{"id":913,"date":"2016-10-30T16:50:21","date_gmt":"2016-10-30T15:50:21","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=913"},"modified":"2025-08-28T21:24:07","modified_gmt":"2025-08-28T19:24:07","slug":"sozialismus-52016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/sozialismus-52016\/","title":{"rendered":"&#8220;Sozialismus 5\/2016"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Frauen gemeinsam sind stark!<\/strong><\/h3>\n<p>Der \u201eTschik\u201c ist in der \u00f6sterreichischen Mundart ein Zigarren- oder Zigarettenstummel. Und in Hallein, der Stadt, die nahe Salzburg liegt, da gab es Arbeit nicht nur f\u00fcr Menschen im Salzbergwerk, sondern von 1871 bis 1939 auch in der Zigarrenfabrik.<\/p>\n<p>Im Jahre 1816 wird das F\u00fcrstbistum Salzburg Teil der Habsburger Monarchie und Hallein war pl\u00f6tzlich nur einer von vielen Orten, in denen Salz gef\u00f6rdert wurde. Um 1850 lebten in Hallein etwa 4.000 Einwohner, und die Arbeitslosigkeit samt Verelendung war gro\u00df. Wenn \u00fcberhaupt, gab es Arbeit im staatlichen Salinenwesen oder im damit eng verbundenen Handwerk, etwa als K\u00fcfer, Holzknecht, Salzachschiffer.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr Frauen gab es Arbeit: Im Bergbau als Essenstr\u00e4gerin. Im Sudhaus arbeiteten pro Schicht immer sechs bis acht Frauen an der Sudpfanne als Holzzieherinnen. Au\u00dferdem setzten sie als Radgeherinnen mit ihrer K\u00f6rperkraft das Sch\u00f6pfrad in Bewegung, mit dem die Sole aus dem Untergeschoss des Pfannhauses in die Sudpfannen gesch\u00f6pft wurde. Als Salzhackerinnen zerkleinerten sie gro\u00dfe Bl\u00f6cke zu faustgro\u00dfen Brocken. Je drei Kufenheberinnen hoben den Tr\u00e4gern die Salzf\u00e4sser auf die Schulter. Die Raiffantreiberinnen schlie\u00dflich machten die Salzkufen versandfertig. Schon damals schlug der technische Fortschritt zu und die meisten Frauen verloren ihre Arbeitspl\u00e4tze; als dann der Transport nicht mehr auf der Salzach, sondern ab 1871 per Eisenbahn erfolgte, wurde Hallein zur Bettelstadt.<\/p>\n<p>Der Halleiner Gemeindevorstand schafft mit einer Petition (\u201eAn Arbeitskr\u00e4ften d\u00fcrfte es also nicht fehlen, zumal die hiesigen Arbeiter durchgehend keinen Grundbesitz haben, daher dieselben resp. ihre Familienmitglieder ihre Zeit und Kr\u00e4fte ungest\u00f6rt diesem Industriezweige zuwenden k\u00f6nnen.\u201c) die Betriebsansiedlung, die 1871 mit 215 Arbeiterinnen bezogen wird. Bis 1912 erh\u00f6ht sich der Personalstand auf 510 Besch\u00e4ftigte &#8211; zu 90 Prozent Frauen. Die allj\u00e4hrliche Produktion erreicht 27 Millionen Zigarren. Haupts\u00e4chlich werden die Marken Britannica, Trabucco, Kuba und Portorico gerollt. Pfeifentabak und \u201eNordtiroler Kautabak\u201c geh\u00f6ren ebenso zum Repertoire.<\/p>\n<p>In den 1980er-Jahren hat die Historikerin Ingrid Bauer, erstmals unter gleichem Titel, ihre Dissertation ver\u00f6ffentlicht. Das Buch ist die wohl wichtigste Studie, ja eine Pionierleistung der Oral History in \u00d6sterreich, und Leserinnen und Leser lernen im Dialog mit einer heute historischen, noch vor dem Ersten Weltkrieg geborenen Arbeiterinnen-Generation ein &#8211; allein wegen dieser Arbeit der Autorin &#8211; heute kaum noch rekonstruierbares eindr\u00fcckliches St\u00fcck Frauengeschichte, Sozial- und Alltags\u00adgeschichte, Gewerkschafts- und Industriegeschichte kennen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>W\u00e4re hier Platz, den man als Rezensent nie bekommt, w\u00e4re langes und gro\u00dfes Lob angesagt. Hier einige \u201eFrauenstimmen\u201c aus dem Buch:<\/p>\n<p>\u201eJa, die Zigarrenfabriklerinnen, die sind aber so gewesen. Damals war ja schon die gro\u00dfe Arbeitslosenzeit (pfeift anerkennend). Durch dick und d\u00fcnn sind die gegangen. Die haben ganz sch\u00f6n zusammengehalten.<\/p>\n<p>Am 1. Mai (klopft anerkennend auf den Tisch) haben die alles organisiert: Die Aufm\u00e4rsche und diese Sachen halt.<br \/>\nUnd wenn irgendeine Teuerung eingetreten ist, dann hat &#8216;s schon Alarm gegeben. Da ist schon aufmarschiert worden mit Kind und Kegel.\u201c (Chemiefabriksarbeiter, Jahrgang 1910)<\/p>\n<p>\u201eAuch das Brot ist alle Augenblicke teurer geworden: Einmal \u00fcber Nacht und Nebel gleich um ein paar Gro\u00adschen. Und dann ist abends um f\u00fcnf &#8211; nach Arbeits\u00adschluss &#8211; demonstriert worden; ja, Kind und Kegel sind marschiert durch die Stadt und haben demonstriert gegen die Teuerung. Das war ein sch\u00f6ner Haufen Leute!