{"id":633,"date":"2015-11-03T12:42:58","date_gmt":"2015-11-03T11:42:58","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=633"},"modified":"2025-08-28T18:48:11","modified_gmt":"2025-08-28T16:48:11","slug":"express-10-2015-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2015\/11\/03\/express-10-2015-2\/","title":{"rendered":"&#8220;express&#8221; 10-2015"},"content":{"rendered":"<p><strong>Erwitte 1975 \u2013 ein deutsches M\u00e4rchen?<\/strong><\/p>\n<p>Betrieb besetzt und dann 449 Tage Streik<\/p>\n<p>von Anton Kobel<\/p>\n<p>\u00bbBeton \u2013 es kommt drauf an, was man draus macht!\u00ab \u2013 Die Besetzung des Zementwerks Erwitte war vermutlich die erste Besetzung in der Geschichte der Bundesrepublik, jedenfalls ein f\u00fcr die hiesigen Verh\u00e4ltnisse bemerkenswerter Vorgang und ist es noch heute \u2013 nicht nur wegen der immensen gesellschaftlichen Unterst\u00fctzung, die dieser Kampf erfuhr, sondern auch, weil er unter Bedingungen gef\u00fchrt wurde, die so \u203ahistorisch\u2039 gar nicht sind, wie es scheint; der Kampf gegen Betriebsschlie\u00dfungen, Arbeitsplatzverlagerungen und damit verbundene Zerst\u00f6rung von Existenzgrundlagen ist so aktuell wie je, schon gar, wenn er unter Krisenbedingungen stattfindet. Das Verdienst, diese Besetzung und den anschlie\u00dfenden, fast eineinhalb Jahre dauernden Streik (von den Nachwirkungen ganz zu schweigen) dem Vergessen entrissen zu haben, geb\u00fchrt Dieter Braeg, der uns schon das sch\u00f6ne B\u00fcchlein \u00fcber den Streik der Frauen beim Autozulieferer Pierburg in Neuss f\u00fcr die Abschaffung der \u00bbLeichtlohngruppen\u00ab beschert hat \u2013 auch eine dieser wegweisenden Auseinandersetzungen der 70er Jahre, bei denen man schnell f\u00fcndig wird, wenn es um Parallelen und Vergleichsm\u00f6glichkeiten geht. Das Ende von Erwitte werden wir hier nicht verraten, nur eins: Es wird nicht bei einem Datum bleiben, wenn man sich auf die Lekt\u00fcre einl\u00e4sst.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es war einmal eine Belegschaft in Erwitte in Westfalen. 151 Menschen, die in einer Zementfabrik arbeiteten. Sie hatten einen b\u00f6sen Chef wie viele andere auch. Aber ihrer war ein besonderer. Er k\u00fcndigt im Februar 1975 die Entlassung von 96 Besch\u00e4ftigten an, darunter auch durch Gesetz besonders gesch\u00fctzte Schwerbehinderte, Betriebsratsmitglieder und Betriebs- ratskandidaten sowie Wahlvorstandsmitglieder. Nach ersten Protesten, die sich nicht nur gegen die Auswahl, sondern auch gegen die \u00f6konomische Notwendigkeit der Entlassungen richteten, sollten es nur 86 sein; die \u00bbGesch\u00fctzten\u00ab wurden wieder von der dem Betriebsrat \u00fcbergebenen Liste runter genommen.<\/p>\n<p>Nicht nur der Chef war ein besonderer. Auch Betriebsrat, Gewerkschaft und Belegschaft waren dies. Sie fingen an, sich zu wehren, und h\u00f6rten lange nicht auf. Am 7. M\u00e4rz 1975 trat die Belegschaft in einen zweist\u00fcndigen Warnstreik, um die Gesch\u00e4ftsleitung zu Verhandlungen zu zwingen. Am 9. M\u00e4rz 1975 versammelten sich in der nur 5500 EinwohnerInnen z\u00e4hlenden Stadt 2000 Menschen zu einer Protestversammlung in einer Halle. Am folgenden Tag besetzte die Fr\u00fchschicht das Werk. Ihrem Arbeitskampf schloss sich die gesamte Belegschaft an. LKW\u2019s versperrten das Werkstor. Auf der Kundgebung am 1. Mai 1975 waren dann 12000 DemonstrantInnen, teils von weither angereist (siehe Chronologie, S. 62ff.)