{"id":867,"date":"2016-09-15T17:41:32","date_gmt":"2016-09-15T15:41:32","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=867"},"modified":"2025-08-28T09:26:26","modified_gmt":"2025-08-28T07:26:26","slug":"soz-09-2016-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/soz-09-2016-2\/","title":{"rendered":"&#8220;SoZ 09-2016&#8221;"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Erstausgabe eines Klassikers<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<p><em>von Rolf Euler<\/em><\/p>\n<p>\u00abWenn man aber die politischen und sozialen Verh\u00e4ltnisse analysiert \u2026 kommt man zu dem Schluss, dass der Oktoberaufstand eine radikalisierte Fraktion der Intelligenz an die Macht bringt, die sich auf einen Teil der Arbeiterklasse st\u00fctzt und behauptet, im Namen des Proletariats zu sprechen; und dass das, was unter dem Banner einer sozialistischen Revolution in die Geschichte eingegangen ist, wesentlich eine \u2039kapitalistische Revolution\u203a ist, die letztlich zu einer radikalen Enteignung der direkten Produzenten f\u00fchrt.\u00bb<!--more--><\/p>\n<p>Mit dieser radikalen These stimmt Charles Bettelheim, der bekannte franz\u00f6sische marxistische Intellektuelle, die Leser seiner Analyse der Klassenk\u00e4mpfe in der Sowjetunion aus den Jahren 1928\u20131940 ein. Auf gut 600 Seiten seiner jetzt erst \u00fcbersetzten und von der Buchmacherei herausgebrachten Untersuchung begr\u00fcndet er mit einer Unzahl von wirtschaftlichen und politischen Fakten seine These.<\/p>\n<p>Bettelheim (1913\u20132006) war als kommunistischer junger Mann Mitte der 30er Jahre in der Sowjetunion zu Besuch und lernte dort die Verh\u00e4ltnisse unter Stalin kennen. \u00c4hnlich wie Andr\u00e9 Gide kritisiert er die dortigen Zust\u00e4nde, tritt in die R\u00e9sistance ein und bleibt Zeit seines Lebens ein revolution\u00e4r denkender Mann. Seine Sympathien wenden sich der chinesischen oder kubanischen Revolution zu, seine Ideen werden w\u00e4hrend der 1968er Bewegung aufgegriffen und verst\u00e4rkt. Sp\u00e4ter bricht er mit diesen Anschauungen und versucht, die Zusammenh\u00e4nge zwischen Entartung und den theoretischen, ideologischen und politischen Grundlagen dieser Revolutionen zu analysieren.<\/p>\n<p>Das Vorwort der Herausgeber erl\u00e4utert \u2013 f\u00fcr Zeitgenossen dieser Entwicklung sehr erhellend \u2013 die Entwicklung der Ideen Bettelheims und stellt sie in den gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang der Versuche, Emanzipation vom Kapitalismus anders zu denken als durch \u00dcbernahme der Staatsmacht und Aus\u00fcbung zentralistischer Wirtschaftsleitung.<\/p>\n<p>Bettelheim erl\u00e4utert die innere Entwicklung in der damaligen UdSSR von Politik, Wirtschaft und Partei in den zwei B\u00e4nden sowohl vom Standpunkt der \u00abBeherrschten\u00bb als auch der \u00abHerrschenden\u00bb. Er untersucht die Enteignung der Bauern und die dadurch verursachten Krisen, die massenhafte chaotische Einwanderung in die St\u00e4dte und die \u00abSalarisierung\u00bb, also die Umwandlung der Bauern in Lohnarbeiter unter der despotischen Leitung der Partei und der Betriebsleiter. Er stellt einen Zusammenhang her zwischen den schweren \u00f6konomischen Krisen und dem Terror bis zum Mord gegen abweichende Parteimitglieder, protestierende Arbeiter, Bauern und die ehemalig f\u00fchrenden Revolution\u00e4re der KPdSU. Seine Untersuchungen zum Kolchos-System, zum Fabriksystem und zur inneren Entwicklung der Partei st\u00fctzen sich auf viel Material, das zum gro\u00dfen Teil erst nach dem Ende der Stalin-Zeit zur Verf\u00fcgung stand, aber auch auf Protokolle, Berichte und Zeitungsartikel aus den 30er Jahren.