{"id":5965,"date":"2024-07-17T21:06:16","date_gmt":"2024-07-17T19:06:16","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=5965"},"modified":"2025-08-28T00:03:23","modified_gmt":"2025-08-27T22:03:23","slug":"kritisch-lesen-v-9-april-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2024\/07\/17\/kritisch-lesen-v-9-april-2024\/","title":{"rendered":"&#8220;kritisch lesen&#8221; v. 9. April 2024"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"antimilitaerische-erinnerung\"><strong>Antimilit\u00e4rische Erinnerung<\/strong><\/h2>\n\n\n<p><em>Von Peter Nowak<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es war kurz nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine als der sozialdemokratische Blogger Sascha Lobo das Wort vom Lumpenpazifismus in die Welt setzte und damit Menschen diffamierte, die auch nach dem 23. Februar 2022 Alternativen dazu suchten, immer mehr Waffen auf ein schon zerst\u00f6rtes Schlachtfeld zu bringen. Aber Lobo ist nicht der Erfinder dieser verbalen Angriffe. Schon der rechtsliberale Au\u00dfenminister der Weimarer Republik Gustav Stresemann hat Pazifist*innen als Lumpen bezeichnet. Er ist der Politiker, der 1926 zusammen mit seinen franz\u00f6sischen Kollegen f\u00fcr seine Verst\u00e4ndigungspolitik mit Frankreich den Friedensnobelpreis bekommen hat. Fast 100 Jahre sp\u00e4ter kennen wir viele weitere Friedensnobelpreistr\u00e4ger, mir fallen in dieser Kategorie nur M\u00e4nner ein, die \u00fcberzeugte Militaristen waren. Der Publizist Carl von Ossietzky geh\u00f6rte hingegen zu den wenigen \u00fcberzeugten Pazifist*innen, die den Friedensnobelpreis 1936 bekommen haben. Die Preisverleihung an ihn war ein Signal gegen die NS-Diktatur, die auch verhinderte, dass Ossietzky, der in Konzentrationslagern gefoltert wurde, den Preis entgegennehmen konnte. Doch der streitbare Kritiker jedweden Nationalismus und Militarismus wurde schon in der ach so hochgelobten Weimarer Demokratie zu einer hohen Gef\u00e4ngnisstrafe verurteilt, weil er unerm\u00fcdlich die Aufr\u00fcstungspl\u00e4ne des deutschen Imperialismus anprangerte. Sein Forum war die Zeitschrift <em>Weltb\u00fchne<\/em>, die eine Publikation war f\u00fcr Liberale, Christ*innen und Linke aller Couleur. Einzige Bedingung war, dass die Autor*innen keine Ehrfurcht vor Patriot*innen und Militarist*innen, wo immer sie auch auftraten, haben durften. An dieser undogmatischen Herangehensweise k\u00f6nnten sich Publikationen wie die Monatszeitung <em>Konkret<\/em> heute ein Beispiel nehmen, die noch am ehesten in der Tradition der <em>Weltb\u00fchne<\/em> stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Teil der Texte gegen Nationalismus und Militarismus, die in der <em>Weltb\u00fchne<\/em> ver\u00f6ffentlicht wurden, hat der kleine Berliner Verlag Die Buchmacherei jetzt wieder zug\u00e4nglich gemacht. Unter dem Titel \u201eAntikrieg zwischen den Kriegen\u201c hat ein Herausgeber mit dem Alias-Namen Max Michaelis auf 650 Seiten \u00fcberwiegend Texte aus der <em>Weltb\u00fchne<\/em> nachgedruckt. Darunter auch den Offenen Brief von Carl von Ossietzky an den Reichswehrminister Wilhelm Gr\u00f6ner, der 1932 gerade dabei war, die Kriminalisierung von Pazifist*innen gesetzlich weiter voranzutreiben. In diesem Brief richtet Ossietzky den Vorwurf an seinen Adressaten: \u201eSie nehmen sogar Stresemanns ungl\u00fcckliches Wort von den Lumpen wieder auf, und verwenden es so, dass jeder Friedensfreund davon betroffen werden kann.