<\/p>\n<p>Diese f\u00fcr die damalige BRD spektakul\u00e4re Betriebsbesetzung wandelte sich bzw. wurde von der Gewerkschaft in einen Streik umgewandelt, der schlie\u00dflich 449 Tage dauern sollte. Um der \u00fcblichen Gewerkschaftsschelte an dieser Stelle vorzubeugen: Die Umwandlung der Besetzung in einen Streik erfolgte nach Diskussionen mit Belegschaft und Streikleitung, sie sollte und konnte die Aussichten im Hinblick auf die rechtlichen Dimensionen der Auseinandersetzung verbessern. Denn w\u00e4hrend in den 1970er Jahren in Italien in den Betrieben harte K\u00e4mpfe ausgefochten wurden und in Frankreich zeitweise \u00fcber 200 Betriebe besetzt waren \u2013 die Belegschaft der Uhrenfabrik LIP in Besancon war mit anfangs 2000 Besch\u00e4ftigten, die ohne Chefs produzierten und verkauften, landes- und europaweit das Beispiel \u2013 er\u00f6ffnete der Eigent\u00fcmer Seibel mit Prozessen noch eine zweite Konfliktschiene. Diese mit Schadensersatzprozessen in Millionenh\u00f6he und arbeitsrechtlichen Schritten verbundenen Auseinander- setzungen endeten erst 1987\/88 (!). Aus einem mit gro\u00dfer gesellschaftlicher und \u00f6ffentlicher Solidarit\u00e4t gef\u00fchrten beispielhaften Kampf um Arbeitspl\u00e4tze und Existenzgrundlagen wurde so auch ein \u2013 in den R\u00e4umen der Justiz gef\u00fchrter \u2013 wirtschaftlicher Vernichtungskampf gegen die beiden \u00bbR\u00e4delsf\u00fchrer\u00ab Josef K\u00f6chling, Betriebsratsvorsitzender, und Herbert Borghoff, lokaler Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der IG Chemie-Papier-Keramik, sowie gegen die IG CPK selbst. Sie hatten, so das Gericht, einen \u00bbwilden Streik\u00ab entweder gef\u00fchrt, organisiert oder unterst\u00fctzt. Seibel forderte inklusive Zins und Zinseszins \u00fcber 13,4 Millionen DM. Schlie\u00dflich wurden ihm wegen eigener Teilschuld \u00bbnur\u00ab 2.738.977 DM zugesprochen. Vielf\u00e4ltige Aktionen der Solidarit\u00e4t konnten die bundesdeutsche Arbeitsgerichtsbarkeit, in der noch reichlich rechtliche und personelle Nazi-Erbmasse die Grundlage f\u00fcr den rechtlichen Umgang mit Arbeitsk\u00e4mpfenden und Arbeitsk\u00e4mpfen bildete, nur wenig bewegen.<\/p>\n<p>All dies schildert der Herausgeber Dieter Braeg u.a. in eigenen Beitr\u00e4gen, aber auch mit Hilfe zahlreicher Dokumente. Dadurch werden viele Dimensionen und Details eines harten Arbeitskampfes deutlich. Immerhin mussten die beiden \u00bbR\u00e4delsf\u00fchrer\u00ab dies alles verkraften und verarbeiten. Mit sich, ihren Familien und Freunden. Sie mussten mit Zweifeln und \u00c4ngs- ten umgehen. Wer den selbst kampferfahrenen Dieter Braeg kennt, wei\u00df, was es bedeutet, wenn er heute formuliert: \u00bbIch ziehe meinen Hut vor Josef K\u00f6chling, dem Betriebsratsvorsitzenden, und Herbert Borghoff, dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der IG CPK, die \u2013 mehr als 15 Jahre bedroht durch Millionen-Forderungen an Schadenersatz \u2013 sicher kein gutes Leben f\u00fchren konnten.\u00ab (S. 29) Braeg war Bildungsobmann der IGM, Betriebsrat bei Pierburg und in Erwitte in die Solidarit\u00e4tsarbeit involviert. Wir d\u00fcrfen gespannt sein, was nach dem vorliegenden Band \u00fcber den Kampf in Erwitte kommt&#8230;<\/p>\n<p>Ich finde, wer sich f\u00fcr Arbeitsk\u00e4mpfe interessiert, kann sich bei Dieter Braeg bedanken f\u00fcr die Herausgabe dieses Buches. Die \u2013 hoffentlich vielen \u2013 LeserInnen finden ausf\u00fchrliche Beschreibungen der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Situation Anfang der 1970er Jah- re, die den Hintergrund und die Basis dieses Arbeitskampfes bildete. Auf die \u00bbwilden Streiks\u00ab von 1969 und 1973 wird ebenso hingewiesen wie auf die \u2013 im Vergleich zu Italien und Frankreich \u2013 wenigen Betriebsk\u00e4mpfe in Deutschland. Es hat sie aber auch gegeben.