{"id":6919,"date":"2025-01-13T12:20:08","date_gmt":"2025-01-13T11:20:08","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=6919"},"modified":"2025-11-28T18:21:51","modified_gmt":"2025-11-28T17:21:51","slug":"express-19-12-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/express-19-12-2024\/","title":{"rendered":"&#8220;Express&#8221;, 19.12.2024"},"content":{"rendered":"\n<p>\u00bbDemokratie stirbt im Mittelstand\u00ab \u2013 \u00fcber zwei Lokalstudien zur Geschichte des Nationalsozialismus<\/p>\n\n\n\n<p>Was der Historiker hier f\u00fcr die s\u00fcdhessische Kleinstadt konstatiert, kann verallgemeinert werden. Der Faschismus kann nur mit Unterst\u00fctzung des B\u00fcrgertums an die Macht kommen, wenn die organisierten Arbeiter:innen demobilisiert sind oder zerschlagen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>von Peter Nowak<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich in den 1960er Jahren in der BRD mit der Verbrechensgeschichte des NS besch\u00e4ftigte, erfuhr massiven Widerstand bis hin zu Morddrohungen. Das passierte auch Reinhard Strecker, der 1959 gemeinsam mit Kommiliton:innen und studentischen Organisationen die Wanderausstellung \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 \u201eUnges\u00fchnte Nazijustiz\u201c erstellt hatte. Die T\u00e4ter:innen, die damals noch in allen Institutionen in Amt und W\u00fcrden sa\u00dfen, wollten von Schuld, S\u00fchne und Aufarbeitung ihrer Verbrechen nichts wissen. Alle, die sich damals mit den NS-Verbrechen befassten, galten als Handlanger der DDR. Sie wurden ebenso bek\u00e4mpft wie die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), gegen die es sogar Verbotsforderungen gab. Schlie\u00dflich waren dort besonders viele Kommunist:innen vertreten. So ist es nicht verwunderlich, dass es oft US-amerikanische Historiker waren, die schon Mitte der 1960er Jahre die Erforschung des Naziterrors in Deutschland vorantrieben. William Sheridan Allen verfasste bereits 1965 ein Buch \u00fcber den Weg des nieders\u00e4chsischen St\u00e4dtchens Northeim in den Nationalsozialismus. Seine Arbeit ist k\u00fcrzlich unter dem Titel \u201eDas haben wir nicht gewollt! Die nationalsozialistische Machtergreifung in einer Kleinstadt 1930 \u2013 1935\u201c im Verlag die Buchmacherei wieder erschienen. 1965 musste der Autor nicht nur die Namen aller Protagonist:innen, sondern auch den Namen der Stadt anonymisieren. Aus Northeim wurde Thalburg. 20 Jahre nach dem Ende des NS-Regime waren \u00fcberall in der BRD viele ehemalige Nazis noch oder wieder in wichtigen Positionen, und sie wollten die Vergangenheit beschweigen. Sie verlangten Anonymit\u00e4t, denn Allen war es zu Beginn der 1960er Jahre gelungen, \u201edas Vertrauen von prominenten wie unbedeutenden Leuten, die nach 1930 mitmachten oder auch dagegen waren, zu gewinnen\u201c, hei\u00dft es auf der R\u00fcckseite des Buches. Kein Vertrauen hatte Sheridan Allen in die wenigen Kommunist:innen von Northeim. Sie werden im Buch nur als weltfremde Fanatiker:innen dargestellt, die mindestens ebenso f\u00fcr die Zerst\u00f6rung der Weimarer Republik verantwortlich waren wie die Nazis. Hier agierte der Autor ganz auf dem Boden der Totalitarismustheorie. Im Vorwort schreibt Allen, dass er sich