{"id":6913,"date":"2025-01-13T11:53:48","date_gmt":"2025-01-13T10:53:48","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=6913"},"modified":"2025-09-24T07:08:19","modified_gmt":"2025-09-24T05:08:19","slug":"nd-18-10-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2025\/01\/13\/nd-18-10-2024\/","title":{"rendered":"&#8220;nd&#8221;, 18.10.2024"},"content":{"rendered":"<h1 class=\"wp-block-heading\" id=\"ukrainekrieg-fuer-ein-zweites-zimmerwald\">Ukraine-Krieg: F\u00fcr ein zweites Zimmerwald<\/h1>\n\n\n<p>Die kleine Buchmacherei hat ein fulminantes Buch \u00fcber Ukraine-Krieg und Antimilitarismus ver\u00f6ffentlicht<\/p>\n\n\n\n<p>von Raul Zelik<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den gr\u00f6\u00dften Trag\u00f6dien des 20.\u2005Jahrhunderts geh\u00f6rt bekanntlich das fatale Scheitern der europ\u00e4ischen Sozialdemokratie am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Der Internationale nur noch in Form von Liedgut verpflichtet, reihten sich die europ\u00e4ischen Mehrheitssozialist*innen 1914 in die Reihen ihres jeweiligen Nationalimperialismus ein und lie\u00dfen sich widerstandslos in Sch\u00fctzengr\u00e4ben abschlachten. Als Begr\u00fcndung wurde angef\u00fchrt: Der r\u00fcckst\u00e4ndige russische Zarismus \/ das arrogante englische Empire \/ Preu\u00dfens abscheulicher Militarismus stelle eine Bedrohung f\u00fcr die Zivilisation dar, weshalb man sich bei der Verteidigung der eigenen Nation f\u00fcr den Fortschritt engagieren m\u00fcsse. Auf diese verheerende Fehleinsch\u00e4tzung folgten neun Millionen Tote, der Siegeszug des Faschismus und ein zweiter, noch f\u00fcrchterlicherer Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute hat man den Eindruck, gro\u00dfe Teile der deutschen Linken wollten dieses Debakel nachspielen \u2013 als tragische Farce. W\u00e4hrend die einen sich Putins kriegskapitalistisches Russland sch\u00f6nreden, indem sie auf die lange Liste US-amerikanischer Staatsverbrechen verweisen, haben sich die anderen ein politisches M\u00e4rchen zusammengedichtet, dem zufolge die Demokratie mithilfe von Nato, Bundeswehr und Rheinmetall gegen den Autoritarismus verteidigt werden m\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem die zweite Position treibt im \u00bbprogressiven Lager\u00ab der deutschen Gesellschaft die bizarrsten Bl\u00fcten. Gr\u00fcnen-W\u00e4hler*innen meinen, mit R\u00fcstungsmilliarden den Feminismus zu st\u00e4rken. Antideutsche, die es sich beim Springer-Konzern oder im Staatsapparat gem\u00fctlich gemacht haben, fordern bei jeder Gelegenheit die Einrichtung von Flugverbotszonen (es sei denn, eine solche Zone k\u00f6nnte dem Schutz von Israels Nachbarl\u00e4ndern dienen). Und Vertreter*innen der sogenannten Progressiven Linken, einer Str\u00f6mung in der Linkspartei, wollen unbedingt eine \u00bbtabulose\u00ab Debatte um den Aufbau einer europ\u00e4ischen Armee auf die Tagesordnung setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund muss man das Buch \u00bbSterben und sterben lassen. Der Ukraine-Krieg als Klassenkonflikt\u00ab, das die kleine gewerkschaftslinke Gruppe Beau S\u00e9jour dieser Tage ver\u00f6ffentlicht hat, allen ans Herz legen, die den Verstand noch nicht verloren haben und dies auch weiterhin vermeiden m\u00f6chten.