{"id":418,"date":"2015-03-19T20:52:17","date_gmt":"2015-03-19T19:52:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=418"},"modified":"2025-08-28T18:44:33","modified_gmt":"2025-08-28T16:44:33","slug":"ulrich-weiss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/ulrich-weiss\/","title":{"rendered":"Ulrich Wei\u00df"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hallo Fantasten, hallo Werner und Reinhard<\/strong><\/p>\n<p>Jochen Gester hatte mich gebeten, eine Rezension zu schreiben zu: Werner Ruhoff, Eine sozialistische Fantasie ist geblieben. Sozialismus zwischen Wirklichkeit und Utopie. Die Buchmacherei, Berlin 2005, 148 Seiten, ISBN 3-00-016583-5.<\/p>\n<p>Vielleicht interessiert es Euch, was da rausgekommen ist. Ich denke, es trifft auch ins Zentrum unserer WaK-NIA-Diskussionen. Entgegen meiner Annahme, dass das geht &#8211; ich habe Werner Ruhoff als angenehmen Diskussionspartner erlebt -, ist das, was da steht, nicht freundlich. Ehe ich es Zeitungen, Zeitschriften anbiete, h\u00e4tte ich gern kritischen Meinungen dazu erfahren.<\/p>\n<p>Gru\u00df Uli<!--more--><\/p>\n<p><strong>Ulrich Wei\u00df<\/strong><br \/>\n<strong>&#8220;Eine wirklich \u00fcber den Kapitalismus hinausweisende Idee wird so dem Spott preisgegeben&#8221;<\/strong><br \/>\nIm Real-Sozialismus war die Herrschaft von Menschen \u00fcber Menschen nicht aufgehoben. Das war ein Resultat der Tatsache, dass der \u00f6konomische Zwang zur Verwertung weiterhin bestand. Das erhoffte Sozialistische oder gar Kommunistische blieb Utopie. Immerhin wuchs in dieser sozial relativ homogenen Gesellschaft lange sowohl der allgemeine Lebensstandard als auch die daf\u00fcr erforderliche Produktivit\u00e4t menschlicher Arbeit. Solange dies gelang, konnten Sozialismus, Staat und Warenproduktion noch zusammen gedacht werden, eine der Marxschen Theorie entgegenstehende Selbsteinsch\u00e4tzung. Als deren Falschheit offenkundig wurde, die &#8220;sozialistische&#8221; Warenproduktion keinen sozialen Fortschritt mehr trug, brach diese ideologische St\u00fctze des &#8220;Sozialismus&#8221; zusammen.<br \/>\nSind heute Wege aus dem Kapitalismus \u00fcber eine Warenproduktion denkbar? Oder geht es von vornherein um solche Gesellschaften, in denen die Individuen auch frei sind vom stummen Zwang der \u00d6konomie, vom Zwang zur (Selbst-)Verwertung, frei von politischer Herrschaft? Oder liegt Machbares irgendwo dazwischen?<\/p>\n<p>Zu solchen Fragen fordert heraus. Der Hauptteil seines Buches, Meine Fantasien, ist eine Art Sciencefiction-Report. In lebendigen Bildern wird ein vern\u00fcnftiges Leben in einer gro\u00dfen Stadt vorgestellt. Es k\u00f6nnte K\u00f6ln sein. Die Macht der gro\u00dfen Monopole ist hier bereits gebrochen.<br \/>\nAnsonsten gibt es genau den Zoff, den alle kennen, die aus B\u00fcrgerbewegungen oder aus gescheiterten kommunistischen Parteien kamen und dann in Grundinstitutionen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft Verantwortung f\u00fcr weitere soziale Entwicklungen \u00fcbernehmen wollen.