frage, \u201ewie eine zivilisierte Demokratie in eine nihilistische Diktatur getrieben werden konnte\u201c (S. 17). Dabei benennt Allen, was die Nazis f\u00fcr die Einwohner:innen der Kleinstadt attraktiv machte: \u201eF\u00fcr die meisten Thalburger war die NSDAP zuerst und vor allem eine antimarxistische Partei (S. 43). Das machte die Nazis auch f\u00fcr das B\u00fcrgertum und gro\u00dfe Teile des Kleinb\u00fcrgertums attraktiv, die schon in der v\u00f6llig angepassten SPD Sozialisten sahen, die sie mit allen Mitteln bek\u00e4mpfen wollten. \u201eIhre F\u00fchrer, die in der Stadtverordnetenversammlung sa\u00dfen, hatten unvorstellbare Berufe: \u00d6ler, Gewerkschaftssekret\u00e4r, Streckengeher. Gesellschaftlich kam man nie zusammen, aber da sa\u00dfen sie im Rathaus \u2013 empfindlich, aggressiv, fordernd. Sich diesen Aposteln der Gleichheit zu widersetzen, war in Krisenzeiten unbedingt notwendig\u201c (S. 43), beschreibt Allen die Einstellung, die gro\u00dfe Teile des B\u00fcrgertums zu Nazis der ersten Stunde machte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Recherchearbeit von Allen hatte noch eine weitere Auswirkung. Sie motivierte seinen Doktoranden David E. Arns, 1972 die Regionalstudien fortzusetzen. Er w\u00e4hlte das s\u00fcdhessische Pfungstadt zum Forschungsobjekt. Ein Grund waren die verwandtschaftlichen Beziehungen. Gudrun Kahl, die Frau von Arns, stammte aus einer bekannten b\u00fcrgerlichen Pfungst\u00e4dter Familie und \u00f6ffnete ihrem Mann manche T\u00fcren zu Menschen in der Stadt, die ihm von der Entwicklung in den sp\u00e4ten 1920er und fr\u00fchen 1930er Jahren berichten konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Arns beschreibt seine Forschungsarbeit so: \u201ePfungstadt ist eine kleine deutsche Stadt, die bisher in den Geschichtsb\u00fcchern weder in der Weimarer Republik noch w\u00e4hrend des Dritten Reiches Erw\u00e4hnung gefunden hat. Basierend auf den Bem\u00fchungen von Menschen in St\u00e4dten wie Pfungstadt [\u2026] errichteten die Mitglieder der NSDAP eine politische Struktur, die bis an die Spitze reichte, an der Adolf Hitler stand\u201c (S. 14ff). Am Beispiel von Pfungstadt arbeitet der Historiker klar heraus, wer den Nazis den Weg an die Macht ebnete: \u201eDie Demokratie starb in Pfungstadt aufgrund der kurzsichtigen Sichtweise der Mittelschicht, einer Kurzsichtigkeit, die durch die scheinbar unl\u00f6sbare Wirtschaftskrise verursacht wurde\u201c (S. 15).<\/p>\n\n\n\n<p>Arns beschreibt, wie die Faschisierung des Mittelstands in Arnstadt schleichend beginnt. Bis zum Ende der 1920er Jahre hatte die Ortsgruppe der NSDAP keinen Einfluss auf die Politik der Stadt. Das sollte sich 1928 \u00e4ndern. \u201eDie NSDAP sah ihr Hauptziel darin, die starke Position der Arbeiterschaft zu brechen. Sie verga\u00df den Mittelstand nicht. Am 25. Januar 1928 erschien im Pfungst\u00e4dter Anzeiger ein kleiner Artikel mit der \u00dcberschrift \u201aMittelstand erhebe Dich\u2018\u201c (S. 51). Arns beschreibt, wie wirtschaftsnahe Organisationen zun\u00e4chst auf ihre parteipolitische Neutralit\u00e4t pochten. Ihr Hauptangriffspunkt war die in SPD und KPD gespaltene Arbeiter:innenbewegung, aber auch die Gewerkschaften. Sie polemisierten gegen zu hohe Ausgaben, beklagten