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDamals (d. i. in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts) sind \u2019s um uns recht froh gewesen, was die Gesch\u00e4ftsleute anbetrifft, weil wir ja noch etwas verdient haben. Damals war ja schon die gro\u00dfe Arbeitslosenzeit. Da sind wir begehrt gewesen, weil wir noch etwas kaufen haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Begehrt sind wir gewesen &#8211; bei der M\u00e4nnerwelt \u00fcber\u00adhaupt. Alles waren \u00b4s froh, wenn \u00b4s eine erwischt haben, die noch ein paar Groschen heimgebracht hat. Weil \u00b4s alle arbeitslos waren und weil die M\u00e4nner &#8211; in der Zellulosefabrik und als Maurer &#8211; oft nur einen Schmarrn verdient haben. Die Zellulosler (Arbeiter in der Papierfabrik) waren ja damals ganz schundig (schlecht) bezahlt.<\/p>\n<p>Ich bin froh, dass ich in die Fabrik gangen bin. Ich m\u00f6cht heute nicht abh\u00e4ngig sein. Wenn man halt selber &#8211; auch wenn \u00b4s wenig ist &#8211; ein paar Schilling hat, ist man unab\u00adh\u00e4ngiger. Man tut sich halt doch leichter. Man kann sich besser r\u00fchren, wenn man selbst einen Verdienst hat. Man steht ganz anders auf den F\u00fc\u00dfen, wenn man nicht immer auf das Geld vom Mann angewiesen ist &#8230;\u201c<br \/>\n(Zigarrenfabriksarbeiterin, Jahrgang 1902)<\/p>\n<p>\u201eJa, alle w\u00e4ren gerne in die Zigarren\u00adfabrik gegangen. Dort hat man wenigstens gut verdient f\u00fcr seine Arbeit. Und die Zigarrenfabriklerinnen haben etwas gegolten. \u00b4Ja, die geht in die Zigarrenfabrik, das ist was anderes &#8230;\u00b4, hat es gehei\u00dfen, wenn jemand vielleicht nicht so viel eingekauft hat. Ja, die Zigarrenfabriklerinnen haben sich \u00b4s leisten k\u00f6nnen. Wir &#8211; bei uns hat \u00b4s das nicht gegeben.\u201c<br \/>\n(Zellulosefabriksarbeitersfrau, Jahrgang 1898)<\/p>\n<p>Noch heute, fast achtzig Jahren nach Schlie\u00dfung der Fabrik, redet man \u00fcber sie. \u201eDie Zigarrenfabrik\u00adlerinnen sind ber\u00fchmt gewesen \u2026\u201c, hei\u00dft es immer noch. Die Bezeichnung \u201eTschikweiber\u201c hat ihnen der intensive Tabakgeruch eingetragen, der sich in ihrer Arbeitskleidung festsetzte und schon von weitem wahrzunehmen war, wenn sie zu Hunderten die Fabrik verlie\u00dfen.<\/p>\n<p>In diesem Buch, neu aufgelegt von dem Berliner Verlag Die Buchmacherei, lernt man die selbstbewussten, gewerkschaftlich gut organisierten, protestbereiten und solidarisch agierenden Zigarren\u00adarbeiterinnen kennen. Wer heute den Mund aufmacht und die Parole \u201eGleiche Arbeit &#8211; Gleicher Lohn!\u201c verk\u00fcndet, gleichzeitig den Erfolg bejubelt, dass es nun \u201eQuotenfrauen\u201c in Vorst\u00e4nden gro\u00dfer Firmen geben muss, der sollte dieses Buch lesen und sich sch\u00e4men, dass wir noch immer in dieser Gesellschaft die Frauen &#8211; egal bei welcher Arbeit &#8211; schlechter bezahlen.<\/p>\n<p>\u201eTschikweiber haums uns g\u2019nennt \u2026\u201c ist ein Buch \u00fcber Frauen f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner. \u00dcber Erfahrungen in der Kindheit, die allt\u00e4gliche Routine der Kargheit und wie Arbeiten von klein auf gelernt wurde. \u00dcber ihre Recht\u00adlosigkeit \u201eim Dienst\u201c, Leben und \u00dcberleben in der Provinz und erste Ausbruchsversuche. \u00dcber die begehrten, weil gut bezahlten Frauen-Arbeitspl\u00e4tze in der staatlichen Zigarrenfabrik und die damit verbundene Hoffnung, endlich einmal zu jenen zu geh\u00f6ren, denen es besser geht. \u00dcber Arbeitsstolz, Solidarit\u00e4t und andere subversive Versuche, die Belastungen des Akkords zu unterlaufen.<\/p>\n<p>Dies ist nicht nur ein regionales Fallbeispiel. Hier wird Grunds\u00e4tzliches zu Frauenleben und Frauenarbeit dokumentiert: Zu Festlegungen und Spielr\u00e4umen, Zw\u00e4ngen und Hoffnungen, Anpassung und Widerstand von Frauen\/Arbeiterinnen, deren Lebensgeschichten verwoben sind mit den beiden Weltkriegen und der Zeit \u2013 des Hungers und der Tr\u00fcmmer \u2013 danach, mit Inflation, Weltwirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit der Zwischenkriegszeit, mit der Herrschaft der Austro-Faschisten und Nationalsozialisten.<\/p>\n<p>Ein notwendiges Buch in diesen Zeiten, da Solidarit\u00e4t zum Fremdwort wurde und der Kampf, ein gutes Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen, be- und verhindert wird. Die Gegenwart braucht dieses Buch!<\/p>\n<p><em>Claus Armann<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frauen gemeinsam sind stark! Der \u201eTschik\u201c ist in der \u00f6sterreichischen Mundart ein Zigarren- oder Zigarettenstummel. 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