{"id":747,"date":"2016-01-01T17:59:50","date_gmt":"2016-01-01T16:59:50","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=747"},"modified":"2025-08-28T18:13:47","modified_gmt":"2025-08-28T16:13:47","slug":"arbeit-bewegung-geschichte-i2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2016\/01\/01\/arbeit-bewegung-geschichte-i2016\/","title":{"rendered":"&#8220;Arbeit.Bewegung.Geschichte&#8221; I\/2016"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Bedeutung gewerkschaftlicher Mikropolitik<\/strong><\/p>\n<p>Der von Frank Steger herausgegebene Dokumentenband ruft einen Betriebskampf ins Ged\u00e4chtnis, der sich 1984 bis 1987 im BMW-Motorradwerk Berlin-Spandau abspielte. Zeitgen\u00f6ssische Bro\u00adsch\u00fcren und r\u00fcckblickende Kommentare von Beteiligten rekonstruieren den geschei\u00adterten Versuch der BMW-Konzernleitung, durch Eingriffe in Betriebsratswahlen zwei missliebige Gewerkschafter durch eine wirtschaftsfriedliche Besch\u00e4ftigtenvertre\u00adtung zu ersetzen, f\u00fcr die der Titel \u201eListe der Vernunft\u201c gefunden wurde.<\/p>\n<p>Die dokumentierte Geschichte begann 1981 mit der Wahl eines neuen Betriebsra\u00adtes, bei der mit Rainer Knirsch und Peter Vollmer zwei der drei freigestellten Posten an neue Kandidaten gingen. Knirsch war der Belegschaft bekannt als Leiter des Ver\u00adtrauensk\u00f6rpers der IG Metall, Peter Vollmer kandidierte auf einer unabh\u00e4ngigen Liste mit drei zugewanderten Kollegen. Migranten waren ein wichtiger Teil der Belegschaft, der bisher kaum in gewerk\u00adschaftliche Arbeit integriert war. Vollmer war zeitweise aus der IG Metall ausge\u00adschlossen worden, weil er sich in der Ver\u00adgangenheit als Teil einer Gruppe \u201eRevolu\u00adtion\u00e4re Gewerkschaftsopposition\u201c gegen sozialpartnerschaftliche Gewerkschaftsar\u00adbeit gestellt hatte. Der Ausschluss wurde sp\u00e4ter zur\u00fcckgenommen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Im Betriebsrat arbeiteten er und Knirsch nicht als Ideologen, sondern schaften es durch eine ganze Reihe prag\u00admatischer Ma\u00dfnahmen, den Organisati\u00adonsgrad von 45 auf 65 Prozent zu erh\u00f6hen. Das Betriebsratsb\u00fcro hatte nun st\u00e4ndige \u00d6ffnungszeiten, zustimmungsplichtigen K\u00fcndigungen wurde vom Betriebsrat standardm\u00e4\u00dfig widersprochen, in stritti\u00adgen F\u00e4llen wurde arbeitsrechtliche Unter\u00adst\u00fctzung angeboten.<\/p>\n<p>Abstufungen in nied\u00adrigere Lohngruppen wurden verhindert, h\u00f6here Eingruppierungen f\u00fcr einige Beleg\u00adschaftsteile erreicht \u2013 auch dies war wichtig f\u00fcr die niedrig bezahlten Einwanderer, die damals noch \u201eGastarbeiter\u201c hie\u00dfen. Der neue Betriebsrat hielt sich streng an gelten\u00addes Recht, Behauptungen des Unterneh\u00admens, es k\u00e4me zu \u201ewilden Streiks\u201c, prallten ab, denn der Betriebsrat organisierte bei Beschwerden lediglich Anh\u00f6rungen in der Pausenzeit, die sich zwar ausdehnten und die Produktion st\u00f6rten, aber keinen Streik im juristischen Sinne darstellten.<\/p>\n<p>Doch gerade diese rechtlich nicht angreifbare Ausnutzung der gewerkschaft\u00adlichen Spielr\u00e4ume war der Unternehmens\u00adleitung ein Dorn im Auge, derlei stand der Kostensenkung im Wege. Besonders teuer war Peter Vollmer, der bei einer Berechnung von Urlaubsgeldanspr\u00fcchen feststellte, dass BMW den bundesweiten Tarifvertrag falsch auslegte und jedem seiner 45 000 Besch\u00e4ftigten in der BRD 72 DM zu wenig zahlte \u2013 Mehrkosten von \u00fcber drei Millionen D-Mark ab 1983 waren die Folge.