die angeblich untragbaren Belastungen der Wirtschaft. Jeglicher Sozialpolitik sagten sie den Kampf an; besonders die in wachsender Zahl vorhandenen Erwerbslosen sollte zu Zwangsdiensten herangezogen werden. Arns zeigte in dem Buch, wie die nach ihren beiden Hauptprotagonisten Steinmetz-Martin-Liste, die die ortsans\u00e4ssigen Gesch\u00e4ttsleute und Fabrikanten vertrat\u201c (S. 49) genannte W\u00e4hler:innengemeinschaft den Klassenkampf von oben immer mehr versch\u00e4rfte. Dabei gab sie sich immer als Stimme der wirtschaftlichen Vernunft aus, die die sich gegen eine ideologiebetriebene Politik wehrte, die angeblich das Gemeinwohl sch\u00e4digen w\u00fcrde. Das war eine Kampfansage an beide Fl\u00fcgel der Arbeiter:innenbewegung, die Gewerkschaften, aber auch die Organisierungsversuche von Erwerbslosen, deren Zahl nach 1930 im Zuge der Weltwirtschaftskrise sprunghaft wuchs. Erst sehr sp\u00e4t wird klar, dass Steinmetz und Martin, die sich selbst immer als ideologiefrei gerierten, l\u00e4ngst mit der NSDAP kooperierten. Nach 1933 setzen sie mit ihren Freunden aus der Wirtschaft die NS-Herrschaft in Pfungstadt durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das Agieren von SPD und KPD in Pfungstadt findet das Interesse Arns\u2018. Dabei liegt seine Sympathie deutlich bei der SPD. Die KPD wird von Arns \u00f6fter des Dogmatismus und einer illusion\u00e4ren Politik geziehen. Das mag in manchen F\u00e4llen gut begr\u00fcndet sein, in anderen F\u00e4llen allerdings wirft seine Positionierung Fragen auf. So ist unverst\u00e4ndlich, dass Arns Gewerkschaften und Erwerbslosenorganisationen kritisiert, wenn sie nicht auf M\u00e4\u00dfigung setzen, sondern ihre Rechte einfordern. Letzteres war auch vor \u00fcber 90 Jahren eine nachvollziehbare und begr\u00fcndete Position \u2013 und man sollte die KPD nicht daf\u00fcr kritisieren, dass sie damals ihre Reformschl\u00e4ge daran orientierte, statt an dem, was unter kapitalistischen Bedingungen real umsetzbar erscheint. Inhalt ihrer Politik waren Kampfforderungen, von denen sich die KPD erhoffte, damit die Organisierung der Massen voranzutreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufschlussreich ist das Kapitel, in dem Arns beschreibt, dass trotz aller Spaltungen innerhalb der Arbeiter:innenbewegung Mitglieder von SPD und KPD an der Basis spontan zusammenarbeiteten, wenn die Nazis aufmarschieren wollten. Wie in anderen St\u00e4dten funktionierte auch in Pfungstadt eine antifaschistische Einheitsfront von unten. Noch am 5. M\u00e4rz 1933, nachdem die NSDAP mit ihren deutschnationalen B\u00fcndnispartnern bei den von Naziterror bestimmten Wahlen eine Mehrheit im Reichstag gewonnen hatte, waren SPD, KPD und unorganisierte Antifaschist:innen in Pfungstadt zum Kampf gegen die Rechtsregierung entschlossen. Das beabsichtige Hissen der Hakenkreuzfahne am Rathaus von Pfungstadt konnte an diesem Tag verhindert werden. Erst am 7. M\u00e4rz gelang es Nazis mit Hilfe von ausw\u00e4rtigen SA-Kr\u00e4ften, doch noch ihr Banner an der Rathausspitze zu befestigen. Dazwischen liegt die Niederlage der antifaschistischen Kr\u00e4fte in der Stadt. Arns sieht die Verantwortung bei der SPD-F\u00fchrung. Am Abend des 6. M\u00e4rz warteten Mitglieder der SPD und KPD auf die R\u00fcckkehr eines Emiss\u00e4rs, der mit dem hessischen SPD-Politiker Wilhelm Leuschner \u00fcber einen Aufruf zum Widerstand gegen die Nazis an der Macht verhandeln sollte. \u201eUnter Tr\u00e4nen kehrte der Bote mit der traurigen Nachricht zur\u00fcck, dass die obersten Stellen den Nazis keinen Widerstand leisten w\u00fcrden. [\u2026] Der Nazismus w\u00fcrde \u00fcber eine tr\u00e4ge F\u00fchrung, \u00fcber einen ausbleibenden Widerstand triumphieren\u201c (S. 206).