\u201c (S. 541)<\/p>\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\" id=\"kriminalisierter-pazifismus\">Kriminalisierter Pazifismus<\/h5>\n\n\n<p>Allerdings wird hier ein Manko des Buches deutlich: Es liefert keinerlei historische Kontextualisierung der Texte. Eine solche Einordnung h\u00e4tte erw\u00e4hnen m\u00fcssen, dass jener Gr\u00f6ner eine zentrale Figur der Gegenrevolution der Weimarer Republik war, seit der durch die R\u00e4terevolution im November 1918 an die Macht gekommene SPD-Vorsitzende Ebert mit den gest\u00fcrzten Monarchisten in ihrem holl\u00e4ndischen Exil Kontakt aufgenommen hatte. Gr\u00f6ner war der Verbindungsmann, der mit daf\u00fcr sorgte, dass Freikorps aufgebaut wurden, die die Revolution zerschlugen. Gr\u00f6ner hatte auch noch 1932 gen\u00fcgend Macht, in einer profaschistischen Zeitung gegen Pazifist*innen zu hetzen. Ossietzky schrieb diesen Brief aus dem Gef\u00e4ngnis, wo er eine Haftstrafe wegen Landesverrat verb\u00fc\u00dfte, weil er in der <em>Weltb\u00fchne<\/em> die deutsche Aufr\u00fcstung anprangerte. Die fehlende Kontextualisierung soll aber das Verdienst von Herausgeber und Verlag nicht schm\u00e4lern, diese wichtigen Texte in einer Zeit wieder ver\u00f6ffentlicht zu haben, in der sich die Republik wieder kriegsf\u00e4hig macht und so auch der Begriff Lumpenpazifismus wieder Konjunktur bekommen hat. Es mag sein, dass manche, die ihn heute verwenden, gar nicht die rechte Geschichte kennen, die damit verbunden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele der dokumentierten Artikel stammen von Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky, der unter verschiedenen Pseudonymen schrieb, von Kurt Hiller, Erich K\u00e4stner, aber auch von heute nur noch wenig bekannten Autor*innen wie Alfons Goldschmidt und Kurt Kersten. Leider sind nur wenige Texte von Frauen in dem Band dokumentiert, was besonders bedauerlich ist, weil mit Anita Augspurg, Minna Cauer, Margarete Selenka wichtige Stimmen gegen den Krieg fehlen. Das ist aber wohl eher der historischen <em>Weltb\u00fchne<\/em> als dem Herausgeber des Buches anzulasten. Allerdings h\u00e4tte er vielleicht einige antimilitaristische Texten von Frauen aus anderen Publikationen mit dokumentieren k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich wird das Buch mit zwei Texten eingeleitet, die nicht in der <em>Weltb\u00fchne<\/em> standen. Einer Erz\u00e4hlung von Egon Erwin Kisch und einem Brief von Stefan Zweig an Romain Rolland, zwei entschiedenen Gegnern des 1. Weltkrieges.<\/p>\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\" id=\"politische-irrtuemer\">Politische Irrt\u00fcmer<\/h5>\n\n\n<p>Auch manche politische Fehleinsch\u00e4tzung einiger der dokumentierten Autor*innen fallen besonders auf, wenn man sie fast 100 Jahre sp\u00e4ter, also mit zeitlichen Abstand, liest. So propagierte Kurt Hiller einerseits einen revolution\u00e4ren Pazifismus, der postuliert, dass der Kampf gegen den Kapitalismus und Militarismus zusammengeh\u00f6ren. \u00d6fter polemisiert Hiller auch gegen b\u00fcrgerliche Pazifist*innen, die teilweise weiterhin mit den linksliberalen Parteien im Reichstag sympathisieren. Dann ist es umso unverst\u00e4ndlicher, dass Hiller in einen anderen Text pl\u00f6tzlich Mussolini, Hindenburg und Ludendorff daf\u00fcr lobt, dass sie in einer Erkl\u00e4rung f\u00fcr Abr\u00fcstung und gegen den Krieg eingetreten sind. \u201eMan halte von Ludendorff, was man wolle, von Hindenburg, was man wolle, meinethalben sogar von Mussolini, was man wolle (warum Gegner stur idiotifizieren? Als ob nicht auch Gegner dem Gesetz der Wandlung unterworfen w\u00e4ren). Ich halte sie allesamt f\u00fcr eines, f\u00fcr ehrlich. Sie meinen, was sie sagen; wenngleich ihnen die Kraft fehlen d\u00fcrfte, zu tun, was sie meinen.