<\/p>\n<p>BMW war das nun endg\u00fcltig zu viel, und f\u00fcr die Betriebsratswahl 1984 wurde in Spandau eine \u201eListe der Vernunft\u201c zusammengestellt, die interessanterweise ebenfalls aus Mitgliedern der IG Metall bestand. Ofen positionierte sich die Firma in Ansprachen gegen Knirsch und Vollmer, der Belegschaft wurde mit Streichung von Lohnzulagen gedroht, da das Werk Ver\u00adluste mache. Gleichzeitig wurde die \u201eListe der Vernunft\u201c durch Finanzierung von Hochglanzflugbl\u00e4ttern unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Die Intervention war zun\u00e4chst erfolg\u00adreich: Die \u201eVernunft\u201c setzte sich durch, Knirsch und Vollmer wurden abgew\u00e4hlt. Wegen der ofensichtlichen Beeinflussung, die nach deutschem Arbeitsrecht mit bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe sanktioniert wer\u00adden kann, wollten beide die Wahl anfech\u00adten, wurden jedoch von der IG Metall zu ihrer gro\u00dfen Entt\u00e4uschung nicht unter\u00adst\u00fctzt. Sie wagten den Schritt dennoch, mit Unterst\u00fctzung von Hans K\u00f6brich, denn ein dritter Antragsteller ist juristisch erforder\u00adlich. BMW reagierte mit einer K\u00fcndigung wegen \u201eSt\u00f6rung des Betriebsfriedens\u201c. Alle drei waren nun f\u00fcr Jahre ausgesperrt, durften den Betrieb nicht betreten, und es begann ein dreij\u00e4hriger Prozessmarathon, bei dem Knirsch, Vollmer und K\u00f6brich insgesamt 21-mal gek\u00fcndigt wurden. Sie erhielten jetzt von der IG Metall gewerk\u00adschaftlichen Rechtsschutz und klagten gegen jede erneute K\u00fcndigung, teilweise durch drei Instanzen. Dann, 1987, gewan\u00adnen die Klagenden auf ganzer Linie und konnten auch eine Neuwahl der Betriebs\u00adratswahlen durchsetzen. Die Liste von Knirsch &amp; Vollmer erreichte sechs von 15 Sitzen.<\/p>\n<p>Die IG Metall tritt seitdem in Spandau mit zwei Gewerkschaftslisten an, ein seltener Vorgang, denn in der Regel wird ein solcher Str\u00f6mungspluralismus in den Einheitsgewerkschaften des DGB nicht zugelassen. BMW versuchte noch in zwei St\u00f6rman\u00f6vern, die unbequeme Besch\u00e4ftigtenvertretung loszuwerden: Als 1987 zur 750-Jahrfeier Berlins eine Aus\u00adstellung des DGB die Verwicklungen der Firma in die NS-R\u00fcstungsindustrie nach\u00adwies und nebenbei die aktuellen Praktiken kritisierte, wurden Vollmer, Knirsch und K\u00f6brich auf einer Betriebsversammlung als vermeintliche Urheber angeprangert. Mit einer Unterschriftenkampagne wurde ihre Entlassung gefordert. Doch auch die\u00adses Man\u00f6ver hielt vor Gericht nicht stand und verlief sich trotz anf\u00e4nglicher Unter\u00adst\u00fctzung im Betrieb.<\/p>\n<p>Im selben Jahr fand BMW dann durch eine Auskunftei her\u00adaus, dass Peter Vollmer aus einer west\u00addeutschen Industriellenfamilie stammte und \u00fcber ein Unternehmensverm\u00f6gen von 1,176 Millionen DM verf\u00fcgte. Vollmer entschied sich jedoch gegen ein Leben als Unternehmer und ging als Sozialist in den Betrieb. Er verwendete \u00fcber Jahre hinweg nichts von seinem Verm\u00f6gen f\u00fcr private Ausgaben, sondern lebte von seinem Lohn als Arbeiter. Als sein Verm\u00f6gen \u00f6ffentlich wurde, war das ein gefundenes Fressen f\u00fcr die Boulevardpresse. Doch eine Kampa\u00adgne gegen den \u201eArbeitermillion\u00e4r\u201c Vollmer vering nicht, und auch eine erneute K\u00fcndigung und eine Klage wegen falscher Angaben im Einstellungsfragebogen schei\u00adterte. Vollmer gr\u00fcndete sp\u00e4ter die \u201eStiftung Menschenw\u00fcrde und Arbeitswelt\u201c, um sein Verm\u00f6gen einem gemeinn\u00fctzigen Zweck zuzuf\u00fchren. Die von ihm und Knirsch gegr\u00fcndete Betriebsratsliste \u201eFairness und Demokratie\u201c erreichte 1990 sechs Sitze im Betriebsrat, vier Jahre sp\u00e4ter die Mehrheit. Von 1994 bis 2002 amtierte daher Rai\u00adner Knirsch als Betriebsratsvorsitzender. Bis heute treten bei BMW in Spandau zwei alternative Listen der IG Metall an, der Band endet mit einigen Dokumenten zur Betriebsratswahl 2014, bei der die heu\u00adtige basisorientierte Liste \u201eKlare Linie\u201c der IG Metall vorwarf, die eher sozialpartner\u00adschaftlich ausgerichtete Gegenliste einsei\u00adtig unterst\u00fctzt zu haben.