<\/p>\n<p>Gisela Notz beschreibt in ihrem Beitrag \u00bbDer Abschied von der \u203abraven Hausfrau\u2039\u00ab die Bildungs- und Emanzipationsprozesse der \u00bbEhefrauen der Zementwerker in Erwitte\u00ab. Neben den zahlreichen Fakten aus dem Kampf ruft ein Beitrag von Rainer Duhm und Erhard Maus aus dem Jahre 1975 den \u00c4lteren die damaligen Diskussionen in den Kreisen, die man heute zur Gewerkschaftslinken z\u00e4hlen w\u00fcrde, in Erinnerung \u2013 die J\u00fcngeren kann er zur Reflektion anregen. Lesenswert das kurze \u00bbNachwort\u00ab des vor Kurzem verstorbenen Arno Kl\u00f6nne. Es endet: \u00bbEigenwille an der Basis ist notwendig; wer sich \u203aauf die da oben\u2039 verl\u00e4sst, ist schon verlassen, auch bei den Gewerkschaften.\u00ab<\/p>\n<p>Die Rolle und das Verhalten der IG CPK wird ebenfalls kritisch dargestellt. Die internen Auseinandersetzungen werden mehrfach angedeutet. \u00bbSozial\u00ab- oder \u00bbKonfliktpartnerschaft\u00ab (um den klassischen Terminus \u00bbKonfliktorientierung\u00ab etwas abzuwandeln) \u2013 diese Frage war 1975 in der CPK noch nicht eindeutig entschieden. Erst 1979\/80 wandelte sich diese Gewerkschaft in die Organisation, die wir heute kennen. Wenig k\u00e4mpferisch, eher parlamentarische Lobbyarbeit als au\u00dferparlamentarische Aktionen, lieber Kompromisse am Verhandlungstisch als nach (Warn-)Streiks und Urabstimmung. Ob dieser f\u00fcr deutsche Gewerkschaftsverh\u00e4ltnisse untypische Kampf in Erwitte, der zwar mit vielen Erfahrungen, aber dennoch mit einer Niederlage endete, den Weg der CPK in die Sozialfriedlichkeit beschleunigt hat oder gar nach der tarifpolitischen Niederlage 1970\/71 im Kampf um eine betriebsnahe Tarifpolitik gegen die Gro\u00dfchemie das letzte \u00bbArgument\u00ab daf\u00fcr war, bleibt Diskussionsthema.<\/p>\n<p>Warum empfehle ich dieses Buch j\u00fcngeren, in den Gewerkschaften Aktiven? Erwitte ist auch ein Ergebnis langj\u00e4hriger, betriebsnaher Gewerkschafts- und vor allem betriebs- und ortsnaher Bildungsarbeit. F\u00fcr Letztere stand die IG CPK einige Jahre: Qualifizierung der Mitglieder und betrieblicher Vertrauensleute waren das \u2013 wie Erwitte auch zeigt \u2013 erreichbare Ziel. Das Buch und die beiliegende CD enthalten viele Dokumente und Wissenswertes \u00fcber diese erste Betriebsbesetzung in der BRD.<br \/>\nLese-Empfehlung der Redaktion, oder: Unterst\u00fctzt Eure Antiquariate im Interesse des besseren Verst\u00e4ndnisses der Gegenwart:<\/p>\n<p><em>\u2022 \u00bbFabrikbesetzung. Arbeitskampf der Zementwerker bei Seibel &amp; S\u00f6hne in Erwitte\u00ab, he- rausgegeben von der Vertrauensk\u00f6rperleitung der Belegschaft von Seibel &amp; S\u00f6hne, Selbstverlag, Erwitte 1975 \u2013 DIN A4-Brosch\u00fcre mit vielen Bildern, Streikdokumenten, Interviews, Berichten und einer Chronologie, 60 Seiten<\/em><br \/>\n<em> \u2022 \u00bbUnternehmerwillk\u00fcr in Erwitte. Frauen k\u00e4mpfen mit den M\u00e4nnern\u00ab, herausgegeben von der Frauengruppe Erwitte, Offizin-Verlag, Erwitte 1977, DIN A5- Brosch\u00fcre mit vielen Interview-Ausschnitten und Bildern, 107 Seiten<\/em><br \/>\n<em> \u2022 Rainer Duhm \/ Harald Wieser (Hg.): \u00bbKrise und Gegenwehr\u00ab, Rotbuch-Verlag, Berlin<\/em><br \/>\n<em> 1975 \u2013 eine Sammlung von Aufs\u00e4tzen, u.a. von den Herausgebern zu Erwitte<\/em><br \/>\n<em> \u2022 Rainer Duhm\/Ulrich M\u00fcckenberger (Hg.): \u00bbArbeitskampf im Krisenalltag. Wie man sich wehrt und warum\u00ab, Rotbuch Verlag, Berlin 1977 \u2013 mit Beitr\u00e4gen zu sp\u00e4teren, ebenfalls bedeutsamen K\u00e4mpfen der Bundesrepublik, z.B. zum Druckerstreik 1976 von Rainer Erd und Fritz Lamm, zu gewerkschaftlicher Tarifpolitik in der Krise von Otto Jacobi und Wal- ther M\u00fcller-Jentsch, zur Produkt- und Produktionskonversion bei Fokker in Speyer von Klaus Gr\u00f6ssler u.v.a.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In: express, Zeitung f\u00fcr sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, 10\/2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erwitte 1975 \u2013 ein deutsches M\u00e4rchen? 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