<br \/>\nSeinem Traum stellt R. Die Momentbeschreibung einiger Alternativprojekte voran. Die Landkommune Longo mai &#8211; was die Lebensqualit\u00e4t und Zufriedenheit der Kommunarden betrifft ein mit Sympathie geschriebener ern\u00fcchternder Bericht -, Gemeinschaften wie das SSM in K\u00f6ln-M\u00fclheim, die Kommune Niederkaufungen. Theoretisch nimmt er Anleihen an J. Holloway, Die Welt ver\u00e4ndern, ohne die Macht zu \u00fcbernehmen (2004); Subcoma, Nachhaltig vorsorgen f\u00fcr das Leben nach der Wirtschaft (2000), Fritjhof Bergmann; O. Negt, Kant und Marx &#8211; Ein Epochengespr\u00e4ch (2003).<\/p>\n<p>Ruhoff, einst Katholik, dann Kommunist und Freund der DDR, ist geistig einen weiten Weg gegangen. In seiner jetzigen Wunschwelt f\u00e4nde sich Proudhon gl\u00e4nzend zurecht, auch Thomas Morus mit seinem Utopia, desgleichen Silvio Gesell. Marx nicht. Jener entwickelte seine Theorien gegen Proudhon und argumentierte gegen das, was R. Nun wieder als erstrebenswerten Vorzug pr\u00e4sentiert: auf der Basis des unentwickelt (bei R. Des zur\u00fcckgenommenen) B\u00fcrgerlichen und des Mangels nehmen Kommunismusversuche unvermeidbar asketische, regional bornierte, kasernenhafte Z\u00fcge an, landen die Akteure letztlich wieder &#8220;in der alten Schei\u00dfe&#8221;.<br \/>\nR. pr\u00e4sentiert keine Theorie einer sozialistischen Gesellschaft, sondern Bilder und Einzelideen, auf die angesichts der Zukunfts\u00e4ngste phantasiebegabte Leute leicht kommen und zwar von links bis weit nach rechts.<br \/>\nF\u00fcr R. Sind Zinsen und spekulatives Kapital schlecht, also: Weg damit! \u00dcbrig bleibt die angeblich auf unmittelbare N\u00fctzlichkeit gerichtete Arbeit, die auch hier gr\u00f6\u00dftenteils Lohnarbeit ist. Plausibel? F\u00fcr viele Menschen: ja.<br \/>\nWeiter: Die heutige Gesellschaft tritt mir oft feindlich gegen\u00fcber, also weg mit allem, was fern von mir ist, was gro\u00df ist und viel verbraucht, was ich \u00fcberhaupt nicht oder h\u00f6chstens in beschr\u00e4nkter Region (gegebenenfalls \u00fcber gew\u00e4hlte Stellvertreter vermittelt) \u00fcberschauen bzw. (mit-)beherrschen kann. Gro\u00dfbetriebe sind schlecht, wenn auch manchmal noch n\u00f6tig. Handwerk ist gut. Usw, usw.<br \/>\nZum Unterscheiden zwischen gut und schlecht hilft die Schriftgestaltung, durchg\u00e4ngige Kleinschreibung. Dies allerdings wird gro\u00df geschrieben: Wolkenkratzer, Banken, Zinsen, Versicherungen, Chefetagen, Gewalt, Gro\u00dffabrik, Firmen, chinesische High-techfabrik (aber: modernste digitaltechnik), Monumente, Benzinmotoren, Glanzzeitschriften, Luxus, Geld. Etwas verwirrend: &#8220;bewohnerInnen&#8221; &#8211; bewohner klein, also gut, aber Innen = b\u00f6se? Nun, R. Ist wohl Dialektiker. Aus offensichtlich \u00dcblem kann Gutes hervorgehen. So verwaltet die Sparkasse (gro\u00df) von der st\u00e4dtischen Lotterie (gro\u00df) gespeiste Fonds (gro\u00df). Deren Gewinn befriedigt allgemeine Bed\u00fcrfnisse, wie bildung (klein). Nach Geld (gro\u00df) streben die Menschen heftig (wer w\u00fcrde sonst Lotterie spielen, wer sich nach materiellen Hebeln richten?). Aber durch kluge Regelungen wird Geld und dies Streben danach f\u00fcr gute Werke eingesetzt. Woher kommt es? Aus der Wertproduktion (nix mit unmittelbarer N\u00fctzlichkeit) und damit aus dem erfolgreichen, also dem der Konkurrenz zuvorkommenden Verkauf der in Lohnarbeit hergestellten Waren. Kapitalistisch nennt R. Diese Produktionsweise nicht, denn sie wird von klugen, oft basisdemokratisch bestimmten Leuten geleitet. Au\u00dferdem ist alles m\u00f6glichst klein, den Bewohnern nahe und es gibt die reichen Eigent\u00fcmerInnen (doppelt gro\u00df = teuflich?) nicht. Geld ist R. Blo\u00df ein \u00e4u\u00dferes Mittel der Verteilung, nicht etwa Verf\u00fcgung \u00fcber Produktionsmittel und fremde Arbeitskraft.