{"id":654,"date":"2015-11-21T17:56:28","date_gmt":"2015-11-21T16:56:28","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=654"},"modified":"2025-08-28T21:24:08","modified_gmt":"2025-08-28T19:24:08","slug":"salzburger-nachrichten-21-11-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/salzburger-nachrichten-21-11-2015\/","title":{"rendered":"&#8220;Salzburger Nachrichten&#8221; 21.11.2015"},"content":{"rendered":"<h3><b>Rollentausch beim Zigarrendrehen<br \/>\n<\/b><\/h3>\n<p><b>Arbeiterinnen. Mit ihrer Studie \u00fcber die \u201eTschikweiber betrat die Historikerin Ingrid Bauer Neuland in der Geschichtswissenschaft. Die Lebensgeschichten der Tabakarbeiterinnen besitzen 28 Jahre nach dem Erscheinen immer noch Aktualit\u00e4t.<\/b><\/p>\n<p><em>Andreas Praher<\/em><\/p>\n<p>Der \u00e4lteren Generation in Hallein ist die Zigarrenfabrik noch ein Begriff. Das Bild von streikenden, widerst\u00e4ndigen Frauen ist in Erinnerung geblieben. Dass mehrheitlich Frauen das m\u00e4nnliche Konsumgut Zigarre in Hand\u00adarbeit herstellten, lag an arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen in \u00d6sterreich. Und dass diese Frauen sich gewerkschaftlich stark organisierten, war ein Spezifikum der Tabakindustrie. Die Halleiner Zigarren\u00adfabrik war mehr als ein florierendes Wirt\u00adschaftsunternehmen. Sie war Ausdruck einer bestimmten Arbeiterinnenmentalit\u00e4t.<\/p>\n<p><b>SN: Sie haben Mitte der 1980er-Jahre als eine der ersten Historikerinnen die Geschichte von Arbeiterinnen aufgegriffen. Was veranlasste Sie zu der Oral-History-Studie \u00fcber die \u201eTschikweiber&#8221;?<\/b><\/p>\n<p>Bauer: Als junge Historikerin war ich ge\u00adpr\u00e4gt von der demokratischen Aufbruchstimmung der 70er-Jahre, den neuen sozia\u00adlen Bewegungen und der Frauenbewegung. Gleichzeitig erlebte ich eine innovative Phase der Geschichtswissenschaft, die sich ge\u00f6ffnet hat f\u00fcr neue Ans\u00e4tze, neue histo\u00adrische Akteure in den Blick genommen hat, eben breite Bev\u00f6lkerungsschichten. Was mich noch sehr inspiriert hat, war die \u201eGra\u00adbe, wo du stehst&#8221;-Bewegung. Geschichte ist \u00fcberall: Grabe in deinem Stadtviertel, in deinem Wohnblock, in dem Betrieb, in dem du arbeitest, in der Schule, die du besuchst. Das machte mich hellh\u00f6rig f\u00fcr das Thema Zigarrenarbeiterinnen in Hallein. Ich hatte vorher nie etwas von ihnen geh\u00f6rt, und als ich mit dem Bus von Salzburg nach Hallein gefahren bin, haben zwei \u00e4ltere Herren \u00fcber die \u201eTschikweiber\u201c geredet, die resolut war en, anders zusammengehalten haben und am 1. Mai aufmarschiert sind und gestreikt haben. Das hat dem g\u00e4ngigen Frauenbild widersprochen, auch sozialen Stereotypen, i war der Beginn meiner Spuren suche.<\/p>\n<p><b>SNI: War dieser Widerspruch der Reiz an der Thematik?<\/b><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst war es sicherlich das. Diese Rollenumkehr, dass es Frauen waren, die im Vergleich zu ihren M\u00e4nnern die besseren Arbeitspl\u00e4tze gehabt und mehr verdient haben, dass sie gern in die Zigarrenfabrik gegangen sind und ihre M\u00fctter und Gro\u00df\u00adm\u00fctter dort schon Arbeiterinnen waren. Und. ihr enorm hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad, \u00fcber 90 Prozent, der war untypisch f\u00fcr diese Zeit. Salzburg war damals stark l\u00e4ndlich gepr\u00e4gt. Drei Viertel alle Frauen sind auf haushaltszentrierten Arbeitspl\u00e4t\u00adzen t\u00e4tig gewesen, waren M\u00e4gde, Dienst\u00adbotinnen, Hausgehilfinnen oder mithelfen\u00adde Familienangeh\u00f6rige. Da fallen 600 Frau\u00aden in einer Fabrik, die Geld haben, auf. Die Frauen waren begehrt auf dem Heiratsmarkt. \u201eWenn einer eine erwischt hat, die in der Fabrik war. dann hat er zugegriffen\u201c, hie\u00df es. Das waren starke Geschichten, die diese Frauen verk\u00f6rperten. Wobei sie von typischen Lebensrealit\u00e4ten zwischen Fabrik und Daheim eingeholt worden sind. Viele mussten ihre Kinder zu Bauern geben. Heute w\u00fcrde man sagen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf.<\/p>\n<p><b>SN: Ihre Forschungsarbeit war damals eine Pionierarbeit. Wie waren die Reaktionen?<\/b><\/p>\n<p>Ich habe noch den Satz im Ohr: \u201eArbeiter\u00adinnengeschichte, ist das dein Ernst?\u201c Das hat sich aber rasch ge\u00e4ndert und die Reso\u00adnanz auf das Buch war gro\u00df. Sowohl in der Wissenschaft als auch weit \u00fcber Salzburg hinaus. Das hat mich damals erstaunt, ist aber nachvollziehbar, weil neue Zug\u00e4nge wie Alltagsgeschichte die Geschichtswis\u00adsenschaft popularisiert haben. Man sp\u00fcrt im Buch, dass es um einen anderen Blick geht, wie ein sehr konkretes, anschauli\u00adches, farbiges Bild von Arbeits- und Lebens\u00adverh\u00e4ltnissen entfaltet wird. Es wird nicht \u00fcber die Arbeiterinnen geschrieben, son\u00addern gemeinsam mit ihnen im Dialog. Die Darstellungsform ist fast ethnografisch.<\/p>\n<p><b>SN: Mittlerweile, 28 Jahre nach dem ersten Buch, ist Frauengeschichte &#8216; ein zentraler Forschungsgegenstand. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?<\/b><\/p>\n<p>Die historische Frauenforschung hat durch ihr Potenzial, Geschlechterstereotypen zu hinterfragen und aufzubrechen, viel bewegt. Weil man mit Vergleichsbeispielen aus der Geschichte anschaulich belegen konnte, dass damalige Vorstellungen von M\u00e4nnlichkeit und Weiblichkeit einen historischen Entstehungskontext, haben. Dass sie gewachsen sind- und was gewachsen ist, kann ver\u00e4ndert werden. Wie eine Gesellschaft mit Frauen und M\u00e4nnern umgeht, mit M\u00e4nnlichkeit und Weiblichkeit, welche Zuschreibungen es gibt, das ist diskutierbar, ist gestaltbar. Unter den aktuellen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen r\u00fccken die \u201eTschikweiber\u201c in anderer Hinsicht wieder n\u00e4her. Sie und ihre Familien waren einge\u00adbunden in Weltwirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, prek\u00e4re soziale Verh\u00e4ltnisse. Diese Realit\u00e4ten werden wieder dr\u00e4ngender durch Ph\u00e4nomene der neuen Armut. Nicht nur, wenn man an Spanien und Griechenland denkt, wo sich das drastisch abzeichnet.Und das sind eben auch Themen der I930er-Jahre, die mit diesen Frauen verbun\u00adden sind. Ihre Lebensgeschichten sind ab\u00adgeschlossen, aber an der Art und Weise, wie wir sie lesen, k\u00f6nnte sich im Kontext der aktuellen Realpolitik in vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern etwas \u00e4ndern.<\/p>\n<p><b>SN: Wie kann die Studie hier einen Beitrag leisten?<\/b><\/p>\n<p>Geschichtsforschung leistet selten direkte Beitr\u00e4ge. Sie macht es m\u00f6glich, eigene Schl\u00fcsse zu ziehen. Auch bei der aktuellen Fl\u00fcchtlingsbewegung, bei der Historiker gefragt werden, wie war denn das fr\u00fcher, kann man aus historischen Kontexten nicht eins zu eins etwas ableiten, aber es ist ein Erkenntnisrahmen, aus dem man Aktuelles pr\u00e4ziser in den Blick und in den Griff kriegt, indem man ein Vergleichsszenario hat. Aber um aus der Geschichte zu lernen, braucht man Leute, die etwas aus der Geschichte lernen wollen. Leute, die Fragen stellen und die, wenn sie dieses Buch lesen, andere Fra\u00adgen stellen als in den 8oer-Jahren gestellt wurden. In denen es darum gegangen ist: Toll, da gibt es starke Frauen, die mir starke Geschichten erz\u00e4hlen. Vielleicht nimmt man jetzt, da Arbeitsverh\u00e4ltnisse aufgeweicht werden, das Prek\u00e4re mehr wahr. Wir sprechen heute von der Fabrik 4.0, wo der Workflow digitalisiert ist. Aber es geht um dasselbe. Was ist menschenw\u00fcrdige Arbeit? Welche Spielr\u00e4ume gibt es? Welche Vorga\u00adben machen gesellschaftliche Strukturen und wie viel Handlungsm\u00e4chtigkeit liegt beim Einzelnen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rollentausch beim Zigarrendrehen Arbeiterinnen. Mit ihrer Studie \u00fcber die \u201eTschikweiber betrat die Historikerin Ingrid Bauer Neuland in der Geschichtswissenschaft. 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