{"id":803,"date":"2015-02-03T08:58:26","date_gmt":"2015-02-03T07:58:26","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=803"},"modified":"2025-08-28T17:49:46","modified_gmt":"2025-08-28T15:49:46","slug":"ne-znam-zeitschrift-fuer-anarchismusfoschung-12015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/ne-znam-zeitschrift-fuer-anarchismusfoschung-12015\/","title":{"rendered":"&#8220;Ne znam&#8221; &#8211; Zeitschrift f\u00fcr Anarchismusfoschung 1\/2015"},"content":{"rendered":"<p><strong>Volins politischer Werdegang nicht gen\u00fcgend ausgeleuchtet<\/strong><\/p>\n<p>Die durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung gef\u00f6rderte Neuausgabe von Volins Unbekannter Revolution, die der vergriffenen, vom Hamburger Verlag Association 1974 besorgten dreib\u00e4ndigen Ausgabe folgt, liegt nun, erweitert um zwei von Roman Danyluk und Philippe Kellermann verfasste Einleitungen (S.11-30), vor. Der Verlag weist darauf hin, dass das \u201eVolinsche Zeitzeugnis einen neuen Blick auf die sozialrevolution\u00e4re Bewegung Russlands und der Ukraine erm\u00f6glicht\u201c. (S.9) Etliche Leser werden sich ob dieser Behauptung verwundert die Augen reiben. In der Kellermanns Einleitung angef\u00fcgten Literaturliste (S.28-30) sucht man vergeblich Belege f\u00fcr die in Russland \u201emittlerweile weiter fortgeschrittene historisch-akademische Forschung\u201c, von der Danyluk spricht (S.13), sie enth\u00e4lt keinen einzigen Hinweis auf die seit den 1990er Jahren im russischen Sprachraum publizierten Memoiren, Dokumenteneditionen und Monographien zu den Themenkreisen Anarchisten, Sozialisten-Revolution\u00e4re oder Kronstadt.<\/p>\n<p><!--more-->Volin beklagte w\u00e4hrend der Niederschrift des Manuskriptes, keinen Zugang zu wichtigen russischsprachigen Quellen zu haben. (Vgl. sein Vorwort zur Ausgabe.) Ein vierter, angek\u00fcndigter Band der Unbekannten Revolution, der Dokumente enthalten sollte, ist nie erschienen. Heute, da viele dieser Texte ver\u00f6ffentlicht sind h\u00e4tte dies nachgeholt werden k\u00f6nnen. So sind in Russland, um nur die vom Rosspen-Verlag heraus-gegebenen Dokumenteneditionen zu nennen, Ausgaben zur Geschichte der Anarchisten (2 B\u00e4nde), der Linken Sozialrevolution\u00e4re (3 B\u00e4nde), der Sozialrevolution\u00e4re (4 B\u00e4nde), der So-zialrevolution\u00e4re-Maximalisten (1 Band) sowie des Kronst\u00e4dter Aufstandes (3 B\u00e4nde) erschienen. Ignoranz gegen\u00fcber dem abrufbaren Wissens-\/Forschungsstand ist kein gutes Markenzeichen. Eigentlich sollte die Sprachbarriere f\u00fcr Editoren, die das Werk eines russischen Anarchisten in den Blick nehmen, kein un\u00fcberwindbares Hindernis sein.<\/p>\n<p>Der Zugang zur Russischen Revolution, der mit dieser Ende 1939, nach den Schauprozessen und den K\u00e4mpfen in Spanien, entstandenen Publikation der antikapitalistischen Linken angeboten wird, so eine weitere These, welche in den Einleitungen Kellermanns und Danyluks vertreten wird, unterscheidet sich von den Vorgaben der Parteiikonen, denen die Linke angeblich bis auf den heutigen Tag folgt. Es ist an der Zeit, mit einer umfassenden \u201ehistorischen Inspektion\u201c des sozialen Experimentes der Revolution zu beginnen. Dies schlie\u00dft eine Abkehr von der parteizentrierten Untersuchung ein. Um im Bild zu bleiben: Trotzki sitzt einem Irrtum auf, wenn er Stalin vor wirft, die Revolution verraten zu haben. (S.359) Denn bereits mit Lenin beschritt die Kommunistische Partei einen falschen Weg. Die Aktualit\u00e4t des Buches, so wird hervorgehoben, ergil)1 sich aus dem von Volin vorausgesagten Zusammenbruch des Sowjetsystems.