausdehnt, ist demnach kein zukunftsf\u00e4higes Lebensmodell f\u00fcr die Menschheit.&#8221; Lieber Uli, Mit dem&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[31],"tags":[],"class_list":["post-412","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-eine-sozialistische-fantasie-ist-geblieben"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/412","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=412"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/412\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8123,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/412\/revisions\/8123"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=412"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=412"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=412"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}