\u201c (S. 449) Auch in einigen seiner Texte, die sich nicht schwerpunktm\u00e4ssig mit Antimilitarismus befassen, ist Hiller mit mussolinifreundlichen T\u00f6nen aufgefallen. Trotz seiner Schwankungen im politischen Urteilsverm\u00f6gen geh\u00f6rt Hiller mit zu den ersten, die von den Nazis verhaftet und gefoltert wurden. Nach einer zeitweiligen Freilassung floh er ins Ausland. Nicht nur Hiller, auch manche anderen der dokumentieren Autor*innen haben ihre Gegner*innen untersch\u00e4tzt.<\/p>\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\" id=\"forum-fuer-eine-debatte-unter-kriegsgegnerinnen\">Forum f\u00fcr eine Debatte unter Kriegsgegner*innen<\/h5>\n\n\n<p>Wir erfahren in den Texten auch einiges \u00fcber den Streit zwischen unterschiedlichen pazifistischen und antimilitaristischen Str\u00f6mungen. Doch in der <em>Weltb\u00fchne<\/em> wurden sie alle abgedruckt. Dort sah man in inhaltlichen und Differenzen kein Manko, sondern eine Herausforderung f\u00fcr eine kontroverse Debatte. Daf\u00fcr war die Weltb\u00fchne immer ein Forum. Auch daran k\u00f6nnte sich die gesellschaftliche Linke und ihre Medien in einer Zeit ein Beispiel nehmen, in der manchmal kleinste Differenzen zu gro\u00dfen Zerw\u00fcrfnissen und Spaltungen f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man manche der vor fast 100 Jahren verfassten Beitr\u00e4ge heute liest, denkt man, sie w\u00e4ren erst vor einigen Monaten geschrieben. Sie wirken so erschreckend aktuell, dass man manchmal nur die Jahreszahl \u00e4ndern m\u00fcsste. Es ist erfreulich, von schlauen Menschen zu lesen, die schon 1928 erkannt hatten, dass der deutsche Imperialismus einen neuen Krieg vorbereitet. Es ist deprimierend zu sehen, dass sie ihn damals nicht verhindern konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Frage stellt sich bei der Lekt\u00fcre in dieser Zeit. Wird es in 100 Jahren noch Menschen geben, die die heutigen Texte gegen jeden Krieg und Nationalismus unter dem Titel \u201eAntikrieg zwischen den Kriegen\u201c herausgeben, vielleicht nicht mehr als Buch aber einer zeitgem\u00e4\u00dfen Form? Oder wird den Kriegen, die aktuell vorbereitet werden, niemand mehr \u00fcberlebt haben, um diese traurige Aufgabe zu leisten?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antimilit\u00e4rische Erinnerung Von Peter Nowak Es war kurz nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine als der sozialdemokratische Blogger Sascha Lobo das Wort vom Lumpenpazifismus&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[102],"tags":[],"class_list":["post-5965","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-anti-krieg-zwischen-weltkriegen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5965","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5965"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5965\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7965,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5965\/revisions\/7965"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5965"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5965"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5965"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}