{"id":947,"date":"2016-12-07T17:01:35","date_gmt":"2016-12-07T16:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=947"},"modified":"2016-12-07T17:02:37","modified_gmt":"2016-12-07T16:02:37","slug":"graswurzelrevolution-nr-414-dezember-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/graswurzelrevolution-nr-414-dezember-2016\/","title":{"rendered":"&#8220;Graswurzelrevolution&#8221; Nr. 414, Dezember 2016"},"content":{"rendered":"<p><strong>Noch eine Begegnung der \u201efeindlichen Br\u00fcder\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Ein so sch\u00f6n gestaltetes Buchcover l\u00e4sst das anarchosyndikalistische Herz h\u00f6her schlagen: Auf schwarz-rotem Hintergrund prangt komplement\u00e4r ein ebensolcher Stern, geflankt von schwarzen und roten Sternen. Das so gestaltete B\u00fcchlein im praktischen Hosentaschenformat soll zur Solidarit\u00e4t zwischen Anarchist*innen und Marxist*innen aufrufen. Geschrieben haben es 2014 Olivier Besancenot und Michael L\u00f6wy.<br \/>\nW\u00e4hrend mir ersterer bislang nichts sagte, hat Michael L\u00f6wy 1997 ein gro\u00dfartiges Buch \u00fcber die j\u00fcdisch-anarchistische \u201eWahlverwandtschaft\u201c vorgelegt, \u201eErl\u00f6sung und Utopie\u201c im Karin-Kramer-Verlag.<\/p>\n<p>Um eine vermeintliche Wahlverwandtschaft geht es auch in vorliegendem Buch. Gemeinsamkeiten zwischen Anarchismus und Marxismus machen die beiden an historischen Ereignissen fest, wie der Ersten Internationalen und Commune de Paris, dem Haymarket Riot 1886, der syndikalistischen Charta von Amiens, der Spanischen Revolution, dem franz\u00f6sischen Mai 1968, dem Aufstand der WEZLN seit 1994 und der Antiglobalisierungsbewegung.<br \/>\nAuch an entscheidenden Pers\u00f6nlichkeiten wie Louise Michel, Pierre Monatte, Rosa Luxemburg, Emma Goldman, Buenaventura Durutti, Benjamin Peret und Subcomandante Marcos, in \u2013 auch konflikthaften \u2013 Begegnungen, vor allem an Kronstadt und der daran anschlie\u00dfenden R\u00e4tediskussion sowie der Machnovsina. Vor allem an Theoretiker*innen, die aktiv versucht haben, die beiden wichtigsten Denkschulen der Arbeiter*innenbewegung zusammenzuf\u00fchren: Walter Benjamin, Andr\u00e9 Breton und Daniel Gu\u00e9rin.<\/p>\n<p>In einem letzten Teil benennen die beiden Autoren Konflikte: Individuum und Kollektiv, \u201eDie Revolution machen, ohne die Macht zu \u00fcbernehmen\u201c (eine Kritik an John Holloway), Autonomie und F\u00f6deralismus, direkte und repr\u00e4sentative Demokratie, Gewerkschaft und Partei, \u00d6kosozialismus und libert\u00e4re \u00d6kologie (im Anschluss an Murray Bookchin, der offenbar gerade posthum einen zweiten Fr\u00fchling erlebt).<br \/>\nSo anregend und spannend einige der Beitr\u00e4ge sind \u2013 herausheben m\u00f6chte ich vor allem die W\u00fcrdigung der Charta von Amiens und die wagemutige libert\u00e4re Aneignung Rosa Luxemburgs. Auch die Autoren betonen, dass man Rosa Luxemburg nicht zur Anarchistin uminterpretieren kann, dass ihr Denken aber f\u00fcr den Anarchismus mehr als nur anregend ist \u2013 d\u2018accord, so hat man Gemeinsamkeiten zwischen Anarchist*innen und Marxist*innen schon mal plausibler geh\u00f6rt. H\u00e4ufig merkt man den Autoren ihren trotzkistischen Background an \u2013 was eigentlich kein Nachteil sein m\u00fcsste, denn erstens hat die Solidarit\u00e4t und Kooperation zwischen Trotzkismus und Anarchismus seit Spanien 1936 tats\u00e4chlich eine gewisse Tradition und zweitens entstammen dem Trotzkismus spannende Weiterentwicklungen des Marxismus, die durchaus libert\u00e4r anmuten \u2013 vor allem und in erster Linie die franz\u00f6sische Schule um die \u201eSocialisme ou Barbarie\u201c.