<\/p>\n<p>Die Fragen, um deren Beantwortung der Emigrant Wsewo-lod Michailowitsch Eichenbaum (1882-1945) in den ersten zwei Teilen des Buches ringt, sind seither von Linken \u201elager\u00fcbergreifend\u201c diskutiert worden. Zu den ersten geh\u00f6rte Victor Serge, der sie in seinen 1942\/43 geschriebenen Erinnerungen aufgriff. Ihre vorl\u00e4ufigen Antworten geh\u00f6ren heute zum Allgemeinwissen jener Generation, der die Standardlekt\u00fcre des \u201eKurzen Lehrgangs\u201c (S.9) erspart geblieben ist.<\/p>\n<p>Vier der wichtigsten von Volin diskutierten Themen seien hier genannt: (1.) Nicht die Exzesse der Stalinschtschina sondern der Bolschewismus (und insbesondere die Partei neuen Typs) wurden zum Problem f\u00fcr die Emanzipationsbewegung in Russland. (2.) Der Oktoberumsturz im Jahre 1917 m\u00fcndete nicht in ein sozialistisches sondern in ein staatskapitalistisches System. (S.306) (3.) Die Zerschlagung revolution\u00e4rer, nichtbolschewistischer Parteien und Organisationen geh\u00f6rt zu den schwerwiegendsten Verbrechen der Bolschewiki. (S.181) (4.) Die Sowjetunion stellt als totalit\u00e4rer Staat (S.341) eine Variante des faschistischen Systems (\u201eroter Faschismus\u201c) dar. (S.326)<\/p>\n<p>Dass die Unbekannte Revolution weder \u201ePatentrezepte\u201c noch einen \u201eGeneralschl\u00fcssel\u201c enth\u00e4lt, ist &#8211; eine Binsenweisheit. Im Vorwort zur deutschsprachigen Erstausgabe ist davon die Rede: \u201eDie erste These, die wir in diesem Zusammenhang aufstellen w\u00fcrden\u201c, merkten die Herausgeber 1974 an, \u201ew\u00e4re die, dass er [Volin] gar keine [Alternative anzubieten] hat.\u201c (S.39) An diese, im Abschnitt \u201eKritik an Volin\u201c enthaltene Polemik kn\u00fcpfen Danyluk und Kellermann jedoch nicht an &#8211; Kellermann bel\u00e4sst es beim Hinweis auf eine anarchistische Kritik, die sich durch eine \u201eFokussierung des Politischen\u201c auszeichne (S.24).<br \/>\nAnkn\u00fcpfend an Victor Serges vorz\u00fcgliche Darstellung der Situation und Befindlichkeit der russischen Anarchisten zwischen Oktoberumsturz und Kronstadt &#8211; \u201edem beklagenswerten Chaos von sektiererischem guten Willen\u201c &#8211; h\u00e4tte ich mir eine biographische Skizze gew\u00fcnscht, in der Volins politischer Werdegang sowie sein Wirken im franz\u00f6sischen und amerikanischen Exil analysiert werden. Das w\u00e4re mehr als hilfreich gewesen, denn der von Volins Freunden verfasste Text (S.44-47) gen\u00fcgt heute nicht mehr. Als Sozialist-Revolution\u00e4r geh\u00f6rte Wsewolod Eichenbaum 1905 zu den Mitbegr\u00fcndern des Pe-tersburger Sowjets. Er wurde verfolgt und verurteilt. Aus der Verbannung floh er nach Paris. Hier verlie\u00df er 1911, nach der Entlarvung von Asef, die Partei der Sozialisten-Revolution\u00e4re und schloss sich bis 1914 den Anarcho-Kommunisten um Apollon Karelin an.