{"id":838,"date":"2016-09-04T15:20:27","date_gmt":"2016-09-04T13:20:27","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=838"},"modified":"2025-08-28T21:24:07","modified_gmt":"2025-08-28T19:24:07","slug":"wildcat-nr-100-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wildcat-nr-100-2016\/","title":{"rendered":"&#8220;Wildcat Nr. 100 \/ 2016&#8221;"},"content":{"rendered":"<h3>Kollektive Emanzipation in der Fabrikarbeit<\/h3>\n<p>Die Buchmacherei hat Ingrid Bauers 1988 erschienene Dissertation neu rausgebracht und um historische Bilder, ein aktuelles Vorwort und eine DVD-Beilage erweitert. Was sich anfangs etwas langatmig liest, wird zunehmend eine anregende Untersuchung mit analytischem Tiefgang und viel Empathie f\u00fcr Fabrikarbeiterinnen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.<br \/>\nAm besten sind die Stellen, die mit Interviewausz\u00fcgen (die im Originaldialekt transkribiert sind, die Frauen waren allesamt in ihren 80ern) und deren Interpretation herausarbeiten, wie sich die Arbeiterinnen unter den damaligen Bedingungen organisierten. Hallein in Salzburg, wo das \u00f6sterreichische Tabakmonopol eine dieser Tabakwaren-Fabriken hingestellt hat und wo die Geschichte spielt, ist bekannt f\u00fcr den Abbau von Salz und die heute noch existierende Zellstoffindustrie. Bauer zeigt, dass diese Kleinstadt mit damals knapp 10 000 und heute 21 000 Einwohnern eher prominent sein m\u00fcsste wegen der renitenten Geschichte dieser proletarischen Frauen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Zigarrenproduktion<\/strong><\/p>\n<p>Der Besch\u00e4ftigtenh\u00f6chststand war 1922 mit 605 Arbeitern erreicht (davon 554 Frauen). Die produzierten St\u00fcckzahlen an Zigarren in diesem Jahr wurden nicht ver\u00f6ffentlicht, aber es gibt Zahlen f\u00fcr andere Jahre. Z. B. produzierten 1912 537 Arbeiter (493 Frauen) insgesamt 27 577 000 Zigarren. Im Streikjahr 1934 und nach zwei K\u00fcndigungswellen produzierten 306 Arbeiter (276 Frauen) 10 693 000 Zigarren (S. 180f.). Im Krisenjahr 1923 wurde in allen 10 \u00f6sterreichischen Tabakfabriken radikal saniert, an manchen Standorten wurde \u00fcber die H\u00e4lfte der Besch\u00e4ftigten gek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>In der Halleiner Fabrik gab es grob vier Abteilungen, in denen die Frauen arbeiteten: Vorrichterei, Puppenmacherei, Spinnerei und Verpackung. Zu mehr als 90 Prozent wurde im Akkord gearbeitet. Aufstiegschancen gab es wenige, \u00bbzeitentlohnte \u203aTabakw\u00e4gerin\u2039 zu werden oder als \u203a\u00dcbernehmerin\u2039 die Arbeiten an einem Produktionstisch anzuleiten, waren die h\u00f6chsten Positionen, die langj\u00e4hrige und \u203avertrauensw\u00fcrdige\u2039 Arbeiterinnen erreichen konnten\u00ab (S. 186).<\/p>\n<p><strong>Emanzipation<\/strong><\/p>\n<p>Der Produktionstisch war neben den hohen L\u00f6hnen, der medizinischen Versorgung und anderen sozialen Vorteilen die materielle Voraussetzung, dass die Arbeiterinnen gern in die Fabrik gingen. In der von der seinerzeitigen Rationalisierungs- und Automatisierungswelle noch nicht ber\u00fchrten Zigarrenproduktion konnten die Arbeiterinnen in Zw\u00f6lfergruppen an einem Tisch sitzen und w\u00e4hrend der ganzen Arbeitszeit miteinander reden. In den Interviews betonen sie den Spa\u00df, ihren Zusammenhalt, die politische Emanzipation und wie sie sich untereinander neue F\u00e4higkeiten beigebracht haben; welche Gefahren es bei einer Abtreibung zu beachten gilt; manche lernten sogar kochen; wiederum andere erz\u00e4hlten, welche B\u00fccher sie gelesen haben, z. B. Bebels \u00bbDer Sozialismus und die Frau\u00ab, w\u00e4hrend die anderen ihr Tagessoll mitproduzierten, damit die Referentin sich ganz aufs Erz\u00e4hlen konzentrieren konnte (S. 188-227).<\/p>\n<p><strong>Proteste und Streiks<\/strong><\/p>\n<p>Wenn sich ArbeiterInnen im Betrieb verstehen und Freundschaft schlie\u00dfen, entsteht ein autonomes Kommunikationsnetz \u2013 das ist eine der gr\u00f6\u00dften Gefahren f\u00fcr Antreiber, Chefs und damit f\u00fcrs Kapital. So kam es mehrmals zu spontanen Tumulten gegen die Willk\u00fcr der m\u00e4nnlichen Beamten und Aufseher. Die Frauen konnten erfolgreich Zeitraub und andere Ungerechtigkeiten abwehren.