<\/p>\n<p>Bettelheim untersucht vor allem die terroristischen Ma\u00dfnahmen, die im Namen der \u00abDiktatur des Proletariats\u00bb stattfanden, die Angst, Denunziation, Willk\u00fcr. Er erl\u00e4utert, dass die \u00dcbernahme der \u00abStaatsmacht\u00bb durch die Revolution keineswegs zu einer sozialistischen Demokratie, Beteiligung der Volksmassen an der gesellschaftlichen Planung und Leitung f\u00fchrte, sondern zu einer anderen Art der Ausbeutung der Arbeit. Dazu kritisiert er die Begrifflichkeit der Stalinschen B\u00fcrokratie und ihre ideologischen Verdrehungen des marxistischen Erbes.<\/p>\n<p>Wer nun meint, das w\u00e4ren alles \u00abalte Kamellen\u00bb, mit denen sich nur noch Historiker besch\u00e4ftigen m\u00fcssten, der w\u00e4re gut beraten, in dem Buch zu st\u00f6bern. Man bekommt einen guten Einblick in die Entwicklung, die letztlich nach dem Ende der Sowjetunion die kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse nur um so deutlicher gezeigt hat, als immer mehr \u00abPrivatleute\u00bb sich des staatlich organisierten Verm\u00f6gens bem\u00e4chtigten und die Bev\u00f6lkerung Russland \u00aberneut beraubten\u00bb. Die ausf\u00fchrlichen Untersuchungen Bettelheims sollten als ebenso aktuell betrachtet werden, wie etwa Erfahrungen aus der gro\u00dfen Wirtschaftskrise 1929 oder des New Deal. Das hat auch den Grund, dass er faktenreich die Au\u00dfenpolitik der UdSSR aus jenen Jahren erl\u00e4utert, vor allem gegen\u00fcber Deutschland und dem Faschismus, bis hin zum Nichtangriffspakt, und damit ein Bild dieses Landes zeichnet, wie es in dieser Art nicht zu lesen war. Bettelheims Untersuchungen erscheinen mir wie ein Vorl\u00e4ufer und Erg\u00e4nzungsbuch zu Pikettys <em>Das Kapital im 21.Jahrhundert<\/em> \u2013 aus der \u00abanderen Welt\u00bb, als es noch den Bruch zwischen West und Ost gab.<\/p>\n<p>Dem Verlag \u00abDie Buchmacherei\u00bb ist es gelungen, mithilfe von Spendern und Stiftungen die \u00dcbersetzung und Herausgabe der beiden B\u00e4nde in einem Buch zu erm\u00f6glichen. Eine dankenswerte Leistung, da sich immer weniger Menschen, vor allem aber auch Wissenschaftler mit Fragen der gesellschaftlichen Transformation befassen. Die Herausgeber hoffen, \u00abeinen Beitrag leisten zu k\u00f6nnen, den politischen Lernprozess der damaligen kritischen Marxistinnen und Marxisten bekannt und weiter verf\u00fcgbar zu machen\u00bb. Sicher auch, w\u00e4re zu erg\u00e4nzen, im Sinne einer Aufkl\u00e4rung und, wenn m\u00f6glich, heutigen politischen Bewegung zur \u00dcberwindung kapitalistischer Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erstausgabe eines Klassikers von Rolf Euler \u00abWenn man aber die politischen und sozialen Verh\u00e4ltnisse analysiert \u2026 kommt man zu dem Schluss, dass der Oktoberaufstand eine&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[37],"tags":[],"class_list":["post-867","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-klassenkaempfe-in-der-udssr"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/867","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=867"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/867\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8022,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/867\/revisions\/8022"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=867"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=867"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=867"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}