{"id":6635,"date":"2025-01-13T11:39:35","date_gmt":"2025-01-13T10:39:35","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=6635"},"modified":"2025-09-24T07:07:33","modified_gmt":"2025-09-24T05:07:33","slug":"junge-welt-16-10-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/junge-welt-16-10-2024\/","title":{"rendered":"&#8220;Junge Welt&#8221;, 16.10.2024"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Irgendwann ist Schluss<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein n\u00fctzlicher Aufsatzband \u00fcber den Ukraine-Krieg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von Gerhard Hanloser<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur Carola Rackete ist f\u00fcr mehr Raketen. Es finden sich in allen m\u00f6glichen Milieus der Restlinken Vertreter, die sich f\u00fcr eine Bewaffnung der Ukraine gegen den russischen Angreifer aussprechen. Man sollte es sich nicht zu einfach machen und blo\u00df Korruption, \u00bbantideutsch-bellizistische\u00ab Verwirrung oder Opportunismus bei ihnen ausmachen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Argumente lauten: Man m\u00fcsse dem Begehren der Angegriffenen nachkommen \u2013 und das seien nun mal \u00bbdie Ukrainer\u00ab. Auf sie nicht zu h\u00f6ren, w\u00e4re westeurop\u00e4ische Ignoranz. Sie verweisen auf die reaktion\u00e4ren \u00dcberbauph\u00e4nomene des russischen Kapitalismus und meinen, dass die Ukraine \u00bbemanzipatorischer\u00ab und deswegen in ihrer Staatlichkeit zu verteidigen sei. Zudem bem\u00fchen sie gerne antifaschistische Analogien, sehen Putin als kriegsl\u00fcsternen Despoten oder revisionistischen Raumeroberer, um vor jedem \u00bbAppeasement\u00ab warnen zu k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Sammelband \u00bbSterben und sterben lassen. Der Ukraine-Krieg als Klassenkonflikt\u00ab eines internationalistischen Arbeitskreises, der sich den Namen Beau S\u00e9jour gegeben hat, ist nun wichtiges Material versammelt, um derlei ideologische Argumente zu entkr\u00e4ften, die lediglich dem neuen Militarismus Deutschlands ein linkes M\u00e4ntelchen umh\u00e4ngen. Beau S\u00e9jour war der Name der Pension in der Schweizer Ortschaft Zimmerwald, wo sich im September 1915 die sozialistischen Kriegsgegner trafen, im \u00fcbrigen als Ornithologen getarnt. Zwei der Beitr\u00e4ge in dem Band fragen entsprechend nach der Aktualit\u00e4t der Thesen dieser Zimmerwalder Linken, die damals \u00bbKlassenkampf statt Burgfrieden\u00ab propagierten. Leider findet sich kein Text in dem Band, der die ausufernden Nazi- und Faschismusvergleiche zur\u00fcckweist oder die Behauptungen, Russland f\u00fchre einen \u00bbVernichtungskrieg\u00ab.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch macht in \u00fcber einem Dutzend thesenhafter Aufs\u00e4tze, analytischer Artikel und l\u00e4ngeren Interviews deutlich, dass es \u00bbdie Ukrainer\u00ab nicht gibt. So kommt etwa der junge Kommunist Andrew aus Charkiw zu Wort, dem es im ersten Kriegsjahr zu desertieren gelang und der seitdem im europ\u00e4ischen Ausland lebt. Er spricht sich f\u00fcr Fahnenflucht auf allen Seiten aus und daf\u00fcr, ein Klima der Unzufriedenheit zu stiften, das die Kriegsmaschine zum Stocken bringen k\u00f6nnte. Seine Einsch\u00e4tzung der Entfaltung von Klassenk\u00e4mpfen in einem repressiven Klima ist pessimistisch. Er verweist auf die hohe Abh\u00e4ngigkeit des ukrainischen Staatshaushalts von Krediten und Anleihen und hofft auf Impulse von au\u00dfen zur Beilegung des Konflikts. Ein anarchistisches Kollektiv aus der Ukraine erkl\u00e4rt, dass realistisch betrachtet nur riesige Investitionen aus dem Westen, aus China und der T\u00fcrkei zu einem wirtschaftlichen Sprung in der Ukraine f\u00fchren k\u00f6nnten, der das Land \u00fcber den Vorkriegszustand hinausbringen k\u00f6nnte. Erst dann k\u00f6nne eine Massenbewegung der Arbeiterklasse, die im Moment weitgehend nationalistisch eingesponnen sei, entstehen. Wenn westliche Linke meinen, mit der Ukrai\u00adne \u00bbdie liberale Demokratie\u00ab verteidigen zu m\u00fcssen, antworten sie: \u00bbWir haben hier nichts zu verteidigen, au\u00dfer die Macht der Obrigkeit und das Eigentum der Unternehmer.