<br \/>\nPlausibel? Etwa so wie die Vorstellung der sich um die Erde drehende Sonne.<\/p>\n<p>Das Ma\u00df f\u00fcr den Fortschritt, der wird durch Werttransfer an die Projekte belohnt, ist der Grad an Selbstversorgung. &#8220;Nachbarschaften und siedlungen bringen es &#8230; auf eine ansehnliche selbstversorgungsquote &#8230; bis zu siebzig prozent&#8221;. Alles &#8220;au\u00dfer maschinen, vorprodukten und technischen konsumg\u00fctern&#8221; (75) wird selbst hergestellt, &#8220;schicke plumpsklos&#8221; eingeschlossen. &#8220;Kaufh\u00e4user&#8221; (gro\u00df), mode (klein). Fleisch und wurst (klein) wird &#8220;nicht h\u00e4ufig verzehrt&#8221; (77), ist also doch irgendwie \u00fcbel.&#8221;Soziale Dienste werden im steten wechsel der aufgabenteilung gemeinschaftlich geleistet.&#8221;(76) &#8220;steter wechsel&#8221; (klein = gut &#8211; was w\u00fcrde unsere gehbehinderte Oma dazu sagen?).<\/p>\n<p>Ein Vorzeigeprojekt: Aus einer einstigen Automobil-Gro\u00dffabrik (gro\u00df) entstand &#8220;ein vielseitiger produktionsbetrieb f\u00fcr moderne transportsysteme.&#8221; &#8220;Hinter st\u00e4hlernen, jugendstilartig oder modernistisch gestalteten torb\u00f6gen f\u00fchren steintreppen und rollb\u00e4nder in die ehemaligen U-bahnsch\u00e4chte, wo der gr\u00f6\u00dfte teil des innerst\u00e4dtischen g\u00fctertransportes bew\u00e4ltigt wird. Wie in einer rohrpost werden die raketenf\u00f6rmig konstruierten wagons mit g\u00fctern beladen zu ihren bestimmungsorten programmiert, die sie mit hoher geschwindigkeit erreichen, so dass die weiteste entfernung in weniger als f\u00fcnfzehn minuten \u00fcberbr\u00fcckt werden kann.&#8221;(78f) Dies Kleingeschriebene wird aber von &#8220;anderen st\u00e4dten &#8230; wegen der auftretenden st\u00f6ranf\u00e4lligkeit kritisch betrachtet oder gar aus \u00f6kologischen gr\u00fcnden abgelehnt&#8221;. Gott sei Dank, denn eigentlich sind in R&#8217;s Welt &#8220;luft- und segelschiffe&#8221; angesagt, &#8220;weil die menschen ein bequemes zeitgef\u00fchl genie\u00dfen.&#8221;(79)<\/p>\n<p>Das wissen offenkundig viele nicht. Sie m\u00fcssen malochen. Ein beliebter Fernsehsender, ehrenamtlich betrieben, hat spontane Sendepausen, weil &#8220;seine macherInnen oft m\u00fchevoll damit besch\u00e4ftigt, ihren lebensunterhalt noch mit anderen t\u00e4tigkeiten zu bestreiten.&#8221;(83) Solches &#8220;machen&#8221; (klein), das dem Selbst (bei R. Klein) dient, ist also unzuverl\u00e4ssig, die schlichte Lohnarbeit dagegen zuverl\u00e4ssig. Was sagt uns das? Wo es wirklich ernst wird, muss diese (ungeliebte) Lohnarbeit her. Es ist R. Offenkundig undenkbar, dass andere T\u00e4tigkeiten als Lohnarbeiten materiell tats\u00e4chlich eine Gesellschaft tragen k\u00f6nnen. Das ihm in seiner &#8220;sozialistischen&#8221; Fantasie Eigentliche, die Selbstt\u00e4tigkeit, ist hier also eine verzichtbare Sache von Jux und Freizeit oder Ausdruck von Mangel &#8211; normaler Kapitalismus also, bei R. Sozialistische Gesellschaft genannt. Eine wirklich \u00fcber den Kapitalismus hinausweisende Idee wird so dem Spott preisgegeben.