<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg hatte \u201edie Pariser Entlarvung\u201c kommentiert und mit einer Kritik anarchistischer Stimmungen in der sozialistischen Bewegung verbunden. Russland, die Geburtsst\u00e4tte des Anarchismus sollte auch zur Grabesst\u00e4tte f\u00fcr Bakunins Lehre werden, sagte sie in Auswertung der 1905er Revolution in Russland voraus. Georgi Plechanow ver\u00f6ffentlichte 1911 im Berliner Singerverlag eine Streitschrift Anarchismus und Sozialismus. Volin schlug einen anderen Weg ein. Als er im Juli 1917 aus Amerika nach Russland zur\u00fcckkehrte, geh\u00f6rte er zu den Wortf\u00fchrern der Anarcho-Syndikalisten und entwickelte ein originelles Programm der wirtschaftlichen Umgestaltung des Agrarlandes. (Davon handelt der 2. Teil des vorliegenden Buches.)<br \/>\nLeider werden sowohl die oben angedeutete Debatte als auch die Diskussion unter den russischen Emigranten in den Vereinigten Staaten v\u00f6llig ausgeblendet. Trotzki und Bucha-rin, Nowomirski und Tschudnowski geh\u00f6rten zur Redaktion der von Ingerman in New York herausgegebenen Zeitung Nowy mir. In diesem Blatt publizierte u. a. Bucharin (auf ihn geht Volin &#8211; S.212 &#8211; ein) seine von Lenin als \u201ehalbanarchistisch\u201c kritisierten Artikel.<\/p>\n<p>Es ist symptomatisch, dass Volin als Anh\u00e4nger Kropotkins keine Sympathien f\u00fcr die in der Tradition von Proudhon und Stirner stehenden Anarcho-Individualisten hatte. Ob sich diese Haltung \u00e4nderte, als Volin in Anbetracht der Krise des Anarchismus in Russland eine Sammlungsbewegung ins Leben rief, bleibt unbeantwortet. Volin zitiert im Buch ausgiebig aus der von ihm 1917\/1918 herausgegebenen Zeitung Golos 7\u2018ru-da. Was die Besonderheit dieses Blattes gegen\u00fcber den anderen, von Anarchisten herausgegebenen Zeitungen ausmacht, erf\u00e4hrt der Leser nicht. Bis zur Aufl\u00f6sung der Konstituierenden Versammlung \u00fcberwogen die Gemeinsamkeiten in den Auffassungen russischer Revolution\u00e4re. Volin konstatiert d ii\u2022 \u201evollkommene Parallelit\u00e4t\u201c seiner und Lenins Ideen, \u201eausge nommen dessen Vorstellungen \u00fcber den Staat und die Macht\u201c. (S.187) Ihn als \u201eLenin der russischen, anarchistischen Bewegung\u201c zu bezeichnen, wie es Franvois Lourbet im Vorwort zur franz\u00f6sischen Neuauflage 1969 tut, ist jedenfalls v\u00f6llig haltlos. Und nach dem Oktober traten die Differenzen deutlich hervor. Von 1918 bis 1920 k\u00e4mpfte Volin an der Seite Machnos in der Ukraine. (Das ist der Gegenstand des 3. Teils des vorliegenden Buches.) In Sowjetrussland war er der Verfolgung durch die Bolschewiki ausgesetzt. F\u00fcr M\u00e4rz 1922 war ein Prozess gegen die Menschewiki geplant, im Juni\/August 1922 fand ein Prozess gegen Sozialisten-Revolution\u00e4re statt, im Volkskommissariat f\u00fcr Innere Angelegenheiten wurde eine \u201eSonderberatung\u201c genannte Institution ins Leben gerufen, die das Recht hatte, Todesurteile in Verbannung oder Ausweisung abzu\u00e4ndern. Dies war eine Reaktion auf die nicht nur im Ausland zunehmenden Proteste gegen Verurteilungen zur H\u00f6chststrafe.<\/p>\n<p>Bis in die Kominternf\u00fchrung hinein regte sich Widerspruch. Im Politb\u00fcro der Kommunistischen Partei Russlands standen sich Bef\u00fcrworter und Kritiker des Roten Terrors gegen\u00fcber. W\u00e4hrend die einen den Terror w\u00f6rtlich nahmen, pl\u00e4dierten andere, es war die Minderheit in der F\u00fchrung, f\u00fcr eine \u201epolitische L\u00f6sung\u201c. Dritte wiederum traten als B\u00fcrgen f\u00fcr Verhaftete hervor, baten um die Entlassung ihrer Freunde aus vorrevolution\u00e4rer Zeit oder um die Umwandlung von Verbannung in Ausweisung.