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ver\u00f6ffentlichung des Buches ist auch eine sp\u00e4te W\u00fcrdigung des Historikers David E. Arns, der bereits 1994 im Alter von 47 Jahren an einem Herzinfarkt verstorben ist. Sein Bruder Robert Arns schrieb zur deutschen \u00dcbersetzung ein Vorwort.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne das Engagement von Renate Dreesen, die sich in Pfungstadt seit Jahren um die Erforschung der j\u00fcdischen Geschichte verdient gemacht hat, w\u00e4re das Buch nicht m\u00f6glich gewesen. Sie schreibt im Klappentext: \u201eWie unter einem Brennglas zeigt David E. Arns den Weg der s\u00fcdhessischen Kleinstadt Pfungstadt in die Diktatur. Er konnte noch viele Zeitzeugen befragen, auch aus b\u00fcrgerlichen Kreisen, die den Nazis den Weg ebneten.\u201c Renate Dreesen engagiert sich seit Jahren in der Initiative \u201eBunt ohne Braun \u2013 B\u00fcndnis gegen Rechts\u201c in Pfungstadt. Sie schreibt: \u201eF\u00fcr uns ist diese Arbeit, die vor \u00fcber 50 Jahren erstellt wurde, von unsch\u00e4tzbaren Wert und von ersch\u00fctternder Aktualit\u00e4t. Leider wiederholt sich heute vieles, was vor wenigen Jahren noch undenkbar erschien.\u201c (S. 16). So spannt Dreesen einen Bogen zur Jetztzeit. Ohne die historischen Vergleiche \u00fcberstrapazieren zu wollen, wird aus den B\u00fcchern von Arns und Allen deutlich, dass das B\u00fcrgertum ein Motor der Faschisierung der Gesellschaft war. Es ist das gro\u00dfe Verdienst von Arns, diese Entwicklung f\u00fcr Pfungstadt so detailliert beschrieben zu haben. Ebenso deutlich wird in dieser Arbeit, dass die organisierten Arbeiter:innen trotz ihrer parteipolitischen Spaltungen der NS-Bewegung lange ablehnend gegen\u00fcberstanden. \u201eDie Verantwortung f\u00fcr den Triumph der Nazis in Pfungstadt tr\u00e4gt das B\u00fcrgertum, nicht die Arbeiterschaft\u201c, formuliert Arns am Schluss des Buches das Res\u00fcmee seiner Forschungsarbeit (S. 259). Entgegen vieler damaliger und aktueller Debatten \u00fcber die Machtbasis rechter Parteien in der Arbeiterschaft liegt hier eine regionalgeschichtliche und sozialhistorische Studie vor, die dieses Bild konterkariert. Was der Historiker hier f\u00fcr die s\u00fcdhessische Kleinstadt konstatiert, kann verallgemeinert werden. Der Faschismus kann nur mit Unterst\u00fctzung des B\u00fcrgertums an die Macht kommen, wenn die organisierten Arbeiter:innen demobilisiert sind oder zerschlagen wurden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbDemokratie stirbt im Mittelstand\u00ab \u2013 \u00fcber zwei Lokalstudien zur Geschichte des Nationalsozialismus Was der Historiker hier f\u00fcr die s\u00fcdhessische Kleinstadt konstatiert, kann verallgemeinert werden. 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