<\/p>\n<p>&#8220;\u00dcberwiegend handwerklich&#8221; fertigen 500 Menschen in R&#8217;s Utopia kleine Traktoren nur f\u00fcr n\u00e4chste Umgebung, sechs pro Tag.(88f) Das ist Lohnarbeit, in der wohl kaum das Salz an die Suppe verdient werden kann, zumal die Bude wegen mangelnder Kunden immer wieder geschlossen bleibt.<br \/>\nSelbst wenn wir mal freie Selbstbet\u00e4tigung annehmen, warum sollten sich die Menschen nicht wohlfeilere Maschinen besorgen und sich statt mit der Zusammenschrauberei von Hand mit interessanteren Dingen besch\u00e4ftigen? Die Nutzer w\u00fcrden vermutlich auch ohne Probleme die effektiver mit geringerer Arbeitszeit hergestellten gro\u00dfen s\u00fcddeutschen Traktorenwerk beziehen, von dem R. Spricht. Aber gro\u00df ist bei ihm ja schlecht und ineffektiv ..<\/p>\n<p>Eine Satire? Dazu passten dann der ern\u00fcchternde Longomai-bericht und einige Theoriebez\u00fcge nicht. Hier schreibt ein urspr\u00fcnglich an Marx Geschulter, der allerdings vergisst, dass Marx nicht Die Kapitalisten sondern Das Kapital geschrieben hat, dass &#8211; siehe den Real-Sozialismus &#8211; das Vertreiben der gro\u00dfen (Privateigent\u00fcmer) noch nicht das Aufheben der Wert- und privateigent\u00fcmlichen Produktionsverh\u00e4ltnisse bedeutet, dass es die Lohnarbeit ist, die unvermeidbar Herrschaft produziert, die Herrschaft der Verh\u00e4ltnisse \u00fcber Arbeiter und Unternehmer. Die Phrasen des Real-Sozialismus \u00fcber sich selbst nimmt R. Als Argument gegen stringente theoretische Arbeit: Dessen Scheitern habe best\u00e4tigt, dass &#8220;ein sozialistisches Gedankenmodell, das sich auf den Eigentumsbegriff als die zentrale Achse seines Selbstverst\u00e4ndnisses reduziert&#8221;, den Kommunismus in weite Ferne r\u00fcckt.(46) Wo war am Staatseigentum an Produktionsmitteln das Sozialistische, wo an Lohnarbeit und Warenproduktion? Wirkliche Demokratie soll es bei R. Richten. Doch woher nehmen die Demokraten, die Mittel f\u00fcr ihre Wohltaten her?: Aus der Warenproduktion. Und die hat eben die Logiken, die auch bei ihm durchscheinen, die R. Aber tapfer ignoriert. Was bleibt von Demokraten, die der Verwertung Raum sichern und damit gegen die Bedingungen ihrer Absichten und Wirksamkeit agieren m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Wo liegen R.s systematische Fehler? Er kann zwischen sachlichen Produkten, Ger\u00e4ten und der sozialen Form, in der sie bewegt werden, nicht unterscheiden: &#8220;Alle Betriebe sind &#8230; vom druck der Zinslasten und teilweise von der pflicht der Kapitalamortisierung befreit. An die stelle der fr\u00fcher ausschlaggebenden Rentabilit\u00e4t des maschinenpartks tritt der aspekt der menschlichen w\u00fcrde und der langfristigen n\u00fctzlichkeit im verh\u00e4ltnis von produzentInnen in den vordergrund. Das befreit die produzentInnen aus der wirtschaftlichen Gewalt ihrer maschinerie.