<\/p>\n<p>Dutzende Eingaben, darunter von den Direktoren bzw. Arbeitskollektiven oder Angeh\u00f6rigen der Verhafteten, sind dokumentiert. Im Januar 1921, Eichenbaum sa\u00df im Butyrka-Gef\u00e4ngnis, leitete der Volkskommissar f\u00fcr Gesundheitswesen ein ihm zugegangenes Schreiben an den Volkskommissar f\u00fcr Innere Angelegenheiten weiter. Es enthielt, unter Hinweis auf den schlechten Gesundheitszustand des Gefangenen die Bitte um Hafterleichterung. Die Trauerfeiern f\u00fcr den im Februar 1921 verstorbenen Kropotkin nutzten die Anarchisten um ihrem Protest gegen die Bolschewiki Ausdruck zu verleihen. Sie folgten dem Beispiel der Menschewiki, die Plechanows Beisetzung in Petrograd auf vergleichbare Weise genutzt hatten. Am 5. Januar 1922 erfolgte Eichenbaums Ausweisung.<\/p>\n<p>In Berlin angekommen, f\u00fchrte er seine Arbeit, unterst\u00fctzt von der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter Union, weiter. Er \u00fcbersetzte u. a. Arschinows Studie \u00fcber die Mach-no-Bewegung, die dem 3. Teil des zu rezensierenden Buches zugrunde liegt. F\u00fcr eine Bibliographie seiner im Exil (19221945) publizierten Artikel w\u00e4re im Band gewiss noch Platz gewesen. Im Unterschied zu seinem Freund und Kampfgef\u00e4hrten Pjotr Andrejewitsch Arschinow (1887-1938), der 1931 mit dem Anarchismus brach und Ende 1934 in die UdSSR zur\u00fcckging, blieb Volin seinen Prinzipien treu.<\/p>\n<p>Bleibt nur festzustellen, dass die vorliegende Nachauflage die von Volin angesto\u00dfene Debatte nicht auf neuer Stufenleiter weiterf\u00fchrt, sondern lediglich den Stand von 1975 dokumentiert. Herausgeber und Verlag h\u00e4tten sich die Zeit nehmen sollen, eine am Forschungsstand orientierte und sachkundig kommentierte Ausgabe vorzulegen. Auch der Rosa-Luxemburg-Stiftung h\u00e4tte es gut zu Gesicht gestanden, im Vorfeld des 100. Jahrestages der Russischen Revolution ein solches Zeichen zu setzen. Doch diese Chance ist &#8211; warum auch immer &#8211; mit der vorliegenden Publikation nicht genutzt worden.<\/p>\n<p><em>Wladislaw Hedeler (Berlin)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Volins politischer Werdegang nicht gen\u00fcgend ausgeleuchtet Die durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung gef\u00f6rderte Neuausgabe von Volins Unbekannter Revolution, die der vergriffenen, vom Hamburger Verlag Association 1974 besorgten&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[17],"tags":[],"class_list":["post-803","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-unbekannte-revolution"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/803","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=803"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/803\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8075,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/803\/revisions\/8075"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=803"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=803"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=803"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}