<\/p>\n<p>Hin und wieder ist dieser Trotzkismus jedoch sehr altbacken und f\u00fchrt zu Schlussfolgerungen, die Anarchist*innen seltsam vorkommen m\u00fcssen. Das gilt vor allem f\u00fcr die Schilderung der Ereignisse von Kronstadt \u2013 auch wenn die Autoren die dortige Niederschlagung des Arbeiter- und Soldatenrats, verantwortet eben von Trotzki, moralisch verurteilen, mehr noch: die historische Schuld auf sich nehmen, so sehen sie in der bolschewistischen Konterrevolution doch einen Sachzwang und diese letztlich im Recht. Und anhand der Kritik an John Holloway exerzieren die Autoren einen orthodoxen Marxismus, der auf einer Macht\u00fcbernahme beharrt (hier verwechseln sie m\u00f6glicherweise, da sie die EZLN als Beispiel heranziehen, Machtumverteilung mit Macht\u00fcbernahme); im Widerspruch zu Anton Pannekoek (der f\u00fcr viele Anarchist*innen inspirierend ist, sich aber auch nicht ideologisch eingemeinden l\u00e4sst) beharren sie auf einer wichtigen Rolle von Partei und Gewerkschaft (die sie kaum voneinander differenzieren) und schreiben entsprechend von \u201eSektierertum\u201c.<br \/>\nZusammenfassend l\u00e4sst sich das Problem der Besancenotschen\/L\u00f6wyschen Position darauf reduzieren, dass sie als Trotzkisten die Leninsche Basis nicht verlassen. Ohne eine Distanzierung von und radikale Kritik am Leninschen Politikstil ist aber eine anarchistisch-marxistische Kollaboration nicht zu haben. Oder anders gesagt: Solche Kollaborationen lassen sich nur dann verwirklichen, wenn die B\u00fcndnisse und die Solidarit\u00e4t an und auf der Basis eines Arbeiterradikalismus entstehen ohne R\u00fccksicht auf den einen oder anderen -ismus.<\/p>\n<p>So wie Besancenot und L\u00f6wy \u2013 obwohl sie im Fazit deutlich von einer Vielzahl libert\u00e4rer Marxismen schreiben \u2013 letztlich doch aus einer sehr spezifischen Warte von \u201eihrem\u201c Marxismus ausgehen, so best\u00e4tigen sich folgerichtig hier und da auch klassische marxistische Vorurteile gegen den Anarchismus, die zwar f\u00fcr einige Varianten zutreffen k\u00f6nnen und, das sei zugestanden, in Frankreich vielleicht eine andere Rolle spielen als hierzulande. Besonders deutlich wird das in ihrer Schilderung der Demokratie-Auseinandersetzung: Die Autoren beschreiben einen pragmatischen Umgang mit dem Parlamentarismus als f\u00fcr Anarchist*innen inakzeptabel und behaupten eine Ablehnung von Delegiertensystemen \u2013 dabei ist es eindeutig, dass Anarchist*innen durchaus immer wieder versuchten und versuchen, parlamentarische Politik zu beeinflussen (meist von der Stra\u00dfe und den Betrieben aus), und dass keine gr\u00f6\u00dfere anarchistische Organisation ohne Delegierung funktioniert. Es lie\u00dfe sich sagen, dass Anarchist*innen damit grunds\u00e4tzlich vorsichtiger und skeptischer umgehen. Implizit werfen die Autoren dem Anarchismus auch eine Ablehnung von Planung vor \u2013 dabei sind die meisten anarchistischen Utopien letztlich und sinnvollerweise demokratische Planwirtschaften.<\/p>\n<p>Trotz all dieser Einw\u00e4nde ist die Absicht Besancenots und L\u00f6wys lobenswert und in aktueller Zeit notwendig. Aber andere Autoren \u2013 allen voran Daniel Gu\u00e9rin \u2013 haben diesen Br\u00fcckenschlag schon wesentlich besser hinbekommen. Den Austausch und die Solidarit\u00e4t herzustellen bleibt eine Aufgabe.<\/p>\n<p><em>Gaspar Bartholic<\/em><\/p>\n<p>Rezension aus: Graswurzelrevolution Nr. 414, Dezember 2016, www.graswurzel.net<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch eine Begegnung der \u201efeindlichen Br\u00fcder\u201c Ein so sch\u00f6n gestaltetes Buchcover l\u00e4sst das anarchosyndikalistische Herz h\u00f6her schlagen: Auf schwarz-rotem Hintergrund prangt komplement\u00e4r ein ebensolcher Stern,&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[39],"tags":[],"class_list":["post-947","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-revolutionaere-annaeherung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/947","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=947"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/947\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=947"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=947"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=947"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}