&#8221;(93)<br \/>\nEs sind nicht, wie der Maschinenst\u00fcrmer glaubt, (gro\u00dfe) Maschinen an sich, die \u00fcber die Menschen herrschen. Es sind die Produktionsmittel und die (Lohn-)Arbeit in der Kapitalform, die die reelle Subsumtion der Produzenten unter das Kapital bewirken. Aber genau diese Form ist in seinem Konstrukt nicht aufgehoben, sondern vorausgesetzt. Auch das Alimentieren (durch Werttransfer) von T\u00e4tigkeiten, die nicht selbst Lohnarbeit sind (etwa der Selbstversorgung), wird erst durch die Warenproduktion erm\u00f6glicht. Hier handelt es sich nicht um eine sozialistische Fantasie. Gegebene soziale Formen heben sich nicht dadurch auf, dass die Maschinen verkleinert werden, die Losgr\u00f6\u00dfen beschr\u00e4nkt, die Menschen zwischen verschiedenen T\u00e4tigkeiten routieren.<br \/>\nDie Traktorenproduzenten routieren zum Zwecke der Selbstversorgung &#8211; die mit erh\u00f6hten Wertzuwendungen honoriert wird! &#8211; zwischen G\u00e4rtnern, Schauspielern und Kindererziehen (wohl einfache T\u00e4tigkeiten, zwischen denen man halt w\u00f6chentlich so wechselt). R. Wei\u00df selbst um die Konsequenzen solcher Pr\u00e4mierungen (treffender w\u00e4re: Entlohnung) der angeblich freien Selbstt\u00e4tigkeit: Der gr\u00f6\u00dfte Bl\u00f6dsinn (er ist blankes Geld wert) wird von den Akteuren als Selbstversorgung ausgegeben &#8211; von wegen N\u00fctzlichkeit und Nachhaltigkeit. Das ganze Geschehen wird &#8220;heikel und die stabilit\u00e4t eines \u00f6konomischen gleichgewichts \u00e4u\u00dferst schwindelanf\u00e4llig&#8221;. &#8220;Der betrug mit falschen [geldwerten] daten&#8221; greift um sich. (93)<br \/>\nDas l\u00e4sst sich auch durch R.s zweite irrige Hoffnung nicht aufhalten.<br \/>\nDas Feststellen der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit f\u00fcr die Herstellung von Waren (auch der Ware Arbeitskraft) will R. Nicht dem Markt \u00fcberlassen. Eine sozusagen &#8220;ehrliche Zeitrechnung&#8221; soll der Warenproduktion den Charakter der Ausbeutung und des Anarchischen nehmen. Das wurde theoretisch schon von Marx aus dem Felde geschlagen und ist im Osten auch praktisch gescheitert. Doch nehmen wir es mal als Realit\u00e4t: In 12.000 Projekten und Betrieben in R&#8217;s Stadt sind T\u00e4tigkeiten &#8220;einheitlich nach ihrer zeitdauer und individuell nach ihrer anstrengung&#8221; zu bemessen. Hier d\u00fcrfte der Real-Sozialismus an Zentralismus, B\u00fcrokratie und Stagnation noch weit \u00fcbertroffen werden ohne dass verhinderbar w\u00e4re, was auch R. F\u00fcr seine Fantasie bef\u00fcrchtet: Lug und Trug. Das System br\u00e4uchte solche Engel (die allerdings ben\u00f6tigten R.s versch\u00e4mten Kapitalismus nicht), f\u00fcr die die Planbarkeit des wirtschaftlichen Kreislaufes Gesetz, innerstes Bed\u00fcrfnis sein m\u00fcsste. Wer kann dies in einer Warenproduktion dauerhaft sein? Da hilft der einstige DDR-Freund k\u00f6nnte dies wissen &#8211; kein Apell, keine &#8220;Schule der sozialistischen Arbeit&#8221;, kein Parteilehrjahr. Noch so ausgekl\u00fcgelte \u00f6konomische Wertanreize k\u00f6nnen der Warenproduktion keinen sozialistischen Charakter verleihen und der Selbstversorgung auch nicht.