<\/p>\n<p>Leider sind die Flugbl\u00e4tter aus dem Konflikt von 2014 zun\u00e4chst unkommentiert abgedruckt, gefolgt von einigen Arti\u00adkeln des basisgewerkschaftlichen Por\u00adtals \u201eLabournet\u201c, die aber ebenfalls keine Zusammenfassung bieten. Diese Darstel\u00adlungsform zieht sich durch den gesam\u00adten Band, der im Wesentlichen aus zwei zeitgen\u00f6ssischen Brosch\u00fcren mit dem Titel \u201eGekaufte Vernunft\u201c und \u201eDer Fall BMW\u201c aus den Jahren 1985 und 1986 besteht. Aktualisiert wird das Ganze durch einen vorangestellten Aufsatz von Bodo Zeuner mit dem Titel \u201eVierte Geschichte \u00fcber B\u00fcrgerrechte im Betrieb\u201c aus dem Jahr 1991, der die Ereignisgeschichte des Betriebskonflikts, vor allem aber auch die juristischen Begr\u00fcndungszusammenh\u00e4nge der Klagewelle von BMW darstellt und einordnet. Zeuners Aufsatz stellt die Ereig\u00adnisse trotz langer juristischer Passagen am kompaktesten dar.<\/p>\n<p>An anderen Stellen dagegen ist beim Lesen unklar, wie der jeweilige Text einzuordnen ist, da Auto\u00adrenname und Entstehungsdatum nicht am Textbeginn stehen, sondern am Ende oder nur im Inhaltsverzeichnis, und Quellen\u00adangaben sich nur in der Einleitung inden. Dadurch ist es bisweilen schwierig, sich in den Dokumenten des Bandes zu orien\u00adtieren. Viele Informationen doppeln sich zudem.<\/p>\n<p>Dennoch zeigen die Beitr\u00e4ge des Ban\u00addes, dass der \u201eFall BMW\u201c mehr als eine Personalie oder ein lokaler Betriebskrimi ist. Das eindr\u00fcckliche Beispiel verdeutlicht die Wichtigkeit gewerkschaftlicher Mik\u00adropolitik f\u00fcr die Arbeitsbeziehungen auf \u00fcberregionaler Ebene. Betriebliche Politik ist zentral f\u00fcr die Ausgestaltung und Aus\u00adweitung gewerkschaftlicher Handlungs\u00adspielr\u00e4ume, verk\u00f6rpert etwa durch Mus\u00adterprozesse, vor allem aber auch durch ihre \u00f6ffentliche und mobilisierende Wirkung. In diesem Sinne w\u00e4re es spannend, den \u201eFall BMW\u201c in vergleichender Perspek\u00adtive mit \u00e4hnlichen Konflikten der 1980er-Jahre diskutiert zu sehen. Was der Band nur andeutet, n\u00e4mlich die lokal durchaus einflussreiche Rolle \u00fcberregional eher frag\u00admentierter marxistischer Gruppen oder die Auswirkung von Interventionen aus dem linken Milieu in die Fabriken bei der Ein\u00adbeziehung von Migrantinnen und Migranten in gewerkschaftliche K\u00e4mpfe, w\u00e4re ein eigenes Forschungsthema, \u00fcber das noch viel zu wenig bekannt ist.<\/p>\n<p><em>Ralf Hoffrogge<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bedeutung gewerkschaftlicher Mikropolitik Der von Frank Steger herausgegebene Dokumentenband ruft einen Betriebskampf ins Ged\u00e4chtnis, der sich 1984 bis 1987 im BMW-Motorradwerk Berlin-Spandau abspielte. Zeitgen\u00f6ssische&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-747","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-macht-und-recht-im-betrieb-der-fall-bmw-berlin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/747","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=747"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/747\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8064,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/747\/revisions\/8064"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=747"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=747"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=747"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}