<\/p>\n<p>Zu gr\u00f6\u00dferen Bewegungen kam es im November 1915, 1916 und im Juli 1917. W\u00e4hrend des Kriegs wurden Lebensmittel knapp und aufgrund der langen Arbeitszeit konnte frau die L\u00e4den zu deren \u00d6ffnungszeiten gar nicht besuchen. Die Arbeiterinnen organisierten eine Demonstration zur Bezirkshauptmannschaft, in deren Verlauf sich auch Kinder einreihten \u2013 eine Arbeiterin, damals eines dieser Kinder, erz\u00e4hlt in einem l\u00e4ngeren Auszug, dass es sie sehr beeindruckt hat, als 300 Arbeiterinnen \u00bbmia woin an Zucker! Mia woin unser Brot haum!\u00ab skandierten (S. 149). In allen drei Jahren konnten die Arbeiterinnen ihre Forderungen durchsetzen und sogar erreichen, dass sie als \u00bbSchwerarbeiterinnen\u00ab eingestuft wurden und damit h\u00f6here Brot- und Mehlrationen bekamen.<\/p>\n<p>1918, im Jahr des gro\u00dfen J\u00e4nnerstreiks auf dem gesamten \u00f6sterreichisch-ungarischen Territorium, streikten die Halleiner Arbeiterinnen mehrmals. Die Fabrikdirektion hielt Mehlreserven zur\u00fcck, nur mit M\u00fche konnten 50 bis 60 Frauen daran gehindert werden, dem \u00bbErn\u00e4hrungsreferenten\u00ab was anzutun \u2013 nat\u00fcrlich holten sie sich die Mehlreserven. In diesem und im folgenden Jahr kam es immer wieder zu Arbeiterinnen-Demos in Hallein, im September 1918 fanden Riots und Pl\u00fcnderungen statt, im Dezember 1919 \u00bbschwere Unruhen\u00ab (S. 150-154).<\/p>\n<p>Dem Personalabbau 1923 standen die Arbeiterinnen eher hilflos gegen\u00fcber, erst gegen die Zerschlagung der Arbeiterbewegung im Februar 1934 organisierten die Frauen wieder einen gro\u00dfen Kampf. Die Zigarren-Arbeiterinnen waren in Hallein die einzigen, die beim Generalstreik nahezu geschlossen mitgemacht haben, in Salzburg als eine \u00bbder ganz wenigen \u00fcberhaupt\u00ab (S. 236). Im Interview kommt der Vorwurf an die M\u00e4nner wieder hoch: \u00bbAusgezeichnet hobt\u00b4s eich domois net\u00ab. \u00bbMia san au\u00dfi und haumd gsogt, sie soin si sch\u00e4men.\u00ab (S. 237)<\/p>\n<p>Die Betriebsr\u00e4tin Agnes Primocic, \u00fcber die die DVD spielt und die damals in einer kommunistischen Widerstandsgruppe aktiv war, wurde in diesem Jahr entlassen und in den folgenden vier Jahren viermal eingesperrt.<\/p>\n<p><strong>Au\u00dferhalb der Fabrik<\/strong><\/p>\n<p>Ein anderer gro\u00dfer Teil des Buchs macht Beschreibungen, Erinnerungen und Reflexionen \u00fcber die Kindheit, Schulzeit, die erste Zeit danach (z. B. \u00fcberausgebeutet als Dienstm\u00e4dchen in M\u00fcnchen, S. 146) und \u00fcber das Leben in der Arbeiterfamilie aus. Im Gegensatz zur Hausarbeit hatte die Fabrikarbeit ein fixes Ende \u2013 zu Hause schien die Arbeit endlos: Waschen, Putzen, N\u00e4hen, Kochen, die Kinder \u2013 alles ohne die Hilfe der M\u00e4nner. W\u00e4hrend der jungen Jahre der interviewten Arbeiterinnen, die gepr\u00e4gt waren vom Mangel und von Unsicherheit, schildert Bauer die oft \u00bbumsichtige, ausdauernde und schlaue \u00dcberlebens-Arbeit\u00ab, etwa \u00bbgemeinsame Hamsterfahrten\u00ab (S. 144).<\/p>\n<p><strong>Heute<\/strong><\/p>\n<p>Die Fabrik wurde von den Nazis 1940 geschlossen, damit die deutsche Tabakindustrie weniger Konkurrenz hatte.<br \/>\nDieses St\u00fcck Arbeiterinnengeschichte ist sehr ermutigend und hilft dabei, ein Gesp\u00fcr zu entwickeln, worauf es in einer Fabrik unter ArbeiterInnen ankommt. Das Buch ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr, wie (linke) WissenschaftlerInnen und ArbeiterInnen gemeinsam eine richtig erfrischende Lekt\u00fcre hinbekommen k\u00f6nnen, wenn sie sich aufeinander einlassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kollektive Emanzipation in der Fabrikarbeit Die Buchmacherei hat Ingrid Bauers 1988 erschienene Dissertation neu rausgebracht und um historische Bilder, ein aktuelles Vorwort und eine DVD-Beilage&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[33],"tags":[],"class_list":["post-838","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tschikweiber-haums-uns-gnennt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/838","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=838"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/838\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8202,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/838\/revisions\/8202"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=838"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=838"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=838"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}