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon der Name des Herausgeberkollektivs ist Programm: Er verweist auf die Schweizer Pension, in der 1915 die sogenannte Zimmerwalder Konferenz stattfand, ein internationales Treffen linker Kriegsgegner*innen. So hei\u00dft es im Vorwort von \u00bbSterben und sterben lassen\u00ab: Wir richten uns \u00bban alle Antimilitarist:innen, die gegenw\u00e4rtig wohl leider \u00e4hnlich minorit\u00e4r sind wie die sozialistischen Kriegsgegner, die sich im September 1915, als Ornithologen getarnt, in der Pension Beau S\u00e9jour im Schweizer Zimmerwald trafen und die angesichts ihrer Zwergenhaftigkeit dar\u00fcber scherzten, dass \u203aes ein halbes Jahrhundert nach Gr\u00fcndung der Ersten Internationale m\u00f6glich war, alle Internationalisten in vier Wagen unterzubringen\u2039\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bissige Kritik der Beau-S\u00e9jour-Gruppe gilt sowohl dem \u00bblinken Bellizismus\u00ab, der die Armeen von Ukraine und Nato als \u00bbantiimperialistische Kampfeinheiten\u00ab imaginiert, als auch jeder Verharmlosung des \u00bbrussischen Oligarchenkapitalismus\u00ab, der mit Vorliebe nationale Minderheiten im Artilleriefeuer verheizt. Wer sich hier auf eine der beiden Seiten schl\u00e4gt, so die Herausgeber, hat schon verloren. Die Unterscheidung zwischen \u00bbguten und b\u00f6sen Imperialismen\u00ab ist wieder einmal die gro\u00dfe politische Katastrophe der Linken.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Erl\u00e4uterung dieser These ist \u00bbSterben und sterben lassen\u00ab in drei Abschnitte gegliedert. Im ersten Kapitel, das den Titel \u00bbHinter den Frontlinien\u00ab tr\u00e4gt, kommen Kriegsgegner aus der Ukraine und Russland zu Wort. Die anarchistische Gruppe \u00bbAssembly\u00ab aus dem belagerten Charkiw berichtet, wie sie das Recht auf Desertion in ihrem Land zu verteidigen versucht, verlangt von westlichen Antimilitarist*innen aber auch, den innerrussischen Widerstand gegen Putins Krieg viel aktiver zu unterst\u00fctzen, damit die Kriegsgegnerschaft nicht auf eine indirekte Parteinahme f\u00fcr das Putin-Regime hinausl\u00e4uft. Die anarchosyndikalistische Gruppe KRAS aus Russland spricht dar\u00fcber, wie die Eliten im postsowjetischen Raum den russischen und andere Nationalismen stark machen, um die soziale und \u00f6konomische Ungleichheit zu verschleiern. Und die marxistisch-leninistische \u00bbArbeiterfront\u00ab erinnert daran, dass auch in der ukrainischen Bev\u00f6lkerung l\u00e4ngst nicht alle vom Anliegen des Krieges \u00fcberzeugt sind \u2013 vor allem Richtung Frontlinie nehme die Kriegsbegeisterung sp\u00fcrbar ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Beau-S\u00e9jour-Kollektiv verheimlicht in diesem Zusammenhang nicht, dass diese antinationalen Stimmen in ihren Gesellschaften marginalisiert sind. Doch ihre Frage bleibt trotzdem die entscheidende: Lassen sich soziale und demokratische Rechte im Sch\u00fctzengraben der Staatenkonkurrenz verteidigen, oder st\u00e4rkt die nationale Mobilisierung unter F\u00fchrung des Kapitals nicht zwangsl\u00e4ufig genau jenen Autoritarismus, den man doch angeblich besiegen will?<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kapitel \u00bbWessen Krieg?\u00ab diskutieren deutsche und englischsprachige Autor*innen \u00fcber die M\u00f6glichkeiten einer antimilitaristischen Bewegung. Der Historiker Axel Berger zeichnet nach, wie sich die Zimmerwalder Konferenz im Ersten Weltkrieg gegen die mehrheitssozialdemokratischen \u00bbVaterlandsverteidiger\u00ab positionierte. Peter Nowak, Journalist aus Berlin, schreibt \u00fcber Streiks und Sabotageaktionen, mit denen Arbeiter*innen in Italien, Belarus und Russland Waffenlieferungen zu verhindern suchten. Aaron Eckstein und Ruth Jackson von der Zeitschrift \u00bbCommunaut\u00ab analysieren in einem wirklich lesenswerten Text, inwiefern der Krieg in der Ukraine