<\/p>\n<p>Die Praxis, Sozialismus und Warenproduktion zusammenzudenken, war einst eine gro\u00dfe geistige Antriebskraft, die in Ost und West Sozialstaaten hervorbrachten. Geschichtlich war das gebunden an die zivilisatorischen Potenzen der kapitalistischen Produktionsweise und an starke soziale Bewegungen, die diese aus dieser Formation herauspressen konnten. Mit dem einen versiegt heute auch das andere. Unter postfordistischen Produktionsverh\u00e4ltnissen h\u00e4ngt der tats\u00e4chliche Reichtum von Gesellschaften immer weniger von der Masse der verausgabten Arbeitszeit ab (weshalb Arbeitslose auch zunehmend keine Reserve-Armee f\u00fcr zuk\u00fcnftige Verwertung mehr darstellen und letztlich auch keine Institution durch Umverteilung von Wert deren Existenz sichern kann), sondern von der sch\u00f6pferischen, wissenschaftlichen, k\u00fcnstlerischen Qualit\u00e4t der agierenden Individuen und ihren F\u00e4higkeiten zur bewussten sozialen Kooperation. Von diesem geschichtlichen Punkt an, da der Reichtum nicht mehr notwendig in Warenform und durch Lohnarbeit produziert werden muss und allen zur Verf\u00fcgung stehen kann, wird Sozialismus m\u00f6glich, ist die unvermeidbar auf Verwertung gerichtete Warenproduktion, die wertf\u00f6rmige Vergesellschaftung nicht mehr die notwendige und tragf\u00e4hige materielle Grundlage zivilisatorischen Fortschritts.<\/p>\n<p>Sind damit die von R. Beschriebenen tats\u00e4chlichen alternativen Versuche abzulehnen? Nein. Sie machen schon deshalb Sinn, weil sie einzelnen Menschen wenigstens zeitweilig eine ertr\u00e4gliche Existenz sichern. Es werden hier auch soziale Kompetenzen entwickelt, die f\u00fcr sozialistische Umbr\u00fcche bedeutsam sein k\u00f6nnen. Und als partielle Antworten auf konkrete Unf\u00e4higkeiten der kapitalistischen Warenproduktion, menschliche Bed\u00fcrfnisse menschlich zu befriedigen, k\u00f6nnen hier alternative Methoden und Techniken geschaffen werden. Die von diesen Versuchen selbst nicht \u00fcberschreitbare Grenze ist gesetzt durch ihr Eingebundensein in die herrschende Warenproduktion. Deshalb werden solche Projekte h\u00e4ufig normale kapitalistische Unternehmen mit all den Konsequenzen auch f\u00fcr die inneren Beziehungen oder sie brechen zusammen oder sie werden alimentiert (was eben auch eine funktionierende Verwertung voraussetzt &#8211; blo\u00df an anderer Stelle).<\/p>\n<p>R. &#8211; dies sein Grundfehler &#8211; setzt auf eine durch Warenproduktion abgesicherte sozialistische Entwicklung, in der dann konsequenterweise auch noch zahlreiche zivilisatorische Errungenschaften der b\u00fcrgerlichen Epoche zugunsten von Askese und regionaler Borniertheit aufgegeben werden. Seine Fantasien sind faktisch Unterwerfungen unter das Gegebene und zugleich Parodien auf den einstigen Osten. Wege aus dem Kapitalismus sind theoretisch und praktisch nur jenseits des Feldes der Warenproduktion und der Lohnarbeit zu finden. Solchem Realismus m\u00fcssten sich sozialistische Fantasien stellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo Fantasten, hallo Werner und Reinhard Jochen Gester hatte mich gebeten, eine Rezension zu schreiben zu: Werner Ruhoff, Eine sozialistische Fantasie ist geblieben. 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