{"id":6619,"date":"2024-12-03T12:33:47","date_gmt":"2024-12-03T11:33:47","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=6619"},"modified":"2025-09-17T10:21:10","modified_gmt":"2025-09-17T08:21:10","slug":"mao-in-der-bayerischen-provinz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2024\/12\/03\/mao-in-der-bayerischen-provinz\/","title":{"rendered":"&#8220;haGalil. j\u00fcdisches Leben online&#8221;, 14. 11. 2024"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Anfang der 70er Jahre brodelte es nicht nur in den Hauptst\u00e4dten, nein, auch in der bayerischen Provinz, im sogenannten Chemiedreieck, gibt es rebellierende Jugendliche, die sich in K-Gruppen organisieren und den Aufstand proben. Sie legen sich mit der lokalen Bourgeoisie an, agitieren in Gastst\u00e4tten f\u00fcr die Revolution und konfrontieren die Provinz mit ihrer braunen Vergangenheit. Allen voran der rote Max, der hier seinen politischen Werdegang schildert und Einblick gibt in die aufregende Zeit des linken Aufbruchs.<\/p>\n\n\n\n<p>Max Brym ist der Sohn des Shoah \u00dcberlebenden Berek Brym. Im seinem Buch, das nun neu \u00fcberarbeitet erscheint, l\u00e4\u00dft er die damalige Zeit nochmals auferstehen. Auch seine Herkunft und die Geschichte der Familie wird beschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>LESEPROBE:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der b\u00f6se Traum<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater wurde 1914 als Sohn des j\u00fcdischen Textilkaufmanns Maximilian Brym im polnischen Lodz geboren. Er hatte zwei Br\u00fcder und drei Schwestern. Bis weit in die 1930er Jahre galt Lodz als wichtiges Textilzentrum. Die Familie meines Vaters geh\u00f6rte zum j\u00fcdischen Kleinb\u00fcrgertum in Lodz.<\/p>\n\n\n\n<p>In Lodz gab eine es starke Arbeiterbewegung. Besonders stark war der J\u00fcdische Arbeiterbund, in dem mein Onkel Henrik damals als einziges Mitglied der Familie aktiv teilnahm. Mein Vater wuchs in bescheidenem Wohlstand auf und erlernte den Beruf des Textilkaufmanns. 1939 \u00e4nderte sich das Leben durch die deutschen Besatzer radikal. Die gesamte Familie Brym wurde in das Ghetto in Lodz verfrachtet. Der Gro\u00dfvater war noch vor der nationalsozialistischen Besatzung gestorben, was meine Gro\u00dfmutter, die ich leider nur aus Geschichten kenne, immer als gro\u00dfes Gl\u00fcck bezeichnet haben soll. Bis 1943 schufteten meine Verwandten im Ghetto Lodz. \u00dcber die Misshandlungen, die Ausbeutung und die Brutalit\u00e4ten in diesem Ghetto schreibe ich hier nichts. Dazu gibt es umfangreiche Literatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater, der das Ghetto durch- und \u00fcberlebt hatte, erz\u00e4hlte mir fast nichts \u00fcber diese Zeit. Dies verband ihn mit vielen \u00dcberlebenden der Shoah. Sie schwiegen. Nicht einmal mit ihren eigenen Kindern konnten sie dar\u00fcber reden. Mindestens zweimal die Woche weckte mich jedoch mitten in der Nacht der \u201eb\u00f6se Traum\u201c meines Vaters. Den damit verbundenen durchdringenden Schrei habe ich noch heute in den Ohren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1943 wurde mein Vater mit seinen Geschwistern nach Auschwitz deportiert. An der Rampe fand die Selektion statt. Meine Gro\u00dfmutter und die Geschwister meines Vaters wurden als \u201enicht arbeitsf\u00e4hig\u201c in die Gaskammer geschickt. Mein Vater war bei den Arbeitsf\u00e4higen. Die Familie wusste, was passieren w\u00fcrde. Meine Gro\u00dfmutter, die Mutter meines Vaters, packte ihren Sohn an den Schultern, sah ihm in die Augen und nahm ihm das Versprechen ab, diese H\u00f6lle zu \u00fcberleben. Das war der \u201eb\u00f6se Traum\u201c meines Vaters. Die Geschichte erz\u00e4hlte er mir unter Tr\u00e4nen viele Jahre sp\u00e4ter in Holon, einem Vorort von Tel Aviv.<\/p>\n\n\n\n<p>Neubeginn nach KZ und DP-Camp<\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he von Alt\u00f6tting wurden 1945 viele j\u00fcdische H\u00e4ftlinge von der US-Armee befreit. Die zum Skelett ausgemergelten Menschen h\u00e4tten urspr\u00fcnglich von der SS in die sogenannte Alpenfestung getrieben werden sollen. Nach der Befreiung brachte man die H\u00e4ftlinge zur Genesung ins Hotel Post und in verschiedene Kl\u00f6ster. In einem Kapuziner Kloster identifizierte ein ehemaliger j\u00fcdischer H\u00e4ftling aus der Slowakei den vorgeblichen Priester Tiso als ehemaligen Nazi-Kollaborateur. Tiso war seinerzeit von den Nazis als Staatsoberhaupt der Slowakei eingesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Welch eine Ironie der Geschichte. Kardinal Faulhaber hatte es gebilligt, dass der Verbrecher Tiso sich von Anfang Mai bis Mitte Juni 1945 in diesem Kloster verstecken konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Anfang 1946 wurde in Alt\u00f6tting im ehemaligen Gasthof Lechner in der Neu\u00f6ttinger Stra\u00dfe 5 ein Displaced Persons\u00b4 Camp errichtet, in dem zeitweise dreihundert Juden und J\u00fcdinnen lebten. Es gab den eigenen Fu\u00dfballverein Jidiszer Sport Farejn Alt\u00f6tting und bis 1950 eine eigene j\u00fcdische Berufsschule. 1951 wurde das DP Camp aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Die DP Camps hatten sich die R\u00fcckf\u00fchrung von Fl\u00fcchtlingen, Zwangsarbeitern und KZ-H\u00e4ftlingen in ihr Heimatland zum Ziel gesetzt. Die meisten Juden lehnten aber eine R\u00fcckkehr in die Welt ihrer Vorv\u00e4ter in Osteuropa ab. Viele wanderten nach Israel oder in die USA aus. Relativ viele Juden blieben aber \u00fcber k\u00fcrzere oder l\u00e4ngere Zeit in Alt\u00f6tting, darunter auch mein Vater. Er fing mit einem geliehenen Pferdewagen an und relativ schnell begann er wieder mit Textilien zu handeln. F\u00fcr einige Zeit leitete er eine kleine N\u00e4herei im Zentrum Alt\u00f6ttings. Nach der Heirat mit meiner Mutter \u00fcbernahm er ein gr\u00f6\u00dferes Textilgesch\u00e4ft im Hotel Post.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang der 70er Jahre brodelte es nicht nur in den Hauptst\u00e4dten, nein, auch in der bayerischen Provinz, im sogenannten Chemiedreieck, gibt es rebellierende Jugendliche, die&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[106],"tags":[],"class_list":["post-6619","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medienkritik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6619","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6619"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6619\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8754,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6619\/revisions\/8754"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6619"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6619"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6619"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}