\u00ab Genauso sieht es die Gruppe Taniev,&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/445487.marxismus-und-krieg-stimmen-aus-der-klandestinit%C3%A4t.html\">Arbeiterfront der Ukraine<\/a>, die kategorisch festh\u00e4lt, dass in diesem Krieg keine nationalen Interessen verteidigt werden, sondern die Interessen des nationalen Kapitals: \u00bbMan verteidigt dann nicht die Menschen, die in der Ukraine leben, sondern das Kapital. Wer Waffenlieferungen bef\u00fcrwortet, macht sich mitschuldig an den Toten auf beiden Seiten.\u00ab&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Menschen in der Ukraine ein Bauernopfer in einem \u00fcbergeordneten imperialistischen Kampf sind, machen mehrere Aufs\u00e4tze deutlich. Darin wird zuweilen daf\u00fcr pl\u00e4diert, die Bekundungen Putins ernst zu nehmen. Eine englische Diskussionsgruppe beschreibt, dass die herrschende Klasse Russlands nicht akzeptieren k\u00f6nne, dass ein Land im eigenen Hinterhof von den USA mit NATO-Waffen hochger\u00fcstet wird. Moskau lasse sich der Logik moderner Staatlichkeit folgend nat\u00fcrlich nicht bereitwillig zu einer unbedeutenden \u00bbRegionalmacht\u00ab zur\u00fcckstufen und kann dabei bislang noch Mehrheiten im eigenen Land hinter sich wissen. Den USA sei es allerdings gelungen, Russland in einen Abnutzungskrieg zu ziehen. Die auf Hegemonialmacht und Unilateralismus tendierende absteigende Supermacht spekuliere auf eine wirtschaftliche und milit\u00e4rische Schw\u00e4chung Russlands. Die Gruppe l\u00e4sst in ihrem Text offen, ob dies auch gelingt \u2013 es sieht nicht so aus.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In den zwei abschlie\u00dfenden Beitr\u00e4gen diskutieren Aaron Eckstein, Ruth Jackson und Lukas Egger, warum trotz gegenteiliger Annahmen der Gaspreis in Deutschland und Europa nicht nach Kriegsausbruch konstant hoch blieb. Interessant ist, dass es tats\u00e4chlich zur raschen Ausweitung und Umlagerung von Kapazit\u00e4ten kam. Doch die Gaskrise ist f\u00fcr Europa noch nicht ausgestanden. Das LNG (Fl\u00fcssiggas) mit seinem hohen Frackinganteil ist \u00f6kologisch eine Katastrophe. Da w\u00fcrde sich eine st\u00e4rkere Zusammenarbeit von Klima- und Friedensbewegung anbieten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ob der Ukraine-Krieg in erster Linie ein Klassenkonflikt ist, wie der Untertitel des Buches suggeriert, bleibt dennoch offen. Weder haben ausgeweitete Klassenk\u00e4mpfe den Krieg motiviert, noch kann eine der Parteien f\u00fcr sich reklamieren, eher ein Klasseninteresse der unteren Klassen zu verk\u00f6rpern, wie es die Sowjetunion w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs glaubhaft vorgeben konnte. Auch scheint der Konflikt bislang noch nicht \u00fcber ein Wiedererstarken von unabh\u00e4ngigen Klassenauseinandersetzungen gestoppt werden zu k\u00f6nnen. Die Parole \u00bbSozialismus oder Barbarei\u00ab ist im Prinzip richtig, wird aber nur von Kleinstgruppen artikuliert. Druck durch Kriegsm\u00fcdigkeit der Bev\u00f6lkerung und Zwang zu Diplomatie von au\u00dfen scheinen die realistischsten Wege zu sein, wie dieser Krieg zu einem Ende kommen kann. Wer ein \u00bbImmer mehr\u00ab an Waffenlieferungen fordert, steht auf seiten der Barbarei. Diese Leute w\u00e4hnen sich auf der moralisch richtigen Seite und werden sich wohl auch durch dieses n\u00fctzliche, faktenreiche Buch nicht \u00fcberzeugen lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irgendwann ist Schluss Ein n\u00fctzlicher Aufsatzband \u00fcber den Ukraine-Krieg Von Gerhard Hanloser Nicht nur Carola Rackete ist f\u00fcr mehr Raketen. 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