gleichzeitig als russischer Angriff, als ukrainischer B\u00fcrgerkrieg und als geopolitische Konfrontation verstanden werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein letzter Aspekt schlie\u00dflich \u2013 n\u00e4mlich der geopolitische Konflikt \u2013 steht im Mittelpunkt des dritten Kapitels, das den Titel \u00bbWeltkrieg und Weltmarkt\u00ab tr\u00e4gt. Hier ist unter anderem ein \u00e4lterer Text des Historikers Rainer Zilkenat aus dem Jahr 2014 abgedruckt, in dem nachgezeichnet wird, wie deutsche Gro\u00dfmachtpolitik in der ersten H\u00e4lfte des 20.\u2005Jahrhunderts immer wieder einen Anspruch auf die Ukraine angemeldet hat. Aus den Reihen des \u00bbCommunaut\u00ab-Magazins stammt ein Text \u00fcber die Bedeutung von Pipeline-Projekten und Energieversorgung f\u00fcr den Ausbruch des Ukraine-Krieges. Und in einem nachgedruckten Interview des \u00f6sterreichischen \u00bbMosaik\u00ab-Magazins er\u00f6rtert Politikwissenschaftler Felix Jaitner das politisch-\u00f6konomische System des Putin\u2019schen Russland.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht alle Beitr\u00e4ge des Sammelbands sind gleicherma\u00dfen \u00fcberzeugend, und auch die konkrete Frage, wie sich eine antimilitaristische Bewegung in Anbetracht fehlenden politischen Bewusstseins \u00fcberhaupt entwickeln kann, bleibt offen. Doch allein die Tatsache, dass sich hier Linke endlich offensiv gegen jede Parteinahme in der kapitalistischen Staatenkonkurrenz wenden, macht das Buch unverzichtbar. Die Grundaussage von \u00bbSterben und sterben lassen\u00ab ist, dass es soziale Emanzipation nur&nbsp;<em>gegen&nbsp;<\/em>die beteiligten Kriegsakteure geben kann. Eine Position, die eigentlich selbstverst\u00e4ndlich sein sollte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es sagt alles \u00fcber unsere Zeit, dass man \u00bbSterben und sterben lassen\u00ab als das Buch der Stunde bezeichnen muss. Ein linker Kleinstverlag hat einen Sammelband in einer niedrigen dreistelligen Auflage ver\u00f6ffentlicht, in dem jene Position stark gemacht wird, die eigentlich alle linke Parteien, Organisationen und Stiftungen vertreten m\u00fcssten. Das Buch ist ein radikales Statement gegen jede nationale Mobilmachung und f\u00fcr einen antimilitaristischen Internationalismus, der seinen Namen verdient. Es gelte, den \u00bbSchleier des Geschw\u00e4tzes von Freiheit, Nation und Aufr\u00fcstung\u00ab zu zerschneiden, schreiben die Herausgeber in ihrem Vorwort. Recht haben sie. Im Gemetzel der Sch\u00fctzengr\u00e4ben wird nichts verteidigt als der Zugriff der einen oder anderen Elite auf die Reicht\u00fcmer eines Landes.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ukraine-Krieg: F\u00fcr ein zweites Zimmerwald Die kleine Buchmacherei hat ein fulminantes Buch \u00fcber Ukraine-Krieg und Antimilitarismus ver\u00f6ffentlicht von Raul Zelik Zu den gr\u00f6\u00dften Trag\u00f6dien des&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[107],"tags":[],"class_list":["post-6913","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sterben-und-sterben-lassen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6913","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6913"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6913\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8193,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6913\/revisions\/8193"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6913"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6913"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6913"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}